Opa hatte noch welche im Schrank, aber er trug sie nicht mehr. Opa hatte auch noch Hemden, auf die man einen steifen Kragen aufknöpfte. Der englische Politiker Enoch Powell hat erst im Alter erfahren, dass es mittlerweile Hemden gab, an die man die ➱Kragen nicht mehr anknöpfte. Manche Dinge kommen aus der Mode. Wie die Gamaschen. Als Rudolfo Valentino so etwas in den zwanziger Jahren trägt, sind die Gamaschen eigentlich schon out (außer bei Gangstern und Schauspielern), aber Rudolfo Valentino kann tragen, was er will. Man imitiert ihn.

In dem Post über die englische Schuhfirma ➱Tricker’s habe ich aus Versehen den englischen Begriff spats (die hier Thomas Hardy trägt) mit Galoschen übersetzt. Ich weiß nicht, wie das passieren konnte. Ich wollte Gamaschen schreiben, schrieb aber Galoschen. Hat zuerst niemand gemerkt, aber dann meldete sich The Viceroy: Lieber Jay, wieder einmal ein schöner und gelungener Eintrag in Ihrem weiterhin höchst empfehlenswerten Blog. Nur eins frage ich mich: Wird der Begriff ’spats‘ im Deutschen nicht mit Gamaschen übersetzt, also diese charmant antiquierten geknöpften Wadenwickel? Sie schreiben von Galoschen, welche aber, wenn ich nicht irre, im englischen den ähnlichen Namen ‚galoshes‘ tragen und bei denen es sich um regendichte Überschuhe handelt.

Ja, natürlich, tut mir leid. Wenn ➱Thomas Hardy im Jahre 1892 Gamaschen trägt, dann ist das völlig comme il faut. Heute wohl nicht mehr. Dennoch, es gibt die Gamaschen noch. Beim Militär, für die Muschkoten, die keine richtigen Stiefel haben. Und bei Pferden. Und dann gibt es noch diesen Schuh hier, den Laszlo Vass hergestellt hat. Der englische Händler Ascot Shoes bezeichnet ihn bei ebay als Vass Monk Boots. Es ist eher der Wolpertinger der Schuhwelt – Lichtjahre entfernt von den rattenscharfen Schuhen mit dem K-Leisten, die Vass inzwischen im Programm hat. Sieht aus wie ein Schuh mit angeklebter Gamasche, ich weiß nicht, ob sich das durchsetzen wird.

Die Galoschen, eine Art Überschuh, sind natürlich, wie The Viceroy sagt, ein ganz anderes Ding als die charmant antiquierten geknöpften Wadenwickel. Galoschen waren vor über hundert Jahren auch chic (wie man diesem Werbeplakat entnehmen kann), manche ➱Herrenausstatter bieten sie heute in der Wintersaison als Schutz für den empfindlichen Schuh wieder an. Sogar in einer Vielzahl von Farben. Sie sind ja meistens aus Gummi. Gut gegen Regen und Schnee. Vielleicht hat der Bremer Dichter ➱Konrad Weichberger so etwas gemeint, als er seine unsterblichen Verse schrieb:

Laß du doch das Klavier in Ruhe;
es hat dir nichts getan;
nimm lieber deine Gummischuhe
und bring mich an die Bahn –

Wir vergessen das Bild der Schuhe von Laszlo Vass mal wieder. Und auch das ganze Thema Gamaschen. Zu dem ich allerdings noch ein schönes Gedicht hätte. Es ist von den englisch-kanadischen Dichter Robert William Service und hat den kurzen Titel Spats:

When young I was a Socialist

Despite my tender years;

No blessed chance I ever missed

To slam the profiteers.

Yet though a fanatic I was,

And cursed aristocrats,

The Party chucked me out because

I sported Spats.


Aye, though on soap boxes I stood,

And spouted in the parks,

They grizzled that my foot-wear would

Be disavowed my Marx.

It’s buttons of a pearly sheen

Bourgois they deemed and thus

They told me; ‚You must choose between

Your spats and us.‘


Alas! I loved my gaitered feet

Of smoothly fitting fawn;

They were so snappy and so neat,

A gift from Uncle John

Who had a fortune in the Bank

That one day might be mine:

‚Give up my spats!‘ said I, ‚I thank

You–but resign.‘


Today when red or pink I see

In stripy pants of state,

I think of how they lost in me

A demon of debate.

I muse as leaders strut about

In frock-coats and high hats . . .

The bloody party chucked me out

Because of Spats.

Ich hätte das am 11. September einstellen können, da hätte ich auch eine Verbindung zu dem Canadian Rudyard Kipling und Poet of the Yukon (wie man Robert William Service genannt hat) gehabt, weil der am 11. September 1958 gestorben ist. Aber ich dachte mir: schon wieder Schuhe? Das geht nach den drei Posts zu englischen Schuhen wirklich nicht, da muss etwas dazwischen. Die Kritiker haben Robert William Service nie zu den großen Dichtern des zwanzigsten Jahrhunderts gezählt. Aber er hat mit seinen Versen mehr verdient als die meisten seiner Kollegen. Und Leser, die in ihrem Leben niemals T.S. Eliot oder ➱Ezra Pound lesen würden, haben ihn geliebt. Er begann seine Karriere früh. Mit diesem Gedicht, das er als Sechsjähriger schrieb:

God bless the cakes and bless the jam;

Bless the cheese and the cold boiled ham:

Bless the scones Aunt Jeannie makes,

And save us all from bellyaches.

Amen

Und der Dichter, der im Alter nicht mehr am Yukon, sondern in Paris und Monte Carlo lebte, hat für uns alle einen guten Rat fürs Leben parat (es kommen auch Schuhe drin vor): Be master of your petty annoyances and conserve your energies for the big, worthwhile things. It isn’t the mountain ahead that wears you out – it’s the grain of sand in your shoe.

 
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