Kieler Chic? Gibt es so etwas? Ostfriesennerz und Prinz Heinrich Mütze oder was? Es gibt auf jeden Fall im ➱Warleberger Hof eine Ausstellung die Kieler Chic – Textilproduktion und Mode: 1945 – 1975 heißt. Und warum nicht, Schleswig-Holstein hatte ja einmal etwas zu bieten, was die Konfektion betraf. Von Flensburg (Herrenkleiderfabrik Anders Matthiesen) bis Lübeck (Hermann Rieckmanns Firma Rikson) gab es in den fünfziger Jahren ein halbes Dutzend Fabriken, die Herrenanzüge herstellten. Die Hela Kleiderwerke (Rendsburger Landstraße 206-208), die zuvor die deutsche Marine mit Uniformen beliefert hatten, stellten jetzt Hosen (und Sakkos) her, die zu den besten Produkten in Deutschland gehörten.

Hermann Marsian (Neumünster) produzierte Mäntel, die unter dem Namen Maris verkauft wurden. Die bürgten für Qualität, ebenso wie die Mäntel aus der Damenmantelfabrik von Arthur A. Erlhof in Ellerau. Dessen Produkte hießen erle zf , das Kürzel zf stand für zierliche Frau. Neumünster war damals noch ein deutsches Zentrum des Wollhandels, englische Wörterbücher kannten den Begriff Neumunster Tweed (lesen Sie mehr in dem Post ➱Made in Germany). Von der großen Zeit Neumünsters (wo es sogar in den dreißiger Jahren einen Rolls-Royce gab, die Leser von Hans Fallada wissen das) kündet heute nur noch ein Textilmuseum. Das alles könnte in der Ausstellung Kieler Chic erwähnt werden. Wird es aber nicht.

Die Ausstellung beleuchtet thematisch die Nachkriegszeit in Kiel. Dabei geht es um neue Wirtschaftskonzepte der Jahre nach Kriegsende, in denen auch die Konsumwarenherstellung wie die Textilbranche in Kiel eine Rolle spielte, etwa mit Schneidereien, Bekleidungsgeschäften, einem Modeverlag oder der Stumpffabrik Tilly. Zahlreiche Kleider und Textilwaren belegen den Wandel von der Nachkriegsnot zum Wirtschaftswunder, als die Pariser Mode mit ihren eleganten Silhouetten auch bei der Kieler Damenwelt zum Vorbild wurde. 

Adrette Kleidung gehörte aber auch für Männer zu den gesellschaftlichen Statussymbolen in der aufstrebenden Bundesrepublik. Die Ausstellung zeigt eine Fülle von Alltags- und Festmode wie Ballkleider mit weitem Tüllrock, Cocktailkleider, Reisemode, Bade- und Freizeitmode wie die Caprihose, Sonnenbrillen, Hüte nebst zugehörigen Hutschachteln, Strümpfe, Schuhe und Wäsche der 1950er Jahre; dazu zeitgenössische Werbung und zahlreiche Fotos, etwa von den Modeschauen anlässlich der Kieler Woche oder die Schaufensterauslagen der hiesigen Kaufhäuser und Modegeschäfte.

Das steht in dem Flyer, den es zur Ausstellung gibt. Der Flyer mit dem Plakat der Tilly Strümpfe ist das Beste der Ausstellung, viel mehr ist nicht. Die Photos von Modenschauen und Geschäften und Kaufhäusern sind beinahe alle von Fritz (Fiete) Magnussen (das hier von der Weihnachtsfeier eines Kieler Schuhgeschäfts allerdings nicht), der der Photograph der Kieler Nachrichten war. Magnussen hat aus der Zeit von 1945 bis 1977 eine halbe Million Negative hinterlassen, die heute vom Kieler Stadtarchiv archiviert werden. 34.000 Bilder hat man schon digital erfasst. Aber so nett Fiete Magnussen für die Dokumentation des Alltagsgeschehens ist, er ist kein ➱Federico Patellani (lesen Sie dazu ➱Cinecittà und die Mode), kein ➱F.C. Gundlach.

Er mag bei Karstadt im Jahre 1964 eine Modenschau photographieren, aber sagt uns das Bild viel über die Mode? Auf den Photos, die die angereiste ➱Prominenz (einschließlich der Callas) bei Stapelläufen zeigen, kommt ein wenig internationales Flair ins Spiel. Stapelläufe in den fünfziger Jahren waren auch gesellschaftliche Ereignisse, ich habe in meinem Heimatort beim Bremer Vulkan und bei Abeking & Rasmussen viele davon beobachtet. Die Mode war einfach: die Damen trugen Nerz, die Herren weiße Burberrys. Ich trug noch Lederhosen.

