Mein Freund Volker zeigte mir vor Jahren einmal eine großformatige Anzeige in einer Frankfurter Zeitung und fragte mich, was ich davon hielte. Auf einer halben Seite wurde da von einer Firma versprochen, einen erstklassigen Maßanzug zu billigsten Preisen in kürzester Zeit zu schneidern. So etwas verspricht man in Bangkok oder Hongkong ja auch. Immerhin hatte die Firma einen deutschen Namen und saß nicht in Bangkok. Aber ich habe ihm davon abgeraten, in einem Frankfurter Hotel einen Termin auszumachen, es gibt in dem MTM Geschäft zu viel schwarze Schafe. Ich riet ihm zu einer Firma wie ➱Maile, von der ich zufällig gerade einen Katalog bekommen hatte.

Diese MTM Sache scheint ein riesiges Geschäft zu sein, die Schneider der verschiedenen Firmen reisen herum, so wie die Savile Row Schneider früher alle zur gleichen Zeit mit dem Ozeandampfer nach Amerika fuhren, um in den Hotels der großen Städte die Klientele zu vermessen (man kann das in Richard Andersons Buch Bespoke in dem Kapitel Savile Row West sehr schön nachlesen). Diesen Service bieten die Firmen der Savile Row auch heute noch an, aber ich nehme an, dass ihre Schneider heute im Flugzeug reisen.

Wenn man mit dem Schneider befreundet ist, wie Michael Caine mit Doug Hayward (die Firma hat eine witzige ➱Seite, klicken Sie sie mal an), dann besucht man ihn schon in seinem Geschäft (die beiden Herren kommen ➱hier übrigens schon vor). Um mit ihm zu besprechen, wie der Anzug werden soll, bespoke ist das Zauberwort, jede Firma suggeriert das, aber diese neue Sorte MTM ist nun mal nicht bespoke. Ursprünglich bestellte einmal der Kunde seinen Anzug, wie er ihn haben wollte, deshalb besprach er die Details mit dem Schneider. Der hatte bestenfalls eine beratende Funktion. Heute fügen sich die Kunden willig dem Diktat des Schneiders.

Die Schneider von Zegna und Regent bereisen routinemäßig die Herrenausstatter Deutschlands (selbst die Firma ➱Boss scheint in diesem Geschäft tätig zu sein). Obgleich die Firma ➱Regent ja schon das Wort handtailored im Label führt und ihre Produkte eigentlich immer gut passen – es sei denn man heißt Quasimodo – gibt es noch diesen MTM Service. Zu der Firma im bayrischen Weissenburg brauche ich eigentlich nicht viel zu sagen, sie bieten sehr gute Qualität, und ihr Futter ist immer von der Firma Bemberg. Und diese Zeichnung von dem unübertroffenen René Gruau musste ich mal eben hier zeigen.

Ein Bemberg Futter ist ja ein Qualitätsausweis. Leider schaffen sie es bei Regent nie, die Karos bei einem Glencheckjackett anzupassen. Da würde man bei Kiton oder ➱Caruso ja lieber tot umfallen, als so etwas aus dem Haus zu lassen. Vielleicht ist das bei MTM ja anders. Zu Regent gibt es in diesem Blog schon einen langen ➱Artikel, der – und das wird die Firma freuen – sehr, sehr viele Leser gefunden hat. Herr Diehm, der mir eine nette lange Mail geschickt hat, hat mir auch die gehässigen Bemerkungen über seine ➱Rolex verziehen. Und nein, ich bekomme kein Geld aus Weissenburg, ich tragen nur seit einem halben Jahrhundert (unter anderem) ihre Klamotten. Und ja, natürlich ist Caruso besser als Regent. Von Kiton und Attolini wollen wir nicht reden.

Scabal ist eigentlich ein belgischer Stoffhändler, aber neuerdings haben sie auch eine Adresse in der Savile Row. Scabal residiert jetzt in der Nummer 12, zwischen Richard Anderson und Huntsman. Und Scabal No 12 heißt auch ihre neueste Linie, komplett von Hand in Italien gefertigt. Nicht in Saarbrücken, wo ihnen die Firma Tailor Hoff normalerweise die Jacken und Anzüge schneidert (dazu gibt es ➱hier einen kleinen Film). Die Firma gehört Scabal, die sich in den letzten Jahrzehnten viele Firmen gekauft haben: Wain Shiell in Huddersfield, einst Yorkshires berühmtester Weber, gehört ihnen auch.

