Die Offiziere Friedrichs des Großen trugen den blauen Rock des Königs ohne Dienstgradabzeichen, die wurden erst 1808 eingeführt. Da hatten die Preußen schon hundert Jahre eine einheitliche Uniform. Man wusste, wer wer war. Wenn jemand einen höheren Rang hatte, dann hatte er einen besseren Schneider. Und mehr Orden. Irgendwann füllte die Vielzahl der deutschen Uniformen ganze Bildbände. Zur Freude von Militaria Sammlern und Uniformfetischsten. Es ist vielleicht bezeichnend, dass der Herzog von Windsor eine komplette Knopfsammlung aller englischen Regimenter besaß. Zu dem schönen Bild von Thomas Lawrence können Sie übrigens ➱hier mehr lesen.

Und es ist ja nicht nur die Armee, die Uniformen trägt, es scheint so, als ob ein ganzes Volk die Uniform anbetet. Was ein Schuster, der nicht bei seinen Leisten bleiben will, ausnutzt. Er wird als Hauptmann von Köpenick berühmt werden (er ist übrigens nicht ohne Nachahmer, lesen Sie doch einmal den Post ➱Bunga Bunga). Aber die deutsche Uniform ist durch diese spektakuläre Aktion nicht diskreditiert worden. Nicht im Reiche von ➱Wilhelm II. Der sammelt ➱Uniformen aller Regimenter und Nationen und lässt sich noch im Alter darin photographieren.

Obgleich er in viele gar nicht mehr hineinpasste. Ich war mal in einer Ausstellung, wo hunderte solcher Photos gezeigt wurden. Und auch eine Handvoll der ➱Uniformen des kaiserlichen Uniformfetischisten, von Berliner Schneidern genäht. Man durfte die nicht anfassen, habe ich aber natürlich doch getan. Reine Handarbeit. Auf diesem Photo trägt er im Alter eine türkische Uniform, die er zum ersten Mal 1917 getragen hatte. Mit Wilhelm kommt der Krieg, da braucht man wieder neue Uniformen. Dann kommen die Nazis, und da gibt es wieder neue Uniformen. Und der Berliner Modepapst, der Hauptmann im Ruhestand von Eelking, schreibt die ➱Modefibel der Braunhemden.

Dann gab es erst einmal keine Uniformen mehr. Als die Bundeswehr kam, waren ihre Uniformen so abschreckend hässlich, dass die allein wohl keine Freiwilligen zum Dienst lockten. Den ersten Jackentyp, der sich an einem Jackett von General Eisenhower orientierte, gab man schnell wieder auf. In der Truppe hießen die Jacken Affenjacken (bei Militaria Sammlern sind sie heute heiß begehrt). Mein Kompaniechef trug so etwas noch, obgleich ihm der Kommandeur ständig nahelegte, die kurze Jacke doch endlich einzumotten. Denn die Dienstvorschrift 37/10 kannte diese Uniform schon gar nicht mehr. Aber er hatte sie sich nun mal schneidern lassen, aus ganz hellgrauem Stoff. Und er trug dazu seine Beretta in einem braunen Halfter. Das war gegen jede Vorschrift. Doch der Kommandeur ließ ihn gewähren, mein Chef war der beste Pistolenschütze der Division.

Seine elegante Affenjacke hatte die ganz hellgrünen Kragenspiegel, die die gepanzerte Infanterie früher mal im Unterschied zu den dunkelgrünen der Stoppelhopser trug. Diese feinen Distinktionen sind auch verloren gegangen. Wie die Stulpen an den Ärmeln der Uniformjacke, die ungeheuer praktisch waren. Und die Biesen an den Hosen in der Waffenfarbe, die auch sehr kleidsam sein konnten. Es herrschte in den ersten Jahren der Bundeswehr offensichtlich noch ein gewisser ➱Wirrwarr, denn diese Uniform des ersten Generalinspekteurs Adolf Heusinger ist wohl kaum uniform. Man würde sie wohl eher als sandfarben denn als grau bezeichnen.

