Tragedie is to seyn a certeyn storie,

As olde bookes maken us memorie,

Of hym that stood in greet prosperitee,

And is yfallen out of heigh degree

into myserie, and endeth wrecchedly

Das können wir bei Chaucer in den ➱Canterbury Tales lesen, steht in der Geschichte des Mönches. Ist noch Mittelenglisch, sieht schon aus wie Englisch, spricht sich nur anders aus. Gehörte früher wie das ➱Altenglische zum Studium der Anglistik dazu, ist jetzt weggefallen. In dem neuen BA/MA Studium ist alles Wesentliche weggefallen. Und da wir beim Fallen sind: das, was Chaucer uns da beschreibt, nennen die Literaturwissenschaftler den Fall of Princes. Chaucer hat sich da ein wenig bei Boccacios De casibus virorum illustrium bedient. In einer Ausgabe des Werkes von Boccacio finden wir diese Abbildung: Fortuna dreht am Glücksrad, und da ist gerade ein König am Fallen, der purpurrote Mantel ist schon auf em Boden:

 

Fortunae rota volvitur descendo minoratus;

alter in altum tollitur nimis exaltatus.

Rex sedet in vertice – caveat ruinam!

Nam sub axe legimus Hecubam reginam

Man tritt ja nicht so gerne zurück. Also, dieser Torsten Albig, der hier im Post ➱Strassensperrung vorkam, der scheint das immer noch nicht begriffen zu haben, dass er abgewählt worden ist. Albig selbst sagte auf die Frage, ob die Öffentlichkeit mit seinem Rücktritt rechnen müsse: „Nee, müssen Sie nicht.“ Seine Partei arbeite daran, „eine nächste Regierung auf die Beine zu stellen.“ stand in der Süddeutschen. Wenn Albig sich verkleidet wie der märchenhafte Kalif Harun al Raschid unter die Leute gemischt hätte, um unerkannt die Meinung des Volkes zu erfahren, dann hätte er sich in diesen Tagen wohl gewundert. In der Glücksregion Nummer Eins hier oben waren glücklich, dass Albig abgewählt wurde. Überall auf der Strasse redeten Menschen miteinander. Wie in der Nachkriegszeit oder in den fünfziger Jahren. Wenn jetzt auch noch dieser Mensch, den wirklich niemand mag, verschwinden würde, dann wäre das Ganze perfekt.

Das passende Wort für den politischen Zustand hier im echten Norden ist Schadenfreude. Ein Wort, das die Engländer gerne adoptiert haben. Wie Vorsprung durch Technik, Kindergarten, Dachshund und Gesundheit. Heute vor achtzig Jahren redeten die Engländer auf der Straße miteinander, aber da war keine Schadenfreude im Spiel. Da wurde der englische König George VI gerade gekrönt. Sie kennen ihn, er ist der Vater von ➱Elizabeth und der Held des Filmes ➱The King’s Speech.

Man kannte ihn in England kaum. Seinen Bruder David, der sein Vorgänger war, den kannte man schon. Man mochte den sogar. Aber David, der als König Edward VIII heißt, war zurückgetreten. Auf dem Photo wartet er darauf, über die Mikrophone der ➱BBC der englischen Nation nachträglich seine Gründe für den Rücktritt zu erklären. Er hatte mit Winston Churchill zu Mittag gegessen, und der hatte ihm nach dem Essen die Rede noch einmal stilistisch überarbeitet.

Edward VIII ist dabei hervorragend gekleidet. Das unterscheidet ihn von Ralf Stegner oben, der sartorial gesehen schon eher am Rande der Verwahrlosung schwebt (es sind in dem Post ➱Handschuhknopf schon einige Bemerkungen über seine Kleidung gemacht worden). Das Photo oben wurde am Wahlabend gemacht, da waren Herrn Stegner die Gesichtszüge vollständig entgleist. Davon ist bei dem ehemaligen König nichts zu sehen. Von einem bestimmten Alter an ist jeder Mensch für sein Gesicht verantwortlich, hat ➱Albert Camus geschrieben.

David bekommt von seinem Bruder Albert den Titel eines Herzogs von Windsor. Er verläßt umgehend das Land und geht nach Frankreich, um Wallis Simpson zu heiraten und sich ganz der Herrenmode zu widmen, wie er das als Prince of Wales schon getan hatte. Er besaß eine vollständige Sammlung von Uniformknöpfen aller englischen Regimenter (Stegner besitzt eine vollständige Sammlung von allen ➱Tatort Sendungen). Die ➱Savile Row ist das Einzige, was ihn noch mit England verbindet. Am Ende seines Lebens landet er bei Davies & Sons. Die haben mal die Uniformen für Lord Nelson gemacht, und in dem Roman Faserland trägt der Held ein Jackett von der Firma (lesen Sie mehr in ➱Etikettenschwindel). Ich besitze auch einen Anzug von Davies & Sons, den habe ich mal in einem Secondhand Laden gefunden, ich bilde mir aber nicht ein, der Herzog von Windsor zu sein.

George VI wird viele Uniformen tragen, kaum ist er König, da ist schon Krieg. Wenn er keine Uniform trägt, dann bevorzugt er meistens den Zweireiher. Seine Uniformen kommen von Gieves. Die damals noch nicht Gieves & Hawkes sind, diese Firma gibt es erst seit 1972. Aber die Firma Hawkes hat eine noch längere Tradition als Gieves, denn Thomas Hawkes hat schon die Uniformen von ➱George III geschneidert. Die Anzüge des Königs kommen seit 1944 von der Firma Benson & Clegg in der Jermyn Street. Er ist aber auch Kunde bei Henry Poole, die seit 1940 einen Royal Warrant von ihm haben. Er hatte nicht vor, ein Dandy zu sein, wie der Herzog von Windsor, das Magazine The Outfitter bescheinigte ihm einen extreme good quiet taste.

Den wird niemand dem SPD Politiker Ralf Stegner bescheinigen, das ist wahrscheinlich der Unterschied zwischen Königen und dem gemeinen Volk. Stegner will unbedingt an der Macht bleiben. Er hat das mene mene tekel upharsin, das die Wähler an die Wand geschrieben haben, nicht verstanden. Er glaubt wahrscheinlich noch immer an die Werbesprüche wir können das, wir wollen das, wir machen das. Die sind bestimmt wieder von Albigs neuer Lebensgefährtin, die das Land schon viel, viel Geld gekostet hat, entworfen worden.

Edward hat nach seinem Rücktritt England selten besucht. Er kam zur Beerdigung seines Bruders, den er zum König gemacht hatte. Er kam zur Beerdigung seiner Schwester Maria und der seiner Schwägerin Marina. Edwards Rücktritt war letztlich ein Segen für England, sein Bruder Albert, schüchtern und stotternd, war der bessere König für das Land. In Gesellschaft dieser Herren hätte er nicht seinen Arm gehoben. Und er hätte sich auch wohl kaum in Gesellschaft dieser Herren begeben. Manchmal sind Rücktritte also ein Segen. Die Herren Albig und Stegner sollten mal darüber nachdenken.

Mehr zur Abdankung von Edward VIII finden Sie in ➱Abdankung und ➱Edward VIII

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