Wo sind die kleinen Herrenausstatter alle hin, die damals nicht diesen Großkotz Anstrich hatten? fragte mich ein Freund aus Hamburg. Und nannte gleich Carl Tiefenthal und einige andere verschwundene Läden. Fügte an, dass Stiesing in unserer Heimatstadt auch nicht mehr das gleiche wie früher sei. Nostalgie. Dann geh doch zu Braun, schlug ich ihm vor. Mag ich nicht, ist mir zu neumodisch. Kann ich verstehen. ➱Braun ist inzwischen genau wie Stiesing, die haben ein sehr ähnliches Sortiment. Früher waren die einmal in dem Modekreis Masculin, da scheint Stiesing aber inzwischen nicht mehr Mitglied zu sein.

Früher. Ja, da war alles anders. Da kaufte man in Bremen bei Stiesing oder Charlie Hespen ein. Und wenn man modischen Pfiff haben wollte, kaufte man bei Hans Kalich in der Böttcherstraße. Oberhemden kaufte man bei Hugo Nolte in der Sögestraße, einem Laden, der nur Hemden führte. Stiesing hat überlebt, die anderen nicht. Charlie Hespen, Hans Kalich und viele andere wie von Alten in der Knochenhauerstraße sind längst Geschichte. Auch Mey und Edlich in der Sögestraße ist lange verschwunden. Diese Läden waren teurer als die Kaufhäuser, aber sie boten Qualität. Heute bieten tausend Läden die Namen von irgendwelchen Designern, die meistens irgendwie italienisch klingen. Aber die Qualität fängt leider erst im vierstelligen Bereich an. Es ist ein seltsame Welt geworden.

Damals, als es in Hamburg noch den kleinen Laden von Carl Tiefenthal gab, gab es auch noch das Geschäft von Oscar Lenius am Ballindamm. Da kaufte Karl Schiller seine Anzüge. Ich begegnete ihm jeden Montag vor dem Philosophenturm der Uni. Nach drei Wochen habe ich ihn gegrüßt, von da an grüßten wir uns immer. Das war sehr witzig. Nicht nur Professor Schiller, auch Gustav Gründgens und Heinz Rühmann ließen sich bei Lenius einkleiden. Und der Schah von Persien und der Scheich von Kuweit. Das wäre heute keine so gute Werbung. Der Herr links neben Karl Schiller kaufte da nicht, der kaufte bei Staben am Rathausplatz. Ich habe in dem Semester die Vorlesung des Gastdozenten Schmidt gehört. Er und trug immer langweilige graue Anzüge und war nicht sehr groß. Er musste immer hüpfen, wenn er die nach oben geschobene Tafel erreichen wollte. Aus einem mir nicht erklärlichen Grund war die Tafel immer oben, wenn er kam. Er musste immer hüpfen.

Einige Häuser neben Lenius‘ Geschäft hatte Jaguar (mit Vanden Plas) einen Showroom. Die Hamburger liebten nicht nur englische Klamotten, sie liebten auch englische Autos. Ich habe in den sechziger Jahren nirgendwo so viele Vanden Plas Princess DM4 gesehen wie in Hamburg. Vanden Plas klang ja auch besser als Austin. War aber das gleiche. Sah ein bisschen aus wie ein Rolls, war aber erheblich billiger. Widersprach allerdings der Hamburger Devise mehr sein als scheinen. Heute sieht man das riesige Teil manchmal als Mietwagen bei Hochzeiten. Da habe ich letztens (bei einer Hochzeitsmesse im Kieler Schloss) auch den gleichen riesigen Jaguar gesehen, den der dänische König einmal hatte. Sie müssen jetzt natürlich ➱Des Königs Jaguar lesen, das geht nicht anders.