Welche Uniform hätte die junge Bundeswehr bekommen sollen? Preußischblau wie hier Dieter Borsche in Königin Luise? Übrigens ein Film, der mit der Gründung der Bundeswehr zusammenfällt. Die ja in ihrem Geiste durchaus an den Freiheitswillen der preußischen Reformer im Kampf gegen Napoleon anknüpfen wollte. Der geistige Reformer der jungen Armee hieß Wolf Graf von Baudissin, sein philosophisches Konzept hieß Innere Führung. Um das Tuch des Waffenrocks hatte man sich damals keine großen Gedanken gemacht. Vielleicht hätte man sich Heinz Oestergaard (der ➱hier einen Post hat) als Berater nehmen sollen. Der deutsche Couturier wird eines Tages verantwortlich für die Uniformen der gelben Engel des ADAC, die gelb-grüne deutsche Polizeiuniform und die Dienstbekleidung der Beamtinnen der Bundeszollverwaltung sein.

Gegen die Leitgedanken von Baudissin wird es später einen konservativen backlash geben. Aber damals hätte es niemand für möglich gehalten, dass eines Tages ein ➱Verteidigungsminister erklären würde: Unsere Spur wird die Transformation der Truppe sein. Dafür stehen zwei Sätze. Erstens: Deutschland wird auch am Hindukusch verteidigt. Er ist akzeptiert, auch wenn mir zu wenig darüber diskutiert wird. Der zweite Satz lautet: Einsatzgebiet der Bundeswehr ist die ganze Welt. … Grundsätzlich müssen deutsche Soldaten bereit sein, an Orten Verantwortung zu übernehmen, an die wir heute noch nicht denken. Das ist jetzt nicht von der ➱Uschi, die von Tabubrüchen redet, das war ein anderer. Zu der Uniform der Freiheitskriege – wie hier der schwarz gekleideten Lützower Jäger (die Napoleon verächtlich brigands noirs nannte) auf dem Bild von Georg Kersting – konnte man kaum zurückkehren. Zu der Uniform der Wehrmacht auch nicht, es musste etwas anderes sein. Und Grau ist eine Farbe, die man in Deutschland kennt.

Während sich die DDR Uniformen (Bild) an den Uniformen der Nazis orientierten, orientierte sich die Bundeswehr an der westdeutschen Spießigkeit. An der Bundeswehruniform, die ja die Bekleidung eines Bürgers in Uniform sein sollte, ist nicht viel zu retten. Es sei denn, sie hätte einen besseren Schnitt und eine bessere Qualität. Das wurde schon an den ersten Uniformen bemängelt, sie seien aus mäßigem Tuch – schmucklos und vom schlichten Schnitt – beinah armselig. Seit den Tagen von ➱Helmut Schmidt hat jeder Verteidigungsminister Besserung gelobt. Geändert hat sich nicht viel, die schlechte Qualität und der schlechte Schnitt sind geblieben. Es wurde nur alles etwas bunter. Mit Lametta.

Nur die Offiziere hatten bei uns bessere Uniformen, hellere Jacken und dunklere Hosen aus besserem Stoff. Allerdings nicht in den Anfangstagen, wie dieses Bild von Wolf Graf von Baudissin zeigt. Seine zweireihige Uniform, die noch keine farbigen Kragenspiegel besaß, sieht aus, als wäre sie aus einer grauen Wolldecke geschneidert. Dieser Uniformtyp war wenige Jahre später schon genauso out wie die Affenjacke. Dafür gab es das schwarze Koppel für den Dienstanzug wieder, das man bei den ersten Uniformen unbedingt hatte vermeiden wollte.

Klagen über die potthässliche Uniform gab es seit 1956. Soldaten fühlten sich wegen ihrer Uniform als Liftboys verspottet. Sätze wie Wir sehen aus wie Briefträger…damit kann man sich kaum auf die Straße wagen oder die Hosenböden hängen runter, als ob wir reingemacht hätten, waren noch das Netteste, was man in Briefen an das Verteidigungsminsterium las. Das passt zu der Aussage von Carlo Schmid, der 1954 im Verteidigungsausschuss bei der Vorführung der ersten Uniformentwürfe sagte: Das ist mir alles zu triste. Die Mädchen wollen doch auch was davon haben. Wenn man die Generalleutnants Heusinger und Speidel in ihren schiefergrauen Anzügen neben dem ersten Verteidigungsminister Theodor Blanck betrachtet, dann kann man das verstehen. Die Mannequins für die ersten Uniformentwürfe kamen übrigens alle – wie hinterher auch viele Soldaten der ersten Stunde – vom Bundesgrenzschutz.