Das hübsche Plakat der Ausstellung kommt von der Firma Tilly (dies hier ist das Original), die auf dem Kieler Ostufer saß. Und nach wenigen Jahren pleite war und von Elbeo geschluckt wurde. Dann gab es in Kiel noch eine Modezeitschrift namens Elsa; und die Firma ELAC, die heute erstklassige Lautsprecher baut, stellte Nähmaschinen mehr. Mehr habe ich in der Ausstellung, deren Vorbereitung anderthalb Jahre dauerte, nicht erfahren. Es gibt keinen Katalog. Was sollte auch da drinstehen? Dass man fünf (!) Brigitte Hefte in einer Vitrine zeigt und dass Photos aus den Kieler Nachrichten an der Wand sind? Wollte man die Ausstellung, die noch bis zum 3. April läuft, mit nur einem Wort beschreiben, dann wäre das: armselig.

Der ehemalige Direktor des Warleberger Hofs Dr Jürgen Jensen hätte die Türen des Hauses für eine solche Ausstellung nicht geöffnet. Seine Nachfolgerin präsentiert hier stolz einen Krawattenbügler der fünfziger Jahre. Der Krawattenbügler Fasson, der immer ein willkommenes Geschenk war (steht auf der Verpackung), liegt in der Ausstellung neben weißen Oberhemden, die die Original Banderole der Kieler Wäscherei Frauenlob tragen. Die Oberhemden, der Krawattenbügler und der billige Smoking mit Schalkragen von der Firma Blohm sind übrigens die einzigen Objekte der Herrenmode. Diese Ausstellung widmet sich ganz der Damenmode. Vielleicht, weil bei den Damen der berühmte Kieler Chic vermutet werden kann.

Zu den weißen Oberhemden weiß die Direktorin zu sagen: Mit weißen Hemden sollten auch die dunklen Flecken der Vergangenheit getilgt werden. Wow. Beeindruckend. Ist allerdings völliger Unsinn. Die weißen ➱Oberhemden sind in den fünfziger Jahren die Standardbekleidung des Herrn. Auch in den Ländern, die keinen Grund haben, mit Lady Macbeth Out, damned spot! zu rufen, weil da gar keine dunklen Flecken der Vergangenheit getilgt werden müssen.

Zu den dunklen Flecken in der Kieler Geschichte, zu der ‚Arisierung‘ einer ganzen Branche, schweigt sich die Ausstellung aus. In der Firmengeschichte der Firma Meislahn (Spezialgeschäft für die deutsche Frau), die sich 1937 einen riesigen Bau im schönsten Monumentalstil des Nationalsozialismus gönnte, heißt es, dass der Besitzer Wilhelm Hacker (der Meislahn 1933 übernommen hatte) versuchte, den Stil des Hauses so gut es ging gegen die Tendenzen von draußen abzuschirmen. Über solche Dinge hätte man gerne mehr gewusst.

Aber die Kieler Nachrichten (das ist die Zeitung, die ihre ➱Kulturabteilung aufgegeben hat) waren von der Ausstellung begeistertAch, was waren die Kieler doch schick! Zum Beispiel Marie Luise Westphal, die Gattin des HDW-Werftdirektors, die Anfang der 1960er Jahre immer wieder ihre Auftritte hatte: Neben ihr sah selbst Operndiva Maria Callas, die zu einem Stapellauf nach Kiel gekommen war, blass aus. Stets mit extravagantem Hut, oft mit fünfreihiger Perlenkette und Pelzmantel gekleidet, gab sie den wichtigsten gesellschaftlichen Ereignissen den nötigen Glanz. „Sie war die Kieler Mode-Ikone schlechthin“, erzählt Museumsdirektorin Dr. Doris Tillmann und zeigt auf eine Fotocollage an der Wand. Doch lieber eines nach dem anderen. „Malu“ Westphal stammt ja schon aus der Blütezeit des Wirtschaftswunders. Kein Wunder, dass sie so schön war.

Das lassen wir mal so stehen, das kann man nicht überbieten. Und während uns die Direktorin hier zwei Hüte zeigt (im Hintergrund die schon erwähnten Pressephotos), denken wir mal einen Augenblick darüber nach, weshalb die Ausstellung so kläglich ist. Die erste Antwort wäre: die Ausstellung spiegelt nur den Kieler Chic wider, und der ist nun mal kläglich.

Und woher soll es kommen? Nehmen wir einmal die Herrenmode. Zwei halbwegs akzeptable ➱Herrenausstatter im Ort, von den Herren- und ➱Marineschneidern, die es vor fünfzig Jahren noch gab, ist keiner mehr übrig geblieben. Es war wahrscheinlich symbolisch, dass Kelly sein ➱Geschäft in dem Laden eines Uniformschneiders eröffnete.