Doch eine Adresse in der Savile Row besagt heute nicht mehr so viel, wo Abercrombie&Fitch schon um die Ecke sitzen, wogegen es große Proteste gab. Und die Firma Gieves und Hawkes, die die symbolische Nummer 1 hat, gibt es auch erst seit 1974. Und der Besitzer sitzt in Hongkong. Der asiatische Markt lockt, aber er birgt auch Gefahren. Was ist aus ➱Simpson (Daks) geworden, seit die Firma der Sankyo Seiko Co. Ltd gehört?

Der Anzug heißt im Japanischen sabiro, da steckt noch das Savile Row drin. Heute drängen die Asiaten in die Straße, die die etymologische Basis ihrer Anzüge ist. Der Engländer Paul Smith (der auch Made to Measure anbietet) ist auf dem japanischen Markt sehr stark, die Japaner lieben Paul Smith Klamotten. Wir hier nicht so, weil die Jacketts von Paul Smith immer zu eng und die Ärmel zu lang sind (was natürlich daran liegt, dass die Sachen in Italien hergestellt werden, die Italiener können nun mal nicht anders). Aber warum ist Paul Smith in Japan so stark? Weil vierzig Prozent seiner Firma dem japanischen Giganten Onward Kashiyama (der 1986 schon die amerikanische Traditionsfirma J. Press gekauft hatte) gehört.

Man erinnert sich noch daran, dass diese Firma sich vor Jahrzehnten in den italienischen Markt hineingefressen hat und Lizenzen und Firmenbeteiligungen der Firmen Luciano Soprani, Bill Kaisermann, Barba’s, Gibò, Bogy’s (Montana), Dirk Bikkemberg und Jean-Paul Gaultier kaufte. Manche der Firmen haben sich inzwischen im Unfrieden von Kashiyama getrennt, aber die italienische Firma Gibò, die 2005 die Iris Company kaufte, und die noch Marken wie John Galliano, Viktor & Rolf und Antonio Berardi besitzt, gehört Onward Kashiyama seit 1990 immer noch. Das halbe Dutzend japanischer Firmen will ich gar nicht erwähnen.

Und was glauben Sie, wer wohl Alexander McQueen, der als junger Schneidergeselle bei Anderson & Sheppard einst schmutzige Sprüche unter das Futter der Anzüge von Prince Charles gestichelt hat, das Geld für seine eigene Firma gegeben hat? Natürlich unser stiller Japaner, der bei Firmengründungen gerne Beistand leistet. Das hier ist Peter Johnston, der sich gerade in der Savile Row selbstständig gemacht hat, nachdem er als Creative Director für eine Vielzahl von berühmten Firmen gearbeitet hatte. Seine Anzüge werden übrigens in Japan von Onward Kashiyama verkauft (wahrscheinlich werden sie dort auch hergestellt).

Und ist dies hier wirklich für den Nimbus gut? Zwischen Henry Poole und der Savile Row Adresse steht auf dem Etikett by Hanloon. Die Firma Hanloon sitzt nicht in der Savile Row, die sitzt in Peking. Zweimal im Jahr reist ein Schneider aus London an und überprüft, ob die Qualität der chinesischen Schneider der der englischen Kollegen gleichkommt. Und um noch eins drauf zu setzen, mit wem geht die älteste Firma der Savile Row jetzt eine Allianz für den japanischen Markt ein? Ja, natürlich ist die richtige Antwort: Onward Kashiyama.

Die Firma hat keinen Wikipedia Artikel, sie arbeitet im Stillen. Aber neben den vierzig Prozent von Paul Smith gehört ihr noch Joseph Fashion (die ja auch mal ein Londonder Unternehmen waren). Und der Konzern hat alle Lizenzen für Katherine Hamnett. Und Jil Sander, Sonia Rykiel, Calvin Klein, Jean Paul Gaultier und, und, und. Während des Ersten Weltkriegs hatte der englische Krimiautor Sax Rohmer ein Vermögen mit seinen Fu Manchu Romanen gemacht, in denen er vor der yellow peril warnte. Dass die Japaner eines Tages vor der Tür der Savile Row stehen könnten, daran hatte er nicht gedacht. Von den Chinesen in Italien wollen wir jetzt gar nicht reden.

