Ich weiß nicht mehr, bei welchem jüngeren deutschen Autor ich es gelesen habe, ich kriege das Zitat auch nicht mehr richtig zusammen. Aber die beiläufig mit einem gewissen Hass dahingestreuten Sätze gingen dahin, dass den Berliner Männern jegliche Eleganz fehle und die Berliner Schneider überhaupt nichts von ihrem Handwerk verstünden. Ich glaube, es stand irgendwo bei Peter Schneider, der ja zur Stadt Berlin viele literarische Liebeserklärungen abgegeben hat, die noch einmal dieses hedonistische Ambiente von vor 1989, das Leben in der ästhetisierten Sumpfblüte Westberlin, wo die Welt noch in Ordnung war hervorriefen.

Das klingt im Jahre 1852 ganz anders, wo die Menschen sich mit ihrer Biedermeier Garderobe in der Granitschale im Lustgarten (hier ein Bild von ➱Johann Erdmann Hummel) spiegeln können. Und wo man in einem Magazin lesen kann: Auch die Anzüge sind in Berlin bis auf die Besucher der öffentlichen Locale zweiter und dritter Klasse herab, weit geschmackvoller. Der Berliner kleidet sich stets mit einer gewissen Zierlichkeit. Aber wahrscheinlich stimmt die Sache mit der mangelnden Eleganz, wir brauchen ja nur in unserer eigenen Stadt einmal durch die Straßen zu gehen und die Herren der Schöpfung anschauen. Warum soll es in Berlin anders sein?

An dem Satz von ➱Lagerfeld mit der ➱Jogginghose ist sicher etwas dran. Der Engländer Nik Cohn wusste schon, weshalb er seine Geschichte der englischen Herrenmode mit ➱Today there are no gentlemen betitelte. Bernhard Roetzel hat sich am 1. Januar dieses Jahres in der ➱Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung über den Niedergang der Kleidungskultur geäußert, so etwas Ähnliches hatte Jens Jessen schon im Jahre 2004 in der Zeit gesagt. So elegant wie die Berliner Modeschöpfer Gerd Staebe und Hans Seger, die F.C Gundlach 1957 in einer Villa in Dahlem photographierte, ist der Durchschnittsberliner sicherlich nicht. Damals nicht, heute erst recht nicht. Es fehlt die gewisse Zierlichkeit.

Wir müssen ein wenig zurückgehen in der Geschichte Berlins, wenn wir den Beginn von Berlin als Modemetropole festmachen wollen. Wobei wir die Schneiderrevolution von 1830 mal draußen vor lassen. Schneider gab es schon immer in Berlin, da können wir bis ins Mittelalter zurückgehen, als Berlin noch ein kleines Kaff ist. Und die Hugenotten, die der Große Kurfürst willkommen heißt, bringen uns nicht nur die Familie ➱Fontane, sondern auch viele Schneider und Schneiderinnen, Putzmacher- und Posamentenmacherinnen (auf dieser ➱Seite findet sich eine interessante Geschichte der Schneider in Berlin, die ja zu häufig nur Militärschneider waren). Aber wir springen jetzt einmal in die 1830er Jahre, in denen die Konfektion in Berlin entsteht.

Das hier ist Valentin Manheimer, der sich an seinem siebzigsten Geburtstag von ➱Anton von Werner hat malen lassen, er konnte es sich leisten, von dem Malerfürsten gemalt zu werden. Bei seinem Tod wird er ein Vermögen von mehr als zehn Millionen Mark hinterlassen. Manheimer war zusammen mit Herrmann Gerson der erste, der in einem Laden vorgefertigte Kleidung des sogenannten Stapelgenres verkaufte. Manheimer wird mit seinen Damenmänteln zum Berliner Mantelkönig. Diese Damenmäntel aber wurden in Berlin so perfektioniert, daß der Berliner Mantel zu einem Gütebegriff in der ganzen Welt wurde und es bis heute geblieben ist! Seither bilden die „Mantelkönige“ die Spitze in der Hierarchie der Konfektion, schreibt Brunhilde Dähn in ihrem plaudernd geschriebenen Buch Berlin, Hausvogteiplatz: über 100 Jahre am Laufsteg der Mode.

