Weihnachtsgeschenke, Weihnachtsgeschenke. Ich habe sie noch nicht alle ausgepackt, habe noch nicht mal alle Briefe und Karten gelesen. Ich lasse mir damit immer Zeit, und in diesem Jahr ist das Weihnachtsfest ja sehr lang. Einige Geschenke möchte ich doch hier erwähnen, weil es Bücher sind, die auch meine Leser interessieren könnten. Und damit meine ich jetzt nicht, dass ich eine Erstausgabe von Chandlers The Simple Art of Murder geschenkt bekommen habe. Dazu können Sie natürlich viel in diesem ➱Post lesen. Nein, ich meine ein ➱Buch wie Ein Feentempel der Mode oder Eine vergessene Familie, ein ausgelöschter Ort: Die Familie Freudenberg und das Modehaus Herrmann Gerson von Gesa Kessemeier.

Ich bin auf das Thema der Vernichtung der Berliner Modewelt schon in den Post ➱Haute Couture und ➱Wilfrid Israel (und vielleicht auch in ➱Damenmode) eingegangen. Und ich will auch gerne im Vorbeigehen Bücher wie Gloria Sultanos Wie geistiges Kokain: Mode unterm Hakenkreuz (1995) oder Irene Guenthers Nazi Chic? Fashioning Women in the Third Reich (2004) erwähnen, die alle noch nicht das letzte Wort in der Aufarbeitung dieses zu lange vernachlässigten Themas sein können. Denn seit Uwe Westphals Buch Berliner Konfektion und Mode: Die Zerstörung einer Tradition 1836-1939 aus dem Jahre 1992 hätte man eine Vielzahl von Publikationen erwartet.

Aber wir tun uns da offensichtlich bei solchen Themen schwer. Ich habe mehrfach auf Uwe Westphals Buch hingewiesen, ein Buch, das für die Berliner Mode wohl wichtiger ist als die Schriften des Nazis Hermann Marten von Eelking (der schon ➱hier erwähnt wird, da gibt es auch einen Link zu seinem Buch über das modische Braunhemd). Uwe Westphal hat mir geschrieben und mich darauf aufmerksam gemacht, dass er gerade einen ➱Roman (Ehrenfried & Cohn) zu diesem Thema geschrieben hat. Dafür gibt es hier gerne ein wenig Werbung.

Aller guten Dinge sind drei. Ich kann nicht über alle Geschenke schreiben, habe  sie noch nicht alle ausgepackt. Selbstverständlich besaß ich Ausgaben von The Simple Art of Murder, aber eben keine Erstausgabe. Von Gesa Kessemeier Buch hatte ich noch nie zuvor gehört, von dem dritten Buch auch nicht. Es ist von Christine L. Corton und heißt London Fog: The Biography. Meine Freunde schaffen es zu Weihnachten und an Geburtstagen immer wieder, mich zu überraschen. Da kann ich Themen, die mich interessieren, mittels der Jahresbibliographie der MLA bibliographieren, so lange ich will, irgendetwas entgeht mir immer. Und das bekomme ich dann geschenkt, Feste sind eine schöne Sache.

Christine L. Corton ist die Gattin von Sir Richard John Evans, dem Historiker, der eine auch in Deutschland bekannte Geschichte des sogenannten Dritten Reichs geschrieben hat. Wir könnten Sie auch Lady Evans nennen. Vor fünf Jahren hat sie von der Universität Kent einen Doktortitel für ihre Dissertation London Fog as a Cultural Metaphor in Victorian and Edwardian Literature erhalten, und die hat sie nun bis zum Clean Air Act von 1956 erweitert und umgeschrieben. Das Wetter in der Literatur ist ja ein schönes Thema für Doktorarbeiten, ich darf daran erinnern, dass ➱F.C. Delius schon 1971 die Dissertation Der Held und sein Wetter: Ein Kunstmittel und sein ideologischer Gebrauch im Roman des bürgerlichen Realismus vorgelegt hatte.

Aber London Fog: The Biography ist etwas anderes als das Buch von Delius, Ideologie kommt hier nicht vor. Dies ist eine Kultur- und Sozialgeschichte des Londoner Nebels. Natürlich habe ich erst die ersten Kapitel gelesen und kann noch nicht endgültig über das Buch urteilen, doch alle Rezensionen sind sehr lobend. Das Buch erinnerte mich manchmal ein klein wenig an dieses tolle Buch über die Cholera in Hamburg, das ich vor Jahrzehnten gelesen hatte.

Das musste ich erst suchen. Erkannte dann aber, dass der Rowohlt Band Tod in Hamburg. Stadt, Gesellschaft und Politik in den Cholera-Jahren 1830–1910 von niemand anderem als dem Ehemann von Christine L. Corton war. Solch hervorragende kulturgeschichtliche Studien bleiben offensichtlich in der Familie. das ist irgendwie sehr witzig. Es sind immer wieder die Engländer, die solche Bücher schreiben. Der einzige Deutsche, der da mithalten kann, ist Wolfgang Schivelbusch, aber von dem habe ich auch lange nichts mehr gelesen.

Viele Leser haben mir Weihnachtsgrüße geschickt, verbunden mit dem Wunsch, dass es mit diesem Blog im Jahre 2016 so weitergehen möge wie bisher. Keine Sorge, deo volente nobis viventibus, wird das so sein.

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