Als ich im letzten Jahr diese kleinen Portraits englischer Schuhfirmen schrieb, stellte ich in Aussicht, dass da noch mehr kommen würde. Aber dann schrieb ich erst einmal über italienische, portugiesische und französische Schuhe. Ich komme noch einmal zu den Engländern zurück (ich könnte natürlich auch noch über spanische Schuhe schreiben, aber bis das soweit ist, lesen Sie doch den Post ➱Kuckelkorn). Ich habe mir heute einmal die vor 150 Jahren gegründete Firma Grenson herausgepickt, die in der Vergangenheit ihren einstigen Ruhm arg beschädigt hat. Aber da tut sich heute einiges. Dies hier ist kein Schuh von Grenson, das ist ein Alfred Sargent, Modell Blenheim. Den habe ich mir inzwischen gegönnt. Qualitativ erstklassig, das Modell mit dem Namen von Churchills Geburtsort ist qualitativ auf dem Niveau von Edward Green.

Dieser Schuh ist nicht ganz auf dem Niveau von Edward Green, obgleich er einem Edward Green (oder einem Gaziano & Girling) sehr ähnlich ist. Er entstammt einer neuen Kollektion der Firma Grenson, hat den Modellnamen Kent. Wenn man etwas verkaufen will, dann muss das offensichtlich einen wohlklingenden englische Namen haben: Blenheim (sogar Loake hat ein Modell dieses Namens im Angebot), Kent, Westminster (gibt es bei Crockett & Jones) und wie sie alle heißen.

Wenn man dagegen seine Luxuslinie mit Totenköpfen verziert, wie Barker das tut, dann hat man ein Problem. Dann braucht man einen Imageberater, der den Chefs erzählt, dass man mit solchen Albernheiten nicht lange da oben bleibt, wo die Luft dünn ist. Und dünner wird. Jemand wie ➱Tim Little hätte ihnen helfen können, aber der Mann ist schon ausgelastet. Zum einen hat er eine eigene Schuhmarke und einen Laden in Chelsea (wo sonst?), zum anderen hat er gerade die Firma Grenson gekauft.

Bevor er sich der Welt der Schuhe zuwandte, hat er Firmen wie Dunhill, Tods und Gieves and Hawkes (und andere) beraten und ihnen geraten, sich neu zu erfinden. Er hat auch Adidas beraten und ihnen empfohlen, von dem Adi Dassler Image wegzukommen und stromlinienförmig wie Nike zu werden. Er hat damit eine Menge Geld verdient, so dass es für den Kauf einer Schuhfabrik in ➱Rushden (wo auch ➱Alfred Sargent beheimatet ist) reichte. Auf der Seite der British Footwear Association finden sich die Sätze:

Grenson was born in 1866 in Rushden, Northamptonshire. William Green, the founder, started making high quality shoes for London Gentlemen and was so successful that he soon had to build a factory and the company grew from there. Recently Grenson has undergone a new lease of life, helped by their focus on quality and modern design whilst never losing sight of their impressive heritage. Das mit dem  focus on quality and modern design war auch dringend nötig. Denn, seien wir ehrlich, die Masse dessen, was Grenson produzierte, war einfach nur scheußlich.

Obgleich sie auch immer hochqualitative Schuhe herstellten, wie zum Beispiel die Linie Grenson Masterpiece. Dr Sevan Minasian hat auf seinen hervorragenden Seiten ➱Classic Shoes for Men eine Menge Nettes über ➱Grenson zu sagen. Wenn ich ehrlich bin, kann ich auch nichts Böses über die Firma sagen. Außer dem schönen braunen Modell Kent da oben habe ich nur einen Grenson Schuh, der allerdings den Namen Charles Tyrwhitt hat. Und der solide englische Qualitätsarbeit ist, er sieht nach zwanzig Jahren immer noch gut aus.

Das bringt mich mal eben zu einem kleinen Exkurs über die Firma Tyrwhitt, bei der das Angebot von wirklich englischen Schuhe in den letzten Jahren arg geschrumpft ist. Wenn man im Katalog genau hinschaut, sind es nur noch ein halbes Dutzend Schuhe, die aus Northampton kommen. Die haben alle diesen Absatz (oder einen Alan McAfee Absatz) und kosten 299 statt 600 Euro. Das sind natürlich reine Phantasiepreise, nennt sich MSRP. Glaubt wirklich irgendjemand, dass der ursprüngliche Listenpreis 600 Euro war? Bei Tyrwhitt gibt es nur durchgestrichene Preise.

Die Frage bleibt, wer stellt diese Schuhe her? Es ist eine Frage, die im Internet zahllose Foren beschäftigt. Ein Name, der (neben Barker, Cheaney und Sanders) immer wieder genannt wird, ist Loake. Doch die Firma Loake hat vor geraumer Zeit erklärt, dass man nur sehr wenige Modelle an Tyrwhitt liefere:

Loake has made shoes for Charles Tyrwhitt for some time and that has been common knowledge for some time. However, we now make only a handful of styles for them. Most of the shoes that Charles Tyrwhitt offer currently are NOT made by Loake and therefore the sweeping statement that Charles Tyrwhitt shoes are made by Loake is absolutely not correct. The four (only) styles that we now supply are basic black polished business shoes and they are roughly comparable to the Loake L1 collection. Because we have no first-hand knowledge of the other styles offered by Charles Tyrwhitt we cannot comment on where they sit in relation to other Loake collections.