Das Ende der 1830er Jahre ist die Geburtsstunde der Konfektion, die sich um den Hausvogteiplatz herum ansiedelt. Das Bild zeigt das Kaufhaus von Herrmann Gerson, das sich schnell zu Berlins führendem Kaufhaus entwickelt hat. Berlin wird zu einer Stadt der ➱Haute Couture, die sich mit Paris messen kann: Die Geschichte der Berliner Konfektion ist zugleich die Geschichte derjenigen deutschen Industrie, die sich als erste den Weltmarkt eroberte und den Ruf von deutscher Arbeit und deutschen Gewerbefleißes in die fernsten Länder trug. Das Zitat aus dem Confektionair von 1900 findet sich wiederum bei Brunhilde Dähn, deren Buch 1968 im Göttinger Musterschmidt Verlag erschienen ist. Dort war 1960 auch das Lexikon der Herrenmode von ➱Hermann von Eelking erschienen.

Gerson (hier ein Blick in seinen Vorführsalon aus der Zeit um 1890) war mit Gerson’s Bazar am Werderschen Mark auf höherem Niveau als der Mantelkönig Manheimer. Hier wird sich die feine Welt treffen, russische Aristokraten und Dollarprinzessinnen. Am Ende des Jahrhunderts beschäftigt die Firma 600 Zwischenmeister und 8.000 Näherinnen. Sie können alles dazu in dem Buch Ein Feentempel der Mode oder Eine vergessene Familie, ein ausgelöschter Ort von ➱Gesa Kessemeier lesen. Und natürlich auch bei Uwe Westphal: Berliner Konfektion und Mode 1836-1939: Die Zerstörung einer Tradition, einem Buch, das in diesem Blog schon mehrfach zitiert wurde.

Ein Blick in die Confection heißt dieser Farbholzstich aus dem Jahre 1895. Für viele Frauen in Berlin war dies der einzige Blick, den sie in das Reich von Herrmann Gerson werfen konnten, die Mode trennt in der Belle Époque die sozialen Schichten säuberlich. In einem Reiseführer für Berlin wird die Glitzerwelt beschrieben als: Gerson’s Bazar ist das geschmackvollste, großartigste und bedeutendste Manufakturwaarengeschäft in Deutschland. … Welch ein bewegtes schillerndes Leben in diesen Räumen voll Seidenglanz, zwischen diesen, mit strahlenden Teppichen behangenen Wänden, auf den mit weichen Decken belegten Treppen, unter diesem Heer von rechnenden und schreibenden Comtoiristen, von verkaufenden Commis und Ladenjungfern, von begehrlichen, verschwenderisch freigebigen oder feilschenden Käufern!

Herrmann Gerson, der selbst aus kleinen Verhältnissen kam, war jedoch nicht nur für die Reichen und Schönen da. Er beliefert auch breite Bevölkerungsschichten mit konfektionierter Kleidung. Und er sorgt sich – ein patriachalisches Vorbild – um seine Angestellten, lange vor der Bismarckschen Sozialgesetzgebung sind seine Angestellten krankenversichert und bekommen im Krankheitsfall  eine Lohnfortzahlung für die Dauer von zwei Monaten. Gerson stirbt 1861, als er gerade den Krönungsmantel für ➱Wilhelm I. vollendet hat. Seine Kinder werden sein Erbe fortführen, bis das Kaufhaus 1936 arisisert wird.

Die soziale Verpflichtung gegenüber den Angestellten finden wir bei vielen jüdischen Unternehmern, so zum Beispiel auch bei Julius Bamberger, dem das größte Kaufhaus von Bremen gehört. Bambüdel nennen es die Bremer liebevoll. Ich habe das schon am Rande erwähnt, als ich über den Kriegsverbrecher ➱Walter Többens aus meinem Heimatort geschrieben habe. Und natürlich gibt es diese vorbildliche Haltung bei Wilfrid Israel, dem Erben des Kaufhauses Nathan Israel, einem der größten Kaufhäuser Europas, das man manchmal mit Harrods vergleicht. Die Arbeitsbedingungen bei Israel sind beispielhaft, von der Sozialversicherung über Kindergärten und Clubräume (lesen Sie mehr dazu in dem Post ➱Wilfrid Israel). Wir finden Ähnliches bei Titus Salt in England und bei Ermenegildo Zegna in Italien (lesen Sie ➱hier mehr dazu).

