Man wohnt da schon recht luxuriös in der Villa des Conte Ermenegildo Zegna in Trivero. Es ist kein neu gekaufter Reichtum, keine Inszenierung, so wie Ralph Lauren aus der Bronx sich heute inszeniert. Die Zegnas sind schon lange im Geschäft. Und der Grafentitel, den ich eben mit dem Namen Ermenegildo Zegna verbunden habe, ist echt. Ist allerdings kein alter Adel, der König Viktor Emanuel III hatte den Unternehmer in den dreißiger Jahren zum Grafen von Monte Rubello gemacht. Klingt ein bisschen so wie der Graf von Monte Christo.

Der Vorschlag zur Ernennung war von Mussolini ausgegangen, dem bei einem Fabrikbesuch in Trivero das Ganze wohl wie ein Musterbetrieb seiner neuen Gesellschaft vorgekommen sein muss. Kaum ein Ort in Italien besitzt all diese Segnungen der Moderne, die Trivero vorweisen kann. Ermenegildo Zegna war von dem Besuch nicht so begeistert, er meldete sich krank, sein Bruder Mario empfing den Duce. Das auf dem Bild hier ist Ermenegildo Zegna, auch wenn er ein bisschen wie Mussolini aussieht.

Ermenegildo Zegna erschien beim Besuch des Duce aber am Fenster der Villa,  per vedere il grande Visitatore, almeno da lontano. Und entbot ihm mit geschwächter Hand den römischen Gruß: la pallida mano levata nel saluto romano, wie es so schön in einer regierungsnahen Zeitung heißt. Mussolini trug bei dem Besuch in Trivero natürlich seine fesche schwarze Uniform, deren Stoff bestimmt nicht von Zegna stammte.

Ermenegildos Sohn Dr Angelo Zegna kann sich Jahrzehnte später im Gespräch mit Lillian Ross vom New Yorker (die schon in den Posts ➱Hem und ➱Moby-Dick erwähnt wird) noch an den Duce erinnern: When I was a boy, Mussolini made us to have discipline, to do exercise, to make our bodies strong,” he continued. “But our models for the suits were the English. Mussolini wore the heavy, thick suits, not like the English. We did not like the fabric of Mussolini.” He rubbed his thumb against his forefinger. “His suits were—how you say it? Coarse.”

Nein, die Welt des italienischen Faschismus ist nicht die Welt der Zegnas (die eher so wie die von Anna Zegna in der Villa Zegna aussieht), man denkt über Italien hinaus. Zegna, der schon 1935 zum Cavaliere del lavoro ernannt worden war, ist ein Vorbild für andere imprenditori. Die erfolgreichsten italienischen Unternehmen sitzen meist im Norden, da denkt man nicht so sehr an das dolce far niente.

Beinahe alle italienischen Weber haben ihren Firmensitz im Norden Italiens. Ob sie nun Guabello (1815), Marzotto (1836), Cerruti (1881), E. Thomas (1922), Fratelli Tallia del Delfino (1903), Ermenegildo Zegna (1910), Loro Piana (1924), Carlo Barbera (1950) oder Zignone (1968) heißen, ich habe die beliebig ausgesuchten Firmennamen nach dem Gründungsdatum der Weberei geordnet. Es kam die Tuchfabrik von Zegna hart an, als im faschistischen Italien die Wolle knapp wurde, weil Wollimporte eingeschränkt wurden. Also stellte Zegna Raiontex her und betonte in der Werbung die Autarkiebestrebungen.

Ermenegildo Zegna ist ein Vorzeigeunternehmer in mehrfacher Hinsicht. Monsù Gildo, wie man ihn liebevoll nennt, denkt voraus. Über den Faschismus hinaus. Zegna bezieht nicht nur eine Villa (hier die Casa Zegna), die der Architekt Otto Maraini ihm gebaut hat. Er baut auch Fabriken für die tausend Beschäftigten, die Zegna in den dreißiger Jahren hat, es gibt auch Fußballplätze, Tennisplätze und eine Sporthalle. Den Bocciaplatz wollen wir nicht vergessen. Eine ➱Cooperativa di Consumo sorgt von Bäckerei bis Drogerie für alles, was man braucht.

