Feinere Sorten kommen aus Wien, Paris und Großbritannien, schreibt das Deutsche Handels-Archiv im Jahre 1891. Die Rede ist von nach Deutschland importierten Schuhen. Der Satz ist vielleicht heute noch wahr. Eine Bedrohung für die feinen Schuhmacher sind am Ende der Belle Époque die großen Schuhfabriken wie Bally in der Schweiz oder Baťa im k.u.k. Österreich, die inzwischen schon alle ihre Produktion auf die amerikanischen ➱Goodyear Maschinen umgestellt haben. Ich schreibe heute wieder einmal über Schuhe, diesmal über die chaussures, die aus Budapest und Wien kommen. Die braucht ein Wiener unbedingt. Andere Herren von Welt vielleicht auch.

Das Plakat im oberen Absatz preist amerikanische Schuhe an. Waren die je eine Bedrohung für die europäischen? 1919 antwortet der Wiener ➱Adolf Loos auf die Frage Was halten sie von amerikanischen Schuhen? ganz entschieden: Nicht viel. „Amerikanische“ schuhe werden nur im wilden westen und im wilden osten getragen. In New York tragen sie nur die dicken polizisten. (Ein amerikanischer policeman ist immer dick.) Östliche amerikaner und westliche europäer tragen dieselben schuhe; jene form, die ja auch von unseren besten schustern in Wien gearbeitet wird und die man seit jahren in den auslagen studieren kann. Seit vierzig jahren hat sich in der form nichts geändert. Und sie meinen doch die form. Sollten sie aber die amerikanische fabrikationsart meinen, dann kann ich nur antworten, daß unsere industrie derzeit nicht imstande ist, schuhe zu liefern, die so gut und bequem passen wie die amerikanischen. Dazu wäre zuerst die gleichförmige numerierung nach zahlen (länge) und buchstaben (breite) erforderlich. Englische Qualitätshersteller bieten heute noch verschiedene Leistenformen und verschiedene Breiten an (Amerikaner wie Alden auch), wo findet man das heute noch in Deutschland?

Bitte schreib mir, was Schuhe, — Herrenschuhe — jetzt in Wien kosten, schreibt der Schriftsteller Richard Beer-Hoffmann 1922 an seine Frau Paula. In Berlin findet er offensichtlich nicht, was er sucht. Der einst wohlhabende Autor ist durch Weltkrieg und Inflation verarmt, aber Wiener Schuhe müssen es sein. Ich habe vor Jahren mit Schmunzeln gelesen, dass ein Leser in seinem Blog gestand, alles von mir zu lesen – mit Ausnahme der Posts über Schuhe und Hemden. Aber seit ➱Roland Barthes gezeigt hat, dass man aus den kleinen Dingen des Alltags auch eine Kulturgeschichte herauslesen kann, finde ich es durchaus legitim, über Schuhe und Hemden zu schreiben. Was ist unserem Körper näher als Hemden und Schuhe?

Ein Budapester ist ein Schuh, der aus Budapest kommt. Viele assoziieren den Budapester mit diesem Lochmuster auf der Schuhoberseite, aber Fachleute meinen eher die Leistenform, wenn sie vom Budapester reden. Also zum Beispiel diesen kleinen Hubbel vorne, mit dem die Schuhspitze in einem rechten Winkel zur Sohle steht. Gibt dem Träger Platz, damit er mit den Zehen wackeln kann. Mehr über den Budapester können Sie in dem Wikipedia Artikel lesen. Ich glaube, Helge Sternke (der Verfasser von Alles über Herrenschuhe) hat den geschrieben. Der hat beinahe alle Wiki Artikel zum Thema Schuh verfasst. Ich habe ihn einmal getroffen, darüber können Sie mehr in dem Post ➱Schuhcreme lesen. Ein Wiener Leisten hat im Prinzip die gleiche Form wie ein Budapester, er hat bloß nicht diese aufgeworfene Spitze (man kann den Unterschied an dem Schuh von Laszlo Vass im unteren Absatz sehen). Liebhaber von schlanken englischen Schuhen mögen die Schuhe, die aus Budapest und Wien kommen, nicht besonders. Sind ihnen zu klobig.