Die zwanziger Jahre sind eine große Zeit für die Berliner Mode, ein Zeichen dafür kann es sein, dass die renommierte Schneiderei Knize aus Wien 1924 ein Geschäft in der Wilhelmstraße aufmacht (das aber nicht von ➱Adolf Loos gestaltet wird, wie der Laden in Wien). Für die Herren scheinen die einzigen Kleidungsstücke ➱Frack und ➱Smoking zu sein, auf jeden Fall vermitteln die jetzt in Babelsberg entstehenden Filme diesen Eindruck. Die beiden Links verweisen zu zwei viel gelesenen Posts, und ich kann zu dem Thema noch die Dissertation ➱Würdiger Bürger im Frack?: Ein Beitrag zur kulturgeschichtlichen Kleidungsforschung von Iris Gräfin Vitzthum von Eckstädt empfehlen.

Berlin ist zur Filmmetropole geworden, und das färbt auf die Modemetropole ab. Es war nun wirklich nicht alles golden, was man heute die Goldenen Zwanziger nennt. Aber für die Mode war es eine glänzende Zeit, hat ➱Volkmar Arnulf, der Doyen der Berliner Schneider, gesagt. Wie man Frack und Smoking richtig trägt, das weiß Hermann von Eelking mit seinen Zeitschriften Der Modediktator und dem ➱Herrenjournal offensichtlich am besten. Im Weinrestaurant war nach seiner Meinung eine schwarze Ripsweste vorgeschrieben, und dann gab es noch Ausnahmefälle, bei denen jüngeren tanzenden Herren der Smoking mit weißer Weste oder Kummerbund gestattet ist.

Ein Jahrzehnt später wird der Hauptmann a.D. und SA Obertruppführer im Stab der berüchtigen SA-Brigade 31 Berlin-Brandenburg mit seinem Buch Die Uniformen der Braunhemden (hier im ➱Volltext) von sich reden machen. Da ist dann nicht mehr von Ripswesten oder Kummerbund die Rede. Der Machtantritt der Nationalsozialisten ist zugleich das Ende der Berliner Konfektion, die zu 90 Prozent in jüdischem Besitz ist. Namhafte Konfektionäre verlassen Deutschland, manche ermöglichen auch ihren Angestellten die Emigration nach England, da sie dort Tochterunternehmen besitzen oder Verwandte haben. Die Berliner Fabriken und Modehäuser werden arisiert, wir haben für alles einen wohlklingenden Namen.

In meinem Heimatort wird der mittellose Angestellte ➱Walter Többens, der zuvor bei der Firma Leffers gearbeitet hatte, für 1,4 Millionen das Kaufhaus von ➱Julius Bamberger kaufen. Und danach wird er im Warschauer Ghetto eine Großproduktion von Uniformen hochziehen. Bamberger flieht über die Schweiz und Frankreich in die USA, nach dem Krieg bekommt er von einem Gericht 50.000 Mark zugesprochen. Többens war nach dem Krieg in Polen zum Tode verurteilt worden, entzog sich aber immer wieder der Auslieferung. In Bremen wurde er 1949 als Kriegsverbrecher verurteilt: zehn Jahre Arbeitslager, Einziehung des Vermögens, Verlust aller bürgerlichen Rechte und jedes Anspruchs auf Rente und Unterstützung. Das Urteil wurde nie vollstreckt, Többens wird 1952 als Mitläufer eingestuft. Vom Kriegsverbrecher zum Mitläufer in drei Jahren, auch das ist deutsche Wirklichkeit, auf die wir nicht stolz sein können.

Ich bin auf das Thema der Vernichtung der Berliner Modewelt schon in den Post ➱Haute Couture und ➱Wilfrid Israel (und vielleicht auch in dem Post ➱Damenmode) eingegangen. Ich will auch gerne interessante Bücher wie Gloria Sultanos ➱Wie geistiges Kokain: Mode unterm Hakenkreuz oder Irene Guenthers Nazi Chic? Fashioning Women in the Third Reich (für das die Rezensentin des Guardian den Titel ➱Dressed to Kill fand) erwähnen, die aber alle noch nicht das letzte Wort zur Aufarbeitung dieses zu lange vernachlässigten Themas sein können.