Und es gibt ein öffentliches Schwimmbad im schönen kalten modernistischen Stil der dreißiger Jahre. Zegna wird auch eine Bibliothek bauen lassen. Und einen Theatersaal, der gleichzeitig als Kino fungiert. Und ein Krankenhaus mit Schwesternschule. Es gibt auch Omnibusse, mit denen die Arbeiter aus entlegenen Ortschaften nach Trivero kommen können. Und dann ist da noch die vierzehn Kilometer lange Straße, die ➱Panoramica Zegna, von Trivera nach Bielmonte. Die wurde von der damaligen Politik gefeiert als opera veramente romana, ferner heißt es es über den Aufwand è costata ai benemeriti industriali fratelli Zegna un milione e mezzo di lire.

Die Straße ist heute bei Zweiradfahrern beliebt, sie führt durch ein hundert Quadratkilometer großes Naturschutzgebiet, die Oasi Zegna. Lange bevor eine Partei wie die Grünen für den Schutz der Umwelt eintritt, macht ein Unternehmer in Italien Ernst mit dem Naturschutz. Das ist eine erstaunliche Sache. Monsù Gildo ist nicht nur Unternehmer, er ist auch Philantroph. Nach dem Krieg wird er die Sommersitze oben auf dem Monte Rubello als ➱Sommercamps für die Kinder seiner Arbeiter zur Verfügung stellen. Letztlich übernimmt er für seine Fabriken jenes paternalistische Modell, das aus dem 19. Jahrhundert stammt. All dies soll eine große Familie sein.

Man kann das paternalistische Modell kritisieren, da fehlt es nicht an Stimmen. Aber wenn man einmal einen Blick auf den deutschen Unternehmer und Sozialreformer Ernst Abbe (dessen Eintrag in der Deutschen Biographie ➱Theodor Heuss schrieb) wirft, der in seinem Unternehmen für eine betriebliche Sozialstruktur sorgt und Pensionen, Krankenversicherung und den Acht Stunden Tag einführt, lange bevor das alles Gesetz wird, dann hat dieses System auch Vorzüge.

Es hat Ähnliches auch schon in der Textilindustrie gegeben. Und da muss ich Sie jetzt mal eben nach England entführen. Nach Yorkshire, wo Huddersfield und Bradford die Hochburgen der Weber sind. In T.S. Eliots Gedicht The Waste Land finden sich die Zeilen One of the low on whom assurance sits As a silk hat on a Bradford millionaire. Das mit dem seidenen Zylinder als Symbol für Reichtum hat wohl jeder Leser verstanden. Man kann allerdings noch die Frage stellen: Hat Eliot einen Bradford millionaire gekannt? Und da finden wir eine erstaunliche Antwort: er kennt den Baronet ➱Sir James Roberts, den Besitzer der Weberei, die Sir Titus Salt gegründet hatte. Roberts hat ein Vermögen durch die Revolution in Rußland verloren und hofft auf Rekompensation durch die englische Regierung. Deshalb ist er häufig in der Bank, in der T.S. Eliot damals arbeitet.

Das hier ist die Fabrik von Sir Titus Salt. Gemalt von David Hockney. Der kommt auch aus Bradford. Als man die Fabrik eines Tages nicht mehr brauchte, hat man Teile von ihr zu einer ➱Kunstgalerie gemacht, und da hat David Hockney einen ganzen Flügel für seine Werke bekommen. Titus Salt baut nicht nur eine Fabrik bei Bradford, er baut einen ganzen Ort für seine dreitausend Arbeiter, den er Saltaire nennt. Ein Kompositum aus seinem Namen und dem Fluss Aire (eine Weberei braucht viel Wasser). Es ist eine viktorianische Mustersiedlung, die heute Weltkulturerbe ist. Alles ist nach den modernsten Grundsätzen geplant. Eine Kirche gibt es natürlich auch. Aber keine Kneipe, die ist im Bauplan nicht vorgesehen.

Es sind nicht nur die modernen Wohnhäuser – im Gegensatz zu Saltaire sind große Teile von Bradford damals ein Slum –  es gibt auch eine Vielzahl von Gemeinschaftseinrichtungen, eine Schule und einen Park. Mit einer strengen Parkordnung: No person is allowed to enter or remain there, in a state of intoxication. No intoxicating drinks are to be consumed there. No profane or indecent language, gambling, or pitch and toss, are allowed; nor any meeting for the purpose of making religious or political demonstrations, without special permission.

