Am 29. Januar 1936 hatte Benito Mussolini den Grundstein für die römische Filmstadt Cinecittà gelegt. In den fünfziger Jahren bekam sie den Beinamen Hollywood on the Tiber. Die Amerikaner hatten entdeckt, dass man dort billiger als in Amerika Filme drehen konnte. Der hübsche kleine Film Roman Holiday (Ein Herz und eine Krone) wurde zum Beispiel hier gedreht. Das Filmgeschäft brachte viele Amerikaner nach Rom. Was sich für die gerade gegründete Firma Brioni (die sich nach der Insel benannte, die in den dreißiger Jahren das Zentrum des internationalen Jet Sets war) auszahlte. Sie können ➱hier mehr zur Geschichte der Firma lesen. Gregory Peck war aber nicht deren Kunde, der ließ sich seine Anzüge bei ➱Huntsman in der Savile Row machen. Und Audrey Hepburn vertraute natürlich dem Grafen ➱Hubert de Givenchy in Paris, kaufte aber ihre berühmten Ballerinas bei Salvatore Ferragamo.

Mussolini wusste, was das Kino bedeutete, Il cinema è l’arma più forte, hat er gesagt. Was man in den dreißiger Jahren hier in Rom dreht, sind systemstabilisierende Filme, die ein wenig den Hollywood Film der dreißiger Jahre imitierten. Man hat für diese Zeit den schönen Begriff Telefoni Bianchi gefunden, weil man in der dargestellten luxuriösen Welt immer weiße Telephone sehen konnte. Der in dem Post ➱Ermenegildo Zegna erwähnte Film La contessa di Parma ist natürlich auch ein Film mit weißen Telephonen.

Die italienischen Neorealisten haben diese Sorte Film gehasst, bei ihnen wird es keine weißen Telephone auf der Leinwand geben. Aber wer im neorealismo angefangen hat, wirft als Regisseur später durchaus wie Antonioni einen Blick auf die große Welt. Und ich habe den Verdacht, dass Anna Gobbi die lingerie von Silvana Mangano und Doris Dowling in Bitterer Reis auch nicht im Warenhaus um die Ecke gekauft hat. Noch dreht Visconti, der sich immer für Mode interessierte, Filme wie Ossessione und La Terra trema, noch ist er nicht bei den wunderbaren Kostümfilmen des Alterswerks angekommen.

Aber selbst in Rocco e i suoi fratelli hat man sehr genau auf die Mode der fünfziger Jahre geachtet. Sie können in einem Blog mit dem Namen ➱irenebrinnation mehr dazu lesen. Der Blog hat seinen Namen natürlich nach der Modejournalistin Irene Brin, die auch die italienische Mode stark mitgeprägt hat. Über sie hat Vittoria Caterina Caratozzolo vor einigen Jahren ihr interessantes Buch The Birth of Italian Look 1945-1969 geschrieben. Eins der allerbesten Bücher über die italienische Mode ist jedoch von Irene Brin selbst. Es heißt Usi e costumi (1920-1940), es hatte den deutschen Titel Morbidezza: Kleine Geschichte des Snobismus zwischen den großen Kriegen und erschien beim Rotbuch Verlag. Ja, sie haben richtig gelesen. Man bekommt es bei Amazon Marketplace ab einem Cent. Muss ich noch mehr sagen? Das Buch wurde übersetzt von Sigrid Vagt, die auch zwei Bücher von Michelangelo Antonioni übersetzt hat.

Die Filmstadt Cinecittà ist untrennbar mit dem Namen von Federico Fellini verbunden, weil der beinahe all seine Filme seit La Dolce Vita hier gedreht hat. Es ist ein klein wenig erstaunlich, dass es in diesem Blog so wenig zu Fellini gibt. ➱Michelangelo Antonioni kommt hier immer wieder vor, ➱Visconti auch. Sogar ➱Vittorio Gassman hat einen Post. Aber Federico Fellini hat keinen.

Dabei mag ich ihn. Ich habe beinahe all seine Filme gesehen, habe die meisten auf DVD, und die Drehbücher habe ich auch. Ich glaube, es wird langsam Zeit, einmal über Fellini zu schreiben. Und über Marcello Mastroianni und seine Anzüge. Und natürlich die Sonnenbrille: its never too dark to be cool. Der Italian Style, der sich seit den fünfziger Jahren in ganz Europa ausbreitet (selbst meinen kleinen Ort erreichte er, dank ➱Albert Dahle besaß ich 1960 zwei scharfe italienische Anzüge), wäre wohl nichts ohne den italienischen Film gewesen. Und was wäre er ohne die italienischen Photographen?