Dass Kilgour, French and Stanbury (einst die Schneider von Cary Grant und Fred Astaire) Anzüge anbieten, die aus Shanghai (oder von William Yu in Hongkong) kommen, war ja schon länger bekannt. Der Ärger, den die Row hatte, als Tony Lutwyche enthüllte, dass vieles mit dem Etikett Made in England seinen Namen zu Unrecht trägt (lesen Sie doch einmal den Post ➱Schneiderkrieg), war kaum verflogen, als man wenig später Ärger mit einer Firma namens Sartoriani Ltd hatte.

Die natürlich auch eine Adresse auf der Row hatte (im Haus No 10, wo auch Dege & Skinner sitzen) und wunderschöne Texte verfasste: At Sartoriani, Savile Row, we are passionate about the benefits of going bespoke and truly believe that a garment made for you will enhance your life as well as your wardrobe. To be bespoke the garment must be custom made to order as opposed to off-the-peg or ready-to-wear. At Sartoriani all our suits are bespoke, custom made to your personal measurements and specifications. Once you have tried bespoke you will never go back. All our fabrics have been sourced from the worlds finest weavers including Holland & Sherry, Loro Piana, Cavendish and Guabello. This means we are able to offer our customers an unparalleled range of high-end cloths.

Every man needs a tuxedo or dinner jacket in their wardrobe and at Sartoriani we offer some of the finest evening wear available. We are very proud of of the shirts we also produce. Using cottons from one of the worlds finest producers, Alumo of Switzerland, means that not only do they still look crisp and fresh at the end of a hard days work, our shirts can stand the wear and tear of everyday life and repeated laundering. Furthermore our expert tailors will ensure that your shirt flatters your figure and suits your lifestyle. All our shirts are hand tailored in London. Our style consultants will be able to help you pick a style that suits your body, personality and the function that you need the suit for. Wenn Sie das auch noch in Bild und Ton haben wollen, klicken ➱Sie hier.

Die alten Firmen der Savile Row klagten vor der Advertising Standards Authority, die allerdings die Klage abschmetterte. Die ASA schloß sich zum Entsetzen der Savile Row der Meinung des Beklagten an, dass bespoke heute nicht mehr das bedeutet, was es immer bedeutet hat: The ASA upheld the company’s claim that „bespoke“ had moved on from meaning a fully handmade suit to simply a garment cut to a customer’s measurements. Das wurde bei Sartoriani mit Begeisterung aufgenommen: We see this as a victory for individuality and affordable luxury. Mark Henderson, der Vorsitzende der Savile Row Bespoke Association brachte allerdings ein ganz neues Argument: We’d like see whether courts might like to stand behind Savile Row bespoke, in the same way as the French courts have consistently protected the French champagne industry, for instance.

Er sagte auch noch, und das klingt jetzt ein klein wenig arrogant: I don’t accept the man on the street understands the difference. You are looking at the difference between a fine painting and a print. Die Savile Row, denen Unternehmen wie Sartoriani die letzten Kunden wegschnappen, kann sich nicht an die neuen Zeiten gewöhnen, wo schon die Firma Marks & Spencer trading up vollzieht und jetzt auch Marks & Spencer Sartorial anbietet (ich hatte mal ein solches Jackett in der Hand: vergessen Sie es). Auch bei der Kette Debenham’s bietet mittlerweile einen MTM Service. Sie werben mit dem Designer Jeff Banks und dem Spruch God Made Man – A Tailor Makes a Gentleman.

Die Savile Row hat aber die Schrift an der Wand durchaus lesen können, eine Vielzahl alteingesessener Firmen bieten preiswertere Linien oder Konfektion zum Mitnehmen an. Die dann häufig von Firmen wie Wensum Tailoring Ltd kommen, aber nicht mehr aus der Savile Row. Im Fall von Sartorianis Attacke auf die Bedeutung der heiligen Kuh bespoke brauchten die Gerichte nicht mehr über die Schutzwürdigkeit der Savile Row Gewohnheiten zu entscheiden. Das Ganze war ein Pyrrhussieg für Sartoriani. Denn mit der Seriosität der Firma schien es nicht so weit her zu sein. Hunderte von Kunden warteten vergeblich auf ihre Anzüge.

Die Times meldete im Januar 2011 ‘Bespoke’ Savile Row tailor falls into administration: The company that once sparked a row over whether it could call its suits “bespoke” has gone into administration after its owner was declared bankrupt. Sartoriani, which has an office on Savile Row, London, as well as in New York and Los Angeles, has collapsed leaving customers out of pocket. Ricky Kripalani, its owner, who was based in Zurich, has not been in contact with management for more than two months. Staff have not been paid since November and the Los Angeles office has been abandoned. Da ist er wieder, unser Ricky (Sie kennen ihn ja jetzt schon aus dem Post ➱preloved), ein Hansdampf in allen Gassen. Er schafft es doch immer wieder. Faszinierend.

