Nachdem ehrlich, ziemlich und billich, daß sich ein jeder, weß Würden oder Herkommen der sey, nach seinem Stand, Ehren und Vermögen trage, damit in jeglichem Stand unterschiedlich Erkäntüß seyn mög, so haben Wir Uns mit Churfürsten, Fürsten und Ständen nachfolgender Ordnung der Kleidung vereiniget und verglichen, die Wir auch bey Straff und Pön, darauff gesetzt, gänzlich gehalten haben wöllen. Wundern Sie sich bitte nicht über das Deutsch, wir sind im Jahre 1530. Der Satz stammt aus einer alten Kleiderordnung. So etwas gibt es heute nicht mehr. Leider. Ich bin auf die Kleiderordnungen gestossen, weil der Herzog Ulrich (Bild) im Jahr 1549 die erste Policeyordnung in Württemberg erließ, dem war die 1548 verabschiedete kaiserliche Reichspoliceyordnung vorausgegangen.

In der natürlich noch mehr als die Kleidung der Stände geregelt wird (öffentliche Unzucht wird darin auch verboten); von diesen Policeyordnungen hat es über die Jahrhunderte in den einzelnen deutschen Fürstentümern eine Vielzahl gegeben. Den Adel betrafen sie selten, eher das Bürgertum unter diesem Stand, das keinen Samt und keine Seide tragen durfte. Diese Kleiderordnungen haben zum Teil wunderbare Namen. Diejenige, die der Herzog Johann Adolf von Schleswig-Holstein 1601 erlässt, heißt: So wir von von Kleidung, Hochzeiten vnd andern gemeinen Politischen Sachen vnsern Vnterthanen zu wolfarth vnnd gutem, mit reifflicher wolbetrachtung haben gemacht vnd zu halten befolen. Es ist interessant, dass die Kleidung wichtiger zu sein scheint als die Politischen Sachen.

Ich hätte das mit der Kleiderordnung des Herzogs Ulrich so nicht gewusst, oder so ausse Lamäng (wie man in Bremen sagt) sagen können, wenn ich es nicht in einem Gedicht von Hannelies Taschau gelesen hätte. Das Gedicht heißt Klassen und findet sich in dem Gedichtband Weg mit dem Meer. Die Dichterin hat in diesem Blog schon einen ➱Post, der aber eigentlich noch mehr Leser vertragen könnte. Erstaunlicherweise werde ich viel häufiger gelesen, wenn ich einen Schriftsteller verreiße als wenn ich einen lobe. Der Post zu ➱Brigitte Kronauer hat viel mehr Leser als der zu Annelies Taschau. Aber da ich im Augenblick so viele Leser habe, mache ich doch mal ein bisschen Reklame für eine von Deutschlands interessantesten Dichterinnen. Annelies Taschau. Die Ständeordnung der frühen Neuzeit ist mit diesen Bildern natürlich noch nicht zu Ende. Die letzten drei, die wir aus dem Abzählreim Kaiser, König, Edelmann, Bürger, Bauer, Bedelmann kennen, sind noch nicht einmal dabei.

Es gibt ja noch Bereiche, in denen Kleiderordnungen eine gewisse Bedeutung haben. In englischen Gerichten (wie wir aus englischen Kriminalfilmen wissen), in der Académie Française (deren grüner Frack ➱hier und ➱hier schon erwähnt wird), bei ➱Hochzeiten des englischen Königshauses oder bei der Verleihung des Nobelpreises. Oder der ganze Bereich der Uniformen (die ➱hier einen Post haben). Uniformen sind ein lehrreiches Beispiel, weil es immer Verstöße gegen die Kleiderordnung gegeben hat.

Dass die jungen Dandies in den Garderegimentern seiner Armee Regenschirme tragen, gefällt Wellington (der selbst einen Schirm am Sattel hatte) überhaupt nicht (lesen Sie ➱hier mehr). Sie können ihre Regenschirme gefälligst in London tragen, befiehlt er. Und das tun die Gardeoffiziere noch heute, einmal im Jahr. Dem jungen ➱Otto Proksch brachte das Tragen einer bunten Kopfbedeckung im Afrika Feldzug eine Rüge von Rommel ein: Setzen Sie das Ding da ab, wir sind hier nicht im Karneval. Leutnant wurde er nicht, aber eines Tages wurde er mit zwei Doktortiteln Chef der Vereinigten Flugtechnischen Werke in Bremen. Und ein großer ➱Arno Schmidt Fan, der dem Arno einmal einen ➱Wohnwagen verkauft hat. Da der Karneval hier schon erwähnt wird, sollte man vielleicht anmerken, dass Kölner Karnevalsgesellschaften bezüglich ihrer traditionellen Uniformen ebenso wenig Humor haben wie der Feldmarschall Rommel.

