Stellen Sie sich eine Löwengrube zur Zeit des Königs Franz I vor, wahrscheinlich irgend so etwas wie die Arena in Trier. Voll mit Löwen, Tigern und Leoparden, diese Strophen aus Schillers ➱Gedicht Der Handschuh lasse ich einmal weg. Wir gehen direkt in die Handlung:
Da fällt von des Altans Rand
Ein Handschuh von schöner Hand
Zwischen den Tiger und den Leun
Mitten hinein.

Und zu Ritter Delorges spottender Weis‘,
Wendet sich Fräulein Kunigund:
„Herr Ritter, ist Eure Lieb‘ so heiß,
Wie Ihr mir’s schwört zu jeder Stund,
Ei, so hebt mir den Handschuh auf.“

Und der Ritter in schnellem Lauf
Steigt hinab in den furchtbarn Zwinger
Mit festem Schritte,
Und aus der Ungeheuer Mitte
Nimmt er den Handschuh mit keckem Finger.

Und mit Erstaunen und mit Grauen
Sehen’s die Ritter und Edelfrauen,
Und gelassen bringt er den Handschuh zurück.
Da schallt ihm sein Lob aus jedem Munde,

Aber mit zärtlichem Liebesblick –
Er verheißt ihm sein nahes Glück –
Empfängt ihn Fräulein Kunigunde.
Und er wirft ihr den Handschuh ins Gesicht:
„Den Dank, Dame, begehr ich nicht!“
Und verläßt sie zur selben Stunde.


Recht so, würden wir sagen. Auch wir machen um die Kunigundes dieser Welt, die ihre Handschuhe an unpassenden Stellen fallen lassen, einen Bogen. Schiller hat die Geschichte übrigens nicht erfunden, er hat sie in den Essais historiques sur Paris de Monsieur de Saint-Foix gelesen. Der Stoff ist von vielen Dichtern behandelt worden, am stärksten verändert der Engländer Robert Browning die Geschichte, Sie können sein Gedicht hier lesen. Schiller hat sein Gedicht selbst noch einmal verändert. Charlotte von Stein fand das es nicht so fein sei, Damen einen Handschuh ins Gesicht zu werfen, und so ersetzte Schiller den drittletzten Vers durch Und der Ritter, sich tief verbeugend, spricht.

Sie scheinen aus der Mode gekommen zu sein, die Handschuhe. Früher brauchte man sie als Fehdehandschuh, aber das Werfen eines Fehdehandschuhs ist auch aus der Mode gekommen. Den weißen Handschuh zur ➱Abendkleidung trägt auch niemand mehr. Und die Geschichte, dass der Graf von Brockdorff-Rantzau für seine Unterschrift unter den Friedensvertrag von ➱Versailles weiße Handschuhe angezogen hatte, die er danach auf dem Tisch liegen ließ (oder in den Kamin warf), ist wohl auch nicht wahr.

Du ziehst Dir die Handschuhe im Windfang an, nicht auf der Straße, sagte mein Vater. Das waren die fünfziger Jahre, da nahm man die Regeln der Herrenmode noch ernst. Vielleicht nicht mehr so ernst wie die aristokratischen Freunde von Prousts ➱Swann (hier der Comte Julien de Rochechouart auf dem ➱Bild von Tissot). Dass es eine Trennung zwischen Haus und Straße, zwischen Privat und Öffentlichkeit gibt, hat der amerikanische Soziologe Richard Sennett in seinem Buch ➱The Fall of Public Man sehr schön beschrieben. Auch in den sechziger Jahren galt das mit den Handschuhen in gewissen System noch. Also zum Beispiel bei der Bundeswehr. Mein Kommandeur konnte es auf den Tod nicht ausstehen, wenn die frischgebackenen Leutnants beim Verlassen des Kasinos die Handschuhe elegant in der Hand trugen.

Meine Handschuhe sind immer gelb, ich liebe gelbe Handschuhe. Natürlich habe ich auch schwarze, für Beerdigungen und solche Gelegenheiten. Und ein Paar wunderbarer brauner Handschuhe aus argentischem Wasserbüffelleder. Ich könnte stundenlang über Handschuhe schreiben, aber heute nicht mehr. Der Monat April mit den Gedichten (in dem es jeden Tag etwas Neues gab) ist vorbei. Irgendwann schreibe ich mal einen langen Post zum Thema Handschuhe. Torwart- und Boxhandschuhe inbegriffen. Einen Post namens ➱Handschuhknopf gab es schon mal, aber der hat wenig mit Handschuhen zu tun. Und Handschuhe wie diese hier, die hat nicht jeder, die hatte nur ➱Glenn Gould.

 

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