In Hannover spricht man das beste Deutsch. Sagen die Hannoveraner. Die Hannoveraner sind in Germanistikvorlesungen immer ein schönes Beispiel für das Vernersche Gesetz. Wir sagen Hannover und sprechen es mit einem F aus, bei den Hannoveranern verschiebt sich das zu einem W. Bei vielen Rundfunksprechern, die heutzutage kaum noch einen Orts- oder Eigennamen richtig aussprechen können, gilt das Vernersche Gesetz natürlich nicht. Leider hat der Hannoweraner eine fatale Neigung dazu, ein A wie ein Ö auszusprechen. Wodurch ein Satz wie: In der Lavesstraße haben sie ’nen Mann mit ’nem Bananenwagen übern Magen gefahren etwas ö-lastig wird. Sie können das jetzt mal selbst aussprechen.

Die Lavesstraße heißt natürlich nach dem hannöverschen Hofbaumeister Georg Ludwig Friedrich Laves. Der in den Jahren 1845–52 das hannoversche Opernhaus im spätklassizistischen Stil  gebaut hat. Diesen spätklassizistischen Stil beherrschte er sehr gut, er war oft genug in England gewesen (an das ➱Hannover ja historisch gebunden war). Er hat auch an englischen Architekturwettbewerben teilgenommen und Pläne für die ➱Great Exhibition und das Außen- und Kriegsministerium eingereicht. In beiden Fällen erfolglos, Klassizismus hatten die Engländer aus dem ➱18. Jahrhundert offensichtlich noch genug. Am 30. November 1950 wurde das im Krieg zerstörte Hoftheater wieder eröffnet. Mit dem Rosenkavalier. Beinahe hundert Jahre zuvor hatte man mit Figaro’s Hochzeit eröffnet. Und das gibt mir einen Anlass, zu dem ➱Post The Marriage of Figaro noch einige Anmerkungen zu machen. Und auf Teodor Currentzis‘ neue Inszenierung einzugehen.

Nach dem Wiederaufbau durch Werner Kallmorgen (der auch die Oper in Kiel und das Thalia Theater neu konzipierte) sah die Oper dem Original von Laves ziemlich ähnlich. Sieht auch vielen Bahnhöfen ähnlich. In einem mehrsprachigen Bildband (Hannover: Ein dokumentarisches Bildwerk) aus der Mitte der fünfziger Jahre wird es als bedeutendstes historisches Bauwerk der Stadt und kultureller Mittelpunkt bezeichnet. Das mit dem bedeutenden historischen Bauwerk verstehe ich nicht so ganz, ich dachte immer, das sei das Welfenschloss (das heute die Universität ist) oder das restaurierte Herrenhausen (dessen klassizistische Fassade Laves auch gebaut hatte). Das mit dem kulturellen Mittelpunkt wird stimmen, denn in der Spielzeit 1955 waren 98,6 Prozent der 1.278 Plätze verkauft.

Ich habe das Opernhaus (und das Operncafé gegenüber) in schöner Erinnerung; als ich an der Heeresoffiziersschule war, habe ich alle Aufführungen dort gesehen (eine habe ich schon in dem Post ➱Nikolaustag erwähnt). Unsere Vorgesetzten hielten uns dazu an, kulturelle Veranstaltungen in Uniform zu besuchen. Machte von uns Fahnenjunkern keiner gerne, weil die nun mal potthässlich war. Ich habe es einmal gemacht. War ein Fehler. Das Publikum bei der Aufführung von Hochhuths Der Stellvertreter hat mich etwas seltsam angeschaut. Danach zog ich immer meinen guten blauen Anzug von Charlie Hespen an, wenn ich in die Oper oder ins Theater ging. Wenn Sie mehr zu der Tristesse der Uniformen der Bundeswehr lesen wollen, dann klicken Sie doch einmal ➱Uniformen an.