Heute wird in dem Park ➱Cricket gespielt. Das durfte man in den Tagen von Sir Titus auch schon. Körperliche Ertüchtigung seiner Arbeiter lag ihm am Herzen. Und alles, was sie vom Suff abhielt: Outdoor recreational facilities would… help keep them away from the demon drink, which he saw as the root of all society’s ills, heißt es so schön auf der Seite des Victorian Web. Natürlich gibt es eine ➱Werkskantine, ein Krankenhaus, Wasch- und Badehäuser. Und dann noch ein Armenhaus (offensichtlich braucht man das selbst in Saltaire), Kleingärten und ein Bildungsinstitut mit Bibliothek, Leseraum, Konzertsaal und Gymnastikraum. Am Leeds and Liverpool Canal werden ein Bootshaus am Park (heute eine Gaststätte) und ein kleiner Hafen für die Fabrik errichtet.

Es gibt heute einen Pub in Saltaire, der don’t tell Titus heißt, das ist sehr witzig. Sir Titus wollte den Pub nicht, weil er als nonconformist Sympathien für die Temperenzler hatte. Und weil er fürchtete, dass sich in der Kneipe gewerkschaftliche Elemente breitmachen. Gewerkschaften will er nicht, alle sozialen Leistungen sollen von ihm kommen, nicht von der Gewerkschaft. Deshalb war der ehemalige Bürgermeister von Bradford, der seine sozialreformerischen Pläne gegen die Fabrikherren dort nicht durchsetzen konnte, nach Saltaire ausgewichen.

Die Herstellung von Stoffen ist, das soll man nicht verschweigen, auch eine Geschichte der Arbeitskämpfe. Die mit der Niederschlagung der Luddites nicht aufgehört hat (es ist ja kein Zufall, dass Gerhart Hauptmann ein Theaterstück mit dem Titel Die Weber geschrieben hat), ich lasse das hier einmal aus. Und verweise stattdessen auf die sehr interessante Arbeit Deutsche und englische Gewerkschaften von Christiane Eisenberg, die eine Vielzahl von Beispielen aus der englischen Textilindustrie enthält. Aber noch ist die englische Wollindustrie im 19. Jahrhundert eine success story. Bilder wie dieses von einer verlassenen Fabrik wird man erst im 20. Jahrhundert finden.

Den Lesern von Emily und Charlotte Brontë wird das hier bekannt vorkommen, es ist das Pfarrhaus von Haworth. Dass es heute so gut erhalten ist, verdankt die Nation Sir James Roberts. Er hatte das heruntergekommene Gebäude gekauft und es 1928 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Auch wenn er viel Geld im Russlandgeschäft verloren hatte, seine Wohltaten hören nicht auf. Der Universität Leeds hat der Mann, der fließend Russisch sprach, eine Professur für Russisch finanziert. In meinem Blog gibt es leider bisher zu wenig über die Brontës (sie werden bei ➱Arno Schmidt und in dem Post ➱Jean Rhys erwähnt), ich hoffe, dass sich das noch einmal ändert.

Der Vater von Ermenegildo Zegna war Uhrmacher gewesen, bevor er Weber wurde. Im Firmenarchiv hat man noch eine von ihm signierte Taschenuhr, uhrmacherisch nichts besonderes. Noch nicht einmal ein Ankerwerk, sie hat noch eine Zylinderhemmung. Man hat die Uhr zu Werbezwecken im Jahre 2010 hervorgeholt, als die Firma Ermenegildo Zegna hundert Jahre alt wurde und man mit der Kollektion Monterubello eine Uhrenlinie präsentierte (die von Girard-Perregaux hergestellt wurde).

