Wenn man auf Prince Charles herumtrampeln will, braucht man sich nur ein Paar Tricker’s Schuhe zu kaufen. Weil da innen auf der Sohle das goldene Wappen des Prince of Wales prangt, den sie seit den achtziger Jahren als Kunden haben. Er ist zwar wie sein Vater Kunde bei ➱John Lobb, aber anscheinend versorgt die Firma R.E. Tricker Ltd ihn auch mit Schuhwerk. Da kann er dann auf seinem eigenen Wapperl herumtrampeln. Oder vielleicht lassen Sie das bei seinen Schuhen weg. Ich nehme an, dass sie ihm Maßschuhe liefern, diesen Service bietet Tricker’s heute immer noch an. Auch Prince William und Prince Harry sollen Kunden sein. Während alle Londoner Schuhmacher lange Listen voll berühmter Kunden haben, hört man bei Tricker’s nichts davon. Wahrscheinlich lieben die Kunden diese englische Zurückhaltung.

Vor dreißig Jahren hatten sie auch noch spats (Gamaschen) im Angebot, obgleich der Manager dem Journalisten des Punch gestand, dass man nur noch ein Dutzend von diesen Dingern im Jahr verkaufte. Wenn Sie also wie Boni de Castellane (hier auf dem Photo von Nadar in einem kurzen ➱frock coat) aussehen wollen, wäre die Nummer 67 der Jermyn Street eine gute Adresse. Aber wir sollten an dieser Stelle sagen: als P.G. Wodehouse seine Sammlung von Kurzgeschichten Young Men in Spats veröffentlichte, war dies Kleidungsstück schon ziemlich antiquiert. In der Jermyn Street hat Tricker’s das einzige Ladengeschäft. Zuerst war es die Jermyn Street 86, 1939 zogen sie zur Nummer 67, wo sie heute immer noch sind.

In dem London Shopping Guide von Elsie Burch Donald heißt es über die Firma: Trickers, 67 Jermyn Street, SW1 (930-6395) sell hand-made, hand-lasted shoes at half the price of Lobb’s and Maxwell’s. They claim this is because they have their own works in Northhampton. Bespoke shoes take five months to get but half of Trickers‘ business is selling ready-made, hand-made shoes. Trickers make velvet monogrammed slippers and make up slippers from customers‘ own needlework (get details of this before you start). Den letzten Punkt finde ich sehr witzig, aber auch sehr englisch.

Was aber auch sehr interessant ist, ist die Tatsache, dass damals (der London Führer stammt aus dem Jahre 1979) die Maßschuhe noch fünfzig Prozent des Geschäfts ausmachten. Heute sind es noch 200 von 1.400 Paar Schuhen in der Woche, die reine Handarbeit sind. Die Firma schickt auch den Kunden, die nicht in die Jermyn Street kommen können, große Papierbögen zu. Auf die man die Füße stellt, sie abzeichnet und dann an zwei Stellen (die man auf dem Papier markiert) für toe joint und instep Maß nimmt. Klingt komplizierter als es ist. Die Slipper mit Wappen oder Monogramm sind heute für knapp 200 Pfund immer noch ein Renner (die von Edward Green kosten das Doppelte). Ich hatte mal so etwas in der Hand, kam aber nicht wirklich in Versuchung. Wann trägt man die? Ich laufe zu Hause immer barfuß herum.

Die Firma Tricker gibt es seit mehr als 180 Jahren, und sie ist seit mehr als 180 Jahren im Besitz einer Familie. Es gibt nicht mehr so viele alte Schuhfirmen, die noch im Familienbesitz sind, mir fallen gerade nur Crockett & Jones und Loake ein. Die Gründerfamilie von Tricker’s heißt allerdings nicht Tricker, sondern Barltrop. Aber als Walter James Barltrop, der Sohn des Firmengründers Joseph Barltrop, im Jahre 1862 eine gewisse Claire Louise Tricker heiratete, beschloss man, für das Geschäft mit den Schuhen diesen Namen anzunehmen. Damit gab man einen guten alten (und seltenen) Namen auf und handelte forthin unter einem Namen, der etymologisch eher negative Konnotationen hat. Sich aber besser merken lässt.

Firmennamen sind ja alles. Nehmen wir mal die Firma John Crocket. Klingt doch mächtig englisch, ist alles drin: ein bekannter Vorname und dann dieses Crocket, das auch ein wenig vom Nationalsport ➱Cricket mitschwingen lässt. Man kann das hier im Firmenwappen mit den Cricketschlägern und dem Croquetschläger sehen. Und natürlich wird die Firma Crockett & Jones assoziiert. Aber John Crocket ist keine englische Firma, sie sitzt in Köln.