Das für den Budapester typische Lochmuster ist auch nicht jedermanns Sache. So schreibt ➱Adolf Loos 1908 in seiner ästhetischen Kampfschrift Ornament und Verbrechenmeine schuhe sind über und über mit ornamenten bedeckt, die von zacken und löchern herrühren. arbeit, die der schuster geleistet hat, die ihm nicht bezahlt wurde. ich gehe zum schuster und sage: „sie verlangen für ein paar schuhe dreißig kronen. ich werde ihnen vierzig kronen zahlen.“ damit habe ich diesen mann auf eine selige höhe gehoben, die er mir danken wird durch arbeit und material, die an güte in gar keinem verhältnis zum mehrbetrag stehen. er ist glücklich. selten kommt das glück in sein haus. hier steht ein mann vor ihm, der ihn versteht, der seine arbeit würdigt und nicht an seiner ehrlichkeit zweifelt. in gedanken sieht er schon die fertigen schuhe vor sich. er weiß, wo gegenwärtig das beste leder zu finden ist, er weiß, welchem arbeiter er die schuhe anvertrauen wird, und die schuhe werden zacken und punkte aufweisen, so viele, als nur auf einem eleganten schuh platz haben. Und nun sage ich: „aber eine bedingung stelle ich. der schuh muß ganz glatt sein.“ da habe ich ihn aus den seligsten höhen in den tartarus gestürzt. er hat weniger arbeit, aber ich habe ihm alle freude genommen.

Was man bei Wiener oder Budapester Schuhen auch häufig findet, ist diese asymmetrische Form des Absatzes. Das hier ist ein Schuh von Ludwig Reiter, einem alten Wiener Unternehmen, das nach 130 Jahren immer noch im Familienbesitz ist (und deren Schuhe inzwischen schon bei Amazon bestellt werden können). Die Firma hat in der Vergangenheit auch Schuhe für Firmen mit großen Namen hergestellt, die keine eigene Produktion besaßen. An Namen werden immer wieder genannt: Paul Smith (der seine Schuhe auch einmal von Crockett & Jones bezog), Helmut Lang, Wolfgang Joop, Werner Baldessarini (den C & J auch einmal belieferte) und Windsor. Diese Firma scheint aber inzwischen bei Prime Shoes gelandet zu sein, was natürlich kein Zeichen von wirklicher Qualität ist.

Die Firma Ludwig Reiter hat Konkurrenz bekommen, sie werden jetzt von der österreichischen Firma Handmacher, die ihre holzgenagelten Schuhe im tschechischen Znaim herstellen (der dortige Betriebsleiter Franz Bammer war übrigens früher bei Reiter), gejagt. Sie sind erst seit zwanzig Jahren im Geschäft, aber sie kommen zahlenmäßig immer näher an Reiter heran. Ich sage Ihnen, die sind ihr Geld nicht wert, sagt der Handmacher Chef Bernhard Kovar über Reiter Schuhe. Seine Schuhe kosten 250 bis 300 Mark, Reiter Schuhe können das Doppelte kosten.

Wir produzieren ausschließlich in Wiener Neudorf. Das kostet halt ein bissl mehr als in Niedriglohnländern, sagt eine Reiter Sprecherin dazu. Ich kann zu dem Ganzen nichts sagen, ich besitze nur ein Paar Schuhe von Reiter (solch einen Norweger in dunkelbraunem Scotchgrain). Handmacher Schuhe gibt es hier im Ort bei Kellys (und beim Schuster Höfer in der Holtenauer Straße), ich habe schon viele in der Hand gehabt, sie machen einen guten Eindruck. Glücklicherweise brauche ich keine neuen Schuhe.