Oscar Lenius, der 1897 sein Atelier am Ballindamm eröffnete, ist heute nur noch ein Name innerhalb des Sör Imperiums von Thomas Rusche. Das klingt dann in der Firmenreklame so: Seit 1991 führen alle SÖR- Geschäfte eine eigene Kollektion „SÖR by Oskar Lenius“, die nach Handmade- Kriterien aufwendig gefertigt wird. Wenn Sie Glück haben, ist das Jackett von Regent. Wenn nicht, ist es von Dressler (allerdings dann deren höchste Qualität). Rusche verkauft heute auch Bücher, bei denen ein Oscar Lenius als Autor fungiert. Als Lenius sein Geschäft für die wilhelminische High Society und die Hamburger Gesellschaft eröffnet, die ➱Ascan Klée Gobert in seinen Büchern so wunderbar beschrieben hat, fährt Heinrich Rusche noch mit Pferd und Wagen als besserer Lumpenhändler durchs Münsterland. Das ist der Lauf der Welt, die einen steigen auf, die anderen gehen unter.

Ladage & Oelke (more English than the English) gibt es immer noch, obgleich der Laden im Jahre 1989 völlig ausbrannte (lesen Sie hier mehr über den Brandstiftungsprozeß). Nicht alles war verbrannt. Ich kann mich noch gut daran erinnern, dass bei meinem ➱Second Hand Händler große Mengen von ➱Burberry Regenmänteln auftauchten. Nagelneu und nicht nach Brand riechend, 39 Mark das Stück. Die Firma hat aber auch ebenso wie ihre berühmten ➱Dufflecoats Private Label Regenmäntel angeboten, die aus England kamen. Die englischen Jacketts, die Ladage offerierte, kamen nicht aus England. Die wurden bei Dressler hergestellt, wurden den Kunden aber als echt englisch verkauft. Die Hamburger kauften sie trotzdem. Weil es in der Hansestadt chic war, in einem Geschäft zu kaufen, das noch zu den Zeiten von Königin Victoria als Englisches Herren-Kleider-Magazin gegründet worden war.

Viele Hamburger kauften auch bei dem Herrenausstatter Staben. Helmut Schmidt anwortete vor Jahren auf die Frage, ob er seine Kleidung selbst einkaufte oder Berater dafür hätte: Die habe ich immer selbst gekauft, und zwar hier in Hamburg in einem Geschäft, das leider dieses Jahr aufgegeben worden ist. Bei Staben habe ich alle meine Anzüge gekauft, beginnend beim Großvater des letzten Inhabers. Sämtliche Hamburger Bürgermeister (außer Ole von Beust) waren da in der Kundenkartei, erzählt man. Ole van Beust wusste wahrscheinlich, was gut war.

Ich kann mir auch nicht wirklich vorstellen, das Klaus von Dohnanyi bei Staben gekauft hat. Er sah immer elegant aus. Wenn man bei Staben kaufte, sah man aus wie Helmut Schmidt.  Dohnanyi auch der einzige, der das Buttondown Hemd von Brooks Brothers mit den langen Kragenschenkeln (das er salonfähig gemacht hat) mit einer gewissen grandezza zu jedem Kleidungsstrück tragen konnte. Ich fand den 1919 gegründeten Laden furchtbar langweilig. Als dann neue ➱Geschäfte wie Selbach, Kirsch und Thomas I Punkt (die ihre Kleidung immer in Deutschland fertigen ließen und das wohl heute noch tun) nach Hamburg kamen und Braun modisch aufrüstete, ging es mit dem Geschäft von Willi Staben, der Reichsmodewart (und später➱ Bundesmodewart) gewesen war, immer weiter bergab. Heute sitzt da Pal Zileri drin. Und nebenan Starbucks Coffee, dieses Unkraut der Großstädte.

Bremer Bürgermeister dürfen wie Wilhelm Kaisen den ➱Bundespräsidenten in der Küche empfangen. Hamburger Bürgermeister müssen immer weltmännisch aussehen, wie schon Stefan Willeke 2011 in der Zeit schrieb: Als Hamburger Bürgermeister schaut man morgens in den Kleiderschrank und weiß sofort, was die Welt von einem verlangt. Man muss einen blauen Anzug tragen und darin gut aussehen. Am höchsten Hamburger Feiertag (dem Festbankett Matthiae-Mahl im Rathaus) sollte es ausnahmsweise ein Smoking sein, am zweithöchsten (Neujahrsempfang des Hamburger Abendblatts) reicht auch ein blauer Blazer mit Knöpfen aus Messing. 