Diese Hinweistafel wird wohl von allen Touristen verstanden werden. Die Bekleidung, die noch für ➱Eva ausreichte, reicht auf keinen Fall für den Petersdom, vor dem diese Hinweistafel steht. Es bleibt allerdings die Frage, ob man da mit ➱Jogginghosen hinein kommt. Auch wenn es eine weltweite Tendenz weg von einer förmlichen Kleidung und hin zu einer Kleidung, die man im 18. Jahrhundert (dessen Mode ➱hier übrigens einen Post hat) als Negligé bezeichnet hätte, zu geben scheint: man kann ofensichtlich nicht überall in dem auftreten, was man gemeinhin heute Freizeitkleidung nennt.

Dem Erzähler von ➱John Updikes schöner Kurzgeschichte A & P aus dem Jahre 1961 (➱hier im Volltext) wird das am Ende auch klar. Der erste Satz der Geschichte ist unnachahmlich: In walks these three girls in nothing but bathing suits. Unser jugendlicher Erzähler sitzt an der Kasse, er weiß, dass der Leiter des Supermarkts etwas gegen diese Mädchen haben wird. Wir sind nicht am Strand, wir sind in der Mitte der typischen amerikanischen Kleinstadt : „Girls, this isn’t the beach…We want you decently dressed when you come in here.“ „We are decent,“ Queenie says suddenly, her lower lip pushing, getting sore now that she remembers her place, a place from which the crowd that runs the A & P must look pretty crummy. Fancy Herring Snacks flashed in her very blue eyes. „Girls, I don’t want to argue with you. After this come in here with your shoulders covered. It’s our policy.“ He turns his back. That’s policy for you. Policy is what the kingpins want. What the others want is juvenile delinquency.

Ich bekam letztens eine E-Mail zugeschickt, die einen ➱Text aus dem Guardian enthielt. Dort machte sich ein gewisser Jonathan Wolff (der Philosophieprofessor am University College London ist) Gedanken zu dem Thema Why do academics dress so badly? Nach Jahrzehnten in der Welt der Universität, würde ich instinktiv sagen: weil sie keinen Geschmack und keinen Stil haben. Weil sie die ➱Botschaft senden wollen: I dress this way because I am an academic and do not know any better. Please be kind. Aber eine solche Antwort wird natürlich nicht befriedigen, wenn man Zeilenhonorar kriegt. Dieses Photo illustrierte im Guardian den Artikel. Könnte aus meinem Kleiderschrank sein. Obgleich da jetzt weniger Tweed drin ist als vor einem Jahrzehnt, die englischen Jacketts sind mehr und mehr den italienischen gewichen.

Meine letzte Amtshandlung in der Uni war eine Abschiedsrede für einen Kollegen. Ich trug an dem Abend einen dunklen Zweireiher mit Nadelstreifen von Chester Barrie, ein hellblaues Hemd mit weißem Kragen und einen Schlips von Eredi Chiarini (hier die Inhaber der Florenzer Firma, die seit 1894 besteht), der farblich zwischen lachsfarben und pink lag. Hatte ich vier Wochen zuvor im sale bei ➱Kelly’s gekauft. Ich war gekleidet wie sonst auch. Ich war in der Uni immer gut angezogen. Ich fand es furchtbar, dass manche Kollegen zu solch formellen Dingen wie Prüfungen im Freizeitdress erschienen. Und die Mädels, die da mit klopfendem Herzen im kleinen Schwarzen ankommen, begegnen als erstes jemandem, der wie ein Relikt aus dem Jahre 1968 aussieht. Mit Birkenstock an den Füßen. Wahrscheinlich ist das Wort fremdschämen für solche Augenblicke erfunden worden.

Ich bin 1968 immer mit Schlips und Kragen zu Demonstrationen gegangen. Ich war nicht der einzige. Wir haben heute immer nur die Bilder von Rudi Dutschke vor Augen, aber wenn man den Photoband von Michael Ruetz ‚Ihr müßt diesen Typen nur ins Gesicht sehen‘ Klaus Schütz, SPD: APO Berlin 1966-1969 betrachtet, sind viele dieser Typen (so der SPD Politiker Klaus Schütz) ganz bürgerlich gekleidet. Hermann Rademann, der Anführer des Bremer Schüleraufstands 1968, war immer ordentlich gekleidet, wenn er das Megaphon in der Hand hielt. Sie können ➱hier alles dazu lesen. Nein, die 68er sind nicht an allem schuld, resümierte die Wiener Presse in ihrer Jubiläumsausgabe zum 165jährigen Bestehen. Belassen wir es mal dabei.

Dies Photo kennen Sie vielleicht noch, es wurde im Audimax der Universität Hamburg aufgenommen. Die beiden Träger des Spruchbandes sind übrigens später Professor und SPD Vorsitzender in Bremen und Kulturstaatsrat in Hamburg geworden. Talare habe ich in Deutschland nur einmal gesehen, als die Uni Kiel ihren dreihundertsten Geburtstag feierte. Mein Freund ➱Kurt Denzer hat über das Ereignis damals den wunderbaren Film Floreat Academia gedreht, den man aber leider nicht im Netz sehen kann. Ein schleswig-holsteinischer ➱Kultusminister namens Walter Braun hatte in den siebziger Jahren mal den Plan, den Talar verbindlich wieder einzuführen (vielleicht auch bey Straff und Pön?), aber das ist in einem großen Gelächter untergegangen. An englischen Universitäten gibt es sie noch manchmal. Sie sind prima, um damit die Tafel abzuwischen, hat mir mein Freund Tony gesagt.