Neben Ludwig Reiter und Handmacher sollte noch die Firma Alt Wien erwähnt werden, deren Schuhe in England von Crockett & Jones hergestellt werden (und qualitativ Reiter und Handmacher überlegen sind). Angeblich hat ein Wiener Schuhmacher beim Anschluss Österreichs seine Leisten genommen und ist mit ihnen im Koffer nach England emigriert. Wo die Schuhe heute in Northampton mit Wiener Leisten hergestellt werden. Die Geschichte klingt gut, aber wahrscheinlich haben irgendwelche Werbefuzzis sie sich ausgedacht.

Man hat bei Alt Wien das Beste aus zwei Welten, die österreichisch-ungarischen Leisten und die englische Qualität. Es gibt noch eine Firma, die sich Feine Wiener Schuhmanufaktur nennt, aber über die kann ich nichts sagen. Ich weiß auch nicht, ob man für 199 Euro wirklich die versprochene handwerkliche Qualität bekommt. Der Mythos von Wien und Budapest scheint heute immer noch zu ziehen. Denn ebenso wie C+J ihre Marke Alt Wien haben, hat Alfred Sargent eine ähnliche Marke (lesen Sie ➱hier mehr).

Und dann sollte da noch eine Firma namens Feinstes Schuhwerk K&K Platinum – Nach Wiener Tradition erwähnt werden, die es angeblich seit 1899 gibt. Dahinter verbirgt sich niemand anders als die Firma Salamander. Und die Schuhe werden in Italien gefertigt. Feinstes Schuhwerk wird man da wohl nicht bekommen. Die Qualität bekommt man eher bei einer Firma, die sich nach dem Schutzheiligen der Schuster St Crispin’s nennt (und die hier mit einem ➱Video zeigt, wie ein rahmengenähter Schuhe ohne die Goodyear Maschine genäht wird). Der Vollständigkeit halber sei erwähnt, dass man auch Budapester Schuhe von einer deutschen Firma kaufen kann. Aber da ➱Dinkelacker hier schon einen Post hat, braucht die Firma, die früher Apollo Schuhe machte, keine weitere Beschreibung. Dinkelacker hat auch ein Modell Wien im Angebot, das ist ihr einziger Schuh, der nicht diese schrecklich dicken Sohlen hat.

Das erste Mal, dass ich den Begriff Budapester Schuhe las, war in den fünfziger Jahren an dem gläsernen Schaukasten eines kleinen Ladens auf dem Kurfürstendamm (ich glaube, die Firma gibt es immer noch). ➱Hermann von Eelking hat in seinem Lexikon der Herrenmode keinen Eintrag unter Budapester, hat dafür aber einen für Fullbrogue und Flügelkappe. Dort wird ein Schuh, den man heute als Budapester bezeichnet, abgebildet, der aber nicht aus Budapest kommt. Es ist ein Modell von Rieker, die zu der Zeit wie viele deutsche Firmen noch rahmengenähte Schuhe anboten.

Es gab damals noch keinen Bedarf an Budapester oder Wiener Schuhen. Obgleich es schon zugezogene ungarische Schuhmacher wie Julius Harai gab, der 1947 in Neumünster seine kleine Manufaktur gründete. Bei dem ließ sich Max Schmeling (und später Walter Scheel) seine Schuhe machen – es gab aber auch bei Prange in Hamburg ungarische Harai Schuhe für jedermann. Für den deutschen Normalverbraucher reichten deutsche Schuhmarken wie Rieker, Mercedes oder Salamander (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Eine Marke, die geschickt mit ihren Lurchi Heften schon Kinder an die Marke band. Damals konnten Eltern auch noch mit einem Apparat sehen, ob die Kinderfüße in den Schuh passten. Diese praktischen Geräte, die Fluoroskop oder Pedoskop hießen, sind heute verboten, es waren nichts anderes als immens strahlende Röntgengeräte.