Modisch gesehen bot Hannover damals noch nicht viel, Heinrich’s, H.B. Möller und Michael Jondral gab es noch nicht. Ich mochte Terner, wohin ich manchmal meine Mutter auf ihren modischen Beutezügen begleitete, die hatten früher immer gute Belvest und Isaia Jacketts. Heute haben sie nur noch Canali, alle anderen Marken scheinen in dem kleinen Klamottentempel von Jondral versammelt zu sein. Ob diese beiden Herren jemals eine Uniform getragen haben (oder in die Oper gehen), weiß ich leider nicht. Das Photo zeigt Bernhard Roetzel, den Autor des Buches Der Gentleman: Handbuch der klassischen Herrenmode zusammen mit Heinrich Zapke, dem Gründer von Heinrich’s (die heute wohl nur noch Damenmode führen). Die Läden von Möller und Zapke waren auch das Verhängnis von Gerhard Schröder, der bis dahin nur Pullover und Tweedjacketts getragen hatte. Bis die Hiltrud ihn in diese Läden schleppte. Erst war es Zegna, dann ➱Brioni. Ach, sie hätte ihm lieber mal ’ne Currywurst braten sollen. Mit Schröder sind wir dann auch schon bei der unangenehmen Seite von Hannover, und bevor ich jetzt etwas über Carsten Maschmeyer sage, höre ich lieber auf.

Dieses Opernhaus im klassizistischen Stil ist etwas zierlicher als das von Georg Ludwig Friedrich Laves. Es steht auch nicht in Hannover, es steht in Perm. Was jetzt nichts mit Dauerwellen zu tun hat, das ist die Stadt im Ural. 1965 hat man das aus dem 19. Jahrhundert stammende (und mehrfach umgebaute) Opernhaus (und Balletttheater) in Tschaikowsky Theater umbenannt. Es wird gerade wieder einmal umgebaut. Nicht von einem russischen Baumeister, sondern von dem weltberühmten David Chipperfield. Woran man sehen kann, dass die Oper in Perm etwas Besonderes sein muss. Ist sie auch.

Und aus Perm kommt auch die neue, ➱vieldiskutierte Aufnahme von Le Nozze Di Figaro, auf die rabinovitch1 mich in einem Kommentar (der ins Postscriptum des Posts The Marriage of Figaro gewandert ist) aufmerksam machte. Wir sehen hier den Dirigenten Teodor Currentzis vor der Oper von Perm. Was er trägt, ist sicher nicht jedermanns Sache. Aber es ist mir lieber, dass er so aussieht, wie er ist. Und nicht so überkandidelt vornehm wie der Herr Roetzel (Jay sieht dagegen eher aus wie Heinrich Zapke). Und schließlich ist es einem musikalischen Genie gestattet, herumzulaufen wie es will. Der letzte Meisterschüler von Ilja Alexandrowitsch Mussin fühlt sich wohl in Rußland, er soll sogar schon zum orthodoxen Glauben übergetreten sein.

Den authentischen Klang haben schon viele vor ihm beschworen, und letztlich hat ➱René Jacobs das alles auch schon gemacht. Was macht Currentzis‘ Aufnahme so anders? Die Ouvertüre kommt einem schneller vor. Ja und nein, Erich Kleiber ist 1955 nur acht Sekunden langsamer. Currentzis hat (wie das Music Theatre London) nur ein kleines Ensemble, man kann beinahe alle Originalinstrumente einzeln hören. Dies ist nicht der dicke, zähe Orchesterbrei, den Karajan anzurühren pflegte. Sein Ensemble MusicAeterna (und den dazugehörigen Kammerchor) hat Currentzis vor zehn Jahren gegründet. Dass man mit Originalinstrumenten spielt, versteht sich von selbst.