Denn seit Uwe Westphals hervorragendem Buch Berliner Konfektion und Mode: Die Zerstörung einer Tradition 1836-1939 (1986, zweite verbesserte Auflage 1992) hätte man eigentlich eine Vielzahl von Publikationen erwartet. Uwe Westphal hat vor zwei Jahren die Geschichte der Berliner Konfektion in den Roman Ehrenfried & Cohn hinein geschrieben, das ist ein Buch, das man unbedingt empfehlen kann. Und vielleicht könnte das Fernsehen den 6-Teiler Durchreise von 1993 mal wieder bringen (➱hier ein Schnipsel daraus). An verschiedenen Stellen im Internet wird der Nazi Hermann von Eelking persilrein gewaschen, und ich habe hasserfüllte Kommentare erhalten, weil ich frecherweise den Baron zu einem SA Mitglied und zum Autor von Die Uniformen der Braunhemden machte. Ja, wie konnte ich nur?

Die dreißiger Jahre sind das Jahrzehnt der Modezeitschriften, da gibt es die ➱Elegante Welt und die ➱Die Dame, eine Zeitschrift mit dem Untertitel Journal für den verwöhnten Geschmack. Für die schreiben Kurt Tucholsky, ➱Gregor von Rezzori und viele andere. Und dann ist da noch ➱Die neue Linie (das Blatt für Menschen mit Geschmack – monatlich 1 Mark), man kann in Deutschland Vogue und Vanity Fair, die auf den deutschen Markt drängen, durchaus etwas entgegensetzen. Schon im 19. Jahrhundert gab es bei Herrmann Gerson eine eigene Modezeitung, Der Bazar: Erste Damen– und Modenzeitung, deren Chefredakteurin die Modejournalistin Antonie von Cosmar war.

Das war sicher erstaunlich, aber nicht unbedingt revolutionär. Modezeitschriften gab es schon seit dem 18. Jahrhundert: seit 1786 erschien das Journal des Luxus und der Moden. Und sogar deutsche Philosophen wie ➱Christian Garve schrieben damals über die Mode. Philosophen werden das weiterhin tun, ob sie nun Thomas Carlyle (➱Sartor Resartus: The Life and Opinions of Herr Teufelsdröckh), Georg Simmel (➱Philosophie der Mode) oder ➱Roland Barthes heißen. Ob dieser Herr mit den gelben ➱Gamaschen ein Philosoph ist, weiß ich nicht, aber er liest auf jeden Fall das erst deutsche Magazin für Herrenmode, das schlicht ➱Der Herr heißt (der Herausgeber Hubert Miketta wechselte später als Chefredakteur zur Eleganten Welt). Die Zeitschrift existierte von 1913 bis 1943 – in dem Jahre gab es auch die Elegante Welt nicht mehr. Dieser Satz ist doppeldeutig, und das soll er auch sein.

Die goldenen zwanziger Jahre sind der Höhepunkt (aber auch der Schwanengesang) der Berliner Mode, die Konfektion wird sich zum drittgrößten Wirtschaftsfaktor aufschwingen, sogar nach Amerika exportiert man den ➱Berliner Chic. Von dort importiert man den Frauentyp des ➱flapper, den F. Scott Fitzgerald unsterblich gemacht hat auch nach Berlin. In Frankreich heißen diese neuen Frauen garçonnes (benannt nach der Romanheldin von Victor Marguerittes Roman La garçonne), von denen man nicht so genau weiß, ob sie Kampflesben oder einfach nur modische junge Frauen sind. Überall finden wir crossdressing, wir alle kennen das Bild von Marlene Dietrich im ➱Frack, hier trägt sie einmal einen Straßenanzug.

Es ist die Zeit der Kapotthüte und der enganliegenden Kleider. Es ist auch eine Zeit der Unsicherheit – sind diese jungen Damen à la mode oder ist das hier der Straßenstrich? Oder sind es die hurtigen, straffen Großstadtmädchen mit den unersättlich offenen Mündern, die der Flaneur Franz Hessel beobachtet: Sie gehen so hübsch in ihren Kleidern ohne Gewicht. Wenn wir wissen wollen, wie Berlin damals aussah, müssen wir nur in Filme wie ➱Berlin: Sinfonie der Großstadt und ➱Menschen am Sonntag (zu dem es ➱hier einen Post gibt) hineinschauen.

Bei den Trümmerfrauen hier sind Berliner Chic und Haute Couture kein Thema, aber die Berliner Mode wird wie ein Phönix aus der Asche wieder erstehen. Und sogar in einem Maße, dass man wieder einmal ein klein wenig mit den Pariser  Modehäusern mithalten kann. Und dafür stehen Namen wie Heinz Schulze-Varell, Gerd Staebe, Hans Seger, Heinz Oestergaard und Uli Richter. Oestergaard hat ➱hier schon einen Post, und einige der anderen Couturiers kommen in dem Post ➱Damenmode vor.

