Das hier ist etwas, was der Engländer als Shooting Jacket bezeichnet, eine Variante des ➱Norfolk Jacket. So etwas muss man unbedingt haben, wenn man Moorhühner schießen will. Die ihrem Untergang geweihte Gesellschaftsschicht in dem englischen Film ➱The Shooting Party hat so etwas selbstverständlich im Kleiderschrank. Normale Menschen brauchen das Teil eigentlich nicht. Vor allem, wenn sie nie zur Jagd gehen. Wie ich zum Beispiel, ich finde das völlig bescheuert. Ich muss mal eben etwas zitieren, was ich in dem Post ➱Hunde geschrieben habe: Mir sagte einmal eine Dame, die mit einem Hobbyjäger verheiratet war und ihm zuliebe das Spielen des Jagdhorns erlernt hatte: Es ist eine furchtbare Sache, mit einem Jäger verheiratet zu sein. Um zwei in der Nacht kommt er stinkend nach Hause, und um halb drei kotzt der Dackel den Teppich voll. Dank meines Englischlehrers James Tröbs kann ich zwar das englische Jagdlied ➱Do you ken John Peel with his coat so gay singen, aber da hört es auch auf.

Trotz all dieser Vorbehalte besitze ich jetzt eine Jagdjacke, rotgefüttert, Ostern bei ebay gekauft. Nicht, weil ich zur Jagd gehen will, sondern weil die Jacke von Hans-Alfred Terner in Hannover ist. Steht auf dem Etikett: H.A. Terner in Familienbesitz seit 1911. Dazu sollte ich einiges sagen. Ich habe eine gewisse Bindung an Hannover, weil ich in Rotenburg (Hannover) geboren wurde. Das war ein Zufall, weil wegen der ➱Bomben auf Bremen ein Teil der Bremer Frauenklinik ausgelagert war. Hannover war ja mal ein Königreich und danach eine preußische Provinz. Ich war immer stolz auf das Rotenburg (Hannover) in meinem Ausweis, aber heute steht da Rotenburg (Wümme). Ich habe versucht, dagegen vorzugehen, aber die ließen nicht mit sich handeln.

Rotenburg (Wümme) klingt schlimm, und ROW ist auch eins der gefürchtetsten Autokennzeichen in der Gegend. Mit Hannover verbindet mich auch noch, dass ich vor sechzig Jahren gesehen habe, wie ➱Hannover 96 im Volksparkstadion Deutscher Meister wurde. Und dann bin ich Jahre später auf der Heeresoffiziersschule I in Hannover gewesen, was eine sehr schöne Zeit war. Und der Post ➱Hannover aus meinem ersten Jahr als Blogger, zählt zu meinen Bestsellern. Ich weiß nicht weshalb. Ich als halber Hannoveraner kann die Posts ➱Ernst August, ➱Heinrich Hannover, ➱Maurice de Saxe und Opernhaus Hannover auch noch empfehlen.

Meine Mutter liebte Hannover. Nicht wegen der Oper, nicht wegen des Maschsees, der Herrenhäuser Gärten oder des Leineschlosses. Nein, zum Einkaufen. Da gab es dieses Pelzgeschäft namens Stoll, das sie irgendwie magisch anzog, obgleich sie schon einen Schrank voller Pelzmäntel hatte. Und sie mochte auch Terner, einen Laden, der Herren- und Damenkleidung führte. Und der mit Texten wie diesem warb:

Seit 1911 steht TERNER für englische und italienische hochwertige Klassik, von Anlass, Business, Sportswear bis Party. In unserer hauseigenen Schneiderei werden Änderungen und Maßwünsche handwerksgerecht und zuverlässig erfüllt. Dem Text wurden sie auch gerecht, sie hatten neben Unmassen von ➱Burberry ➱Trenchcoats erstklassige italienische Firmen im Angebot: Isaia, Belvest, Barbera etc. Ich besitze ein Belvest Jackett von Terner, das echte Knopflöcher hat, ich dachte immer, das gäbe es bei dieser Marke gar nicht. Für ihre Oberhemden konnte ich mich nicht begeistern, sie hatten Cleeve of London, eine Firma, die vor Jahren von Rayner und Sturges gekauft wurde und jetzt der Firma Drake’s gehört.

Die Qualität des Angebots war schon etwas anderes als ➱Ladage & Oelke in Hamburg, die ihren Kunden suggerierten, dass alles in ihrem Laden aus England käme. Und den armen anglophilen Modeopfern ungerührt deutsche Dressler Jacketts verkauften. Dies Photo ist aus den fünfziger Jahren, da war das Geschäft von Hans-Alfred Terner noch in der Bahnhofstraße. Damals trugen auch noch Pferderennen den Namen von Hans-Alfred Terner. Vielleicht war das schon ein wenig zu viel. Und dann musste man ja unbedingt in die Luisenstraße umziehen, weil da jeder sein wollte.