Es ist mit diesen Firmen wie mit dem Fabelwesen, dem man einen Kopf abschlägt, und dem sofort neue Köpfe nachwachsen. Auch dieser Firma, die Pins & Stripes heißt, gelingt es ganz geschickt, in ihrer Anzeige die Zauberworte Savile Row und bespoke unterzubringen. Eine Firma, die Savile Row Company heißt und Billigklamotten verhökert, gibt es natürlich auch schon.

Lieber zurück zum Seriösen, zurück zu Scabal. Scabals Repräsentant für Nord- und Westdeutschland ist lange Zeit der Schneidermeister Nikolaus Degorsi gewesen. Ein reizender Herr, der aus dem Banat kam, ich habe mich häufig angeregt mit ihm unterhalten. Das mit dem Banat erwähne ich nur, weil Anton Schiwal, der Schneider meines Vaters auch aus dem Banat kam. Nikolaus Degorsi (zweiter von links auf dem Bild) hat die Seiten gewechselt, er ist jetzt einer der Geschäftsführer der Firma Cove GmbH & Co. Deren Gründer Dr. Christian Tietz freute sich über den neuen Mann: Degorsi gilt in der Branche als einer der anerkanntesten Experten für Maßkonfektion im oberen Qualitätssegment. Wir werden mit ihm unser Wachstumstempo beschleunigen und unsere Marktführerschaft unterstreichen können.

In der Branche ist ja viel Bewegung, Matthias Rollmann, der einmal Chef bei Regent war, sitzt heute bei Scabal in Brüssel. Auf dem Bild hier sehen sie Cut 6, das Neueste von ➱Regent, damit Sie stilsicher so aussehen, als ob Sie Ihren alten Konfirmationsanzug tragen. Über die Chefetage der einzelnen Firmen erfährt man in der Fachpresse mehr als über die Einzelheiten der Herstellung. So vollmundig die Werbung ist, so verschwiegen sind die Firmen, was ihre Produktionsorte betrifft.

Im Fall von Cove vermutet man Polen, bei deren neuestem Ableger, der Sons of Savile Row heißt, ist es auf jeden Fall dieses Land. Das ist ja nun nichts Böses, die Löhne sind da (noch) niedrig, und die Firma Regent hat da ja auch schon mal fertigen lassen. Wir sollten bedenken, dass da vor dem Krieg ein großer Teil der deutschen Textilindustrie saß. Und die Firma Emanuel Berg, die Jaroslaw Szychulda 1989 in Köln gründete, sitzt in Gdynia.

Es gibt allerdings auch den seltenen Fall, dass eine Firma alles offenlegt. Die beiden Gründerinnen der Berliner Firma FranzvonBrandt haben keine Scheu zuzugeben, dass ihre Anzüge in Bulgarien gefertigt werden. Und das lange etablierte Unternehmen Bernhardt macht keinen Hehl daraus, dass ihre Anzüge in Prostejov in der Tschechei gefertigt werden.

Xuits, eine Firma, die keine so lange Tradition hat wie Bernhardt, läßt in Portugal arbeiten. Dorthin scheint es neuerdings auch viele zu ziehen. Die können da ja auch Kleidung schneidern, das beweist eine Marke wie Diniz & Cruz, die in Deutschland von Borghetti und Bülow vertreten wird (hier Moritz von Bülow und Enrico Borghetti im Bild). Die auch die Vertretung von Raffaele Caruso haben, die werden wissen, weshalb sie die Portugiesen schätzen. Die Private Label Jacketts von Unützer, die mal von Caruso kamen, sind häufig von Diniz & Cruz, die auch Uli Knecht, Ed Meier und Dantendorfer mit Private Label Sakkos beliefern. Steht natürlich kein Name drin, aber man kann sie über die portugiesische Steuernummer auf dem Etikett identifizieren. Ich hatte mal vor Jahrzehnten ein Jackett von Diniz & Cruz, was eine recht gute Caruso Kopie war.

In Portugal wurden auch mal die Maßhemden für Dolzer gemacht, und Kastell soll da fertigen lassen. In Portugal ließ auch ➱Herr von Eden, die ja auch Maßkonfektion anbieten) seine schrägen Klamotten schneidern (ich glaube, Artoo-Detoo auf dem Photo gehört nicht zum Anzug), die Firma musste im letzten Jahr Insolvenz anmelden, hat aber im April im Karoviertel in Hamburg wieder aufgemacht.