Die Webereien von Yorkshire waren für den jungen Ermenegildo Zegna das große Vorbild, als er 1910 in die kleine Weberei seines Vaters eintritt. Er will mehr als die vier Webstühle, die sein Vater sein eigen nennt. Und er will neue Webstühle, solche, wie sie die Engländer haben. Er will nicht nur Wolle weben, er will Spitzenqualitäten weben, so wie sie Wain Shiell in Huddersfield produziert (Luciano Barbera berichtet genau das gleiche über seinen ➱Vater). Er bestellt sich Webstühle bei Prince-Smith & Stells in Keighley, deren Besitzer ist gerade zum Baronet geadelt worden war. Der Erste Weltkrieg unterbricht erst einmal Zegnas Laufbahn, da ist er Soldat.

Nach dem Krieg ist er in England gewesen und hat sich die Tuchfabriken in Bradford und Huddersfield genau angesehen. Am Anfang der zwanziger Jahre (nach dem Tode des Vaters) legt er richtig los, er baut mit seinen Brüdern ein kleines ➱Imperium auf. Eine italienische Werbeanzeige des textilen Großhandelsverbandes ADAM (an dem Zegna die Aktienmehrheit hat) aus dem Jahre 1935 macht auch graphisch klar, was man will. Da zerschneidet in schöner Symbolik ein italienisches Schwert eine Kette, auf deren Gliedern wir Made in England lesen können. Die Zegnas werden bis zum heutigen Tag ein ➱Familienunternehmen bleiben, ihnen redet niemand in die Geschäfte hinein. 1941 hat sich die Lanificio Mario Zegna vom Hauptbetrieb abgespalten, 1947 hat man sich in einem Abkommen über die Namensrechte geeinigt. Aber es gibt immer wieder Streitigkeiten, davon können Sie sich überzeugen, wenn Sie dieses amerikanische ➱Urteil lesen.

Geschäftstüchtig sind sie, diese Zegnas (hier das schöne Wappen der Grafen Zegna). Sie steigen auf, die Qualität, die die Engländer produzieren, haben sie schnell erreicht. In den dreißiger Jahren beliefern sie schon den amerikanischen Markt mit ihren Stoffen, dafür war der Firmenchef extra mit dem Schiff nach Amerika gereist. Exporte sieht Benito Mussolini gerne, er hatte ja in den dreißiger Jahren eine Behörde für italienische Mode (Ente nazionale per la moda) in Turin einrichten lassen, Turin sollte die Stadt der Mode werden. Aber nach dem Zweiten Weltkrieg verliert Turin seinen Platz als italienische Modemetropole. Den Zegnas ist das egal, sie exportieren jetzt  Anzugstoffe in vierzig Länder, auch ohne die Protektion des Ente nazionale per la moda. Der ganze Erfolg beruht wohlgemerkt auf Stoffen, in der Herrenkonfektion sind die Zegnas noch nicht tätig. Das wird Monsù Gildo, der 1966 stirbt, nicht mehr erleben.

Für den Aufstieg Turins wurde damals an nichts gespart. Das dokumentiert sich in der kalten modernistischen ➱Architektur, die der italienische Faschismus im Land hinterlassen wird. Das hier wurde für die Modemesse (➱dies sollten Sie unbedingt anklicken) Mostra Nazionale della Moda in Turin gebaut. Viele italienische Filmregisseure der Nachkriegszeit wie Fellini oder ➱Antonioni werden diese Architektur in ihre Filme einbeziehen. So wie sie die italienische Mode in ihre Filme einbeziehen. Das hatte schon in den dreißiger Jahren angefangen. Das Regime wünschte, dass die Filmindustrie ihren Teil zur Propagierung des Made in Italy beitrüge, indem sie italienische Mode ins Bild setzte.

Wenn man so will, beginnt hier das product placement. Ein ➱Film wie La contessa di Parma (eine Geschichte um ein Turiner Mannequin) wurde wohl nur deshalb gedreht, damit man viel italienische Mode zeigen konnte. Heute dreht Zegna selbst ➱Filme, aber dazu sage ich lieber nichts. Die Italiener reden ungern über die dreißiger Jahre, über Mode und Faschismus. Aber seit einigen Jahren gibt es da ein interessantes Buch Una giornata moderna: Moda e stili nell’Italia fascista, das ist schon einmal ein Anfang. In Deutschland möchte man diese Zeit auch am liebsten vergessen lassen, es hat lange gedauert, bis Uwe Westphals Buch Berliner Konfektion und Mode 1836-1939: Die Zerstörung einer Tradition erschien.