Auf diesem Reiseführer von Wien finden wir im Jahre 1927 auch die Stadt Budapest im Titel, Wien und Budapest scheinen nicht nur bei Schuhen zusammen zu gehören. Das Buch des Wiener Schriftstellers Ludwig Hirschfeld (in dem die ungarische Stadt nur im Anhang Ausflug nach Budapest auftaucht) ist in der Reihe Was nicht im Baedeker steht des Münchener Piper Verlags erschienen. Begründet worden war die erfolgreiche Buchreihe von dem Mitinhaber des Verlags Dr Robert Freund, der aus Wien kam. Deshalb durfte ein Band über Wien natürlich nicht fehlen. Robert Freund musste auf Druck der Nazis seinen Anteil am Verlag verkaufen. Er gründete in Österreich noch den Bastei Verlag, aber die letzte belletristische Verlagsneugründung lebte nur bis zu dem sogenannten Anschluss. Robert Freund (dessen von Kokoschka gemaltes Portrait 1938 von der Wiener Gestapo zerschnitten wurde) ging nach New York, wo er die Twin Prints und Twin Editions gründete.

Robert Freunds Autor für den Anti-Baedeker von Wien im Jahre 1927 ist ein klein wenig schuhverrückt. Ich zitiere einmal aus dem Buch: Das ist eine Herren- und Damenangelegenheit, denn unsere guten Damenschuster sind auch für Herren erstklassig. Wer etwas auf einen distingierten Fuß hält, trägt entweder englische oder ungarische Schuhe. Die nobelsten und anspruchvollsten Füße von Wien lassen sich von zwei echt englischen Schustern bekleiden: Coyle & Earley am Karlsplatz. Die sind so vornehm, daß sie nicht einmal eine Auslage haben, aber die Stammkunden, Aristokraten, fremde Diplomaten, Gutsbesitzer finden den englischen Schuster auch so.

Ich würde mich aber gern mit ungarischen Schuhen von Gardos oder Bencze begnügen. Die schicken Luxusschuhe der Luxusdamen, die man bei Demel oder Gerstner sieht, sind meistens Gardos- oder Bencze-Schuhe oder es sind Schuhe von Dworiansky in der Weihburggasse. Die von außen unscheinbaren Laden der gediegenen, alten Wiener Schuhmacher sind in der Inneren Stadt zwischen Bräunerstraße und Habsburgergasse zu finden: Scheer, Nagy, Urbanek, Rosenzweig und wie sie alle heißen. Sie machen die herrlichsten Schuhe zum Spazierengehen, für die Jagd, für die Reise, zum Tennis, für den Abend. Früher einmal hatte jeder elegante Wiener bei seinem Schuster fünf bis zehn Paar Schuhe in der Arbeit, die er sich nach und nach liefern ließ. Das gibt’s jetzt nicht mehr. Die beiden Bilder haben natürlich etwas mit Wien zu tun; oben ist ein Bild des Wiener Malers John Quincy Adams (der ➱hier einen Post hat), dies hier ist ein Entwurf der Wiener Werkstätte aus dem Jahre 1913.

Ich lasse einmal Rudolf Scheer, Materna, Maftei und Balint (um die großen Namen des Wiens von heute zu nennen) draußen vor und schreibe ein wenig über Nagy. Da ich nämlich gerade bei ebay ein Paar Nagy Schuhe ersteigert habe, einen eleganten dunkelbraunen Norweger. Wiener Leisten, holzgenagelt. Sie haben innen ein kleines Etikett, auf dem Friedrich Nagy Wien 1 Habsburgergasse 3 steht. Sonst nix. Keine mit dem Kugelschreiber hinein gemalte Größen oder Leistennummern wie bei Edward Green oder anderen Engländern.

Den Namen Friedrich Nagy hatte ich schon einmal gelesen. Nämlich in dem Katalog des Wien Museums Großer Auftritt: Mode der Ringstraßenzeit. Dort ist ganzseitig ein Damenstiefel abgebildet, dessen Etikett noch den kleinen Zusatz hat: Diplome d’honneur Paris 1889. Und im Textteil können wir lesen: Friedrich Nagy, einer der besten Schuhmachermeister, hatte sein Geschäft und seine Werkstatt in der Habsburgergasse 3. Sein Nachfolger ließ den kleinen Schuhsalon von einem Hoffmann-Schüler neu einrichten. Wer dieser Schüler von Josef Hoffmann war, weiß ich nicht, aber das 1912 von Carl Steinhofer gebaute Haus steht heute noch.