Womit ich nicht die neue Spezies Mensch namens Paparazzi meine. Ich habe den Photographen Federico Patellani, der viel während der Dreharbeiten photographierte, schon in den Posts ➱Vittorio Gassman und ➱Steve Cochran erwähnt (hier ist ein ➱Link zu seinem photographischen Werk). Patellani, der ein Jurastudium abgeschlossen hatte, photographiert ein klein wenig anders als die sensationsgierigen Paparazzi. Dieses Photo zum Beispiel braucht keine Interpretation, es sagt uns alles über den italienischen Mann.

Es ist eine ruhige Photographie, die bei all dem bisschen Glitzer und Glamour, den die Filmwelt nach Italien bringt, niemals vergessen lässt, dass Italien ein armes, vom Krieg gebeuteltes Land ist. Dieses Photo von Vittorio de Sica hat Patellani während der Dreharbeiten zu L’oro di Napoli gemacht. Es ist mir schleierhaft, wie Vittorio de Sica es immer schafft, so elegant auszusehen. Wenn hier heute vielleicht ein wenig viel Federico Patellani vorkommt, dann liegt das daran, dass die ➱Gabi mir vor vielen Jahren von einem Italienurlaub den Photoband Federico Pattelani: Fuori Scena mitgebracht hat.

Fellini hat dem Berufsstand der Paparazzi in La Dolce Vita ein Denkmal gesetzt. Vorbild für den Photographen Paparazzo (gespielt von Walter Santesso), den Marcello Rubini (Marcello Mastroianni) beschäftigt, ist Tazio Secchiaroli. Seinetwegen war König Faruk von Ägypten einst im Café de Paris an der Via Veneto so erbost, dass er einen Tisch umgeworfen hatte. Das verwackelte ➱Photo machte Secchiaroli reich. Und berühmt. Er beriet Fellini bei den Dreharbeiten von La dolce vita und wurde dann Filmphotograph. Und Leibphotograph von Mastroianni und Sophia Loren (Sie finden ➱hier Beispiele aus seinem Werk). Dieses Photo sieht aus wie eine Illustration zu Fellinis Satz Non c’è inizio né fine – esiste solo l’infinita passione per la vita. 

Eine andere italienische Photosammlung findet sich unter der Adresse ➱Foto Locchi. Die Kuratorin der Sammlung Erika Ghilardi hat über den italienischen Stil gesagt: Socially, Italian culture has its roots in the 30s. The grandmothers were paranoid about how you looked when you crossed the front door. Rich or poor, it was always a question of decorum. Personal decorum. It doesn’t mean elegance. It means being decent. These were the fascist ideals. When you are told things like that so many times, it changes the mentality. Ich weiß nicht, ob man dieses decorum an den Faschisten festmachen sollte. Es geht viel weiter zurück, das hat Richard Sennett in seinem Buch The Fall of Public Man gezeigt. Das Bild hier wurde bei einer Modenschau im Palazzo Pitti in Florenz im Jahre 1955 gemacht.

Der Sala Bianca des Palazzo Pitti war nicht immer der Ort der Modenschau, die erste fand 1951 bei dem Marchese Giovanni Battista Giorgini zu Hause statt. Auf der Einladungskarte stand: The aim of the evening is to give emphasis to the value of our fashion. Ladies are keenly invited to wear clothes of purely Italian inspiration. Wir sehen den Marchese hier auf einem Photo aus dem Jahre 1956 links im Bild, mit ➱Frack und weißen Handschuhen.

Es sollte nicht verschwiegen werden, dass die Einkäufer von Bergdorf Goodman (New York) und I Magnin (San Francisco) auch anwesend waren. Giorgini schließt jetzt den italienischen Couturiers die Tür zum amerikanischen Markt auf. If there were no other reason to go to Florence and Rome just when spring begins, to whisper Italian fashion would fully justify our going, wird Carmel Snow 1953 schreiben. Sie ist nicht irgendjemand, sie ist die Chefredakteurin von Harper’s Bazaar, ihr Wort hat Gewicht. Hier ein Abendkleid aus dem Atelier von Simonetta Colonna di Cesaró, 1953 in Harper’s Bazaar abgebildet.

