Heute entscheidet es sich, ob Großbritannien die EU verlassen will, man hat den schönen Namen Brexit dafür gefunden. Es stellt sich natürlich die Frage, ob das Vereinigte Königreich überhaupt jemals in der EU gewesen ist. Die haben ja so viele Ausnahmen eingeräumt bekommen wie kein anderer Staat. Der Engländer redet nicht gerne von Europe, eher von dem Continent. Wie in der berühmten Schlagzeile: Fog in Channel; Continent Cut Off.

Es scheint nur angemessen, heute ein wenig über England zu schreiben. Ich schreibe einmal über zwei englische Könige, die beide zurückgetreten sind – die einzigen in den letzten tausend Jahren. Der eine kommt aus Frankreich und geht nach England. Er ist der Nachfolger des Königs Edward III, der 1373 mit Portugal den ältesten europäischen Vertrag in Windsor abgeschlossen hat.

Wo man lesen kann: As true and faithful friends the contracting parties shall henceforth reciprocally be friends to friends and enemies to enemies and shall assist, maintain and uphold each other mutually by sea and by land against all men that may live or die, of whatever dignity, station rank or condition they may be, and against their lands realms and dominions (lesen Sie mehr in ➱Schuhe aus Portugal). Der andere König ist ein Engländer, der nach Frankreich geht, damit seine Ehefrau die Engländer nicht mehr ertragen muss: I hate this country. I shall hate it to my grave, hat sie zu ihm gesagt. Ich fange mal mit dem Franzosen aus Bordeaux, der nach England kommt, an.

What, are they dead? fragt der Diener den Gärtner in Shakespeares Richard II. Und der antwortet:
They are; and Bolingbroke
Hath seized the wasteful king. O, what pity is it
That he had not so trimm’d and dress’d his land
As we this garden! We at time of year
Do wound the bark, the skin of our fruit-trees,
Lest, being over-proud in sap and blood,
With too much riches it confound itself:
Had he done so to great and growing men,
They might have lived to bear and he to taste
Their fruits of duty: superfluous branches
We lop away, that bearing boughs may live:
Had he done so, himself had borne the crown,

Which waste of idle hours hath quite thrown down.

Wir sind in der berühmten ➱garden scene des Theaterstücks. Die hat nichts mit dem englischen ➱Landschaftsgarten zu tun, dieser Garten steht symbolisch für das Königreich: O, what pity is it That he had not so trimm’d and dress’d his land As we this garden! Der König Richard wird von seinem Vetter Henry Bolingbroke zur Abdankung gezwungen und wandert in den Tower. Danach in das Schloss Pontefract (oder Pomfret), das wir hier im Bild sehen können. Dort kommt er im Februar 1400 zu Tode. William Shakespeare hat in seinem Drama Richard III (Richard III, der am Erfolg von ➱Leicester City nicht ganz unschuldig ist, hat ➱hier schon einen Post) gedichtet:

Pomfret, Pomfret! O thou bloody prison,
Fatal and ominous to noble peers!
Within the guilty closure of thy walls
Richard the second here was hack’d to death;
And, for more slander to thy dismal seat,

We give thee up our guiltless blood to drink.

Und er bringt in Richard II auch die Abdankung und den Tod auf die Bühne. Die Abdankungsszenen wurden ihm von der Zensur gestrichen, keine Ausgabe des Stückes, die zur Zeit von Elisabeth I gedruckt wurde, enthält sie. Könige danken nicht ab. Wahrscheinlich wurde Richard auch nicht ermordet, wie der grandiose Geschichtsfälscher William Shakespeare uns sagt. Wahrscheinlich ist er in dem kalten Februar 1400 in Pomfret erfroren. Oder verhungert. Das Schicksal seines Cousins ist Bolingbroke, der jetzt Henry IV ist, ziemlich gleichgültig. Er will die Herrschaft des Hauses Lancaster sichern.

Und obwohl das royale Gemetzel der Rosenkriege noch nicht begonnen hat, beginnt es vielleicht doch schon mit der Abdankung von Richard von Bordeaux. Er ist dreiunddreißig Jahre alt, wenn er stirbt. Auf den Thron kommt er mit zehn Jahren, in einer unsicheren Zeit, ständig vom Tode bedroht. Er ist ein seltsamer Mann gewesen. Einer der ersten englischen Könige, der Englisch spricht und in Maßen ein Schöngeist ist. Er fördert Dichter wie ➱Geoffrey Chaucer und John Gower. Und ist sehr modebewusst. Auf der anderen Seite ist er ein Tyrann, der seine Feinde erbarmungslos niedermetzeln lässt. Und der seinen Garten verkommen lässt, wie uns der Gärtner des Duke of York in Shakespeares Stück sagt. Am 30. September 1399 wird Richard im Tower seine Abdankung unterzeichnen. Und der Hoffnung Ausdruck verleihen.  that his cousin would be a good lord to him.

