Einige Leser waren verwundert, dass ich in dem Post ➱William Frith über Damenmode geschrieben habe. Das waren sie offensichtlich nicht gewohnt. Dabei war das keine Premiere, ich habe schon im ersten ➱Post des Jahres darauf hingewiesen, dass es hier manchmal auch Damenmode gibt. Und ganz dezent für die Posts ➱Jil Sander, ➱Mary Quant, ➱Dior, ➱Pierre Cardin, ➱Coco Chanel, ➱Haute Couture, ➱Breakfast at Tiffany’s oder ➱Charles Frederick Worth Werbung gemacht. Aber ich gebe auch zu, dass das – verglichen mit der Vielzahl der kleinen Miszellen zur Herrnmode – nicht so furchtbar viel ist. Ich schreibe deshalb selten über die Damenmode, weil heute schon so viele über Damenmode schreiben. Von denen die meisten leider wenig Ahnung davon haben.

Ich will ja gerne gestehen, dass ich in den fünfziger Jahren mit Zeitschriften wie Film und Frau aufgewachsen bin. Und mit der Modephotographie von F.C. Gundlach. Damals sagte der Name kaum jemandem etwas, heute wird der Mann gefeiert. Zwar gab es in Film und Frau meistens nur Ruth Leuwerik und Sonia Ziemann zu sehen, aber man bekam doch eine gute ➱Übersicht über die Damenmode der fünfziger und sechziger Jahre. Gundlach war nicht der einzige Photograph, es gab da noch Regina (Regi) RelangCharlotte Rohrbach und Hubs Flöter. Und auch der junge Will McBride hat für Film und Frau photographiert, bevor er durch seine Photos in der neuen Zeitung Twen (die in dem Post ➱Nina van Pallandt erwähnt wird) richtig berühmt wurde.

Regina Relang hatte schon in den dreißiger Jahren für Vogue gearbeitet und orientierte sich schon damals international. Charlotte Rohrbach (die auch Arno Brekers Statuen und den Bau des Reichssportfelds ins Bild gesetzt hatte) stand eher dem Regime nahe, Hubs Flöter war seit 1933 in der NSDAP. In den fünfziger Jahren photographieren sie die neue deutsche Wohlstandsgesellschaft. Hubs Flöter hat viel für ➱Heinz Schulze-Varell photographiert, der neben Oestergaard, Gert Staebe und Hans Seger (die beiden sind hier im Bild) einer der wenigen ernstzunehmenden deutschen ➱Couturiers war. Schulze-Varell hatte sein Studio in München, Staebe, Seger und Oestergaard versuchten in Berlin daran anzuknüpfen, dass diese Stadt ja einmal eine europäische Modemetropole gewesen war. Darüber können Sie mehr in dem Post ➱Wilfrid Israel lesen.

Schulze (damals noch ohne den Zusatz Varell) war 1943 Kostümchef bei der UFA geworden, hatte sich aber geweigert, die ‚Treueerklärung‘ zum ‚Führer‘ zu unterschreiben. Für die Amerikaner war Schulze deshalb ein Vorzeigedeutscher, in ihrer Zeitschrift Heute bekam er 1947 eine Doppelseite, wo sein modernes deutsches Modedesign gefeiert wurde. Dieses Bild von Schulze-Varell mit seinen Mannequins ist (wie das von Gert Staebe und Hans Seger) von F.C Gundlach gemacht worden. Man beachte seinen Anzug mit dem leichten Glitzerschimmer, so etwas hatte ich damals auch. Wenn Sie noch einen Literaturtip haben wollen: Vom New Look zum Petticoat: Deutsche Modephotographie der 50er Jahre, herausgegeben von F. C. Gundlach, gibt einen vorzüglichen Überblick.

Über Modephotographie, die ja meistens eine Photographie der Damenmode ist, schreibe ich gerne irgendwann noch einmal. Es gibt hier immerhin schon einen kleinen Post zu ➱Erwin Blumenfeld. Dieses Photo, Waterloo Station, aus dem London des Jahres 1951 ist von der amerikanischen Photographin Toni Frissell. Man fragt sich dabei natürlich: wie haben die den Bahnhof so leer gekriegt? Es ist übrigens Paddington Station und nicht Waterloo Station, das haben die Historiker der Photographie inzwischen herausgefunden. Für die Zeitschrift Harper’s Bazaar bekam das Schwarzweiß Negativ ein klein wenig Farbe. Wirkt aber heute noch cool.

