Die Tochter von Wilhelm Kaisen aus Borgfeld bei Bremen durfte ihrem Vater nicht sagen, dass seine Lieblingsstrickjacke aus Kaschmir war. Auch nicht, dass sie von Stiesing war. Er hätte sie wahrscheinlich nicht mehr getragen. Die Welt des Bremer Herrenausstatters Herm. Stiesing war nicht die Welt von Wilhelm Kaisen, er hat den Laden nie betreten. Ein anderer Anwohner von Borgfeld, der dank Bürgermeister Kaisen 1950 mit seiner Familie (Bild) ein Exil an der Katrepeler Landstraße in Borgfeld gefunden hatte, war dagegen Stammkunde bei Stiesing.

Kaisen war der Mann, den in der Wiederholung der Cincinnatus Legende, ein amerikanischer Oberst bei der Feldarbeit antraf, als er ihm das Amt des Bürgermeisters anbieten sollte. Aber Kaisen soll gesagt haben: Nein. Die Nazis haben den wohlgeordneten deutschen Staat zerstört, dann sollen sie ihn auch wieder aufbauen und mit ihren so sogenannten Führern selbst abrechnen. Und hat seinem Ochsen, der Theodor hieß, ein hüh zugerufen. Es hat acht Tage gedauert, bis ihn die Amerikaner und Bremer Politiker überreden konnten, in die Politik zurückzukehren.

Die Firma Stiesing, die in diesem Jahr 120 Jahre alt wird, gönnte sich vor zwanzig Jahren zum hundertjährigen Jubiläum mit einem gewissen Kaufmannsstolz eine Festschrift mit dem Titel Komm in die Stadt, und werde Kaufmann. ➱Stiesing war in den fünfziger und sechziger Jahren Bremens Antwort auf Kledasche und Oelke in Hamburg. Klein und fein, sehr zurückhaltend. Das Gesicht der Firma war der weißblonde Chefverkäufer Hansgeorg Bank, der fünfunddreißig Jahre im Laden stand. Prinz Louis Ferdinand (mit seiner Familie im obersten Absatz) ließ sich nur von ihm bedienen. Die vornehme Zurückhaltung hat man längst aufgegeben. Als die Firma gegründet wurde, warb sie mit Special-Geschäft für Herrenwäsche, Handschuhe und Cravatten, viel mehr als das waren sie am Ende der 1950er Jahre auch nicht.

Das Angebot von Jacketts und Anzügen im ersten Stock war ziemlich dürftig, da boten Charlie Hespen am Wall und Hans Kalich in der Böttcherstraße doch viel mehr. Ich mag den Laden Stiesing eigentlich auch nur aus Gründen der Nostalgie, ich besitze auch nur noch ein altes blaues Caruso Jackett mit dem Stiesing Label. Aber ich bin ihnen dankbar, dass sie mir vor zwanzig Jahren ihre Festschrift geschenkt haben.

Nur indirekt mit Stiesing in Bremens Sögestraße zu tun hat die Geschichte, die jetzt folgt. Ich habe es schon mehrfach gestanden, dass ich zur Ablenkung vom Schreiben manchmal durch das ebay Angebot surfe (es gibt ➱hier schon einen Post zu der Firma ebay). Man findet ja erstaunliche Dinge. Und erstaunliche Texte. Vieles ist – wie die Prospekte von Reisebüros und Immobilienmaklern und die Reden von Politikern – schlichtweg gelogen. Manches ist rührend ehrlich. Bei dem folgenden Text bin ich nicht so sicher. Ist das jetzt eine Schreibübung einer jungen Dame, die eine zweite Hedwig Courths-Maler werden will, aber bisher keinen Verlag gefunden hat? Oder ist dies die berühmte Geschichte, die das Leben schreibt?