In einem Herrenjournal aus dem Jahre 1962 leistet sich Zegna ganz bescheiden eine halbe Seite für eine Anzeige mit dem Text: Es ist Tradition der besten italienischen Familien, mit Stoffen von Ermenegildo Zegna gekleidet zu sein (man kann alle Werbekampagnen der Firma ➱hier anklicken). Gledhill aus Huddersfield haben dagegen (wie viele englische Firmen im selben Heft – es ist eine Art Schwanengesang der Engländer) eine ganzseitige Anzeige. Drei Jahre später sind sie pleite. Man kann mehr dazu in diesem ➱Blog oder in dem Buch von Vivien Teasdale, Huddersfield Mills: A Textile Heritage, lesen.

Mit Bradford und Huddersfield ist es seitdem ständig bergab gegangen. Man hat heute noch Industriemuseen, aber wenige Weber. Das stolze Unternehmen Wain Shiell (1807 gegründet) ist mittlerweile von Scabal gekauft worden. Dieses Bild muss ich mal eben bringen, ich habe es 1957 in dem holländischen Magazin Sir: Men’s International Fashion Journal gesehen. Ich fand das Jackett damals rattenscharf. Ist es irgendwie auch heute noch. Der Stoff dieses von Hawes & Curtis geschneiderten ➱Jacketts stammte natürlich von Wain Shiell. Stand dabei, habe ich nicht vergessen.

Geschickte Verhandlungen mit den Australiern sorgen für beste Wollqualitäten. Ein goldenes Woolmark Zeichen in den Jacketts wird das eines Tages demonstrieren. Die Zegnas (hier Paolo, Angelo und sein Sohn Gildo) kaufen weltweit nur das Beste, da müssen sich die Schafzüchter schon anstregen, um zu Zegnas Lieferanten zu gehören. Und sie haben auch bei den Haaren der Kaschmirziege die Nase vorn. Heute möchten die Chinesen, die den Weltmarkt mit billigem Kaschmir überschwemmen, gerne selbst alles übernehmen, aber die Zegnas haben schon vor Jahrzehnten ihre persönlichen Beziehungen zu den Besitzern der Ziegenherden ausgebaut. Haben ihnen bei der Infrastruktur geholfen und verleihen die begehrte Zegna Trophy.

Die hier gerade von einem Zegna verliehen wird. Es ist nett, dass die Ziege auch mit aufs Bild durfte. In der Inneren Mongolei macht die gewachsene Freundschaft mit den Fremden aus Italien mehr aus als der Besuch der Funktionäre aus Peking. Und so hat die chinesische Führung den Zegnas bisher nicht viel dreinreden können. Für die Kaschmirproduktion zahlt es sich natürlich aus, wenn man gutes Wasser vor der Haustür hat. Und da Trivero höher liegt als die Tuchfabriken von Biella, bekommt man hier auch das sauberste Wasser des Strona di Mosso.

In Italien wird dann aus den Ziegenhaaren nicht nur Kaschmirstoff gewebt, es gibt auch seit 1993 Mischungen von Baumwolle mit Cashmere (Cashco) oder ein Gewebe aus Kaschmir, südafrikanischem Mohair und australischer Merinowolle (Shetlair). Sie finden ➱hier eine Übersicht der verschiedenen Stoffe, die Zegna anbietet. Erfindungsreich sind die italienischen Weber immer gewesen. Deshalb sind sie auch ganz oben. Da oben, wo einst die Engländer waren. Von den deutschen Webern mit ihrer Hochburg Aachen redet niemand mehr. Die Firma Becker in Aachen, die einst international mithalten konnte, ist nur noch ein Schatten ihrer selbst.