Gabi hat mir im letzten Jahr ein Buch von Meike Winnemuth geschenkt. Die kennt sie, sie war mit ihr auf einer Schule und sieht sie manchmal bei Klassentreffen wieder. Gabi war überrascht, dass ich Meike Winnemuth schon kannte. Ich lese deren Kolumnen nämlich ständig. Meike Winnemuth schreibt zwar nicht immer über Mode, aber sie hat einmal ein witziges modisches Experiment gemacht: sie hat ein Jahr lang das selbe kleine Blaue getragen. Und in ihrem Blog darüber geschrieben.

Das hat die Marke Katharina Hovman (Designed in Hamburg. Made in Europe), hinter der die Modeschöpferin Katharina Müller-Lenz steht, sehr bekannt gemacht. Wahrscheinlich ist Katharina Müller-Lenz bekannter als Karl-Ludwig Rhese. Der schneidert auch Kleider, aber er hat nur sehr wenige Kundinnen. Das reicht ihm aus, denn er macht Kleider für die englische Königin. Das ist etwas anderes als Mode für QVC, Ulla Popken und Schmuck für Lidl zu entwerfen wie Harald Glööckler.

Modeschöpfer haben es gern, wenn Schriftsteller über sie schreiben. Balzac bezahlte seine Schneiderrechnungen nie, schrieb seinen tailleur aber in seine Romane. Da genügt schon ein Satz wie: Ein Anzug, den man Buisson verdankt, genügt, um in jedem Salon eine königliche Rolle zu spielen, schon sind die Klamotten bezahlt. Oscar Wilde machte für die Stoffe und Kleider von Liberty’s Werbung. Und ➱Marcel Proust schreibt Mariano Fortuny in seinen riesigen Roman hinein: Ces toilettes n’étaient pas un décor quelconque, remplaçable à volonté, mais une réalité donnée et poétique comme est celle du temps qu’il fait, comme est la lumière spéciale à une certaine heure. De toutes les robes ou robes de chambre que portait Mme de Guermantes, celles qui semblaient le plus répondre à une intention déterminée, être pourvues d’une signification spéciale, c’étaient ces robes que Fortuny a faites d’après d’antiques dessins de Venise. 

Est-ce leur caractère historique, est-ce plutôt le fait que chacune est unique qui lui donne un caractère si particulier que la pose de la femme qui les porte en vous attendant, en causant avec vous, prend une importance exceptionnelle, comme si ce costume avait été le fruit d’une longue délibération et comme si cette conversation se détachait de la vie courante comme une scène de roman. Oder, wie Oscar Wilde so schön sagte: Either you are a work of art, or you wear one.

Die Welt der Herzogin von Guermantes ist vergangen. Das hier ist die Comtesse Greffulhe, Prousts Vorbild für die Herzogin, auf einem Photo von Nadar. Fortuny Roben kosten ein Vermögen, wenn sie heute bei Auktionen auftauchen. Auch die Pariser Haute Couture, die nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufstand wie Phönix aus der Asche, durchlebt schwere Zeiten. Woran sie selbst nicht unschuldig ist, ihr Sündenfall hieß Prêt-à-porter. ➱Pierre Cardin war sehr stolz darauf, das erfunden zu haben, Nimbus und Exklusivität eines Maison de Couture sind allerdings zum Teufel, wenn die Produkte bei H&M vertickt werden oder in Kaufhäusern auf dem Wühltisch liegen.

Mode muss immer neu sein, das ist ein ungeschriebenes Gesetz. Weiß nur niemand, wo das im code civil geschrieben steht. 1885 schrieb Oscar Wilde in The Philosophy of DressFashion rests upon folly. Art rests upon law. Fashion is ephemeral. Art is eternal. Indeed what is a fashion really? A fashion is merely a form of ugliness so absolutely unbearable that we have to alter it every six months! It is quite clear that were it beautiful and rational we would not alter anything that combined those two rare qualities. And wherever dress has been so, it has remained unchanged in law and principle for many hundred years.

Zwei Jahre später schreibt er in seiner Zeitung Woman’s WorldAnd, after all, what is a fashion? From the artistic point of view, it is usually a form of ugliness so intolerable that we have to alter it every six months. In dieser Form ist das Zitat wohl am häufigsten zitiert geworden. Eine vernünftige Antwort auf die Frage, warum angeblich zweimal im Jahr eine neue Mode die Mode ist, ist bis heute noch nicht gefunden worden. Die Interessen der Bekleidungsindustrie lassen wir einmal unerwähnt. Und Kästners ➱Gedicht Sogenannte Klassefrauen möchte ich lieber auch nicht erwähnen.