Dass die Offiziere die schöneren Uniformen hatten, das war schon bei Friedrich II so. Dass sie Orden hatten auch. Dieser Herr ist der höchstdekorierte deutsche Soldat seit dem Zweiten Weltkrieg. ➱Audie Murphy, der höchstdekorierte amerikanische Soldat des Zweiten Weltkriegs, musste für seine Orden kämpfen. Klaus Naumann, der wie Harald Kujat im Schweinsgalopp durch die Generalsränge befördert wurde, eroberte sie am Schreibtisch. Wolf Graf Baudissin hat übrigens niemals so viele Sterne auf der Schulter gehabt wie Klaus Neumann. Und er hatte auch nicht so viele Orden.

Am Anfang war die Einfachheit. Die amerikanischen Diplomaten der jungen Republik trugen bis ins frühe 19. Jahrhundert keine Orden zu ihren dunkelblauen Fräcken. Später wollte man auch ein wenig Pomp haben und bekam eine Diplomatenuniform, die wie eine Marineuniform aussah. Bei der Bundeswehr wollte man auch etwas mehr Pomp. Und erfand den Abendanzug (zweiter von links in der Ausführung für Generäle) mit steigendem Revers und schrägen, pattenlosen Taschen. Und natürlich Fangschnur, worin sich die Tanzpartnerin verhedderte. Wahrscheinlich heißt die Fangschnur deshalb Fangschnur. Im Bundeswehrjargon hieß sie despektierlich Affenschaukel. Diese gewollt elegante Uniform war als Äquivalent für ➱Frack und ➱Smoking gedacht. Nicht zum Einsatz kamen damals allerdings diese ➱Modelle.

Was dies für eine Uniform ist, das weiß ich wirklich nich, ich habe sie nie gesehen. In den ➱Photoalben meiner Familie gibt es ähnliche Photos, aber die zeigen Luftwaffenoffiziere in Sommeruniform im Zweiten Weltkrieg. Dies ist auch eine Sommeruniform, aber als die eingeführt wurde, war ich nicht mehr bei der Bundeswehr. Den Herr hier kenne ich aber, der General Cord von Hobe war einmal mein Divisionskommandeur, ein hervorragender Mann. Er war der erste Bundeswehroffizier, der ein Nato Kommando bekam. Er hatte ein Ritterkreuz, aber er trägt keine Orden. Da unterscheidet er sich von Herrn Naumann.

Die Welt der Uniformen ist eine Welt der Eitelkeiten. Doch der Abendanzug der Bundeswehr kann nicht gegen den englischen Armee konkurrieren, wo man schon seit dem 19. Jahrhundert zu schwarzen Hosen mit roten Galons dieses kurze rote Jackett mit schwarzem Seidenrevers trug. Die amerikanischen Uniformen, die einmal wie die Kleidung der Diplomaten sehr schlicht waren, haben inzwischen eine beinahe unüberschaubare Vielfalt angenommen. Wobei die meisten neuen amerikanischen Uniformen ein wenig nach einer ➱Operettenarmee aussehen.

Uniformen können ein politisches Zeichen sein. Als ➱George Washington Präsident der Vereinigten Staaten wurde, hat er keine Uniform mehr getragen. Christian X soll während der deutschen Besatzung zu seinem morgendlichen Ausritt einen Judenstern an seiner Uniform getragen haben. Die Sache mit dem Ritt durch Kopenhagen stimmt, die Geschichte mit dem Judenstern ist aber wohl eine Legende. Aber es ist eine schöne Geschichte. Die Deutschen haben den symbolträchtigen Ausritt durch Kopenhagen durchaus verstanden und haben den König 1943 unter Hausarrest gestellt.

Neuerdings scheint es keine richtigen Uniformen mehr zu geben, ein braun-grünes Camouflage ist angesagt (die Bundeswehr Bezeichnung ist übrigens Flecktarn). Neuerdings heißen Soldaten in den Nachrichten immer Kämpfer, sie sind keine Soldaten einer Armee, die man benennen kann. Oder wenn doch, dann sind sie gerade auf Urlaub zufällig in der Ukraine. Früher gehörte zu einer Armee die Uniform, heute tragen alle diesen undefinierbaren Kampfanzug.

