Vor einem Jahr fragte mich der Buchhändler ➱Harald Eschenburg, ob ich gerade etwas über einen bestimmten Schriftsteller geschrieben hatte. Er hätte in der letzten Woche nämlich alle Bücher des Autors verkauft. Da merkte ich, dass ich offensichtlich in Kiel auch Leser habe. Es ist ja eine schöne Sache, wenn ein Blog eine gewisse Wirkung zeigt. Nicht dass ich behaupten wolle, solche Wirkungen zu haben, wie die Blogger von netzpolitik.org. Aber doch ein klein wenig Wirkung. Als ich vor Jahren erwähnte, dass Heide Simonis als Studentin ➱Gedichte geschrieben hatte, waren die antiquarischen Exemplare bei Amazon Marketplace innerhalb weniger Tage weg. Ich hätte es natürlich gerne gehabt, wenn Klett Cotta ➱Sigrid Combüchens Roman Byron wieder aufgelegt hätte (oder meine etwas gehässigen Bemerkungen den Absatz der Bücher von ➱Brigitte Kronauer verkleinert hätten).

Leider gibt es bei kleinen Erfolgen auch viele Gegenbeispiele. Der nette Bruno Oetterli schrieb mir, dass mein Post ➱Michael Drayton in der ganzen Schweiz gelesen wurde (dafür hat er gesorgt), jedoch die Verkaufszahlen des schönen Drayton Buches von Günter Plessow leider nicht nach oben getrieben hatte. Ähnliches schrieb der Verleger, der die Gedichte von ➱Gerhard Neumann neu herausbrachte. Aber ich erhielt nach Jahren Post von der Familie Gerhard Neumanns, die sehr stolz darauf waren, ihren Verwandten im Internet zu finden. Und auch der lange verkannte Bremer Autor ➱Rudolf Lorenzen hat mir kurz vor seinem Tod geschrieben, dass ihm meine Würdigung seines Romans Alles andere als ein Held gefallen habe.

Bei manchen Dingen frage ich mich, ob ich daran schuld bin. Ich hatte gerade den Post ➱Englische Herrenschuhe (London) veröffentlicht, als bei ebay ein loafer von John Lobb auftauchte. Erstklassiger Zustand, Preis für den Sofortkauf: 150 Euro. Ein Schnäppchen. Man hätte angenommen, der wäre nach fünf Minuten verkauft gewesen. Nichts da, hat drei Tage gedauert. Ich nehme an, die Kaufinteressenten haben erst einmal den Post über Englische Herrenschuhe gelesen und sind dann ins Grübeln gekommen. Ich war da überhaupt nicht in Versuchung, obgleich es meine Größe war, weil ich mir im Schuhhaus namens ebay gerade ein Paar Haderer gekauft hatte. Sofortkauf 29 Euro. ➱Herbert Haderer in Salzburg hat nur an einem Tag in der Woche offen, er macht zweihundert Schuhe im Jahr. Das ist exklusiver als John Lobb. Mein Schuster, der mir eine dünne Gummisohle auf die Sohle machen sollte, kriegte ein Glitzern in die Augen, als er den Schuh sah. Schöner Schuh, sagte er und glitt mit dem Daumen am Leder entlang. Ich sagte ihm, dass Arnold Schwarzenegger seine Schuhe bei Herbert Haderer machen lässt. Der trägt aber ’ne Nummer größer als Sie, sagte der Schuster. Der ganze Laden lachte. Und dann wollten alle die Schuhe sehen.

Als ich hier zu schreiben anfing, machte ich mir keinerlei Gedanken über meine Wirkungen als ➱Blogger. Ich kam nicht auf die Idee, dass eines Tages viele Leser täglich meinen Blog lesen würden, so wie sie die Tageszeitung lesen. Inzwischen kann ich in meiner Statistik ablesen, was im Fernsehen gelaufen ist. Viele Leser schauen nach einem Film offensichtlich erst einmal in diesem Blog, ob da etwas zu Schauspielern und Regisseuren zu finden ist. Dass bei Arte eine Retrospektive von Edgar Reitz‘ Trilogie Heimat läuft, habe ich so aus der Statistikseite erfahren. Plötzlich hatten hunderte von Lesern den Post ➱Zweite Heimat angeklickt.

Dass der Film auch in dem Post ➱3. Oktober erwähnt wird, schien niemand bemerkt zu haben. In dem Post habe ich auch einen Link zu dem kurzen Video, wo Salome Kammer Schumanns Vertonung von ➱Eichendorffs Gedicht Aus der Heimat hinter den Blitzen rot: da kommen die Wolken her singt. Sehr intensiv. Und sehr schräg. Aber auch sehr rührend (klicken Sie ➱hier). Sie ist damals noch gar keine Sängerin gewesen, sie hatte Violoncello bei Maria Kliegel und János Starker studiert (die beide in dem Post ➱Bachs Cellosuiten erwähnt werden), die Gesangausbildung kam erst später. Wenn Sie hören wollen, wie Aus der Heimat hinter den Blitzen rot richtig und schön gesungen wird, dann klicken Sie einmal ➱Dietrich Fischer-Dieskau an.