Modemarken hängen heute an Namen von Personen und leben von gigantischen Werbeetats. Die nur deshalb so gigantisch sind, weil der Kunde letztlich nicht das Produkt, sondern die Werbung bezahlt. Wahrscheinlich hätte ein publikumsscheuer Mann wie Christian Dior heute weniger Chancen als, sagen wir es ruhig, Wolfgang Joop oder Harald Glööckler. Der Graf Hubert de Givenchy und der Captain Edward Molyneux konnten sich weltgewandt durch alle Schichten der Gesellschaft bewegen. Und das mit Stil. Der fehlt nun allerdings den Herren Joop und Glööckler.

Und ob Jil Sander wirklich Stil hat, da bin ich nicht so sicher. Aber vielleicht bin ich nicht der problembewusste Mensch von heute, der ihre Sachen, diese refined Qualitäten mit spirit eben auch appreciaten kann. Ich habe wohl keinen Sinn für das effortless, das magic ihres Stils. Wenn ich dazu mal eben meine Lieblingskolumnistin zitieren darf: there is a cult of luxurious simplicity which is often mistaken for style, but this is only a sophisticated level of good taste. The woman who extols perfectly plain white silk shirts and perfectly plain black cashmere pants and who expresses utter loathing for frills and ruffles almost never has real style. Her kind of simplicity is costly, and it is usually timid. Dieses schlichte Teil ist übrigens nicht von Jil Sander, sondern von der Frau, die das kleine Blaue für Meike Winnemuth entworfen hat.

Heute sieht Stil anders aus, als in der Welt der Herzogin von Guermantes oder des Grafen de Givenchy. Heute sieht das so aus wie auf den Photos dieser Hochglanzpostilllen, die das Schmerzhafteste beim Zahnarztbesuch sind. Marie-Luise Steinbauer, die mal Mannequin war und später für den Otto Versand designte, ist ja glücklicherweise längst Geschichte.

Das hier ist Marie-Louise mit einem Herrn, den ich eigentlich vermeiden wollte (obwohl er ➱hier einen Post hat. Und abertausende den Post ➱Jogginghosen gelesen haben). Frauke Ludowig hält sich erstaunlicherweise noch im TV. Und immer wieder tauchen in den Privatsendern Shopping Queens, B-Promi Tussis und Ex-Playmates auf, die alle etwas über Mode zu sagen haben. Ich nehme an, dass diese modische Dschungelcamp Sendung Shopping Queen mit dem Modedesigner, von dem ich glücklicherweise noch nie gehört habe, eigentlich Satire ist. Ich hoffe es jedenfalls.

Daß es Moden unter den Menschen giebt, ist eine Folge ihrer geselligen Natur. Sie wollen einander gleichförmig seyn: weil sie miteinander verbunden seyn wollen. Jede in die Augen fallende Unähnlichkeit in Kleidung, Wohnung und Lebensart, ist ein Abstand, der die Zuneigung verhindert, und der vertraulichen Mitteilung der Ideen im Wege steht. – Wenn Menschen einander einmal so nahe sind, daß sie mit einander gemeinschaftlich handeln, oder sich in Gesellschaft miteinander vergnügen: so ist es eben so wohl eine natürliche Folge ihrer Gesinnung gegeneinander, als eine unwillkührliche Wirkung ihres Beisammenseyns, daß sie einander ähnlich zu werden streben. Und diese Gleichförmigkeit, wenn sie in einer Gesellschaft einmal erreicht ist, wird für jedes neue Glied, das in dieselbe aufgenommen, werden oder in ihr mit Ehren und Vergnügen auftreten will, eine Regel.

Daher hat es Moden unter den Menschen gegeben, solange Menschen existiren. Es giebt deren unter den Wilden. Die Einschnitte, die sie sich in die Haut machen, und die Farben, mit welchen sie sie einreiben, sind in jeder Völkerschaft, und oft in vielen Völkerschaften auf einem großen Erdstriche, gleichförmig. Wie viele und wie bestimmte Moden in den Verzierungen ihrer Personen und Häuser sowohl, als in den Ausdrücken ihrer Höflichkeit finden wir nicht bey den Homerischen Helden! 

So wie sich die Stände voneinander absondern, und sich die große bürgerliche Gesellschaft gleichsam in mehrere kleine trennt, die nur als Corpora miteinander verbunden bleiben, ohne daß die Individuen, woraus sie bestehn, sich wechselsweise sehr nahe kämen: so trennen und vervielfältigen sich auch die Moden. Ja sie werden eben so gut Mittel der Absonderung, als der Vereinigung. Der gemeinschaftliche Ehrgeiz Vieler sucht sich ebensosehr durch ein ähnliches Aeußeres von denen, die unter ihnen sind, zu unterscheiden, als die Zuneigung und Vertraulichkeit derer, die sich einander für gleich halten, sie bewegt, alle Unterschiede so viel, als möglich, zu vermeiden.