Ende der sechziger Jahre bauen die Zegnas eine Fabrik in Novara und stellen 1968 ihre erste Kollektion von Ärmelteilen (lachen Sie jetzt nicht, das ist ein Fachbegriff) und Hosen vor, die sie in den siebziger Jahren immer weiter ausbauen. Dann kommt mit dem servizio Su Misura auch noch die Maßkonfektion hinzu (zur Maßkonfektion gibt es ➱hier einen ausführlichen Post). Und man beliefert auch Firmen wie Romeo Gigli, Dunhill, Versace, Aquascutum, Givenchy und Antonio Miro, die einen großen Namen, aber keine Herstellungsstätten haben. Viele von denen haben inzwischen andere Hersteller gefunden, aber Gucci und Tom Ford sind augenblicklich noch Zegnas Kunden. Die Konfektion macht heute beinahe die Hälfte des Jahresumsatzes aus. Zegna muss dafür auch schon Stoffe von anderen Tuchfabriken zukaufen, ihre Stoffproduktion erbringt nur noch fünfzehn Prozent des Umsatzes.

Zegna war nicht der einzige Weber, der plötzlich seine Stoffe zu Herrenkonfektion in eigener Regie verarbeitete. Auch Cerruti und Marzotto (denen heute Boss gehört) stiegen in das Geschäft ein. ➱Luciano Barbera, der Sohn des Firmengründers Carlo Barbera, hatte auch eine sehr englisch angehauchte Linie, was sicher auch daran lag, dass der Vater den Sohn einst zur Lehre nach Yorkshire geschickt hatte (Sie können ➱hier Luciano Barbera über die Geschichte der Firma lesen). Die Carlo Barbera Weberei gehört inzwischen Kiton, die auf diese Weise an die besten italienischen Stoffe kommen. Luciano Barbera bot auch eine Linie für Damen an, etwas, was die Zegnas lange zögern ließ. Als sie 1999 die Firma Agnona kauften, war das aber der erste Schritt dahin.

Firmen lieben es, wenn Schauspieler ihre Klamotten tragen. Hier tut es Willem Dafoe für Zegna. In der Serie Navy CIS trägt der Special Agent Tony DiNozzo immer Zegna. Sogar Zegna Schuhe. Wer macht so etwas? Es gibt irgendwann einen netten Dialog zwischen ihm und seinem Chef Jethro Gibbs: Gibbs: DiNozzo, I don’t care. I don’t care, if he’s wearing Armani, or Prada, or Urma something Zenga – Get his ass in here! Tony: It’s [perfect Italian pronunciation] Ermenegildo Zegna, boss. Just so you know. Fällt das schon unter product placement? Es zeigen sich neuerdings viele jüngere Schauspieler in Zegna Anzügen. Ich nehme an, dass sie die nichts zu bezahlen brauchen.

Tony DiNozzo ist ein Opfer des Wahns der fashion victims, die glauben, dass man alles von einer Marke tragen müsste. Ist Unsinn. Es lohnt sich zum Beispiel nicht, Zegna Hemden zu kaufen (das gilt aber für Luciano Barbera Hemden genauso). Und zu den Schuhen Zegnas ist zu sagen, dass sie seit 2002 von Ferragamo in einem Joint Venture namens ZeFer gemacht werden. Wer die Schuhe der Zegna Couture Linie macht, ist allerdings nicht klar. Dies hier ist einer davon, künstlich auf alt gemacht. So etwas kostet in den USA mehr als tausend Dollar, mir war der Spaß bei ebay 28,50 € wert.

Bei Hans Carl Capelle (genannt Kelly) löste in seinem Laden ➱Kelly’s in Kiel die Marke Ermenegildo Zegna irgendwann das bisherige Angebot von ➱Windsor ab, daneben gab es aber auch Caruso und ➱Daks (die damals noch sehr stark waren). Und für die Freunde des irischen Tweeds natürlich Magee. Zegna, die in den neunziger Jahren eine viel höhere Qualität hatten als heute (damals wurden bei einem Glencheckanzug noch die Karos angepasst, das gibt es heute nicht mehr), ist lange bei Kelly’s im Angebot geblieben. Bei anderen deutschen Herrenausstattern, die wie Kelly’s die Marke Zegna groß gemacht hatten, auch. Dreißig Jahre hatten Möller & Schaar in Frankfurt die Italiener aufgepäppelt, dann eröffnete Zegna schräg gegenüber einen eigenen Laden.

