Im Rahmen des Krimisommers in 3sat zeigen wir vier Edgar-Wallace-Verfilmungen von Regisseur Alfred Vohrer. Zu sehen sind ‚Das Gasthaus an der Themse‘, ‚Der Zinker‘, ‚Der Hexer“’sowie ‚Neues vom Hexer‘. Das steht auf der Internetseite von 3sat. Und ich hatte mich schon gewundert, wo Anfang Juli plötzlich die vielen ➱Edgar Wallace Filme herkamen. Aber es ist das Sommerloch, da kann man alles senden.

In dem Post zu ➱Siegfried Schürenberg habe ich vor zwei Jahren geschrieben: Dabei konnte der Schauspieler Siegfried Schürenberg natürlich viel mehr, als stereotyp einen vertrottelten Londoner Polizeichef zu spielen. Ich habe seit Jahrzehnten die Idee, einmal über die deutschen Edgar Wallace Verfilmungen zu schreiben, über ihre Schauspieler, ihre Struktur, über das, was sie uns über das deutsche Publikum sagen. Aber ich bin nie dazu gekommen. Es gibt dazu erste Ansätze in diesem Blog wie die Posts ➱Edgar Wallace, ➱Dieter Borsche, ➱Trenchcoats, ➱Heinz Drache und ➱Film und Mode zeigen.

Es wäre eine schöne Idee, einmal die Ideologie und die Ikonographie der Wallace Filme zu untersuchen. Bei Wikipedia, die eine recht gute ➱Seite zu den Filmen haben, finden sich die Sätze: Trotz ihres großen Erfolgs stießen die Edgar-Wallace-Filme mit Ausnahme der Boulevard- und Tageszeitungen bei fast allen Filmkritikern auf breite Ablehnung. 

Die zum Teil bis heute zitierten Rezensionen, von denen manche den Wallace-Filmen jeglichen ästhetischen oder künstlerischen Anspruch aberkennen oder einige sogar mit Propagandafilmen des Dritten Reiches vergleichen, müssen heute im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in den 1960er Jahren betrachtet werden. Eine unvoreingenommene, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Edgar-Wallace-Filmen fand bis heute nur ansatzweise statt.

Schon George Orwell hatte über Wallace gesagt: It would be interesting and I believe valuable to work out the underlying beliefs and general imaginative background of a writer like Edgar Wallace. Orwell schrieb das in einem Brief an Geoffrey Gorer und fügte dem Satz noch hinzu: But of course that’s the kind of thing nobody will ever print. Doch das Kriminalgenre, das soviel Ideologie transportieren kann, hat ihn nicht losgelassen, wenig später schrieb er seinen berühmten Essay ➱Raffles and Miss Blandish. In dem Edgar Wallace natürlich nicht fehlen durfte. Orwell redete über die Romane von Wallace, die deutschen Wallace Verfilmungen haben wenig mit den Romanen zu tun.

Wallace ist mit seinen Romanen Millionär geworden, Wilhelm Goldmann, der 1928 die Buchrechte von Wallace kaufte, sicher auch. Die Übersetzer der Romane auf keinen Fall. Ich habe Freunde, die während ihres Studiums für Goldmann übersetzt haben, die bekamen für ihre Arbeit so gut wie nichts. Ich will gegen den alten Goldmann nichts sagen, er schickte mir eine Flasche Sekt, als ich Goldmann Autor wurde.

Nein, nicht für Krimis, Goldmann hatte ja mal eine sehr angesehene wissenschaftliche Reihe, die Das Wissenschaftliche Taschenbuch hieß. Die Frau, die mein Manuskript lektorierte, hieß Dr Gertrud Wimmer, sie hat alle meine Zitate in der Münchener Staatsbibliothek überprüft. So viel Genauigkeit gab es selbst bei Suhrkamp nicht. Als Wilhelm Goldmann starb und Bertelsmann den Verlag kaufte, war das Wissenschaftliche Taschenbuch die erste Sache, die eingestampft wurde. Wallace geht immer, Wissenschaft nicht.

3sat hat sich Filme von Alfred Vohrer herausgepickt, Das Gasthaus an der Themse ist dabei, der größte Erfolg an den Kinokassen. Ein besonders hervorragender Regisseur ist Alfred Vohrer nicht gewesen, aber seit Quentin Tarantino in Berlin Alfred Vohrer is a genius! gerufen hat, denken manchen Kritiker darüber nach, ob sie ihre Meinung über Alfred Vohrer ändern sollten.

George Orwell hat 1944 über die Helden von Edgar Wallace gesagt: His own ideal was the detective-inspector who catches criminals not because he is intellectually brilliant but because he is part of an all-powerful organization. Hence the curious fact that in Wallace’s most characteristic stories the ‚clue‘ and the ‚deduction‘ play no part. The criminal is always defeated by an incredible coincidence, or because in some unexplained manner the police know all about the crime beforehand. The tone of the stories makes it quite clear that Wallace’s admiration for the police is pure bully-worship.

A Scotland Yard detective is the most powerful kind of being that he can imagine, while the criminal figures in his mind as an outlaw against whom anything is permissible, like the condemned slaves in the Roman arena. His policemen behave much more brutally than British policemen do in real life–they hit people with out provocation, fire revolvers past their ears to terrify them and so on -and some of the stories exhibit a fearful intellectual sadism. (For instance, Wallace likes to arrange things so that the villain is hanged on the same day as the heroine is married.) But it is sadism after the English fashion: that is to say, it is unconscious, there is not overtly any sex in it, and it keeps within the bounds of the law.