Man wüsste gar nicht, was man von einem Hamburger Bürgermeister halten sollte, wenn es den blauen Anzug nicht gäbe…. Man muss in dem blauen Anzug so gravitätisch sitzen können wie Klaus von Dohnanyi (SPD, bis 1988 Bürgermeister, in den Hanseaten-Charts unangefochten weit oben)… Wer Hamburg regieren will, muss Größe verkörpern, weltmännische Glätte, und deswegen erzählt der blaue Anzug etwas über den Abstand zur Wirklichkeit. Die Hamburger haben vor Wochen modisch gesehen einen großen Fehler gemacht. Sie hätten den Herrn rechts wählen sollen, der ist immer elegant. Olaf Scholz, der einmal sagte Früher hatte ich Locken im Haar. Heute trage ich Nadelstreifen, wie es sich für einen Hamburger Bürgermeister gehört, trägt neuerdings häufig Nadelstreifenanzüge, aber Albert Darboven sieht damit viel eleganter aus.

Ich habe vor Monaten für 10,35 € bei ebay ein Jackett von Staben ersteigert. Ich wollte mal sehen, was an der Qualität dran war, die mein Hamburger Verwandter immer so gelobt hatte. Der ließ sich alle fünf Jahre von seinem Schneider einen neuen Anzug machen, alles andere kaufte er wie Helmut Schmidt (mit dem er zur Schule gegangen war) bei Staben. Nur seine Schlipse kaufte er witzigerweise immer für fünf Mark in der Krawattenzentrale am Hauptbahnhof. Gab es damals in vielen Großstädten, so wie es die Aktualitätenkinos (auch Akis genannt) in Bahnhofsnähe gab. Diese Krawattenzentralen waren so etwas wie der Vorläufer des Unternehmens Tie Rack. Hatten auch vorgebundene Schlipse, die man anknöpfen konnte, im Angebot. Furchtbar.

Das Staben Jackett war als maßgeschneidert deklariert, und so war es dem dem Kunden (dessen Name noch drin steht) auch wohl verkauft worden. Gegen den Stoff ist nichts zu sagen, reines Kaschmir von Scabal. Das Jackett kam von Kaiser Design, war aber eine ➱MTM Anfertigung mit viel Handarbeitsanteil. Letztlich nothing to write home about, wie die Amerikaner sagen würden. Die Jacketts von der kriminellen Firma Prince of Wales (die Firma hat ➱hier einen Post) sind sogar besser. Wenn sie denn beim Kunden ankamen. Die hochgenrige Anzug- und Sakkolinie Kaiser Design wurde 2009 von Herforder Brinkmann Gruppe aus der Insolvenzmasse von Bäumler gekauft und neben Eduard Dressler (die einst Selbach übernommen und sich daran gewaltig verhoben hatten) situiert. Dieses Photo kommt von einer offiziellen Seite der Brinkmann Gruppe, so präsentiert sich Kaiser Design heute.

Herrenausstatter brauchen Private Label Kleidung, also jene Kleidung, die keinen großartigen Namen außer ihrem trägt. Sie haben zwar ganz oben im Premiumbereichch große Namen wie Brioni, Kiton oder Zegna im Angebot, aber das Geschäft wird im mittleren Bereich gemacht. Viele Herrenausstatter hatten immer Dressler oder Kaiser als Zulieferer für ihr Eigenmarken Angebot. Dressler bietet ja auch eine Vielzahl von unterschiedlichen Rümpfen und auch hacking jackets mit schrägen Taschen und Billettasche an, etwas, was Ladage & Oelke natürlich gut ins Programm passte.

Im Zuge des trading up nahmen viele Herrenausstatter Caruso (die damals noch nicht so bekannt waren) ins Angebot. Diese Position hat heute bei manchen (zum Beispiel Ed Meier, Uli Knecht und Dantendorfer) die portugiesische Firma ➱Diniz& Cruz eingenommen, die schon immer gute Caruso Kopien lieferte (auch der gelbe Dienstmädchenstreifen vom Ärmelfutter ist ja ähnlich). Bei den heutigen Preisen von Caruso, wäre es ein Snobismus, für eine Eigenmarke Caruso zu führen.

