Der französische Schriftsteller, Philosoph und Literaturkritiker Roland Barthes wurde heute vor hundert Jahren geboren. Sein Werk nimmt viel Platz in meinen Regalen ein, er hat mich mit seinem wilden Denken sicherlich beeinflusst. Vor allem mit seiner Methode in den Mythen des Alltags, aus kleinen Dingen große Sachen zu machen. Wie in seinem wunderbaren Essay über den Citroen DS, der in dem Post ➱Göttin schon erwähnt wird. Dort hatte ich schon einmal dieses Bild hingestellt, es ist ein Photo, das ich mag. Barthes, der mit dem kleinen Buch Die helle Kammer auch über Photographie geschrieben hat, wird es wohl gemocht haben. Es ist eine gewisse französische Nonchalance in diesem Bild, diese lässige Haltung mit der Gauloise im Mundwinkel. Französische Philosophen müssen offensichtlich rauchen, so wie ➱Albert Camus auf dem berühmten Photo von Cartier-Bresson. Oder Sartre im Nebel auf dem Pont des Arts.

Doch vielleicht hat er das Bild nicht gemocht, vielleicht gelten die Sätze aus Über mich selbstJedes Bild von ihm selbst ist ihm unerträglich, er leidet darunter, genannt zu werden. Er meint, daß die Vollkommenheit einer menschlichen Beziehung auf der Vakanz von Bildern beruht… Aber warum füllt er dann das Buch mit  Photographien von sich selbst? Auch das hier ist Roland Barthes, aber wenn uns das Bild unerträglich erscheint, dann müssen wir dazu sagen, dass dieser Dandy im Morgenmantel in Wirklichkeit ein lungenkranker Patient im Sanatorium ist. Photographien beschäftigten ihn immer wieder, von seinem Japan Buch bis zu Die helle Kammer, seinem letzten Buch. Am Tag seines Todes war er dabei, eine Vorlesung über Proust und die Photographie vorbereiten.

Ich weiß nicht, ob ➱Roland Barthes wirklich ein Philosoph ist. Das Cambridge Dictionary of Philosophy kennt ihn nicht, kennt aber seinen Landsmann Gaston Bachelard. Der übrigens mal als Briefträger angefangen hat, bevor er Philosoph wurde. Er ist der einzige Philosoph in der Geschichte der Philosophie, der durch Abtasten eines Briefes sein Gewicht bestimmen konnte. Im übrigen ist er ein Denker, der nicht ohne Einfluss auf Barthes war. Barthes hatte ihn während des Krieges entdeckt, als er wegen seiner Tuberkulose im Sanatorium in Saint-Hilaire-du-Touvet war. Wenn Barthes vielleicht nicht im strengen Sinne ein Philosoph ist, so muss man doch sagen, dass er in dem seit den sechziger Jahren wuchernden Gestrüpp von Semiotik, Semiologie, Strukturalismus und Poststrukturalismus einer der originellsten Denker ist.

Richard David Precht soll angeblich ein Philosoph sein, er hat gerade wieder ein dickes Buch geschrieben. Aber er schreibt natürlich nicht über die Werbung, die Photographie, den Eiffelturm oder die Römer im Film. Für Barthes ist die Welt nicht alles, was der Fall ist, die Welt ist ein Zeichensystem, das wir decodieren müssen. Precht hat einen Doktortitel, weil er eine Dissertation über Robert Musils ➱Roman Der Mann ohne Eigenschaften geschrieben hat (der Post über Musils amerikanische ➱Übersetzerin kränkelte lange vor sich hin, hat inzwischen aber doch viele Leser gefunden). Roland Barthes hat keinen Doktortitel. Er hätte es gerne gehabt, wenn Claude Lévi-Strauss sein Manuskript von Die Sprache der Mode als Dissertation angenommen hätte, aber der hat ihm diesen Gefallen nicht getan.

Wenn man Barthes lesen will, dann sollte man mit den Mythen des Alltags anfangen und einen weiten Bogen um Die Sprache der Mode machen. Das hat auch der Rezensent bei Amazon gemerkt: OK. Selbst schuld. Nach den ersten 50 Seiten musste ich es einsehen: Es ist ein Buch von einem „drögen“ Denker, der die Welt der Mode intellektualisieren wollte, um vielleicht ihren Respekt in der Geisteswelt zu erhöhen. Es gibt sicherlich ein paar Leute, die das brauchen… Gabriele Röttger-Denker, die in der vorzüglichen Reihe des Junius Verlags den Band Roland Barthes zur Einführung geschrieben hat, drückt sich da etwas höflicher aus: Dieses von Barthes mit viel Eifer und Zeitaufwand verfaßte Buch über die Mode verlockt — nicht zuletzt wegen des bemühten Bestrebens nach Vollständigkeit — nicht zur durchgängigen Lektüre.