Es wird länger als ein halbes Jahrtausend dauern, bis wieder ein englischer König abdankt. Der hat heute Geburtstag. Edward VIII wandert aber nicht in den Tower oder nach Pomfret. Dass er von Hitler begeistert war, wird ihm nicht vorgehalten. Er bekommt den Titel eines Herzogs von Windsor und kann endlich seine geliebte Wallis Simpson heiraten. Und zieht nach Frankreich, dem Land, aus dem Richard von Bordeaux kam. Es hat ihm nicht gefallen, König zu sein: The ceremonial framework that provides the public with a romantic illusion of the higher satisfaction of kingship actually disguises an occupation of considerable drudgery. Irgendwie kann man da nur Weichei sagen. Hat sich ➱Lisbeth jemals über die Mühen des königlichen Alltags beklagt?

Edward VIII ist neben Edward V der einzige englische König gewesen, der nicht gekrönt wurde. Er war zurückgetreten, bevor man die Krönung ausrichten konnte, Edward V (hier mit seinem Bruder im Tower) war schon umgebracht worden, bevor es dazu kam. König zu sein ist in England eine gefährliche Sache. Königin zu sein noch viel mehr, denken wir an die ➱Gattinnen von Heinrich VIII. Richard II war zweimal verheiratet (Edward VIII hatte zahlreiche Geliebte, bevor er Wallis Simpson begegnete), beide Frauen waren minderjährig.

Richards Witwe Isabelle de Valois (die hier gerade von ihrem Vater dem englischen König Richard übergeben wird) geht nach Frankreich zurück. Sie ist elf Jahre alt. Sechs Jahre später heiratet sie ihren elfjährigen Cousin Charles d’Orléans, sie stirbt bei der Geburt ihrer Tochter. Charles wird Herzog von Orléans und ein Dichter werden. Und wird nach England kommen, allerdings unfreiwillig. Er wird in der Schlacht von Azincourt gefangen genommen und bleibt für ein Vierteljahrhundert der Gefangene des englischen Königs. Da kann er dann besser Englisch als Französisch – das Englische hat seit Richard II das Französisch am Hof verdrängt. Er schreibt auch Gedichte auf Englisch:

 

Whan fresshe Phebus day of seynt valentyn 
Had whirlid vp his golden chare aloft 
The burned bemys of it gan to shyne 
In at my chambre where y slepid soft 
Of which the light that he had with him brought  
 
He wook me of the slepe of heuynes 
Wherin forslepid y all the nyght dowtles 
Vpon my bed so hard of newous thought 
 
Of which this day to parten there bottyne 
An oost of fowlis semblid in a croft 
Myn eye biside and pletid ther latyn 
To haue wt them as nature had them wrought 
Ther makis forto wrappe in wyngis soft 
ffor which they gan so loude ther cries dresse 
That y ne koude not slepe in my distres 
Vpon my bed so hard of newous thought 
 
Tho gan y reyne wt teeris of myw eyne 
Mi pilowe and to wayle and cursen oft 
My destyny and gan my look enclyne 
These birdis to and seide ye birdis ought  
To thanke nature where as it sittith me nought 
That han yowre makis to yowre gret gladnes 
Where y sorow the deth of my maystres 
Vpon my bed so hard of noyous thought 
 
Als wele is him this day that hath him kaught  
A valentyne that louyth him as y gesse 
Where as this comfort sole y here me dresse 
Vpon my bed so hard of noyous thought Sie können das Gedicht ➱hier in mehreren Sprachen lesen und es sich vorlesen lassen. Das Wort newous (oder noyous) in der Zeile Vpon my bed so hard of newous thought bedeutet so viel wie harmful, painful, displeasing – der Dichter ist immer noch unglücklich mit seiner Gefangenschaft, die Tränen und Schlaflosigkeit bringt. Der Brexit wird den Engländern auch Tränen und Schlaflosigkeit bringen.

 

Mit Dichtern hat der zweite König, um den es heute geht, nun überhaupt nichts am Hut. Ich stelle hier noch einmal einen Post hin, der schon am ➱20. Januar 2011 hier stand. Wurde nicht so recht gelesen, was war da los?Eigentlich hieß er David, auf jeden Fall in seiner Familie. König wurde er als Edward VIII, später war er Herzog von Windsor. Er bewunderte die Nazis und war der bestgekleidete Mann seiner Zeit. Er hatte auch eine Knopfsammlung von allen englischen Uniformknöpfen. Viel weiter gingen seine intellektuellen Interessen nicht.

Look at this extraordinary little book which Lady Desborough says I ought to read. Have you ever heard of it? fragt er seinen Privatsekretär. Das extraordinary little book war Charlotte Brontës Jane Eyre. Einmal bewirtet er den Romanautor ➱Thomas Hardy. Um in der etwas frostigen Atmosphäre ein wenig Konversation zu machen, verblüfft er Hardy mit den Sätzen: Now, you can settle this, Mr Hardy. I was having an argument with my Mama the other day. She said you had once written a book called ‚Tess Of The d’Urbervilles‘, and I said I was sure it was by somebody else. Hardy hat nicht einmal mit der Wimper gezuckt und nur Yes, Sir, that was the name of one of my novels gesagt. Vielleicht hätte sich David weniger um die Knöpfe und mehr um die englische Literatur kümmern sollen.