Ich hatte früher in fremden Städten ein klar strukturiertes Besuchsprogramm: erst die Kirchen, dann die Museen, dann die Herrenausstatter. Die Kirchen stehen überall noch, die Museen auch. Nur mit den Herrenausstattern sieht es trübe aus. Auf dieser ➱Liste der 25 besten deutschen Herrenausstatter kann man auch schon einige streichen. Das große Sterben hat eingesetzt: Herbert Stock in Düsseldorf, Franz Sauer in Köln, Möller & Schaar in Frankfurt und in München Eder und Wagenheimer (wo einst Werner Baldessarini die Marke ➱Caruso aufpäppelte). Um nur einige zu nennen. Und bei dem Traditionshaus E. Braun in Wien (Bild) residiert heute H&M. Die hatten Pläne, das Haus abzureißen, aber da war der Denkmalschutz doch dagegen.

Meistens stehen die Kettenläden schon vor der Tür, wenn der Besitzer aus Altersgründen aufgibt. Oder die Mieten unbezahlbar werden. Bei Eder (Bild) sitzt jetzt Gerry Weber drin, bei Herbert Stock das türkische Modelabel Sarar. Die Konkurrenz für das inhabergeführte Geschäft mit Herrenbekleidung ist größer geworden.

Vor einem halben Jahrhundert dachte noch niemand an Online-Handel, es war sicher ein kluger Schachzug von Thomas Rusche, mehr auf den Versandhandel als auf seine Filialen zu setzen. Luxusfirmen wie zum Beispiel Zegna (die ➱hier einen Post haben) dringen in die großen Ketten, um dort mit einem Shop-in-Shop vertreten zu sein. Einen Fabrikverkauf gibt es schon bei beinahe allen Luxusfirmen, auch in Italien. Und Zegna schämt sich nicht einmal, im Designer Outlet im popligen Neumünster zu sein.

Thomas Rusche und seiner Soer Kette gehört seit den neunziger Jahren auch das Geschäft, das Hermann Kock 1905 in der Oldenburger Achterstraße begründete. In den sechziger Jahren war es umgebaut worden, und in den siebziger Jahren verwandelte es sich in ein Modeparadies. Beinahe alles, was Frankreich und Italien offerierten, war hier zu finden. Da fuhren auch schon mal Bremer nach Oldenburg zum Einkaufen.

Ich mache mir um Braun in Hamburg, um Ed Meier in München und um Rudolf Böll (der ➱hier einen Post hat) in Rottach-Egern keine Sorgen, aber um viele andere schon. Sie waren ja in den Städten eine erfreuliche Abwechslung zwischen den Kettenläden. Manche waren immer auch ein architektonisches Kleinod. Wie Knize in Wien, die es in dem ➱Adolf Loos Design ja auch immer noch gibt. Und auch das Geschäft von ➱Dieter Kuckelkorn in Aachen ist ja optisch ganz ansehlich.

Was die Amerikaner haberdasher nennen, ist ja einmal ganz reputierlicher Beruf gewesen. Mit einem gewissen Kaufmannsstolz betitelte die Bremer Firma Stiesing ihre Festschrift zum hundertjährigen Jubiläum Komm in die Stadt, und werde Kaufmann:100 Jahre Stiesing in Bremen. Viele aus diesem Berufsstand sind berühmt geworden. Wie Paavo Nurmi. Oder dieser Herr hier. Er heißt Harry S. Truman. Er konnte ➱Klavier spielen, und wusste, wie man sich richtig kleidet (lesen Sie ➱hier mehr zur amerikanischen Herrenmode). Braucht man mehr, um amerikanischer Präsident zu werden?

Wo sind die kleinen Herrenausstatter alle hin, die damals nicht diesen Großkotz Anstrich hatten? Das hier ist die Anwort, lieber Peter. Da bleibt Dir nur shop your wardrobe. Oder Tom Reimer. Oder der wunderbare Second Hand Laden von Rudolf Beaufays.
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