Giorgini gestattete auch ausgesuchten Firmen, Herrenmode auf seinen Laufstegen zu zeigen. Wovon die Firma Brioni sehr profitierte. Es sind jetzt viele Aristokraten im Modegeschäft. Nicht nur Grafen von Mussolinis Gnaden wie Ermenegildo Zegna, sondern Marchesen wie Giorgini oder Emilio Pucci, Herzoginnen wie Simonetta Colonna di Cesaró und Prinzessinnen wie Giovanna Caracciolo Ginetti und Irene Galitzine. Dieses Bild stammt nicht von einer Modenschau, es ist aus Antonionis Film Le amiche, der im Turiner Modemilieu spielt (wenn Sie den Film ganz sehen wollen, klicken Sie ➱hier). An Turin, das die Faschisten zur italienischen Modemetropole ausbauen wollten, läuft die Entwicklung in den fünfziger Jahren vorbei. Florenz, Mailand und Rom werden jetzt die Metropolen der Mode.

Bei der ersten Modenschau von Giorgini waren folgende Firmen dabei: CarosaFabiani und Simonetta (von denen man ➱hier Kleider sehen kann) und Emilio Schuberth, der viele Hollywood Stars einkleidet. Und dann sind da noch Vita NoberascoGermana Marucelli (la pioniera della moda milanese) und Jole (Jolanda) Veneziani. Das Bild zeigt die Modenschau von Giorgini, bei der zum ersten Mal ein Mann auf dem Laufsteg auftaucht. Es ist Angelo Vittucci, der für Brioni arbeitet.

Die drei Fontana Schwestern, Zoë, Micol und Giovanna Fontana, nennt man liebevoll die Mütter der italienischen Mode. Wir werden sie in  Erinnerung behalten, weil sie das Kleid entwarfen, das Anita Ekberg im ➱Brunnen in La Dolce Vita trägt. Und weil sie Ava Gardner eingekleidet haben. In ihren Rollen in The Barefoot Contessa (1954), The Sun Also Rises (1957) und On the Beach (1959) trägt sie immer Fontana. Die amerikanischen Studios haben zwar zu Hause Designer wie Edith Head (x-fache Oscar Preisträgerin) und Travis Banton, aber wenn die amerikanischen Diven erst einmal in Rom auf den Geschmack gekommen sind, verzichten sie gerne auf die Studioklamotten.

Bevor die Laufstege kamen, gab es die Schönheitswettbewerbe. Italien scheint einen unerschöpflichen Vorrat an hübschen Mädchen zu haben, die alle zum Film wollen. Wenigen wird das gelingen. Dieses Photo von Federico Patellani bietet mehr Fragen als Antworten. Wird es eine von ihnen bis zur römischen Cinecittà schaffen? Ein repräsentativer Bildband von Patellanis Werk hat den schönen Titel La più bella sei tu, und das ist ein Satz, an den viele zu glauben scheinen.

Lucia Bosé (hier auf einem Photo von Federico Patellani) hat es geschafft. Sie bewarb sich 1947 an der ersten Wahl zur Miss Italia und verwies ihre Konkurrentinnen Gianna Maria CanaleEleonora Rossi Drago und Gina Lollobrigida auf die Plätze (➱hier gibt es auch ein kleines Filmchen dazu). Wenn Sie wissen wollen, wie die Lollo bei dem Wettbewerb aussah, müssen Sie ➱dies anklicken. Ist aber nicht sehr schmeichelhaft. Nach der Wahl lernte Lucia Bosé den Grafen Luchino Visconti kennen, und schon ist sie im Filmgeschäft. Ihre Filme mit Antonioni wie Cronaca di un amore und La signora senza camelie gehören zu meinen Lieblingsfilmen. Dass sie auch in Muerte de un ciclista mitspielt, habe ich schon in dem Post erwähnt, der ➱Dieter Borsche heißt.

Die Kleider von Lucia Bosé in dem Film Cronaca di un amore waren von dem Grafen Ferdinando Sarmi, der 1942 schon die Ausstattung des Filmes Musica Proibita besorgt hatte. Er durfte auch in dem Film mitwirken, er spielt den Ehemann von Lucia Bosé (hier im Bild, wenn Sie bewegte Bilder haben wollen, klicken Sie ➱hier), aber er sah als Modeschöpfer für sich in Italien keine Zukunft. Er sagte in einem Interview mit Time im Jahre 1965: In Italy, when the oldest son tells his father he wants to be a dress designer, it’s like a woman saying she intends to be a prostituteSarmi ging nach New York, wurde Chefdesigner von Elizabeth Arden und bekam später sein eigenes Modehaus.