Als Friedrich Nagy seine große Zeit hat, ist die Wiener Schuhindustrie im Umbruch. Selbständige Schuhmacher werden immer weniger, stattdessen wächst die Zahl der Fabriken, die man damals etwas euphemistisch Groß-Schuhmacher nennt. Ein Buchtitel wie Untersuchungen über die Lage des Handwerks in Österreich mit besonderer Rücksicht auf seine Konkurrenzfähigkeit gegenüber der Großindustrie beschreibt die Situation sicherlich treffend. In der Publikation von 1896 findet sich auch ein Artikel Die Schuhmacherei in Wien, geschrieben von einem Dr Richard Schüller. Der Wirtschaftswissenschaftler wird einer der einflussreichsten Beamten Österreichs werden. Als die Nazis kommen, flieht er über die Götztaler Alpen nach Italien, von da nach London (wo er die Europe Study Group in Chatham House leitet) und nach New York (wo er Professor wird).

Das Haus in der Habsburgergasse hat sich natürlich in über hundert Jahren ein wenig verändert, aber die Elemente der Wiener Secession kann man an diesem späthistoristischen Wohn- und Geschäftshauses noch erkennen. Der Laden namens Gigi ist natürlich neu, der Friseur Bundy (der im ersten Stock sitzt) ist hier schon lange. Friedrich Nagy ist nicht mehr da, nur noch auf dem kleinen Etikett auf meiner Schuhsohle.

Aber Nagy hat seine Spuren hinterlassen, nicht nur in Ludwig Hirschfelds Wien Führer. Adolf Loos (der natürlich ➱hier einen Post hat) erwähnt in seinen Schriften 1897-1900 die vorzüglichen Stiefel von Friedrich Nagy, die man in den Vitrinen des Hofschneiders Szallay findet. Der große Dandy, der auch den Laden von Knize einrichtete, wusste in Bezug auf die Mode, wovon er redete, er hat auch 1898 den interessanten ➱Essay Die Fussbekleidung geschrieben. Die Schuhe von Nagy scheinen die Schriftsteller anzuziehen. So berichtet Maria Fialik in ihrem Buch Der Charismatiker: Thomas Bernhard und die Freunde von einst von einer angeblichen Tante Thomas BernhardsUnd darin hat ihn auch die »Tante« sehr unterstützt. Immer nur das Allerfeinste hat ihm Nagy-Schuhe anmessen lassen. Er hat zwei Paar Schuhe gehabt, und die waren erste Klasse. Das hat natürlich jeder gleich bemerkt. Mein Mann hat eine ganz andere Art von Ästhetik für sich selbst, die mit Geld nichts zu tun hat.

Und ist der kleine österreichische Dandy, der den monologisierenden Schmäh zur Kunstform erhob und den shabby chic perfektionierte, richtig dankbar? Lobt er Nagy Schuhe über den grünen Klee? Kann man nicht sagen, wenn in seinem Roman Beton die Rede von Nagy Schuhen ist, dann hat das einen negativen Beiklang. So sagt der Erzähler Rudolf über seine Schwester: Immer kreuzt sie mit irgendwelchen Gecken auf, die nur von Nagy geschusterte und auch noch, wie wir sagen, ge-eiselte Schuhe anhaben und allein dadurch schon einen unnatürlichen Gang haben. In ➱Bremen hat der damals mittellose Bernhard durch den Bremer Literaturpreis zum ersten Mal richtiges Geld bekommen, hat er jemals was Nettes über Bremen gesagt? Von dem Geld hat er sich als erstes in Wien bei Don Gil einen sauteuren Anzug gekauft. So ist er nun mal.