Ich hatte bei ebay den Namen Stiesing in der Kategorie Herrenmode eingegeben, das mache ich häufiger, einmal die deutschen ➱Herrenausstatter bei ebay abzuklappern. Ist manchmal ganz interessant, manche verticken sogar ihre Sachen bei ebay. Michael Jondral tut das zum Beispiel unter dem ebay Namen mjspecials2012 (in unserem Ebay-Shop bieten wir Ihnen Second-Season-Artikel und Occasionen zu besonders günstigen Konditionen), und Stiesing hat das auch schon mal gemacht. Ich tippte also Stiesing ein und gelangte zu einem Angebot einer privaten Anbieterin für ein Sakko einer italienischen Luxusfirma, das ich in seiner ganzen Schönheit und Authentizität einmal hier abdrucke:

Dieses Sakko wurde mal für sehr viel Geld bei Stiesing in Bremen gekauft von meinen „Geld aus dem Fenster werfenden“ -Vater, der auch gerne rumprallt, was für geile, teure Uhren er doch trägt und der sowieso sehr viel Wert darauf legt, als einer der teuersten angezogenen Menschen Bremens zu sein. Mit dem nötigen Kleingeld ist das bestimmt auch kein Problem für ihn, jedoch sind Fehlkaufe an der Tagesordnung bei ihm und das kann sich auch schon mal in die Tausende gehen. Er ist ein Pedant, wenn es darum geht, wie es in seiner Wohnung aussieht. Wie es in seinem Herzen aussieht, rätsel ich schon seit Jahren und bin zum Entschluss gekommen, dass er es wohl bei seinem Aufräumwahn es wohl schon vor Jahrzehnten verlegt hat, bzw. es könnte auch sein, dass er seine Seele für Geld verkauft haben muß an den Teufel. Irgendwas stimmt mit ihm eindeutig nicht, kann natürlich auch seine jahrelangen Exesse mit dem Alkohl zu tun haben, was er angeblich im Griff hat, was vielleicht sein Herz verkümmern liess. Dieses Individium, was sich mein Vater nennt, ist nichtmal in der Lage Trinkgeld zu geben, geschweige denn auch nur 20 Cent, auch wenn die Kellner einen umsorgen wie ein verhungertes Kind – da kommt einen schon die Schamensröte ins Gesicht über soviel Knauserigkeit. Was ihn jedoch auch nicht stört, wenn er in Boutiquen geht und den Besitzer wegen ein Paar Schuhen wie einen Sklaven zu behandeln: „Du kommst doch am Samstag vorbei und bringst mir diese Schuhe nach Hause“ – peinlich für mich, da der Besitzer mich als introvertierte freundliche Frau kannte, die höflich und bescheiden sich verhält, während sich mein Vater unpassend laut, peinlich und extrovertiert für den Nabel dieser Welt sieht. 


Das ist das letzte Stück von ihm, was ich noch habe und aufgrund meines Streites mit ihm vor drei Jahren bin ich nun auch endlich enterbt (er hat alles seiner neuen Geldgierigen Frau überschrieben, die ihm eingetrichtert hat, dass meine Halbschwester es nur auf sein Geld abgesehen hätte. Lächerlich, meine Schwester ist sowas von abgesichert und lebt seit über 30 Jahren mit einem Rechtsanwalt zusammen, die würde sich lieber alle Gliedmasse abtrennen lassen, als von ihm Geld zu nehmen. Naja, so hat meine Stiefmutter alle auch aus dem Weg geräumt, damit sie, genau wie ihre Mutter, einen reichen Idioten ausnehmen kann wie eine Weihnachtsgans. Ihre beschissene Tochter hat tatsächlich schon ein Haus von denen bekommen in der besten Gegend Bremens, aber mein Vater ist einfach zu schizophren, um das noch zu schnallen. Hauptsache, er hat seine teuren Uhren und er darf mit seinem teuren Auto mal raus, mehr ist da bei ihm nicht mehr rauszuholen.