Zu dem die Bundeswehr jetzt, wie beinahe zu allen Uniformen, ein Barett trägt. Gab es zu meiner Zeit nicht, da gab es nur Helm, Schirmmütze und dieses schöne hellgraue Schiffchen mit den silbernen Litzen. Das ersetzte ab 1962 die sogenannte Gebirgsjägermütze, weil die jungen Soldaten das Schiffchen kleidsamer finden, wie das Verteidigungsministerium sagte. 1956 hatte man das nicht haben wollen, weil die Wehrmacht es auch getragen hatte. Mit dem neuen, von Lübke unterschriebenen Gesetz kommt ab 1962 viel zurück. Diese Herren im Flecktarn oben sind übrigens Engländer. Sie könnten auch von der Bundeswehr sein, die sehen jetzt alle gleich aus. Auch die numinosen Kämpfer. Die Idee vom universal soldier hat sich durchgesetzt.

Am wenigsten verändert hat sich die Uniform der englischen Generäle, was ➱Adrian Carton de Wiart hier trägt, könnte ein englischer General noch heute tragen. Allerdings sieht ➱David Julian Richards, der im letzten Jahr pensioniert wurde, eher wie ein Intellektueller aus und weniger wie der Haudegen Carton de Wiart. Richards ähnelt da eher dem ehemaligen Generalinspekteur der Bundeswehr Ulrich de Maizière, der nach dem Krieg Buchhändler war (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Aber keine so schöne Uniform hatte wie die englischen Generäle. Schöne Uniformen haben die Engländer immer noch, da zeigt uns das Königshaus bei jeder Parade, wie man in einer Uniform eine bella figura macht.

Dieser Herr trägt eine Uniform, die er sich selbst entworfen hat. Und die ihm die Firma Turnbull & Asser geschneidert hat. Er war einmal zu Anfang des Jahrhunderts in der Armee und hatte eine richtige Uniform (sein höchster Dienstgrad war der eines Lieutenant Colonel), jetzt ist er Englands Premierminster. Und da hat er sich dies hier ausgedacht. Der berühmte boiler suit von Winston Churchill kommt auch in einer Episode von ➱Douglas Sutherlands Sutherland’s War vor.

Winston Churchill ist in diesem Blog schon zweimal erwähnt worden. Einmal in dem Post, der ➱White Christmas heißt und zum zweiten Mal in dem Post ➱Winston Churchill. Wo ich die Totenfeier für ihn beschreibe, die ich im Januar 1964 als Gast der 11. Husaren (Prince Albert’s Own) miterlebte. Mit all den bunten Uniformen. Vielleicht war damals unter den Offizieren auch dieser Mann, der als Leutnant bei den 11. Husaren seine militärische Karriere begann. Sie haben ihn natürlich (selbst mit den weinroten Hosen der cherry pickers) erkannt, es ist niemand anderer als ➱Prince Michael of Kent.

Bevor Douglas Sutherland die vielen wunderbaren Bücher geschrieben hat, die The English Gentleman im Titel haben, ist er im Zweiten Weltkrieg Soldat gewesen. Sogar ein hoch dekorierter Offizier. Sein Bericht über den Krieg liest sich aber ein wenig anders als die offizielle Geschichtsschreibung. Obwohl wahrscheinlich alles wahr ist, was er erzählt. Im Klappentext zu seinem Buch The English Gentleman’s Wife findet sich folgende schöne Beschreibung des Autors: Douglas Sutherland not only lives in the coldest mini-castle in Scotland, but is a well known shot, salmon fisherman, and bon vivant. He has been a writer for the past twenty years, „Burgess and Maclean“, and „The Yellow Earl“, whom Edward the Seventh described as „almost an Emperor and not quite a gentleman“. Debrett chose Douglas Sutherland to write „The English Gentleman“ because he is the personification of all that phrase means. No gentleman is as well equipped to write „The English Gentleman’s Wife“, since women in general, and wives in particular have been an obsession with him since adolescence.