Im Jahre 1946 fragte die gerade frischgegründete Wochenzeitung ➱Die Zeit in einem Artikel ➱Darf man jetzt von Mode sprechen? Diese Frage ist auch der Titel des Buches von ➱Jutta Sywottek geworden, die der Entwicklung der Nachkriegsmode an Hand der Illustrierten (1950 gab es schon 38 Mode- und Frauenzeitschriften) wie ChicConstanzeFilm und Frau etc nachgeht. Der Vater von meinem ➱Onkel Karl ist auch wieder gut im Geschäft, gefärbt muss immer etwas werden. Ich kann mich noch gut daran erinnern, wie die Berliner Verwandten eine Wehrmachtsuniform farblich verändern konnten.

Und da ich bei farblichen Veränderungen bin: der nach 1945 ein klein wenig abgetauchte Baron von Eelking ist mit seinem Institut für Herrenmode und seinem Herrenjournal auch wieder da. Dies ist ein Heft aus dem Jahre 1950, wo die neue Zeit mit einer neuen Fröhlichkeit begrüßt wird. Man hat neue Zeichner und neue Leitbilder, die Herren des Journals sehen nicht mehr wie Vorzeigenazis aus. Und es gibt leicht schlüpfrige Herrenwitze, das ist für ein Herrenjournal wohl wichtig. Im Journal des Luxus und der Moden fehlten 1786 die Herrenwitze.

Auf dem intellektuellen Niveau der Dame (Journal für den verwöhnten Geschmack) ist das Journal nie gewesen, als Zeitdokument ist heute wohl nur die Werbung für die Konfektion, wie hier für die Mäntel der Firma Laco, interessant. Weniger für die Ergüsse des Barons, der hier auch Teile seines Lexikons der Herrenmode im Vorabdruck veröffentlicht. In der sechziger Jahren wird es feuilletonistische Beiträge über ➱Michelangelo Antonioni oder den Oscar Wilde Film mit ➱Peter Finch geben, aber da sind die Verkaufszahlen des Journals schon nach unten gegangen. Als Arnold Gingrich in seinem Magazin Esquire Herrenmode präsentierte, hatte er schon ➱Hemingway und Fitzgerald als Autoren verpflichtet. Jahrzehnte später wird der junge ➱Tom Wolfe, den ➱Mode ja sehr interessiert, hier anfangen. Auf solchem Niveau war das Herrenjournal nie.

Solche Hemdkragen trug ich damals auch, aber ein solch kariertes Jackett besaß ich nie. Der karierte Herr zwischen den Beinen der jungen Dame ist auch wohl nur ein Blickfänger für die Mode von Uli Richter, der eigentlich Damenmode entwarf. Der 91-jährige Modeschöpfer ist der letzte Überlebende der großen Zeit der Berliner Couture in den fünfziger Jahren.

Wenn man mit Grazia Patricia (vulgo ➱Grace Kelly) am Tisch sitzen darf, dann hat man es als Modeschöpfer wohl geschafft, dann darf man auch einen solch scheußlichen Smoking tragen wie Uli Richter. Das Berliner Kunstgewerbemuseum hat dem Mann mit dem Markenzeichen ULR eine ➱Ausstellung gewidmet, die noch bis zum 23. April 2017 geöffnet ist. Jetzt kleiden die Berliner Couturiers (die sich beinahe immer an ➱Paris orientieren) Prinzessinnen und Filmstars ein. Uli Richter war auch der Schneider von Rut Brandt, die immer elegant war. Ihre Nachfolgerin ➱Brigitte Seebacher kaufte wahrscheinlich bei C&A.

Heinz Oestergaards Studio ist vielleicht nicht ganz so so fein wie die Studios von Gerd Staebe, Detlef Albers und Heinz Schulze-Varell, aber Zarah Leander, ➱Ruth Leuwerik, Hildegard Knef, Maria Schell, Romy Schneider (hier im ganz kleinen Schwarzen) und Zsa Zsa Gabor tragen jetzt Oestergaard. Na ja, sie tragen auch noch Kleider von anderen Schneidern, aber es ist immer gut, wenn man als ➱Couturier ein halbes Dutzend Schauspielerinnen als Kundinnen hat.