Da er ein Arschloch ist (was auch seine langjährigen Freunde bestätigen können) schmeiße ich jetzt dieses Sakko für 1 Euro auf dem Markt (es ist deutlich teurer gewesen!!!). Wenn es bei eBay die Möglichkeit gegeben hätte, dann hätte ich es für einen Cent hier rausgeworfen, alleine schon, weil die Erinnerung an meinen Vater so ätzend ist!

Mit dieser Beschreibung des zu verauktionierenden Artikels kann natürlich jener Text nicht mithalten, den ich vor Jahren bei ebay las. Ich habe die kleine Geschichte schon in dem Post ➱Rosstäuscher erzählt, aber ich wiederhole sie mal eben: Die mir liebste Beschreibung eines Artikels bei Ebay ist schon etwas älter. Ich weiß nicht, ob der Text, der dort stand, wahr war oder ob es eine wunderbar komische Lügengeschichte war. Ich habe den Text auch nicht mehr wörtlich drauf. Es war (noch zu D-Mark Zeiten) das Angebot für ein Paar J.M. Weston Schuhe. Da schrieb eine Dame, dass ihr Ehemann mit einer jungen Blondine durchgebrannt sei. Weshalb sie jetzt seine Luxusgarderobe verhökere. Sein Rechtsanwalt hätte ihr gesagt, dass sie das Zeug nicht verramschen dürfe, deshalb hätte sie einen Preis von 50 (fünfzig) Mark festgesetzt. Original J.M. Weston Schuhspanner inklusive (genau das gleiche Modell wie auf diesem Bild). Habe ich gekauft, für fünfzig Mark kriegt man bei J.M. Weston wahrscheinlich nicht mal die schönen hölzernen Schuhspanner. Immer, wenn ich den Schuh anziehe, muss ich an die Geschichte mit der Blondine denken. Wenn es die Blondine wirklich gegeben hat, bin ich ihr immer noch dankbar.

Aber der Text von der Frau aus Bremen mit dem Jackett von Stiesing bietet natürlich mehr als das Stereotyp von den Ehemännern, die mit jungen Blondinen abhauen. Es ist alles da, was ein Melodrama ausmacht: der große Reichtum, der geizige Vater mit seiner Prunk- und Trunksucht, das arme Aschenputtel, die böse Stiefmutter, die Enterbung. Was will man mehr? Das ist der Stoff, aus dem im viktorianischen Jahrhundert Romane gemacht werden: Ein schmutziger Geizhals enterbt seine liebenswürdige Tochter, weil sie einen ihm verhaßten Jüngling liebt, und den, den er ihr zum Gatten aufdringen will, verschmäht. Der letztere besitzt aber das reiche Erbe nur wenige Stunden, denn an demselben Tage, an dem der Alte stirbt, wird er selbst im Duell umgebracht und hat nicht mehr Zeit über das Erbe zu verfügen, das nun an die Tochter zurückfällt. So fasst ein Rezensent 1843 im Morgenblatt für gebildete Stände den Roman Die Tochter des Geizigen von William Harrison Ainsworth (Bild) zusammen. Übersetzt wurde der Roman von Dr Ernst Susemihl, einem der fleißigsten deutschen Übersetzer im 19. Jahrhundert, der auch ➱Bulwer-Lytton, ➱Sir Walter Scott (und William Shakespeare) übersetzt hat.

Heute schreibt man solche Geschichten nicht mehr in Romane, heute ernähren sich Drehbuchautoren davon, dass sie alles aus der Mottenkiste des 19. Jahrhunderts in die Vorabendserien schreiben. Falls Sie demnächst mal eine ähnliche Geschichte im Fernsehen sehen sollten, dann wissen Sie, dass der Drehbuchautor auch bei ebay surft. Oder meinen Blog liest.

Ebay sagt in seinen Verkaufsrichtlinien: Artikelbezeichnung und Artikelbeschreibung sind das Aushängeschild Ihres Angebots. Mit einer gut formulierten Artikelbezeichnung und Artikelbeschreibung erhöhen Sie Ihre Verkaufschancen. Es hat noch niemand auf das gute Stück geboten. Aber möchte man so etwas wirklich haben?

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