Loake Schuhe kommen aus England, aber nicht alle. Vieles kommt auch aus Portugal. In seltener Freimütigkeit hat sich Andrew Loake (Bild) ➱hier zum Thema ➱Made in England geäußert. Das beginnt mit der Feststellung: Approximately 99% of all footwear sold in the UK is now sourced from overseas but it is interesting to note that, within the EU, there is currently no legal requirement to label goods with their country of origin. Consequently, most brands (including many “English” brands) do not mark their products with the country of origin.

Und endet mit den Sätzen: Anyone who makes anything in England will certainly want their customers to know where it’s made, so it will usually be labeled accordingly. I suppose the ‘rule of thumb’ should probably be: “if it doesn’t say on it that it’s made in England, you can probably assume that it isn’t”. Das gilt auch für Grenson, nicht für mein Modell Kent hier, der wurde in Northampton gefertigt und ist in der Grenson Nomenklatur G:One (darüber gibt es noch G:Zero). G:One ist auch die Qualität, die Grenson an Kunden wie Paul Stuart und Barbour liefert.

Aber die Linie G:Two, die kommt aus Indien. Grenson gibt das wenigstens zu: In order to make our shoes accessible to people who want to wear them, but don’t feel the need for the incredibly high levels of specification in G:ZERO and G:ONE, we developed the G:TWO spec. Designed by us in our studio, lasts developed in Northamptonshire by us, patterns developed by our pattern makers, leathers sourced by our leather buyer, prototypes made in our factory to final sign off and then taken to our partner, a beautiful handmade factory in India, where they are made and shipped back to us for inspection and final polishing where required. These shoes represent the most incredible value for money, every bit a Grenson shoe, at a price that doesn’t require a mortgage. 

Die Schnürbänder für alle Grenson Schuhe kommen aus Europa: Laces are all made in Europe as UK suppliers are sadly not available to our quality. Das gibt zu denken: die Engländer können keine Schnürbänder herstellen! Ich kaufe meine immer bei Langer & Messmer, die haben gute Schnürbänder im Angebot. Mein Freund Peter hat vor vielen Jahren einmal Schnürbänder bei John Lobb gekauft, er wollte einmal in dem Laden gewesen sein. Diese Grenson Anzeige ist schon etwas älter, aber wenn Sie einmal bei ebay den Namen Grenson eingeben, werden Sie viele Schuhe finden, die noch so oder so ähnlich aussehen.

Die Firma Grenson war länger als ein Jahrhundert im Besitz der Familie Green. Man gab sich nicht sehr auskunftfreudig nach außen hin, aber nach innen hin besaß man eine funktionierende Familienstruktur. Dieses patriachalische Modell, das viele englische Firmen, die zur Zeit von Königin Victoria gegründet wurden, groß und stark gemacht hat. Die hier ist die Cricketmannschaft von Grenson im Jahre 1947. Wenn Sie mehr über das englische Nationalspiel wissen wollen, dann klicken Sie doch mal den Post ➱Cricket an, haben schon mehr als 10.000 Leser getan.

In den frühen achtziger Jahren verkaufte die Familie Green die Schuhfabrik an Terry Purslow, der sie später an seinen Sohn Christian weitergab. Den Sohn kennt man besser als Managing Director von Liverpool, jetzt ist er bei Chelsea. Da gehört er hin. Gary Neville hat ihn mal a clueless fool genannt. Die Purslows sind ein Produkt der Thatcher Jahre, sie hatten keinerlei Ahnung von der Schuhherstellung, ihnen ging es nur darum, Geld zu machen. In den neunziger Jahren haben sie sogar die Firma ➱Herbert Johnson gekauft. Das hat vielen wehgetan. Es kommt jetzt, wie es kommen muss: es geht bergab mit Grenson. 1999 verkauft man 63 Millionen Paar Schuhe, fünf Jahre später sind es nur noch 14 Millionen. Da holte man Tim Little als Retter an Bord.

Der sofort erkennt: much of English shoe manufacturing is stuck on an old-fashioned, stuffy presentation, banging on about quality and nothing else. They understand manufacturing but not the market, because they have grown out of a time when that wasn’t required – not marketing in the sense of putting an average product in a fancy box but making the product fit the market. Als erstes wirft Little (der auch nichts gegen die Produktion von ➱Damenschuhen hat) die Mocassins aus dem Programm: And as far as I was concerned, the moccasin was dead from day one. Das lieben die Händler nun überhaupt nicht: They were telling me I was taking Grenson to the dogs – they felt like they had ownership of the brand. I felt like I was taking over a football club, given the reaction I got. 

Im Gegensatz zu den Vorbesitzern Terry und Christian Purslow, liebt Tim Little das Produkt, das er herstellt (hier im Bild ein Grenson G:0 Schuh): English shoes are among the best in the world, and it is a craft that is in danger of being lost… It’s all about having a product that’s relevant. English shoe manufacturers need to understand design and most don’t even have a designer. It’s just bizarre. I hope Grenson might be an example of the need to have someone who understands design and marketing. That doesn’t mean making wacky or weird shoes. It does mean realising that, although English shoes may be fashionable at the moment, that is not a trend these companies will be able to ride for long.

Die renommierten englischen Schuhfirmen liefern nur eine Qualität (vielleicht mit einer hand grade Qualität oben drauf, wie bei Crockett & Jones), sie haben keine Schuhfabriken in Indien. Die Grenson natürlich mit Made in India kennzeichnen muss. Allerdings bekommen diese kleinen Klebezettel – das haben Kunden beobachtet – sehr wenig Klebstoff. Sie sind schon abgefallen, wenn der Kunde den Schuh aus dem Karton auspackt. Da kann man sich dann nur an die Regel halten, die Andrew Loake formuliert hat: I suppose the ‘rule of thumb’ should probably be: “if it doesn’t say on it that it’s made in England, you can probably assume that it isn’t”.

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