In den fünfziger Jahren müssen wir auf alle Briefe eine Steuermarke aufkleben, die ➱Notopfer Berlin heißt. Was finanzieren wir damit? Das schöne Leben hier? Berlins Lage ist fragil, die Stadt wird von Subventionen am Leben erhalten. Viel von dem nach Berlin gepumpten Geld versickert irgendwo, ein Bauskandal jagt den anderen. Wenn Sigrid Kressmann-Zschach, die ehemalige Gattin von ➱Texas Willi, sagt: Männer, Häuser und Geld kann man nie genug haben, dann ist das nur die eine Seite. Die andere ist der Steglitzer Kreisel.

Die fünfziger Jahre sind die große Zeit der Photographen. Erika Billeter hat mit ihrem Buch Amerika Fotografie 1920-1940 gezeigt, dass sich Amerikas berühmteste Photographen nicht zu fein sind, Damenmode zu photographieren, seit der Baron Adolphe de Meyer die Modephotographie sozusagen geadelt hatte. Was auch daran liegen mag, das Vogue und Vanity Fair ein schönes Honorar zahlen. Auch ➱Regina (Regi) Relang, eine der führenden Photographinnen der 50er und 60er Jahre, hatte vor dem Krieg schon für die Vogue gearbeitet. Und dann haben wir noch Charlotte RohrbachHubs Flöter und den jungen Will McBride, der durch den ➱Twen berühmt wurde. Und natürlich ➱F.C. Gundlach, der selbst einen tristen Tag in Berlin künstlerisch veredeln konnte (der Link hier führt zu seinem photographischen Werk, das glücklicherweise im Internet zugänglich ist).

Gundlachs Ästhetik färbte auf andere Photographen ab. Aber man kann nicht alles photographisch veredeln. Sie merken schon, dass auf diesem Bild der Alltag etwas ärmlicher ausfällt. Ein ➱Mercedes 300 Cabrio photographiert sich besser als ein Trabbi. Dies Photo ist von der Photographin Sibylle Bergemann, die auch für die Zeitschrift Sibylle: Zeitschrift für Mode und Kultur (die man auch die Ost-Vogue nannte) gearbeitet hat. Die Sibylle war etwas anders als die wöchentlich für 60 Pfennig (Ost) erscheinende Zeitschrift ➱Für Dich. Ich habe die Sibylle  auch erwähnt, weil die Kunsthalle Rostock noch bis zum 17. April eine gleichnamige ➱Ausstellung zeigt (es gibt auch einen Katalog), wo natürlich auch ➱Photos von Sibylle Bergemann zu sehen sind. Die Gründerin der Zeitschrift, die 96-jährige Sibylle Boden-Gerstner, verstarb vierzehn Tage nach der Ausstellungseröffnung, an der sie nicht mehr hatte teilnehmen können.

Dieses Photo von Sibylle Bergemann stammt aus dem Band Sibylle – Modefotografien 1962-1994 von Dorothea Melis, der 2010 erschien. Sibylle Bergemann hätte bei jeder Modezeitschrift der Welt einen Job gefunden, wenn sie rübergemacht hätte. Doch sie blieb in ihrer Wohnung am Schiffbauerdamm. Bekam aber Besuch von Photographen wie Henri Cartier-BressonHelmut Newton, und Robert Frank.

Aus dem Osten der Stadt kommen (außer der sechsmal im Jahr erscheinenden Zeitschrift Sibylle, die sofort nach Erscheinen ausverkauft ist) nur wenige modische Anregungen für die Berliner Mode, die nach 1945 eigentlich immer eine Westberliner Mode ist. Aber aus dem Osten kommen Schneiderinnen und Näherinnen. Und die kommen nach dem Bau der ➱Mauer nicht mehr: kurz danach schließen ein Viertel aller Konfektionsbetriebe. Den Berliner Schulze-Varell interessierte das wenig, der hatte sein Studio eh in München, doch mit dem Status der Modemesse Berliner Durchreise ist es jetzt zu Ende. Düsseldorf wird die neue Messestadt.