Heimat ist immer etwas Retrospektives. Ein Gefühl des Verlusts, hat Edgar Reitz gesagt. Fühle ich mich deshalb von seinen Filmen so angezogen, weil ich ein Nostalgiker bin, der sich immer in die Vergangenheit zurückträumt? In meinen Träumen bin ich immer in einer Welt, die ein halbes Jahrhundert zurückliegt. Sollte mich das beunruhigen? Home is where one starts from. As we grow older

The world becomes stranger, the pattern more complicated Of dead and living, heißt es in T.S. Eliots East CokerYou can’t go home again, sagt uns Thomas Wolfe. In meinen Träumen tue ich das immer, aber auch diese Traumwelt ist strange und more complicated geworden. In Edgar Reitz Filmen war ich immer zu Hause, ich weiß nicht weshalb. Ich habe die einzelnen Filme von Reitz‘ Opus über die Jahrzehnte auf verschiedenen Fernsehgeräten gesehen, die peu a peu ihren Geist aufgaben. Reichshöhenstraße (➱hier zu sehen) sah ziemlich grün aus, da wusste ich, dass der Fernseher hin war. Ich hatte damals ziemlich billige Geräte, ich legte auf das Fernsehen keinen so großen Wert. Heute habe ich einen großen Metz (ja, ich stehe noch zu deutscher Qualität) und kann mir alle Teile von Heimat jederzeit auf einer DVD anschauen.

Es sind diese magischen Momente, man sieht einen Film und ist plötzlich in diesem Film. Die Welt des Filmes ist die eigene Welt. Weil irgendetwas da ist, das einen in diese Welt zieht. Und da sind die Bedingungen, unter denen man ihn sieht, vollkommen egal. Ich habe A Tale of Two Cities mit ➱Dirk Bogarde auf einem transportablen Mini Fernseher auf Uwes Jollenkreuzer auf dem Weg zur Zuiderzee gesehen. Ich habe immer noch jedes Bild im Kopf. Als es Aleksei Germans Moy drug Ivan Lapshin (der ➱hier schon einen Post hat) im Fernsehen gab, habe ich mich bei einer Party völlig unhöflich mit einem kleinen Portable der Gastgeber in eine Art Butzekammer verzogen. Es war dunkel und kalt, aber das war bei diesem ➱Film auch passend.

Es hat mehr als zwei Jahrzehnte gedauert, bis Edgar Reitz magnum opus zu einem Abschluss kam. Jahrzehnte, in denen sich vieles änderte. Fernseher, Autos, Frauen. Aber die Anziehungskraft von Heimat blieb. Die deutsche Geschichte, die irgendwo auch die eigene Geschichte ist – von den dreißiger Jahren bis zur Wiedervereinigung. Wie ein großer ➱Familienroman. Obgleich ich weder das Schabbach der vierziger Jahre oder das Schwabing der sechziger Jahre kenne, kommt mir alles vertraut vor. Irgendwann schreibe ich mal darüber. Dies ist mal eben eine Schreibübung, ein amuse gueule.

Zum Schluss möchte ich doch noch gerne etwas bewirken, ich möchte ein wenig Werbung für einen neuen Blog machen. Ich habe in dem Post ➱THW beklagt, dass das geringe Niveau der Lokalzeitung Kieler Nachrichten noch kleiner geworden ist. Ich unterhielt mich die Tage mit einem Bekannten, der lange für die Zeitung gearbeitet hatte. Wenn ich sie nicht auf Lebenszeit umsonst ins Hause bekäme, ich würde sie abbestellen, sagte er. Beklagenswert ist der Schwund im Feuilleton, das sich früher noch auf einem akzeptablen, wenn nicht manchmal sogar gutem, Niveau hielt. Es war neben Hägar dem Schrecklichen das Beste von der Zeitung. Das Feuilleton heißt jetzt Kultur & Freizeit, da ist mehr von Freizeit als von Kultur die Rede. Ich hatte in dem Post THW auch erwähnt, dass die Zeitung Leuten wie Hannes Hansen und Christoph Munk bedeutet hat, dass man ihre Dienste nicht mehr unbedingt benötigte. Ich hatte Hannes – falls Sie den nicht kennen sollten, müssen Sie mal eben den Post ➱Schwarzenbek (mit Louis Armstrong und Bratkartoffeln) lesen – geraten, einen Blog aufzumachen. Und das hat er jetzt zusammen mit Christoph Munk gemacht. Klicken Sie doch ➱hier mal hinein. Ist besser als Kultur & Freizeit der Kieler Nachrichten.

Lesen Sie auch: ➱Anfänge, ➱Zweite Heimat

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