Das Wort ge-eiselte ist vielleicht erklärungsbedürftig. Ich zitiere dazu einmal den Wiener Schuhmacher F. Michael MachoWissen Sie, wenn man 1965 auf der Kärntner Straße oder am Graben gegangen ist und es hat geklappert, dann wusste man, es ist ein moderner Schuh, der qualitativ sehr hochwertig ist. 20 Jahre später hat man das Klappern zwar immer noch gehört, aber wenn man sich den Schuh, von dem das Geräusch gekommen ist, genauer angeschaut hat, konnten das plötzlich auch dünne Schlüpfer sein. Die Leute haben einfach angefangen, sich von Mr. Minute ein kleines Eiserl um zehn Schilling auf die Schuhsohle schlagen zu lassen, um den Eindruck eines teureren Schuhs zu erwecken. Das hat halt dann auch 14 Tage lang geklappert. Aber früher war das Eisen ein Qualitätskriterium, das nur die Nagy Schuhe oder artverwandte Modelle hatten. Und für ein artverwandtes Modell bilde ich doch einmal die Sohlen meines Maftei Schuhes ab, geeiselt und holzgenagelt.

Dazu passend wäre folgendes Zitat: Ich kann mir keine italienischen Schalen mehr leisten, keine Maßhemden, keine doppelt besohlten, geeiselten Schuhe, ich bin ein echter Niemand geworden! Und dazu diese vielen gemeinen Gesichter! Diese ganzen Bluthochdruckvisagen! das läßt Camillo Schaefer in Wittgensteins Größenwahn: Begegnungen mit Paul Wittgenstein seinen Paul Wittgenstein sagen. Das 96-seitige Buch ist vergriffen. Mehr über Paul Wittgenstein kann man in Thomas Bernhards Wittgensteins Neffe: Eine Freundschaft erfahren. Ich hatte mal eine schwere Thomas Bernhard Phase, aber ich bin darüber hinweggekommen. Wenn ich heute einen Literaturtip zu dem österreichischen Autor abgeben sollte, so wäre der sehr kurz: HeldenplatzDer Untergeher und Alte Meister. Und vielleicht noch Immanuel Kant (➱hier) und das köstliche kleine Stück Claus Peymann kauft sich eine Hose und geht mit mir essen (➱hier in einer Variante mit Harald Schmidt in der Hauptrolle).

Eine ähnliche, leicht abwertende Passage über Nagy Schuhe wie bei Bernhard fand ich in der österreichischen Zeitschrift Wort in der Zeit im Jahre 1964: Einen hübschen Fuß hat die Person! Und Schuhe von Nagy. Die sieht mir nicht nach Schuhen von Nagy aus! Na, solche Leute kriegen oft auch etwas geschenkt. Sie sieht aber auch nicht nach Männern aus, die Schuhe von Nagy schenken. Es geht doch nichts über den österreichischen Schmäh. Dies Plakat ist von dem Wiener Ernst Deutsch, der im amerikanischen Exil den Namen Ernest Dryden angenommen hat.

Elfriede Jelinek liebt dagegen in Das über Lager (in Ablagerungen) ihre alten Nagy Schuhe, schwarze / Halbschuhe in Rauhleder und mit einer weißen Korkschuhsohle / und weißer Ziernaht, wo die Sohle aufs Rauhleder trifft. Und die österreichische Schriftstellerin Dorothea Zeemann  schreibt über die erste Begenung mit Heimito von Doderer (dessen Geliebte sie später wird): Die Art, wie der Maßanzug sitzt, lässt auf eine, wie man so sagt, starke Individualität schließen. Ich bin offenen Auges bei vollem Bewusstsein in den falschen verliebt: In zwei Hände, breite Schultern, Füße, die in uralten, aber sündteuren ungarischen Maßschuhen stecken (…) Ich sehe nur die Schuhe, handgearbeitet von Nagy. An dieser Stelle möchte ich mich bei dem Leser bedanken, der mich in einem Kommentar zu ➱Silvae: Wälder: Lesen auf Heimito von Doderer hinwies. Es war mir ein Anlass, mir endlich die Strudlhofstiege zu kaufen. Dies Photo von Roman Vishniac aus einem jüdischen Stadtteil in Wien1936 soll uns zeigen, dass es natürlich eine andere Welt der Schuhe jenseits der Luxusprodukte gibt. Und vielleicht passen ➱Schnitzlers Sätze aus Eine Jugend in Wien ganz schön dazu: Der Snob in mir erwacht und entwickelt sich aufs lächerlichste… Vollkommen wurde dieser Snobismus geheilt durch die Snobs, die ich im Laufe der Zeit kennenlernte.