Da ich nun wieder nach England zurückgekommen bin, schauen wir doch man eben in den Text von Dr Wolff (der auf diesem Bild nicht unbedingt ein sartoriales Vorbild ist, aber vielleicht ➱Michael Caine in Educating Rita etwas überlegen ist): “I do like your shirt,” said a female colleague. “And your suit.” She then paused before adding: “But what I particularly like is that your shirt goes with your suit. So rare for academics.” Sadly the observation is well made. 

A few years ago another colleague read out an invitation to an event where the dress code was “smart casual”. What would be the opposite, he asked? It struck us both at once: “scruffy formal”. And what would that describe? Easy. A male professor, not too far from retirement, going to a university function, wearing clothes that have aged even faster than their owner. Here is how you dress for such an event. You go to your wardrobe and randomly pull out a garment called a “pair of trousers”, another called “a shirt”, another called “a jacket”, and another called “a tie”. Then you put them on. Then you look in the mirror to make sure that you have put each in roughly the right place. The end.

Das Ende? Ja, vielleicht. Obwohl es natürlich von Nation zu Nation verschieden ist, was man unter smart causal oder scruffy formal versteht. Wenn ich mal eben ein Beispiel aus dem Sloane Ranger Handbook (das hier schon einen Post hat) zitieren darf: der Akademiker sieht wohl eher wie der Herr in der Mitte aus. Wir wünschten ihn vielleicht anders. Und eine gewisse englische Exzentrizität wird wohl verhindern, dass er aussieht wie der Herr links. Obgleich Professor ➱Malcolm Bradbury, als ich ihn kennenlernte, genau so gekleidet war. Hätte meinem Freund Tony nicht so gefallen.

Der war mal nach Hamburg zu einem Sommerfest an der Außenalster eingeladen. Also nicht das Sommerfest der Königin, nur ein Treffen von ehemaligen Cambridge Absolventen. Der Tony war pünktlich da. Und war da auch gleich wieder verschwunden. Das waren alles Hamburger, die sich sehr englisch vorkamen, weil sie einen Sommerkurs in Cambridge gemacht hatten. Sie trugen alle blaue Blazer mit eindrucksvollen Wappen zu grauen Flanellhosen. Lauter nachgemacht Engländer, die sich rechtzeitig bei Ladage & Oelke das richtige Outfit gekauft hatten. Und Tony? Der war wahrscheinlich der einzige, der wirklich in Cambridge studiert hatte. Der trug rote Chelsea Boots, gelbe enge Hosen, ein dunkelgrünes Cordjackett, ein dunkelfliederfarbenes Hemd und einen lila Schlips. Sehr englisch. Er erholte sich später bei mir, lag auf meinem Sofa und trank guten schottischen Whisky.

Tony (Dulwich College und Cambridge) ist sein Leben lang an Universitäten gewesen, aber er fiel natürlich in Deutschland in der Masse des schlecht angezogenen Lehrkörpers immer auf. Es bleibt die Frage, was machen wir mit dem modisch unterqualifizierten Lehrkörper der Universitäten? Es ist ja offensichtlich ein Problem des deutschen Mannes an sich. Also, Günter Netzer, der wäre ohne seine Frau verloren. Die sagt ihm, was er anziehen soll. Wenn sie mal nicht da ist, nummeriert sie die Kleidungsstücke, damit er weiß, was zu was passt. Die meisten Hochschullehrer sind wie Günter Netzer.

Ich glaube es hilft nur eine Policeyordnung. Mit Straff und PönUnd damit diese Unsere Satzung und Ordnung der übermäßigen unordentlichen Kleidung und Kleinoder, desto festiglicher gehalten und vollzogen werde, so gebieten Wir allen und jeden Churfürsten, Fürsten, Prälaten, Graffen, Freyen, Herrn, Rittern, Knechten, Schuldheissen, Bürgermeistern, Richtern und Räthen, hiemit ernstlich, und wöllen, daß sie für sich selber diese Unser Ordnung strenglich halten, auch gegen ihren Unterthanen festiglich vollziehen, also, wo jemands in dem übertretten und überfahren, soll ein jede Oberkeit dieselbe, bey Verlierung des Kleids oder Kleinots, so wider diß Unser Ordnung getragen, darzu einer Geldbuß, so zweyfächtig als viel, als das Kleid oder Kleinod werth, der Bürgerlichen Oberkeit des Orts zu werden, straffen. Und ob einige Oberkeit in der Straff und Handhabung säumig und hinläßig erfunden, und durch Unsern Fiscal zu Abwendung derhalben ersucht, und doch darauff verharren würde, alsdann soll Unser Fiscal gegen solcher hinläßigen Oberkeit, und auch den überfahrenden Unterthanen, auf obgemeldte Pön und Straff procediren und vollfahren.

 
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