Die kleinen Geschäfte haben aufgegeben. Michael Jung, bei dem man früher Regent kaufen konnte, widmet sich heute seinem Verlag, der plattdeutsche Literatur herausbringt. Aber auch die Großen, die die Kleinen plattgemacht haben, sehen hier nicht besser aus. Die P+C Tochter Ansons scheint vor dem Untergang zu stehen, so erschütternd ist das Angebot. Und die Konzernmutter P+C, die in Kiel in einer Phase des trading up begann, sind längst in der trading down Phase. Dieses Bild kann zeigen, wie schön Kiel ist. Das wird jetzt alles anders, weil wir ➱der echte Norden sind und ein neues ➱Logo für Kiel haben. Und alles, was in dem Post ➱Franco Costa steht, ist nicht wahr.

Antwort zwei auf die Frage, warum die Ausstellung so armselig ist, wäre: man wusste in Kiel nicht, dass es in der Textilstadt Neumünster (hier ein Gemälde aus den zwanziger Jahren) ein Textilmuseum gibt. Wo man vielleicht etwas mehr zu dem Thema gewusst hätte. Der Warleberger Hof ist nicht das ➱Victoria und Albert Museum. Die können in London solche Ausstellungen aus dem Hut zaubern wie Made In Britain: Tradition and Style in Contemporary British Fashion oder The Glamour of Italian Fashion since 1945 (lesen Sie mehr dazu in den Posts ➱Raffaele Caruso und ➱Cinecittà und die Mode). Dass man das in Kiel nicht kann, das weiß ich auch. Aber eine Bibliographie zur Mode, wie sie das V&A ins Netz stellt, das hätte man schon hinkriegen können.

Anderthalb Jahre Vorbereitung und dann so etwas? Die fünfziger Jahre sind ja kulturgeschichtlich nicht unerforscht. Meine Freundin ➱Gabi hätte diese Ausstellung mit ihrem Leistungskurs wahrscheinlich in vier Wochen fertig bekommen. Auf diesem Plakat können wir lesen: … und immer richtig angezogen! Dies Plakat ist von ➱René Gruau, hat aber nichts mit Kiel zu tun. Es stammt aus der Zeit, als der berühmteste Modezeichner seiner Generation Werbung für Diolen und Trevira lieferte. Diolen, Trevira, Dralon, Nylon, Petticoat (ich habe keinen in der Ausstellung gesehen) und Nierentisch kennzeichnen die Zeit. Ich besaß damals auch ein Nyltest Hemd, war modern, aber ganz furchtbar.

René Gruau wird auf einem dieser mit Platitüden gefüllten Kärtchen neben dem Exponat als Italiener bezeichnet. Gut, er ist in Italien geboren, aber der Sohn eines italienischen Grafen, der den Namen seiner Mutter angenommen hatte, hat den größten Teil seines Lebens in Frankreich gelebt. Genau gesagt, seit er fünfzehn war. Und die Sache mit René Gruau hätte man besser wissen können, zeigte man doch in diesen Räumen zwölf Jahre zuvor Modezeichnungen der letzten 100 Jahre aus der Sammlung Zahm. Damals widmete man Gruau einen ganzen Raum mit dreißig Plakten.

Es gibt zu der Ausstellung ein ambitioniertes Beiprogramm. Man kann sich in einem Nähkurs ein Cocktail Hütchen à la ➱Audrey Hepburn nähen, die nackte Hildegard Knef in Die Sünderin sehen oder einem Vortrag über Modeplakate lauschen. Man kann sich aber auch die drei Euro für den Eintritt sparen. So etwas, was auch zu den Fifties gehört, gab es natürlich leider auch nicht zu sehen. Wenn Sie einen Blick auf die Zeitschriften der fünfziger Jahre werfen wollen, dann klicken Sie doch einmal die Seite vom ➱Wirtschaftswundermuseum an.

Was in der Ausstellung nicht erwähnt wird, ist ein Kleidungsstück, das den Namen Kiel trägt und das weltweit (von ➱Prinz Albert bis ➱Donald Duck) Furore gemacht hat: der Kieler Matrosenanzug. Der junge Herr rechts auf dem Photos ahnt im Jahre 1928 noch nicht, dass er einmal Kanzler der Bundesrepublik Deutschland werden würde. Die drei Euro, die Sie gespart haben, könnten Sie natürlich in das Buch Der Matrosenanzug: Kulturgeschichte eines Kleidungsstücks von Robert Kuhn und Bernd Kreutz investieren. Hervorragend gemacht, bei Amazon Marketplace ab 0,01€.

Es gibt in meinem Blog sehr viel Mode. Soviel, dass ich die Post schon in den Themenblog ➱Kleiderschrank gepackt habe. Meistens geht es um die Herrenmode, aber ich muss doch einmal sagen: es gibt hier auch Damenmode. Zum Beispiel in den Posts: Charles Frederick Worth, Damenmode, Dior, Haute Couture, Wilfrid Israel, Weihnachtsgeschenke, Cinecittà und die Mode, Pierre Cardin, Coco Chanel, Mary QuantMade in GermanyJil Sander, Joan Didion, Breakfast at Tiffany’s, Sommermode, Brioni, Cardigan, Ruth Leuwerik


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