Das Ensemble gehorcht ihm aufs Wort. Schauen Sie sich doch ➱hier einmal das Finale an, in dem Sänger und Orchester mit dem Dirigenten eins werden – oder er mit ihnen. Dem furiosen Finale voraus geht das Contessa, perdono des Grafen Almaviva, das hier besonders schön gelingt. Klingt etwas anders, als bei ➱Fischer-Dieskau und Kiri Te Kanawa. Gut, es ist immer ein Augenblick ergreifender Schönheit, wenn der Graf dieses Contessa, perdono singt: Each time you hear ‚Contessa, perdono‘ at the end of the opera, you understand how our passions and amours, all our dramatic entanglements, all our social and erotic desires and everything that we thought was so important along the way are only a reflection of true, divine, spiritual happiness.

Selbst in der Aufnahme des Music Theatre London vergessen wir (ab ➱Minute 55:50) das quirlige Chaos, vergessen wir, in welch derangiertem Zustand gerade Cherubino und Marcellina auf die Bühne gekommen sind. Das ist die Magie Mozarts. Der Rezensent der New York Times, Anthony Tommasini, war bei Currentzis etwas skeptisch: Still, he and his ensemble milk the moment for maximum sublimity. For all the beauty, it sounds a little inflated. Other interpretive takes are possible. After all, the Count’s contrition is likely to be short-lived. Gut, das wissen wir, die Katze lässt das Mausen nicht. Wir kennen den Grafen. Aber was zählt, ist dieser Augenblick.

Vieles in der Inszenierung von Currentzis klingt anders. Ungewohnt. Wenn Cherubino sein voi che sapete singt, dann sind da plötzlich Koloraturen zu hören. Es klingt, als sei das Patenkind des Grafen völlig neben der Spur. Aber so steht es im Original, versichert uns der Dirigent: What we are used to hearing is rooted in the opera tradition of the 20th century and that tradition was all about simplifying the material, sagt Currentzis. Dass aber nur er allein alle Phrasierungen und tempi Angaben der Originalpartitur richtig verstanden habe, diese Äußerung, die sich im booklet der Sony Aufnahme findet, muss man wohl cum grano salis nehmen.

Currentzis Initialerlebnis mit dem Figaro war eine Aufführung vor Todkranken in einer Moskauer Klinik vor zehn Jahren. Die noch einmal vor ihrem Tod die Schönheit der Mozartschen Musik hören sollten. Seitdem arbeitet er an seinem Mozart Projekt: The radicality of this recording is its precision. It is through strictest discipline that you unlock the perfume, bring the composer’s text into real life, create all these colours that are impossible on the stage. This is why we spent such a significant amount of time in the studio – because we were pushing to reach our limits, to jump above our limit and reach a new understanding of this music. That is the privilege of a no-compromise studio recording. There are so many recordings which convey the general spirit of Mozart’s music. The only point in making a new one is to give the audience a chance to hear and learn about all the magic which this score holds. I made this recording because I wanted to show what can be achieved if you avoid the factory approach of the classical-music mainstream. My credo is that every performance you give has to be like a pregnancy. You have to dream and you have to wait until the time comes when you see the miracle happening. If you’re not like that in music, you lose the central idea of music. Music is not a profession and it’s not about reproduction. It’s a mission.

Für die Realisierung seines Mozart Projekts (Cosi fan TutteLe nozze di Figaro und Don Giovanni) – zu dem es ➱hier einen kleinen Film bei Klassik TV gibt – hatte sich Currentzis von Sony viel Zeit ausbedungen (was René Jacobs schon immer gemacht hat): My credo is that every performance you give has to be like a pregnancy. You have to dream, and you have to wait until the time comes when you will see the miracle happening. Das Ergebnis hat ihm Recht gegeben. Ich hätte hier noch einen hübschen kleinen ➱Werbefilm der Firma Sony. Le Nozze di Figaro kostet bei Amazon 28,97 €. Es lohnt sich, die auszugeben. Für 20,99 bekommen Sie die fünfzig Jahre alte Aufnahme von Otmar Suitner (mit Hilde Gueden, Anneliese Rothenberger, Walter Berry und Hermann Prey), das ist eine andere Welt. Sie können sie ➱hier ganz hören.

Lesen Sie auch: ➱Hochzeitsvorbereitungen, ➱The Marriage of Figaro

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