Wurde von ’ne kölsche Jung namens Dr. Thomas Schmitz begründet, der mal am Trinity College in Dublin studiert und einen M.A. Titel von der Universität Reading hat. Und der auf die Idee kam, irische Strickwaren und irischen Tweed nach Deutschland zu holen. Inzwischen hat er ein Geschäft in Köln und ist im Internet vertreten. Er achtet auf Qualität. An den Preiskriegen, die sich Firmen wie T.M. Lewin und Tyrwhitt mit ihren Oberhemden (die tausende Meilen entfernt von der Jermyn Street hergestellt werden) liefern, will er sich nicht beteiligen.

Wenn ich die Firma John Crocket (Sie können den Firmengründer ➱hier im TV sehen) erwähne, dann hat das einen simplen Grund. Dr Thomas Schmitz war der erste, der in Deutschland die Marke Tricker’s anbot. Von Tricker’s hat er sich schweren Herzens vor einigen Jahren getrennt, die Konditionen stimmten nicht mehr. Die Engländer waren nicht bereit, ihm die gleichen Preise einzuräumen, die sie Herring Shoes gewährten. Aber auf die Qualität von Tricker’s lässt er nichts kommen. Ich auch nicht, ich habe über die Jahrzehnte fünf Paar Tricker’s bei ihm gekauft, alle noch im erstklassigen Zustand.

Ein Problem bei den Engländern seien immer die Sohlen, hat Dr Schmitz mir gesagt. Deshalb hat seine neue Marke Crocket’s Finest nur Rendenbach Sohlen. Ed Meier in München kennt das mit den Sohlen auch, er besteht bei Crockett & Jones darauf, dass die ihm seine Peduform Schuhe mit einer Rendenbach Sohle liefern. Da wir vom Leder sprechen, so etwas wie hier auf dem Bild ist vielleicht heute nicht mehr im Programm (obgleich die Firma als Schaustücke auch Schuhe in seltenen Ledersorten zeigt). Aber noch im Jahre 1985 konnte man in der Jermyn Street einen Krokodilleder Schuh für £278 kaufen. War damals viel Geld.

Inzwischen kann man Tricker’s an mehreren Stellen Deutschlands kaufen. Aber nicht in den riesigen Verkaufpalästen, nur bei den ➱Herrenausstattern. Im anglophilen Hamburg bei Hasselbach, im anglophilen Bremen bei Hautop (den Laden habe ich ➱hier schon einmal erwähnt). Diese Herren sind natürlich keine anglophilen Hansestädter, das sind Japaner beim Betrachten von Tricker’s Stiefeln. Die Japaner sind ja ein klein wenig angloman, Firmen wie ➱Burberry (wurde in Japan mal mit dem Karofutter nach außen getragen) und ➱Paul Smith wären nichts ohne den japanischen Markt. Siebzig Prozent der Produktion von Tricker’s geht heute in den Export, ein großer Teil davon nach Japan. Man weiß nicht, wie sie den Firmennamen aussprechen, aber sie lieben die Firma.

In London konnte man Tricker’s nur in der Jermyn Street und in ausgewählten Läden (wie zum Beispiel in The Old Curiosity Shop) kaufen. Bei ➱Davies & Son, die einmal der Schneider des Herzogs von Windsor gewesen waren, hieß es jahrelang auf der Homepage: To complement the quality of our suits we stock the complete ranges of Loakes and Trickers shoes. Das war eine seltsame Kombination: Loake und Tricker’s. Jetzt steht nur noch Loake auf der Seite. Ist Davies & Son im freien Fall? Wenn Sie eine Liste aller englischen Händler, die Tricker’s führen, sehen wollen, klicken Sie hier. Neuerdings arbeiten sie von Zeit zu Zeit auch mit Firmen für eine Kollektion zusammen, so zum Beispiel mit Hardy Amies oder End Clothing.

Sie waren nicht immer Tricker’s oder R.E. Tricker, sie hatten auch andere Namen. Wie zum Beispiel Elthea in den zwanziger und dreißiger Jahren. Mit diesem Namen warben sie für The finest selection of Golf Shoes in the World oder Famous Tramping Boots and the ‚Farmers‘ Boot de Luxe. Und diese Anzeige erschien in dem Jahr, in dem sie zum ersten Mal den Laden in London haben: If your bootmaker cannot supply call or write as above for our catalogue, and see that you have the Trademark “ELTHEA“ if you want the old Original Quality Leather “as soft as a slipper.“ Manufacturers of every description of Ladies‘ and Gentlemen’s Footwear in Real Hand-sewn Welts. Riding Boots a specialty. Military Boot Experts.