Seit der Aufklärung, in der auch die ersten Modezeitungen das Licht der Welt erblickten, ist über Mode geschrieben worden (der Text da oben ist von ➱Christian Garve aus dem Jahre 1792). Considering our present advanced state of culture, and how the Torch of Science has now been brandished and borne about, with more or less effect, for five thousand years and upwards; how, in these times especially, not only the Torch still burns, and perhaps more fiercely than ever, but innumerable Rushlights, and Sulphur-matches, kindled thereat, are also glancing in every direction, so that not the smallest cranny or dog-hole in Nature or Art can remain unilluminated,—it might strike the reflective mind with some surprise that hitherto little or nothing of a fundamental character, whether in the way of Philosophy or History, has been written on the subject of Clothes.

Carlyles Satz, it might strike the reflective mind with some surprise that hitherto little or nothing of a fundamental character, whether in the way of Philosophy or History, has been written on the subject of Clothes, hat heute immer noch seine Bedeutung, obgleich sich seit den Tagen von ➱Sartor Resartus einiges geändert hat. Philosophen haben immer wieder über die Mode geschrieben, Carlyle und ➱Simmel sind nicht die einzigen. Glücklicherweise halten sich die beiden größten deutschen philosophischen Schwergewichte, ➱Thea Dorn und ➱Richard David Precht, im Augenblick noch zurück. Aber wir brauchen sie nicht, wir haben ja Barbara Vinken.

Die ist zwar keine Kunst- oder Kostümhistorikerin wie Aileen RibeiroErika Thiel oder Ingrid Loschek, und sie hat auch eigentlich von Mode keine Ahnung, aber die Romanistikprofessorin hat das modische Theorievokabular voll drauf. Da ist mir der promovierte Journalist Ulf Poschard lieber, den kann man wenigstens lesen. Weil er auch witzig ist. Seit es keine Haute Couture und keine wirkliche Mode mehr gibt, gibt es erstaunlicherweise eine anwachsende Zahl von Publikationen. Philosophen, Soziologen, Kunsthistoriker und Psychologen machen sich über die Mode her, am liebsten nicht über die substantiellen Dinge wie Knöpfe – wie es Lucien Febvre vorschwebte – sondern über ➱Modetheorie. Die meisten Autoren können zwar keinen Knopf annähen und kein Streichgarn vom Kammgarn unterscheiden, aber Theorie können sie alle.

Wir nehmen für das Ende der Mode, in der es modische Autoritäten gibt, einmal das Jahr 1970, auf jeden Fall tut das meine Lieblingskolumnistin: By chance, I took over the “Feminine Fashions” column of The New Yorker at the very moment that feminine fashions ceased to count. Women’s refusal to lengthen their hemlines in 1970 may not have been the grand gesture of feminist independence that some chose to claim, but it is a convenient watershed in the history of fashion. After that, there was no longer any unabashedly accepted, universal fashion authority, and no real point in reporting the latest word of fashion news each season.

Das schreibt eine Oxford Absolventin namens Kennedy Fraser, die es nach Amerika verschlagen hat. Wo sie gleich von William Shawn, dem Herausgeber des New Yorker, entdeckt wurde. Der besaß die Gabe, wirkliche Talente frühzeitig aufzuspüren und zu fördern, ➱J.D. Salinger hat ihn immer dankbar bewundert. Auf dem Buchrücken von Kennedy Frasers The Fashionable Mind steht der Satz: Here, in thirty-four elegant essays, all originally appearing in the ‚New Yorker‘, is fashion made interesting – not the hype of Fashion Avenue, but the acutely intelligent and independent obervations of a civilized mind. Man wünschte sich, dass man so etwas über mehr Modebücher sagen könnte.

Als Meike Winnemuth nach 365 Tagen ihr Experiment beendete, hat sie einmal Revision im Kleiderschrank gemacht. Und Teile ausgesondert. Und so findet sich in ihrem ➱Blog dieses Bild mit dem Eintrag: 26.10.2010 Was? Kleid von COS, Größe 44 (kein Schreibfehler. Ich trage alles zwischen 36 und 44, mir doch egal), ungetragen. Warum? Tragische Farbe für mich. Wohin? An Angie. Ich nehme mal an, dass das Angie Merkel sein soll. Das modische Leitbild vieler deutschen Frauen. Da mache ich lieber erst einmal Schluss.

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