Roland Barthes und Mode kommen gerade wieder zusammen, die Pariser Firma Hermès hat für 850€ ein ihm gewidmetes Seidentuch im Angebot: Hermès, the French luxury brand, has paid homage to the philosopher and semiotician Roland Barthes on the centennial of his birth, this November, by crafting a limited-edition silk scarf printed with a motif inspired by his book “A Lover’s Discourse: Fragments” (1977). How would Barthes read this object? He read everything, after all—not just books. He taught us to see the whole world as a helix of readable signs, and even after his premature vehicular death, in 1980, his students retained a set of instructions for deciphering the cultural cosmos. How would he have read the choice to emblazon his memory across a silk carré? What would he have made of this bourgeoisification of his thought? And what would he have had to say about the scarf’s eight-hundred-and-ninety-five-euro price tag? Ja, das hätte sich Dietrich Hermes, der Sohn eines Kneipenwirts aus Krefeld, auch nicht träumen lassen, was aus seiner Firma wird.

Bedeutender als Die Sprache der Mode ist für Gabriele Röttger-Denker das Buch über Michelet: Barthes betont des öfteren, wie wichtig für ihn sein Michelet-Buch war — neben dem Buch über Japan (L’empire des signes). Ich denke, Barthes hat in seinem Spätwerk die Spur Michelets aufgenommen. Michelet durch die Geschichte Frankreichs ‚graste‘ und ’schwamm‘, so schmiegt sich der Körper von Barthes an den Signifikanten, probiert und schmeckt ihn: in Essays, Haikus, Zeichnungen und Bildern, in Dictées, in Romanen ohne Helden. Man merkt es der Autorin an: der Stil von Barthes färbt schon auf sie ab, wenn sich  der Körper von Barthes an den Signifikanten schmiegt.

Barthes‘ Buch Michelet par lui-même ist zuerst einmal eine Blütenlese besonders poetischer Stellen aus dem Werk des französischen Historikers Jules Michelet. Die dann von Barthes essayistisch kommentiert werden, als wären es musikalische Variationen. Nicht so etwas Strenges, Logisches wie die ➱Goldberg Variationen. Roland Barthes spielt hier eher so etwas wie Free Jazz. Er probiert in diesem Buch das wilde Denken, das sein Spätwerk kennzeichnet, schon einmal aus. Sartre war übrigens auch ein Amateurpianist, der französische Philosoph François Noudelmann hat 2012 ein Buch über das Piano und die Philosophen geschrieben. Wir warten noch auf ein Buch über den Tabak und die Philosophie.

Es kann übrigens sein, dass Barthes‘ Michelet, das nur wenige Monate nach seinem ersten Werk Le degré zéro de l’écriture (Am Nullpunkt der Literatur) erschienen war, von Gaston Bachelard beeinflusst wurde. Denn die Interpretation von Michelets La mer in Bachelards L’Eau et Les Rêves hatte Barthes sehr beeindruckt. Doch auch Bachelard war von Barthes beeindruckt: Bei Ihnen wird aus dem Detail Tiefe. Mit Ihrer Methode der schlaglichtartigen Beleuchtung dringen Sie vor bis in die Tiefe des Seins. Sie benötigen nicht den Lauf der Geschichte, um die Kontinuität des Seins zu erfassen, schrieb er ihm. Das Photo zeigt Barthes 1977 bei seiner Antrittsvorlesung im Collège de France, da ist er nicht so cool wie auf dem Photo ganz oben.

Als Roland Barthes seine ersten Bücher schreibt, sitzt Gaston Bachelard zusammen mit seinem Kollegen Jean Guitton in einer Prüfungskommission der Sorbonne. Es geht um die Zulassung von Rentnern für die Vorlesungen im Fach Philosophie, man ist an der Sorbonne stolz, so etwas eingerichtet zu haben. Eine ältere Dame kann in der Prüfung kein Wort herausbringen, sie fängt an zu weinen. Bachelard setzt sich zu ihr und fängt auch an zu weinen. Am Ende der Prüfung, in der nur geweint und nicht geprüft wird, sagt Bachelard zu Guitton: Nous allons lui mettre dix et demi, c’est ce que nous méritons tous. Ich finde diese Geschichte wunderbar. Französische Philosophen sind eben anders, sie rauchen im Hörsaal, spielen Klavier und weinen in der Prüfung.

Barthes träumte davon, einen Roman zu schreiben. Einen Titel hatte er schon, Vita Nova sollte das Buch heißen. Aber weil es für den homme des lettres nicht so leicht ist mit dem Erzählkunstwerk, hält er erst einmal über die Schwierigkeiten vom Schreiben-Wollen zum Schreiben-Können eine Vorlesung. Die Mitschrift erschien lange nach seinem Tod unter dem Titel La Préparation du roman I et II. Notes de cours et de séminaires au Collège de France, 1978-1979 et 1979-1980. Sie ist vor drei Jahren bei Suhrkamp unter dem Titel Die Vorbereitung des Romans erschienen.

Zum Schreiben des Romans wird Roland Barthes nicht mehr kommen. Am 25. Februar 1980 wird er in der Rue des Écoles (vor der Hausnummer 44) von einem kleinen Laster mit belgischem Nummernschild angefahren – es wäre jetzt von besonderer Tragik gewesen, wenn er von einer Citroen Déesse angefahren worden wäre. Er kommt sofort in das Krankenhaus Pitié-Salpêtrière, es sieht alles zuerst nicht so schlimm aus, aber dann stirbt er vier Wochen später in dem Universitätskrankenhaus. In Colson Whiteheads Roman John Henry Days witzelt ein Professor namens Godfrey Frank:

Roland Barthes got hit by a truck

That’s a signifier you can’t duck

Life’s an open text

From cradle to death.