Und was ist heute? Arm, aber sexy, hat der sektlaunige Wowi die Stadt beschrieben. Vom Spreeathen redet niemand mehr. Es gibt sicherlich Luxusschneider wie ➱Volkmar Arnulf und einige andere (Günther Adam hat vor einem Jahr aufgehört). Es gibt natürlich auch ➱Herrenaustatter. Als das KaDeWe neu eröffnete, hatten sie ➱Regent im Angebot, das hat sich aber schnell geändert. Mientus, die 1958 einen riesigen Laden eröffneten (und 1992 die ersten mit einem ➱Zegna Shop waren), sind nicht mehr das, was sie einmal waren. Uli Knecht, der seine Läden in Hamburg und Düsseldorf geschlossen hat, hat noch einen Laden in Berlin. Es läuft nichts mehr rund im oberen Bereich. Wenn die Textilwirtschaft in der letzten Woche die Pleite von René Lezard, den Gewinnrückgang von Boss und den Milliardengewinn von Adidas verkündet, dann zeigt das, wohin die Tendenz geht.

Doch Berlin hat noch Patrick Hellmann, der plötzlich mit einer eigenen Glitzerwelt da war, und von dem lange niemand wusste, wer er eigentlich ist. Dabei ist alles ganz einfach. Sein Vater, der vor dem Krieg bei Wertheim gearbeitet hatte, und er hatte seinen Sohn aus Amerika nach Berlin geschickt, weil das für ihn immer noch eine Stadt der Eleganz war. Alles, was man über Patrick Hellmann weiß, der angeblich Putin ausstattet, können Sie ➱hier lesen.

Früher kam die Patrick Hellmann Collection von Attolini oder Kiton, heute kommt die Patrick Hellmann Collection in den meisten Fällen aus Portugal von der Firma Diniz & Cruz (lesen Sie mehr zu dieser Firma in ➱Raffaele Caruso). Die übrigens beinahe alle Herrenausstatter mit Private Label Kleidung beliefern: Braun und Kirsch in Hamburg, Ed Meier, Uli Knecht, Hellmann, Dantendorfer, Simon Gray (Hausmarke des Masculin Modekreises), Bailly Diehl, Bertram & Frank. Und Patrick Hellmann. Die Portugiesen dürfen natürlich an keiner Stelle Diniz & Cruz in ihre Klamotten (übrigens ein Wort aus Berlin) schreiben, aber man kann sie immer an ihrer portugiesischen Steuernummer erkennen. Wenn Sie IVA PT 500341753 auf dem Etikett lesen, dann wissen Sie, dass das gute Stück nicht aus Mailand oder Neapel, sondern aus Portugal kommt.

Ich besitze ein Jackett von Attolini aus der Patrick Hellmann Collection. Hat mich bei ebay vor Jahren 39 Euro gekostet. Auf dem verschwommenen Photo war nicht viel zu sehen, nur eine sehr, sehr große Brusttasche. Solch eine gebogene lange barchetta Tasche, die findet sich nur bei den Made in Italy Firmen, die wirkliche sartoria abliefern. Dem war auch so, als das Patrick Hellmann Jackett für 39 Euro ankam, entpuppte es sich als ein nie getragenes Kaschmir Jackett von Attolini, Handarbeit bis ins letzte Knopfloch. Und ein ticket pocket, das ich auf dem Photo gar nicht erkannt hatte (dies Bild zeigt natürlich nicht mein Jackett, aber sie können hier die lange Brusttasche sehen).

Und dann habe ich noch diesen Anzug, der ein Etikett trägt, auf dem Patrick Hellmann Berlin steht. Es ist ein grau-grüner Anzug mit kleinen Karos und einem hellblauen Überkaro. Ich habe den gekauft, weil ich zuvor einen ganz ähnlichen Anzug hatte. Und Jahrzehnte davor einen ebenso ähnlichen. Aber alle mit ticket pocket, einem modischen Detail, zu dem sich ➱Inspector Barnaby in The Made-to-Measure Murders nicht so recht entschließen kann. Der Anzug verrät seinen Hersteller nicht, ein Fachmann aus der Branche flüsterte mir damals zu, dass Hellmann viel in Polen produziere ließe. Das tat Regent ja auch ein mal. Dieser Anzug ist ein stinknormaler Anzug, wo bleibt da der Designer Patrick Hellmann? Der ist damit beschäftigt, einen Audi und eine ➱Rolex zu verschönern. Klicken Sie ➱hier.