Als Sutherland die Uniform auszog, konnte er sartorial gesehen, auf eine neue Uniform zurückgreifen, die des englischen Gentlemans. Er hatte nämlich von seinem Freund Oscar Hammerstein zwei Anzüge aus der Savile Row geschenkt bekommen. Die er von seinem Schneider in Mayfair ändern ließ. Das war gegen den demob Anzügen, die die Armee ihren Soldaten spendierten – und die so kurz geschnitten waren, dass man sie bumfreezer taufte – ein großer Vorzug. Denn Sutherland wollte als Reporter für den Evening Standard (für den er das Londoner’s Diary schrieb). Für diese Kolumne hatte vor dem Krieg schon Berühmtheiten wie Harold Nicolson, ➱John Betjeman, Randolph Churchill, Malcolm Muggeridge und Peter Fleming (der Bruder von ➱Ian Fleming) geschrieben. Und wenn man im zerbombten London die Welt des Café de Paris wiederauferstehen lassen will, dann muss man natürlich Savile Row Anzüge tragen. Auch wenn sie Second Hand sind. Sutherlands Beiträge zu der Gesellschaftskolumne sind in Portrait of a Decade: London Life, 1945-55 gesammelt, eine wundervolle Lektüre.

Ebenso wundervoll wie das Buch Sutherland’s War, das ich gerade gelesen habe. Was mich dazu bringt, eine kleine Geschichte zu erzählen, die ebenso komisch ist, wie die Geschichten von Sutherland. Uniformen kommen auch drin vor. Am Ende dieser Straße war früher das normale Leben zu Ende, das da hinten war meine Kaserne. In einer Gegend, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen.

Hier verändert sich nicht viel, mein Panzergrenadierbataillon gibt es allerdings nicht mehr. Aber das Gebäude der Wache rechts sah vor einem halben Jahrhundert genau so aus. In dem Haus links war früher ein Friseur, der stilistisch nur einen Schnitt beherrschte. Das, was die englische Armee short back and sides nennt. Auf der Suche nach diesem Bild habe ich Bilder gefunden, auf denen mein alter Pastor Klaus Nebelung (den ich letztens in dem Post ➱Gräber erwähnte) bei einem ➱Gedenkgottesdienst für die Gefallenen des Infanterieregiments 65 zu sehen ist. Wie klein doch die Welt ist. Also meine Geschichte, die so komisch sie ist, leider doch in allen Teilen wahr ist, spielt genau hier. Ein halbes Jahrhundert zurück, als wir noch immer einen mehr oder weniger Kalten Krieg haben. Die Wachsoldaten haben scharfe Munition, und einen Kilometer von diesem Wachgebäude entfernt stehen Nike Hercules Raketen in ihrer ➱Abschussbasis. Die Atomsprengköpfe für die Honest John, die wir routinemäßig zusammen mit den Amerikanern in ➱Dünsen bewachen, will ich gar nicht erwähnen. Und natürlich tragen wir noch richtige Uniformen. Und haben kein Barett auf dem Kopf.

Ich bekomme eines Nachts, als es mich wieder einmal mit dem Wochenenddienst als Offizier vom Dienst erwischt hat, einen verschlüsselten Befehl der höchsten Dringlichkeits- und Geheimhaltungsstufe. Vom Korps, nicht von der Brigade oder der Division. Den darf nur der Kommandeur lesen, nachdem er vorher in der Maschine entschlüsselt wurde. Für die Maschine hat nur der Oberleutnant Frank S. einen Schlüssel, der ist aber mit seiner Hockeymannschaft an diesem Wochenende irgendwo bei Verden unterwegs. In den nächsten fünf Minuten rufen alle Offiziere vom Dienst aus allen Standorten der Brigade im Oldenburger Land an, die jetzt alle das gleiche Problem haben. Ob ich mal ihren Kommandeur ans Telephon holen könne.