Das Gleiche passierte in Hannover bei H.B. Möller (wo Schröder Zegna kaufte, bevor er zu ➱Brioni wechselte), ich zitiere einmal die Textil Mitteilungen aus dem Jahre 1999: Zum Kreis der Lieferanten gehörte bis vor kurzem auch noch Zegna. Doch die Wege haben sich getrennt. Die Italiener eröffnen einen Steinwurf entfernt demnächst einen eigenen Laden. Möller ficht das offenbar nicht übermäßig an. Er hat die Trennung selbst gewollt. ‚Sie dürfen sich nicht zum Opfer machen. Sonst sind Sie ein Angestellter vergleichbar denen an der nächsten Aral-Tankstelle.‘ H.B. Möller soll als Laden Marke sein. ‚Wenn morgen so eine Fabrik abbrennt, was mache ich dann?‘ Die Nachfolge Zegnas scheint inzwischen auch geklärt. Sie wird wohl Baldessarini heißen. Baldessarini (die ➱hier einen Post haben) bedeutete Caruso, und das war sicherlich eine gute Wahl. Die scheinen für diese Zegna Shops immer den selben Innenarchitekten zu haben, das ist bei McDonald’s und H&M ja nicht anders. Es ist ja immer die gleiche Geschichte, die Kleinen machen die Großen groß. Und dann eröffnen die nebenan einen eigenen Laden.

Oder gehen zu den Filialisten. Das will Zegna auch: Ermenegildo Zegna macht keinen Hehl aus der Absicht, künftig verstärkt über selbst kontrollierte Flächen und Shops bei Filialisten wachsen zu wollen. ‚Wir müssen ein klares Bild der Marke durchsetzen. Mit Kunden, die zu sehr aus der Kollektion picken, wird das nicht gehen‘, betont Deutschland-Geschäftsführer Peter Mohrmann. Der Handel hat nichts gegen Marken, er will sie aber selbst führen, schreiben die TM im Jahre 2004. Kleine Herrenausstatter sehen es nicht so gerne, wenn Zegna plötzlich in ihrem Laden, der sein eigenes Flair hat, einen Shop im Shop einrichten will. Und die Belieferung und den su misura Service damit verknüpft.

Zegna schreckt selbst vor einer Kooperation mit Boss nicht zurück, wenn man einen Shop im Flughafen München bekommt. Wie man den erreicht, erklärt Ihnen mal eben Edmund Stoiber: Wenn Sie vom Hauptbahnhof in München … mit zehn Minuten, ohne, dass Sie am Flughafen noch einchecken müssen, dann starten Sie im Grunde genommen am Flughafen … am … am Hauptbahnhof in München starten Sie Ihren Flug. Zehn Minuten. Schauen Sie sich mal die großen Flughäfen an, wenn Sie in Heathrow in London oder sonst wo, meine sehr … äh, Charles de Gaulle in Frankreich oder in … in … in Rom.

Zegna ist immer größer geworden, sie haben rund ums Mittelmeer alle Fabriken aufgekauft, deren sie habhaft werden konnten. Jetzt kontrollieren Sie ein Drittel des Luxusmarktes (so schätzt man). Aber um welchen Preis? Sie haben jetzt ein Zegna Outlet im Designer Outlet Neumünster. Tiefer kann man nicht fallen. Die Qualität ist nicht mehr die gleiche. Nur noch in der höchsten Stufe der Produkte findet sich die Qualität, die vor dreißig Jahren die Norm war. Natürlich hat auch die Werbung zugenommen, eine ganze Seite in der Zeit oder der Süddeutschen ist keine Seltenheit. Vor dreißig Jahren waren das mal gerade eine Doppelseite in einem italienischen L’Uomo Vogue Heft, das eh nur vom Fachhandel gelesen wurde.

In meinem Kleiderschrank war früher viel Zegna. Konnte bei den netten Angeboten, die Kelly mir immer machte, nicht ausbleiben. Heute ist da etwas weniger Zegna. Wenn man den Verlockungen von Second Hand Läden (lesen Sie doch einmal den Post ➱preloved) nicht widerstehen kann und die Angebote von ebay richtig zu lesen versteht, dann trägt man lieber Caruso, Brioni oder Kiton (und wie sie alle heißen). Wenn man für 39 Euro bei ebay ein nagelneues Attolini Jackett aus Kaschmir ersteigert, dann kann man über die Preise von Zegna nur müde lächeln. So wie dieser Herr aus der Zegna Werbekampagne von 1988.

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