Die zwanziger und dreißiger Jahre sind in England eine Zeit von Sport und outdoor activities. Das kann man auch in der Kunst wiederfinden, wie man dem Buch Day in the Sun: Outdoor Pursuits in the Art of the 1930s von ➱Timothy Wilcox entnehmen kann. Und die Engländer entdecken ihre Insel, man kann das an den ➱Plakaten ablesen, mit denen Bahn und Bus werben (dazu gibt es mehr in dem Post ➱Keep Calm and Carry On, in dem auch das schöne Poster ➱Keep Calm and Read Silvae zu sehen ist).

Wenn man also mit der London and North Eastern Railway zu den Mooren von Yorkshire gereist ist, dann braucht man das richtige Schuhzeug. Die Lady braucht wahrscheinlich gar keine Schuhe, weil sie so große Füße hat, dass sie nicht im Moor einsinken kann. Hat der Franzose ➱Hippolyte Taine mal gesagt, wir lassen das aber lieber beiseite. Die Firma Tricker’s (oder ihre Marke Elthea) liegt damals voll im Trend, denn für all diese outdoor activities haben sie die richtigen Schuhe im Programm. Waren Schuhe bis dahin meistens schwarz, so kommt nun Braun als neue Schuhfarbe. Und natürlich die Warnung No brown after six. Es kommt auch ein fieses Braun, das schon beinahe gelb ist. Wahrscheinlich ist das die Farbe, die in ➱P.G. Wodehouses Story of Cedric als The foot-joy! The banana specials! The yellow perils! bezeichnet werden.

Aber in England geht natürlich für den Landadel, und die, die ihn imitieren, nur diese eine Farbe, die tan heißt. Da braucht man nur eine Sorte ➱Schuhcreme für Zaumzeug, Sattel und Schuhe. Werbung gibt es bei Tricker’s kaum, das besorgen die anderen. So finden sich in Zeitschriften wie The Countryman: A Quarterly Review and Miscellany of Rural Life and Progress schon einmal die Sätze: They do it by traditional methods – at the bench, on hand-made lasts. They do it with the finest leathers, selected and grain-matched to make every pair of Tricker’s Shoes the nearest thing you’ll get to perfection. In style, in comfort, in lasting satisfaction.

Es gibt in den zwanziger und dreißiger Jahren noch mehr an Neuerungen in der Welt der Schuhe. Braune Wildlederschuhe werden modern; da die ➱hier schon einen Post haben, lasse ich sie heute mal unerwähnt. Und dann gibt es noch einen Schuh, der im Englischen co-respondent (und im amerikanischen Englisch Spectator) heißt. Wurde gerne von Schauspielern und Gangstern getragen. Setzte sich selbst in der Damenwelt nicht wirklich durch. Wallis Simpson trug so etwas (weshalb die Schuhe in England auch als divorce court shoes bezeichnet wurden), aber für die feine Welt war das nichts: two-coloured shoes, you know, they were known as co-respondent shoes, everyone knows that: I mean you wouldn’t dream of them. Or if you did, you were not quite our class, which was, NQUCD. Isn’t that awful?

Mit Stiefeln und ➱militärischem Schuhwerk hatte Joseph Barltrop einst begonnen, heute verkaufen sie das Zeug aus der Country Collection wie geschnitten Brot. Nicht nur an die Japaner, die im Augenblick zahlenmäßig ihre größten Kunden sind (gefolgt von Italien und andern europäischen Ländern). Nein, man muss es ja mal sagen: obwohl sich die Firma bemüht, ganz still, diskret und zurückhaltend zu sein, und obwohl sie nicht wie ➱Berluti mit Jeremy Irons wirbt, sie ist längst Kult. Musiker und Schauspieler tragen Tricker’s, vorzugsweise die Stiefel. Die es jetzt auch in etwas abgefahrenen Farben gibt. Nicht mehr diese Standardfarbe tan, die früher die Country Collection auszeichnete. Das würde auch dem jungen Claude in Wodehouses Geschichte gefallen, der über seine gelben Schuhe (zum ➱Morning Coat!) sagte: Don’t you like them? I thought they were rather natty. Just what the rig-out needed, in my opinion, a touch of colour. It seemed to me to help the composition.