Mein ältestes Jacket von Terner ist ein fünfundzwanzig Jahre altes Isaia Jackett, ist immer noch gut. Richtige Made in Italy Qualität ist auch nach einem Vierteljahrhundert noch gut. Slim Fit Anzüge aus Asien sind schon im nächsten Jahr nicht mehr gut. Doch Terner, diesen schönen Laden im Familienbesitz gibt es seit einigen Monaten leider nicht mehr: Sehr verehrte Kunden und Freunde, mit großem Bedauern haben wir den stationären Einzelhandel zum 14.01.2017 eingestellt. In den vielen ereignisreichen und spannenden Jahren haben wir tolle Menschen kennen und schätzen gelernt und mit Ihnen eine schöne Zeit verbracht. Hierfür bedanken wir uns sehr bei unseren treuen Kunden und Freunden! Herzliche Grüsse Rebecca Terner-Hawellek. Die ➱Seite, auf der sich dieses Zitat findet, zeigt diesen Oldtimer, der irgendwie wie ein Leichenwagen aussieht, eine seltsame Symbolik.

Terner in Hannover ist nicht das einzige Geschäft, das in den letzten Jahren aufgeben musste. Sie können mehr zu diesem Thema in dem Post ➱Herrenausstatter lesen. Und dann können Sie auch noch die Artikel von ➱Bernhard Roetzel und ➱Jens Jessen über den deutschen Mann und die Mode lesen, dann wissen Sie, warum das mit dem schleichenden Tod der Herrenausstatter so ist. Dieses Teil musste ich natürlich unbedingt haben, sie hat alles, was eine Joppe haben muss: Blasebalgtaschen, echte Knopflöcher, Golffalte im Rücken, einen anknöpfbaren Drehteufel, Lederflicken auf dem Ärmel und einen aufgesteppten Gürtel auf dem Rücken.

Und dann noch dieses leuchtend rote Steppfutter mit dem blauen Etikett, auf dem Im Familienbesitz seit 1911 steht. Es ist eine echte Nostalgiejacke. Man kann sie bei diesem Schietwedder ganz hervorragend tragen. Und man braucht definitiv keine Purdey Seitenschlossflinte als Accessoire für dieses Jackett. Ich brauche jetzt allerdings noch ein Jagdgedicht, aber da brauche ich nicht lange zu suchen. Ich nehme mir Rudyard Kiplings Fox-Hunting, ein Gedicht über tausend Jahre Fuchsjagd in England aus der Perspektive des Fuchses. Ich mag ➱Rudyard Kipling, er ist schon häufig hier zitiert worden. Eins der Highlights dieses Blogs ist die Übersetzung seines Gedichts Mandalay ins ➱Plattdeutsche, das gibt es sonst nirgends, nur hier.

Obgleich Kipling der upper middle class angehört, mag er die nicht so sehr. Seine ➱Zeile von den flannelled fools at the wicket or the muddied oafs at the goals tut den ➱Cricket Liebhabern immer noch weh. Und auch der Sprecher in ➱McAndrew’s Hymn hat eine gewisse Verachtung für die Oberklasse: Romance! Those first-class passengers they like it very well, Printed an‘ bound in little books; but why don’t poets tell? I’m sick of all their quirks an‘ turns – the loves an‘ doves they dream – Lord, send a man like Robbie Burns to sing the Song o‘ Steam! Dieser kleine Fuchs muss bei dem Kipling Gedicht unbedingt erwähnt werden, er ist der Hauptdarsteller (neben Berühmtheiten wie Eric Porter, Jeremy Kemp oder Dennis Waterman) in dem wunderbaren Film The Belstone Fox (Sie können ➱hier einen kleinen Schnipsel des Films sehen). Aber nun das Gedicht Fox-Hunting:

The Fox Meditates

When Samson set my brush afire
To spoil the Timnites barley,
I made my point for Leicestershire
And left Philistia early.
Through Gath and Rankesborough Gorse I fled,
And took the Coplow Road, sir!
And was a Gentleman in Red
When all the Quorn wore woad, sir!

When Rome lay massed on Hadrian’s Wall,
And nothing much was doing,
Her bored Centurions heard my call
O‘ nights when I went wooing.
They raised a pack they ran it well
(For I was there to run ‚em)
From Aesica to Carter Fell,
And down North Tyne to Hunnum.

When William, landed hot for blood,
And Harold’s hosts were smitten,
I lay at earth in Battle Wood
While Domesday Book was written.
Whatever harm he did to man,
I owe him pure affection;
For in his righteous reign began
The first of Game Protection.

When Charles, my namesake, lost his mask,
And Oliver dropped his’n,
I found those Northern Squires a task,
To keep ‚em out of prison.
In boots as big as milking-pails,
With holsters on the pommel,
They chevied me across the Dales
Instead of fighting Cromwell.

When thrifty Walpole took the helm,
And hedging came in fashion,
The March of Progress gave my realm
Enclosure and Plantation.
‚Twas then, to soothe their discontent,
I showed each pounded Master,
However fast the Commons went,
I went a little faster!

When Pigg and Jorrocks held the stage,
And Steam had linked the Shires,
I broke the staid Victorian age
To posts, and rails, and wires.
Then fifty mile was none too far
To go by train to cover,
Till some dam‘ sutler pupped a car,
And decent sport was over!

When men grew shy of hunting stag,
For fear the Law might try ‚em,
The Car put up an average bag
Of twenty dead per diem.
Then every road was made a rink
For Coroners to sit on;
And so began, in skid and stink,
The real blood-sport of Britain!

Ich trage meine braune Jagdjacke mit den großen roten ➱Karos schon eine Woche lang, niemand hat bisher irgendeine Bemerkung dazu gemacht. Eine Reaktion gab es allerdings schon: das Eichhörnchen vorgestern, das hat die Straßenseite gewechselt, als es mich kommen sah. Do you ken John Peel with his coat so gay …

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