Heute [20. Januar 2011] vor 75 Jahren starb sein Vater George V. Der einmal gesagt hatte – und das war schon recht weitsichtig von ihm: After I am dead, the boy will ruin himself in 12 months. Nicht einmal die zwölf Monate hat er es auf dem Thron ausgehalten. Sein Vater ist nicht ganz unschuldig an dem, was aus seinen Söhnen geworden ist. Der wunderbare Satz von George My father was afraid of his mother, I was frightened of my father, and I’m damned well going to see that my children are frightened of me ist wahrscheinlich so nicht gesagt worden. Er beschreibt aber, se non vero è ben trovato, die Situation im Schloss von Windsor seit den Tagen von Königin Victoria. Man kann über Edward VIII lächeln, man kann ihn aber auch als eine tragische Figur sehen. Soll ich noch einmal ➱Larkins They fuck you up, your mum and dad zitieren?

Als Edward VIII abdankte, entstand da, wo er eines Tages einmal Gouverneur sein würde, ein Calypso (➱hier von Lord Caresser gesungen), der später durch Harry Belafonte bekannt wurde. Der Calypso It was love, love alone, caused King Edward to leave his throne zeigte, dass diese Musikform ja einmal eine politische Kommunikationsform gewesen war. Was den englischen Kolonialherren nie so recht gefallen hat. Und ich glaube, dass dieser Calypso dem Herzog von Windsor auch nicht gefallen hat:

It was love, love alone

Caused King Edward to leave his throne

It was love, love, love, love, love alone

Caused King Edward to leave his throne

On the 10th of December we heard the talk

He gave his throne to the Duke of York

It was love, love, love, love, love alone

Caused King Edward to leave his throne

King Edward was noble, King Edward was great

it was love that caused him to abdicate

It was love, love, love, love, love alone

Caused King Edward to leave his throne

He said he was sorry that his Mommy would grieve

he cannot help it, he would have to leave

It was love, love, love, love, love alone

Caused King Edward to leave his throne

You can take his power you can take his bought

leave him with his yachting boat

It was love, love, love, love, love alone

Caused King Edward to leave his throne

You can take his money you can take his store

but leave him that lady from Baltimore

It was love, love, love, love, love alone

Caused King Edward to leave his throne

I don’t know what Mrs Simpson got in her bone

that caused the king to leave his throne

It was love, love, love, love, love alone

Caused King Edward to leave his throne

On the 10th of December 1936

the Duke of Windsor went to get his kicks

It was love, love alone

Caused King Edward to leave his throne

It was love, love, love, love,

love, love, love, love

love, love, it was love, love alone

Caused King Edward to leave his throne.

Ich mag eigentlich Philip Ziegler als Biographen nicht so sehr (langweiliger Stil, kein panache), aber sein Buch King Edward VIII: The Official Biography von 1990 bleibt wohl vorerst das Standardwerk. Viel amüsanter sind die Tagebücher von Sir Alan Lascelles, der einmal Privatsekretär des zukünftigen Königs war. Faszinierend ist das Buch The Last of the Duchess von Lady Caroline Blackwood, das die Zeit des Herzogs (und natürlich der Herzogin) im selbstgewählten Pariser Exil beschreibt. Über die als „Dokumentation“ apostrophierte Peinlichkeit, die das ZDF vorgestern gesendet hat, möchte ich nichts sagen. Es war aber ein trauriger Versuch, journalistisch Bild und Bunte noch zu unterbieten. Über den Herzog von Windsor als Ikone der Herrenmode werde ich bei Gelegenheit noch einmal etwas schreiben. Nicht jetzt, weil ich das Gefühl habe, dass dieser Blog in den ersten Wochen des Jahres schon etwas modelastig geworden ist. Was mir allerdings auf den Seiten des Stilforums den Satz Jay produziert so ziemlich das Brillanteste, was es im deutschsprachigen Blog-Universum zu lesen gibt eingetragen hat. Das höre und lese ich natürlich gerne.

Hier steht der Herzog von Windsor im Garten seines Hauses in Frankreich und blinzelt in die Sonne. Unter seinem linken Knie sieht man ein blaues Bändsel, eigentlich gehört da der Hosenbandorden hin. Wahrscheinlich war der gerade im Safe. Oder schon versetzt? Er läuft normalerweise nicht so herum, aber drinnen im Haus sitzt ein Maler, der ihn als Ritter des Hosenbandordens malen soll. ➱David schnappt nur mal nach Luft. Wenn ich in dem Post Edward VIII sagte: Über den Herzog von Windsor als Ikone der Herrenmode werde ich bei Gelegenheit noch einmal etwas schreiben, dann habe ich das irgendwie wahr gemacht. Sie könnten jetzt auch noch die Posts ➱Guinness, ➱Etiquette, ➱Uniformen, ➱Tab Kragen, ➱Haikragen, ➱Hosenumschlag, ➱Wildlederschuhe, ➱Kiton/Chiton, ➱George IV, ➱Lisbeth, ➱Charles und ➱Walter Sickert lesen.

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