Und dann ist da noch der Film Kinky Boots (deutscher Titel: Kinky Boots – Man(n) trägt Stiefel) aus dem Jahre 2005, in dem eine drag queen eine etwas heruntergekommene altehrwürdige Schuhfabrik aufmischt. Und wo wurde der Film gedreht? Natürlich in der alten Schuhfabrik von Tricker’s in Northampton. Sie können in dem ➱Trailer sehen, dass da auch ganz viele Schuhe aus Tricker’s Country Collection im Bild sind. Hinter dem Film steht die wahre Geschichte von Steve Pateman, der die väterliche Schuhfabrik WJ Brooks übernahm und sie dadurch rettete, dass er kinky Schuhe für Fetischistinnen herstellte (Markenname Divine). Soweit wird die Firma Tricker’s nicht gehen, auch wenn ihre lila Stiefel schon ziemlich kinky sind.

Man konnte früher nicht einfach bei Tricker’s in den Laden gehen und sagen, man möchte den Schuh haben, den man im Fenster gesehen hatte. Man wurde genötigt, Platz zu nehmen. Und dann kamen zwei Herren in grünen Schürzen und schleppten etwas heran, was wie ein mittelalterliches Folterinstrument aussah. Damit vermaßen sie den Fuß, jeden einzeln. Und sagten dem Kunden, welcher Leisten gut für ihn sei. Stimmte immer. Das ist auch der große Vorteil der englischen Firmen, dass sie häufig noch eine Vielzahl von verschiedenen Leistenformen (und verschiedenen Weiten) im Angebot haben. Das bieten heute nur wenige, die belgische Firma Ambiorix ist da eine lobenswerte Ausnahme.

Also den hier (oder einen ähnlichen), den hatte ich mal. Mein Freund Georg auch. Der hat mit seinem sogar mal Fußball gespielt, auf einem Grantplatz. Hat mir wehgetan, das mitanzusehen, der Schuh hat das aber überstanden. Ich habe meinen nicht mehr, habe ihn verschenkt. Weil er mir zu schwer wurde, die Vielzahl der Verletzungen beim Fußball und Hallenhandball machte sich im zunehmenden Alter bemerkbar. Falls ich heute so einen Schuh brauchte, hätte ich immer noch den J.M. Weston, dessen Geschichte Sie hier lesen können.

Neben der Country Collection und den Slippern bietet man mit der Jermyn Street Collection natürlich auch elegante Schuhe an. Den hier habe ich seit über vierzig Jahren. Damals hieß er 9550, heute heißt er Henley. Beinahe alle Schuhe aus einem 70er Jahre Prospekt sind heute noch im Programm, das nenne ich mal Tradition. Dieser Schuh war damals mit £102 der teuerste, den Tricker’s im Programm hatte. Ich habe den auch noch einmal in Braun, in einem besonderen Leder. Hieß im Katalog von Dr Schmitz Cordovan, sieht aus wie Pferdeleder, ist aber keins. Als ich letztens mit Herrn Dr Schmitz telephonierte, habe ich ihn nach dem letzten Rätsel der Schuhwelt gefragt. Und obgleich das mehr als ein Jahrzehnt her ist, konnte er sich sofort an das Modell erinnern. Es ist ein Kalbsleder, das dem gleichen aufwendigen Gerbungsprozess unterworfen wurde wie das Pferdeleder. Dadurch bekommt es diese einmalige Oberfläche.

Und da wir bei dem Leder sind, muss ich noch eben diese kleine Geschichte anfügen, die sich in Matthew Engels witzigem Englandbuch Engel’s England findet. Da besucht er die Fabrik von Tricker’s und wird von dem Direktor ➱Barry Jones (Bild) herumgeführt. Der so höflich ist, keinerlei Kommentare zu Engels Schuhen abzugeben, die dieser als my £39.99 madeprobablyinChinauntouchedbyhumanhand slipons bezeichnet.

Am Ende der Führung hält Matthew Engel ein besonderes Stück Leder in der Hand: The shoemaker’s art is concentrated in the clicking room, where the clicker has to choose the best leather for the front of the shoes and the second rank stuff for the back. I was invited to stroke the best. It was beautiful: smooth, sensual and, given enough time, quite probably arousing. Very kinky indeed. All the while Barry was was explaining precisely where the leather came from. Eventually understanding dawned. ‚You mean to say I’m stroking a cow’s arse?‘ ‚We prefer to call it the butt‘.

 
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