Die Kommandeure feiern heute mit den Unteroffizieren der Brigade, das tun sie einmal im Jahr. Es ist viertel vor zwölf, da ist keiner mehr nüchtern. Ich setze meinen Helm auf und marschiere zur Unteroffiziersmesse. Nein, hier ist keiner mehr nüchtern, hier ist auch keiner mehr nach der zentralen Dienstvorschrift 37/10 gekleidet. Offensichtlich sind das Panzerlied Ob’s stürmt oder schneit und das Lied vom allerschönsten Kind, das man in Polen find (also diese ganzen Wehrmachtsklassiker, die eines Tages das Albino mit der Sonnenbrille singen wird) schon gesungen worden. Der Stabsunteroffizier M. von der dritten Kompanie hat gerade seinen Starauftritt mit Kameraden, wir haben die Welt gesehn, Paris und das heilige Rom, in dem der König Menelik hoch zu Krokodil und Willem im Exil vorkommen. Hat mit dem Originaltext des Chansons von ➱Walter Mehring nicht mehr viel zu tun, gilt aber als die Hymne der Unteroffiziere (als ich Fahnenjunker wurde, musste ich sie auch lernen). Wenn er zu der Stelle mit ein Mädchen von St. Pauli, eine Nutte von der Reeperbahn kommt, heulen alle mit. Ob ich jetzt Ruhe im Saal kriegen würde, wenn ich mit der P-38 in die Decke ballere? Frank hat das mal bei einer Kneipenschlägerei in Delmenhorst mit Erfolg gemacht.

Ich versuche zuerst meinem Kommandeur, dann allen anderen Bataillonskommandeuren, mitzuteilen, dass wir hier einen Befehl der höchsten Dringlichkeitsstufe haben. Die Kommandeure versuchen, mich zu einem Glas Bier zu überreden. Es hat keinen Sinn. Vielleicht ist jetzt Krieg, und wir wissen es nicht, weil alle Kommandeure blau sind und niemand diesen bescheuerten Befehl entziffern kann. Ich verlasse die Feier. Die kalte Nachtluft draußen tut gut. Meine beiden Unteroffiziere im Wachgebäude haben inzwischen jeden Offizier des Bataillons aus dem Schlaf geklingelt, einer ist zur Luftwaffenkaserne auf der anderen Seite des Ortes, um zu fragen, ob deren Entschlüssellungsgerät funktionieren könnte. Um null Uhr siebzehn kommt ein Anruf, ein OvD hat den Code entschlüsselt, er gibt den Befehl jetzt im Klartext durch. Das ist ja auch der Sinn von streng geheimen Befehlen. Ich gehe mit dem Text wieder in die Unteroffiziersmesse. M. ist immer noch auf der Bühne, er singt das Lied zum dritten Mal, aber er trägt jetzt Strapse und Netzstrümpfe zur Uniformjacke. Ich teile allen Kommandeuren einzeln den Inhalt des Befehls mit. Es war kein Krieg.

Als ich zur Wache zurückkomme, herrscht da Verwirrung am Schlagbaum. Der Wachhabende hat einen Mann in der Uniform eines DDR Majors in einem VW Käfer entdeckt und weiß jetzt nicht, was er tun soll. Das ist natürlich wieder so ein Spinner von der Fernspähkompanie. Die sind das geheimste, was die Bundeswehr hat, jeder von denen besitzt alle Uniformen des Ostblocks. Sie bilden sich ein, dass sie außerhalb des Gesetzes stehen. Manchmal machen sie sich einen Spaß und versuchen, in einer Ostblockuniform durch die Wache zu kommen. Oder zeigen einen gefälschten Dienstausweis mit eingeklebtem Dackelphoto vor. Erzählen dann, dass sie nur die Aufmerksamkeit der Wache testen wollten oder das alles nur ein Spaß sei. Nehmen Sie den Herrn Major der Volksarmee fest und führen Sie ihn in eine Zelle, sage ich zum Wachhabenden. Herr Leutnant, das können Sie nicht machen, protestiert der falsche Major, Ich bin Feldwebel in der Fernspähkompanie, ich wollte mir nur einen Spaß machen. Spaß wirst Du noch haben, denke ich mir und wiederhole ungerührt: Nehmen Sie den Herrn Major fest, führen Sie ihn in eine Zelle und rufen Sie dann die Feldjäger in Oldenburg an. Wir hätten hier einen DDR Spion. Wenn irgendjemand die Komiker von der Fernspähkompanie nicht ausstehen kann, dann sind das die Feldjäger in Oldenburg.

Glanz und Elend des Militärs. Alle diese Leute, die das Militär verherrlichen, Opa inklusive, haben die niemals diesen Unsinn und diese Absurdität des Ganzen gesehen? Die Literatur zum Krieg hat Krieg und FriedenIn Stahlgewittern und Im Westen nichts Neues hervorgebracht. Aber auch Der brave Soldat SchwejkSutherland’s War und ➱Catch-22. Ich glaube, dass die Wirklichkeit so ist wie Catch-22.

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