Von dieser Marke hörte ich zuerst, als eine Studentin vor Jahren meinen Kiton Anzug (natürlich second hand) mit den Worten kommentierte: Ist ja ganz nett, aber richtig chic wären Sie erst, wenn Sie Herr von Eden tragen würden. Also ich überlasse das jetzt mal Tim Mälzer und Fatih Akin. Der übrigens gerne einen Film mit Kirsten Dunst drehen würde. Das hat mir Volker Behrens erzählt, der ein ➱Buch über Fatih Akin geschrieben hat (hier beide im Bild). Und der auch die Oma von Kirsten Dunst in Hamburg ➱interviewt hat. Kirsten Dunst liest ja manchmal diesen Blog, vielleicht wird da noch was draus.

Natürlich sind Cove und Xuits nicht ohne Konkurrenz, von der Firma Maile in München bis zur 1949 gegründeten Firma Kuhn ist das eine lange Liste. Die Firma Kuhn, die überall Filialen hat, betont, dass ihre Anzüge nicht in Asien, sondern im bayrischen Schneeberg genäht werden. Sie landet allerdings in der Publikumsgunst meist ganz unten, wo auch Dolzer angesiedelt wird. Wenn man sich Kragen und Schulter dieses Kuhn Modells genau betrachtet, dann wundert einen das nicht.

Odermark (Goslar), lange im Brinkmann Imperium für Maßkonfektion zuständig, ist inzwischen bei Wilvorst in Northeim gelandet. Früher waren die groß im Geschäft, um Herrenausstatter mit Frack oder Cutaway zu beliefern. Jetzt haben sie daneben noch eine neue Linie die Corpus Line heißt. Einen ähnlichen Namen hat mit Corpus Maßkonfektion auch ein Herrenausstatter aus Aachen. Wilvorst wirbt neuerdings mit Mirko Slomka trägt Corpus Line, was soll man dazu sagen? Vielleicht: So sehen Sieger aus? Oder doch eher: Da ist der Abstieg ja schon vorprogrammiert? Mit Prominenten oder mit ungeheuer blasierten Gecken (wie bei ➱Ralph Lauren Purple Label) zu werben, ist eine gefährliche Sache.

Andererseits hat uns die Werbung im Bereich Damenmode und Parfüms gezeigt, dass man die Ware auch mit drogen- und magersüchtigen Models bewerben kann, anything goes. Dieses Bild stammt aus keinem Pornomagazin, das ist aus der Vogue. Ich kann an dieser Stelle gerne noch einmal auf das Buch von Jörg Nimmergut Werben mit Sex hinweisen, das habe ich schon in dem Post ➱Wankelmotor getan, aber es kann nicht schaden, das mehrfach zu erwähnen. Und über die geschmacklose Obsession Werbung von Calvin Klein habe ich ➱hier auch schon einiges gesagt.

Es ist ja schade, dass es den Boss Mann der achtziger Jahre, Michael Flinn, nicht mehr gibt. Der sah – wie der Tchibo Mann und Herr Kaiser von der Versicherung – immer so ordentlich aus. Man braucht ja immer irgend jemanden für die Werbung. Jörg Pilawa, die lebende Reklame für Rügenwalder Wurst, könnte zum Beispiel Werbung für seine eigene Firma machen, die Herrensache heißt, da hat er nämlich Geld drin. Und da ich oben mit Wilvorst eine Firma aus dem Brinkmann Konzern erwähnt habe, natürlich bietet auch Dressler, die seit 2003 zu der Gruppe gehören, Maßkonfektion an.

Die Qualität ist wie bei den Topprodukten von Dressler (die ja schon immer die Firmen Soer, Ladage&Oelke und viele Herrenausstatter zufrieden stellten), allerdings gibt es echte Knopflöcher auf den Ärmeln. Das Futter ist nicht 100% Bemberg, aber immerhin 50% Cupro und 50% Viscose. Diese Kombination findet man neuerdings bei teuren Italienern auch, weshalb weiß ich nicht. Leider schaffen sie es bei Dressler in der MTM ebenso wie bei Regent nicht, Karos und Linien anpassen. Aber immerhin hat hier die Brusttasche endlich mal eine akzeptable Größe.