Der internationale Jet Set, der Italien während der Mussolini Ära und während des Krieges gemieden hatte, kehrt jetzt auf die Halbinsel zurück. So wie dieses Ehepaar, das 1951 in Portofino Urlaub macht. Man kauft auch gerne mal in Italien ein. I introduced Liz to beer, she introduced me to Bulgari. The only word Elizabeth knows in Italian is Bulgari, hat Richard Burton gesagt. Der ältere Herr trägt normalerweise andere Hemden als dies hier. Früher kamen die aus der ➱Jermyn Street, aber die meidet er jetzt. Er könnte seine Hemden natürlich bei Charvet in Paris (wo er wohnt) kaufen, weil er dort Kunde ist. Aber bei diesem Italienurlaub bestellt der Rentner sich Hemden bei Battistoni in Rom.

Wo er sich in den folgenden Jahren auch gerne seine Anzüge machen lässt. Ich weiß nicht, ob Battistoni heute noch ein Schneideratelier hat, die RTW Anzüge scheinen von d’Avenza zu kommen. Ist auf jeden Fall besser als Zegna. Er kann nicht nach England zurück, da geht es ihm wie Guy Burgess in Alan Bennetts Stück An Englishman Abroad (lesen Sie ➱hier mehr). Ich kann das heute auch als ➱Film anbieten, die wunderbare Szene, in der die Schauspielerin Coral Browne in London für Guy Burgess bei seinem Schneider einen Anzug bestellt, findet sich ab der 50. Minute.

Bei Battistoni kaufen in diesen Tagen auch Marc Chagall, ➱John Steinbeck, Cole Porter, ➱Humphrey Bogart, Kirk Douglas, Marlon Brando und Gianni Agnelli. Am liebsten ist es den Italienern natürlich, wenn sie unter sich sind. Wie hier Guglielmo Battistoni und Vittorio de Sica. Der Schauspieler dreht jetzt auch Filme, seine Schuhputzer und Fahrraddiebe waren sehr erfolgreich, aber wenn man bei seinem Hemdenmacher auch amerikanische Geldgeber treffen kann, dann ist das schon O.K. Dass man in der römischen Cinecittà billig Filme drehen kann, das haben die schon selbst gemerkt. Wenn de Sica hier in Rom auch seine Hemden kauft, seine Anzüge lässt er sich in seiner Heimat Neapel bei ➱Gennara Rubinacci machen.

Die Italiener sind in den fünfziger Jahren dabei, modisch die Welt zu erobern. Man kann das an der schönen Symbolik dieses Photos ablesen. Das ist der Schuhmacher Salvatore Ferragamo, ganz Hollywood liegt ihm zu Füßen. Einige seiner Kundinnen wie ➱Rita Hayworth und ➱Lauren Bacall haben in diesem Blog auch schon einen Post. Ganz vorn kann man die Leisten von ➱Audrey Hepburn entdecken, die seine Lieblingskundin ist. All das ist inzwischen Geschichte. Das ➱Victoria & Albert Museum hat im letzten Jahr eine große Ausstellung veranstaltet, die den Titel hatte: The Glamour of Italian Fashion 1945-2014 (lesen Sie mehr unter ➱vam.ac.uk/italianfashion).

Das symbolträchtigste Bild der Epoche des dolce vita, ist wahrscheinlich dies von der Venus des Trevi Brunnens. Anita Ekberg ist vor wenigen Wochen im Alter von dreiundachtzig Jahren gestorben. Ich wollte erst über sie schreiben, aber dann saß ich an anderen Dingen. Vielleicht gibt es hier ja noch einmal einen Post, der La Dolce Vita heißt. Ich betrachte das heute mal als eine Schreibübung dafür. Und wir rufen Anita Ekberg ein ciao bella nach. Oder Fellinis Non c’è inizio né fine – esiste solo l’infinita passione per la vita. Und ich zitiere noch eben eine Strophe aus Bob Dylans I shall be free:

Well, my telephone rang it would not stop

It’s President Kennedy callin’ me up

He said, “My friend, Bob, what do we need to make the country grow?”

I said, “My friend, John, Brigitte Bardot

Anita Ekberg

Sophia Loren”

(Put ’em all in the same room with Ernest Borgnine!)

 
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