Dieser Godfrey Frank ist ein Poststrukturalist, ein akademischer Windbeutel, über den es im Roman heißt: Frank shambled through the media like acreature from a science fiction film, a monster whose mutant gigantism he could doubtless locate in nuclearage anxiety. Solche Figuren hat es in der akademischen Welt seit den sixties immer wieder gegeben. Man konnte sich schnell profilieren, wenn man ein bisschen Barthes (oder Foucault, Lacan oder Derrida) aufsagte.

1967 hatte Barthes über den Tod des Autors geschrieben, womit er natürlich nicht sich meinte. Der Aufsatz war letztlich gegen eine allzu biographische Interpretation der Werke eines Autors (ein Ansatz, der in Frankreich gang und gebe ist) gerichtet. Nach der Veröffentlichung von La mort de l’auteur kursierten in Paris Witze, dass Barthes jetzt in den Metro betteln würde, weil ihm seine Verlage keine Tantiemen mehr bezahlen, der Autor sei ja tot.

Roland Barthes hat mein Leben begleitet, ich lese ihn (auf deutsch und englisch) seit einem halben Jahrhundert. Ich verstehe nicht alles von ihm, und ich bin auch kein großer Freund von Strukturalismus und Poststrukturalismus. Was daran liegt, dass ich an der Uni viele kannte, die sich mit diesen Schlagworten ihre Karriere gebastelt hatten. Es ist erstaunlich, wie viele akademische Dünnbrettbohrer dank der französischen Meisterdenker in feste Anstellungen gekommen sind. Barthes selbst erhielt erst wenige Jahre vor seinem Tod seine Stelle am Collège de France. Die Fakultätssitzungen fand er sterbenslangweilig.

Mit Hilfe der Askese soll es manchen Buddhisten gelingen, eine ganze Landschaft aus einer Saubohne herauszulesen. Das hätten die ersten, die Erzählungen analysierten, gerne gekonnt: alle Erzählungen der Welt (sie sind Legion) aus einer einzigen Struktur herauszulesen: wir werden, so dachten sie, jeder Erzählung ihr Modell entnehmen und aus diesen Modellen werden wir eine große Erzählstruktur machen, die wir dann (zum Zwecke der Verifizierung) auf jede beliebige Erzählung anwenden: eine ermüdende (»Ohne Fleiß kein Preis, Geduld ist der Weg der Wissenschaft«) und schließlich auch eine unerwünschte Aufgabe, denn der Text verliert dabei seine Einmaligkeit, seine Differenz zu anderen Texten. So beginnt sein Buch S/Z. Es ist ein wunderbarer Anfang. Ich weiß nicht, wie S/Z ausgeht, ich habe es nie zu Ende gelesen. Ich schmiege mich da nicht an den Text an, ich schmiege mich an mein Kopfkissen. Und schlafe nach wenigen Seiten ein, deshalb liegt das Buch auch seit vielen Jahren neben meinem Bett.

Er mochte die Biographen nicht (mittlerweile gibt es eine 720-seitige Biographie von Tiphaine Samoyault): wäre ich Schriftsteller und tot, wie sehr würde ich mich freuen, wenn mein Leben sich dank eines freundlichen und unbekümmerten Biographen auf ein paar Details, einige Vorlieben und Neigungen, sagen wir auf ›Biographeme‹, reduzieren würde. Als er sechzig war, legte er dann selbst eine Art ➱Autobiographie vor. Natürlich keine in der Art von ➱Augustinus oder ➱Benjamin Franklin, es war wieder ein typisches Barthes Produkt: er versah das Familienalbum mit Kommentaren. Ein Text ist nicht eine Linie aus Worten, die eine einzige, theologische Bedeutung entfaltet … Ein Text ist vielmehr ein mehrdimensionaler Raum, in dem eine Vielzahl von Geschriebenem, nichts davon original, zusammenfällt und sich vermischt. Ein Text ist ein Gewebe aus Zitaten, welche aus den zahllosen Zentren der Kultur gezogen werden. Und alles was er in Über mich selbst über sich sagte (hier als siebzehnjähriger junger Herr), sagte er natürlich nicht über Roland Barthes: Tout ceci doit être considéré comme dit par un personnage de roman.

So fragmentarisch und skizzenhaft das Ganze ist, es ist ein Weg, um Barthes näherzukommen. Und deshalb wäre Über mich selbst auch eine Leseempfehlung. Eine weitere Empfehlung wäre der von Susan Sontag herausgegebene Roland Barthes Reader, über den Newsweek schrieb: At last, with A Barthes Reader, we have a sort of Michelin guide to one of the most beguiling minds of our era. Smartly introduced by Susan Sontag, the Reader samples Barthes‘ achievement over three decades.

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