Hier verlässt ➱Gregory Peck gerade die Firma Huntsman in der Savile Row. Ist der Anzug neu? Man weiß es nicht. Es war einmal das Ziel der Londoner Schneider, einen Anzug so zu schneidern, dass man nicht erkennen konnte, ob er nagelneu war. Ich zitiere dazu einmal aus The English Gentleman’s WardrobeNo suit should look like new. Anderson & Sheppard of Savile Row believe that if a customer leaves their shop and is recognised as wearing a new suit, then they have failed to do their job. Beau Brummel had his valet wear all his new clothes first, to take the vulgar newness out of them. The modern suggestion is that having a suit cleaned removes the dressing in the cloth and takes away that ’new‘ feeling. But Fred Astaire had a different solution. ‚To get that stiff squareness out of it,‘ he explained. ‚I often take a brand-new suit or hat and throw it up against a wall a few times.‘

Man kann das noch variieren. In den sechziger Jahren setzte sich der Spiegel Chefredakteur Claus Jacobi mit seinen neuen Anzügen von ➱Brooks Brothers in die Badewanne mit möglichst heißem Wasser und verlieh ihnen in einer Gewaltkur die verschlampte Note, die ihm angemessen scheint. Gerade das möchten die Kunden der Maßkonfektion offensichtlich nicht. Man soll schon sehen, dass der Anzug neu ist. Und von daher sind neue Namen auf der Savile Row wie ➱Spencer Hart (wo man Prince William und Robbie Williams zu den Kunden zählen kann) und Werbesprüche wie das Cool Britannia vielleicht die neue Chance für die erste Adresse der Londoner Schneider.

Was treibt die Kundschaft zur Maßanfertigung? Die Schnitttechnik der Konfektion – von der Stange, wie man früher sagte – ist heute so hochentwickelt, dass bei den unterschiedlichen Rümpfen, die die Firmen anbieten, für jeden etwas dabei sein kann. Und für Problemgrößen gibt es überall Firmen (wie zum Beispiel Nortex in Neumünster), die auf Zwischengrößen spezialisiert sind, Nortex wirbt damit, dass sie über hundert Größen führen. An der Passform allein kann es also nicht liegen. Was der Kunde will, ist ein Anzug, der nicht mehr kostet als ein Boss Anzug. Und ein klein wenig anders ist. Der ein lila oder rotes Futter hat, echte Ärmelknöpfe, wobei die Knopflöcher gerne auch noch farbig abgesetzt sein können.

Allerdings, das ist nun genau das, was der wahre Gentleman vermeiden möchte. Ich zitiere gerne noch einmal die kleine Geschichte, die sich angeblich im Jockey Club in Paris zugetragen haben soll. Und die in Richard Sennetts The Fall of Public Man steht: A Russian visitor to the Jockey Club asked his hosts to define a gentleman: was this an inherited title, a caste, or a question of cash?

The answer he received was that a gentleman disclosed his quality only to those who had the knowledge to perceive it without being told. The Russian, a rather abrupt soul, demanded to know what form these disclosures would take, and one member replied to him, as though breaking a confidence, that one could always recognize gentlemanly dress because the buttons on the on the sleeves of a gentleman’s coat actually buttoned and unbuttoned, while one recognized gentlemanly behavior in his keeping the buttons scrupulously fastened, so that his sleeves never called attention to this fact.

Ein wenig Exzentrik hat den Gentleman ja schon immer ausgezeichnet. Wozu neben farbigem Jackettfutter auch gehörte, dass er seine Anzüge erst nach Jahren bezahlte. Meistens, wenn er einen neuen bestellte. Auf das Vorkasse Modell von Ricky Kripalani wäre er nicht hereingefallen. Aber will man wirklich all diese kleinen Verzierungen des Anzugs? Will man aussehen wie diese Herren? Oder wie die sapeurs von ➱Brazzaville?

Ich sah in diesem Sommer einen Herrn (ich zögere jetzt etwas bei dem Wort Herr, denn vielleicht war das ja Ricky Kripalani) in einem Straßencafé. Er trug einen nagelneuen engen Anzug, der so eng war, dass er kaum darin sitzen konnte. Die Manschetten schauten aus seinen Ärmeln, und er trug eine sehr große, sehr teure, neue Uhr. Und neue Schuhe, die nach Berluti aussahen. Ich zählte in Gedanken zusammen, was dieses ganze Outfit gekostet hatte. Und dachte mir: ein Gentleman wird nie aus Dir werden.

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