Ich beende meine kleine Blütenlese mal eben mit dem, was die Wochenpresse über Bruno Kreisky schrieb: Legendär sind seine Vorliebe für die genagelten Nagy-Schuhe vom besten Leisten und seine Präferenz für Hantak-Anzüge. War das etwa der „Mann der Bewegung“, von dem der Witz ausging, er wähle jeweils die Maßanzüge zu seiner Krawatte.

Vielleicht sollte man einmal eine ➱Literaturgeschichte des Schuhs schreiben, Jung‘ und Alte, groß und klein, Gräßliches Gelichter! Niemand will ein Schuster sein, Jedermann ein Dichter. Ich würde mit Sir Tom Stoppard anfangen, der als Tomáš Straussler in Zlín in der Tschechoslowakei (das war auch einmal Österreich-Ungarn) geboren wurde. Wo sein Vater Werksarzt in der Schuhfabrik Baťa war. Und Schuhe finden sich immer wieder in seinem Werk, schon in ➱Arcadia habe ich zahlreiche Zitate gefunden.

Den eleganten Damenstiefel, der in Großer Auftritt: Mode der Ringstraßenzeit abgebildet ist, hat Friedrich Nagy bestimmt selbst gemacht. Wer meinen Nagy Schuh gemacht hat, weiß ich nicht. Es scheint in Wien noch einen Andreas Nagy zu geben, und ein Tony Nagy ist gerade in Rente gegangen. Dessen Welt waren allerdings Laufschuhe und keine holzgenagelten, geeiselten Kalbslederschuhe. In den zwanziger Jahren wird in Wien ein Béla Nagy (der auch Schuhmacher des Zaren Boris von Bulgarien war) berühmt: In Vienna, in the Singerstrasse, there was Bela Nagy, known for his most elegant and chiseled toe, and wooden nailing. I have it on the generous authority of my very knowledgeable Viennese client, Dr.R.R., who patronized him until Nagy retired in the late 1960s, that Nagy’s clientele was taken over by the still thriving Georg Materna. Drei Generationen von Materna haben für den Kommerzialrat Nagy gearbeitet, heute gehört die Firma ihnen, heißt aber Materna.

Ich gebe das letzte Wort einmal dem großen Wiener Dandy Adolf Loos: Nach den englischen schustern machen gewiß unsere schuhmacher die besten schuhe der welt. Man wird zwar in den verschiedenen europäischen hauptstädten hervorragende schuster aufzählen können, aber der gleichmäßige, tüchtige durchschnitt erhebt die österreicher, was die fußbekleidung angeht, über jedes andere volk. Dem kann man hinzufügen, dass der berühmteste Schumacher Londons in den dreißiger Jahren auch keinen sehr englischen Namen trägt, die Familie von Nikolaus Tuczek kam irgendwann auch aus dem k.u.k. Österreich in die englische Metropole. Die Firma von Nikolaus Tuczek gehört heute John Lobb, einst Bootmaker of the Colony of New South Wales. Aber das ist eine andere Geschichte.

Noch mehr Schuhe in den Posts: ➱Cliff Roberts, Artisan, ➱Dinkelacker, ➱Kuckelkorn, ➱Kiton/Chiton, ➱wayward cows, ➱Lord Byrons Schuhe, ➱Militärisches Schuhwerk, ➱Wildlederschuhe, ➱Chelsea Boots, ➱Englische Herrenschuhe (Trickers), ➱Englische Herrenschuhe (London), ➱Englische Herrenschuhe (Alfred Sargent), ➱Italienische Herrenschuhe, ➱Schuhe aus Portugal, ➱Wiener Leisten, ➱Wirkungen, ➱Zeit der Unschuld, ➱Gamaschen, ➱Christian Rohlfs, ➱Laurence Harvey, ➱Blazer, ➱Morning Coat, ➱Fernandel, ➱Léo Malet, ➱Schuhcreme

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