Das zweite Berliner Wunderkind in der Glitzerwelt heißt Michalsky (ich lasse ➱Wolfgang Joop jetzt einmal aus), der macht Damenmode, kein neues Rolex Design, aber Tapeten und Möbel. Und offensichtlich auch schlechtsitzende Herrenmode. Doch wer will 499€ für ein potthäßliches Jackett von einem Mann, der bei Heidi Klum auftritt, bezahlen? Die Vogue hat ihn als Deutschlands Mode Papst bezeichnet, aber ich bin mir da nicht so sicher, ob dieser Vergleich stimmt.

Es gibt in Berlin nach der Wende viel Gewusel, neue Firmen wie BeconIQ+ BerlinLala Berlin und Kaviar Gauche neue Messen wie Fashion WeekBread & Butter und Premium ExhibitionsBread & Butter war schon pleite, wird aber jetzt von Zalando neu belebt. Aber kann das die Sache der Zukunft sein, wenn Zalando Modemessen organisiert? Oder Daimler Benz mit seiner Mercedes Fashion Week. Dieses Bild von der Mercedes Fashion Week 2013 findet sich schon in dem Post ➱Sommermode, in dem Patrick Hellmann auch erwähnt wird. Ich nehme an, dass so etwas die Kleidung ist, die Damen in einem schwarzen Mercedes SUV mit schwarzgetönten Scheiben tragen. Oder im Suff. Oder im Puff.

Neben dem Hellmann Anzug, auf dessen Etikett Berlin steht, habe ich noch ein zweites Kleidungsstück aus Berlin. Es ist ein altes Chester Barrie Jackett, aus der Zeit, als die noch wirklich gut waren. Cashmere, dunkles Grau mit kleinem herringbone und blaßblauem Überkaro. Und auf dem Etikett steht: Tailored for Heinrich Dietel. Nachf. Walter Hollain. Berlin. Ich bin dem mal nachgegangen und stieß auf einen schön geschriebenen Artikel (Das unverwechselbare Gesicht des Kurfürstendamms – Reflexionen über ein Auslaufmodell) in der ➱Berliner Morgenpost, von dem ich etwas an den Schluss stelle:

Heinrich Dietel war unverwechselbar. Er war ein Herr und verkaufte Artikel für Herren – für solche also, die mehr sein wollten als Männer, offerierte er in seinem Geschäft zwischen Schlüter- und Wielandstraße. Heinrich Dietel, groß gewachsen, stets mit Weste, die dem Bauch zur Ansehnlichkeit verhalf, mit einer Nelke im Revers, die, darunter verborgen, in einem kleinen, mit Wasser gefüllten Röhrchen steckte, dieser Heinrich Dietel bediente nicht, er empfing in seinem Salon Partner. Die taxierte er nicht nach der Brieftasche. Stil zu bilden, das freute ihn, und dafür gab er das Beispiel. Es ging nicht nur um das Bedecken von Blößen, es ging um Wohlgefallen, um Ästhetik, für sich und die anderen, von den Handschuhen, über Hemden, Krawatten, Mützen bis zu Pfeifen. England at its best in Berlin.

       Die Tradition wurde unter Dietels Namen unter seinem Nachfolger Hollain an der Schlüterstraße fortgeführt. Nach seinem Tod wollte Dietel keiner mehr haben. Wem steht der Sinn noch nach einem Spazierstock, der ein elegantes Accessoire und keine von der Krankenkasse bezahlte Gehhilfe ist? Wer noch ist auf ein Beinkleid aus in einer Zeit, die Bequemlichkeit mit Nachlässigkeit übersetzt, weshalb der Berliner folgerichtig jedweden Anzug als «Klamotte» identifiziert? Dietel, ein Nachruf unter vielen für ein Stück des alten Berlin. Individuelles wird zu Grabe getragen. Unsere Zeit: Sie versteht Veränderung schon als Fortschritt.

Ich gehe über den Kurfürstendamm. Und ich erinnere mich an die Besucher, die zurückkamen aus Ost-Berlin, aus der DDR. Wie sie sich mokierten: Schrecklich, alle in den gleichen Schuhen, alle in den gleichen Jacken und Mänteln, Mützen und Taschen, alles gleich, schrecklich. Ich schaue auf die Leute um mich herum. Und mich befällt ein Alptraum. Eines Tages werde ich nur noch auf Uniformierte im real existierenden Kapitalismus treffen. Die Fantasie stirbt an der Norm. Wo ist Dietel?

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