Das ist natürlich etwas ganz anderes als in den deutschen Filmen, wo Scotland Yard etwas desorganisiert ist und der Chef leicht vertrottelt agiert. Und die Kommissare Joachim Fuchsberger (13 Filme) oder Heinz Drache (9 Filme) nichts von dem Ideal von Wallace mitbringen. Und Wallaces Inspector Elk ein ganz anderer ist als Siegfried Lowitz. Und dennoch haben wir diesen Trash der sechziger Jahre liebgewonnen.

Weil wir zum Beispiel Agnes Windeck lieben. Die Schauspiellehrerin, die auch ➱Miss Marple synchronisierte, hatte bestimmt Spaß bei dem ganzen Unsinn (Siegfried Schürenberg in sechzehn Filmen auch). Wir können an diesem Photo (mit Barbara Rütting links) sehen, dass in diese Filme von Zeit zu Zeit der deutsche ➱Expressionismus der zwanziger und dreißiger Jahre hineinschwappt. Eine solche Ausleuchtung, die an den ➱Film Noir erinnert, haben wir immer, wenn es besonders unheimlich sein soll. Und sicherlich ist in den Filmen (wie auch in den Romanen von Wallace) immer noch ein Rest der ➱Gothic Novel zu finden.

Für manche Schauspieler war eine Rolle in einem Wallace Film schnellverdientes Geld. Für manche war es das Ende der Karriere, da war ihnen alles egal. Rekordhalter in Auftritten war Eddi Arent, der in 23 Edgar Wallace Kriminalfilmen zu sehen war. Er sorgte für das komische Element, obgleich die Filme an sich schon komisch genug waren. Manche schafften es, aus der Welt von Edgar Wallace zu entkommen. Wie ➱Karin Dor (5 Filme, hier in Der grüne Bogenschütze etwas leichter bekleidet), die noch bei Hitchcock und James Bond zu sehen war. Und Klaus Kinski (16 Filme) war natürlich zu Höherem berufen, als Noch einen Wunsch, Mylady? zu sagen.

Weil 3sat Neues vom Hexer sendete, konnte man auch noch Margot Trooger sehen, die mochte ich immer. Sie hatte ihren ersten Auftritt auf der Bühne 1947 in Bremen, und in Bremen hat sie auch noch mit Peter Zadek Ich bin ein Elefant, Madame gedreht. Mit dem hatte sie schon in Die Dame in der schwarzen Robe zusammengearbeitet, Zadeks erstem Krimi für das deutsche Fernsehen.

Kann ich einen von Deinen Gangsteranzügen bekommen, fragte mein Bruder beim Mittagessen. Mein Vater war etwas pikiert, dass seine Zweireiher als Gangsteranzüge bezeichnet wurden. Aber der amerikanische Gangsterfilm der zwanziger Jahre hatte den Zweireiher zu eben diesem Kleidungsstück gemacht, das man mit dem Gangster assoziiert (lesen Sie mehr in ➱Kleider machen Leute ➱Bonnie und Clyde).

Mein Bruder bekam einen Anzug (beinahe schwarz mit feinen roten und weißen Streifen) und ließ ihn sich bei dem Schneider Anton Schiwal umarbeiten. Das erste Mal, das ich ihn in dem Anzug sah, war in einer Vollversammlung an der Uni. Er war vor das Mikrophon getreten und forderte den Rücktritt des ➱Kultusministers. Herr von Heydebreck trat auch eine Woche später zurück, daran kann man sehen, dass Gangsteranzüge eine gefährliche Sache sind. Man muss aber dazu sagen, dass an dem Abend noch zahlreiche andere Studenten den Rücktritt des Ministers forderten, die keinen Gangsteranzug trugen.

Colin McArthur hat in seinem Buch Underworld USA aufgezeigt, welche Bedeutung Kleidung innerhalb der Ikonographie besitzt. Robert Warshow hat in ➱The Gangster as Tragic Hero gesagt: Like other tycoons, the gangster is crude in conceiving his ends but by no means inarticulate; on the contrary, he is usually expansive and noisy (the introspective gangster is a fairly recent development), and can state definitely what he wants: to take over the North Side, to own a hundred suits, to be Number One. In vielen Gangsterfilmen (wie zum Beispiel in The Public Enemy) gibt es Szenen, in denen sich der Bandenchef bei seinem Schneider einen neuen Anzug machen lässt.

Diese Gangster tragen keine ➱Lederjacken und keine Schiebermützen mehr, aber sie beweisen uns, dass der französische Gangsterfilm von den Amerikanern gelernt hat. Ob das der ➱Borsalino von ➱Alain Delon, der Trenchcoat von ➱Yves Montand (in Vier im roten Kreis) oder der elegante Zweireiher von Jean Gabin sind, Kleidungsstücke bekommen jetzt eine symbolische Bedeutung. Sie brauchen keine hundred suits, sie haben die besten Schneider von Paris.

Die deutschen Edgar Wallace Filme machten von den ikonographischen Möglichkeiten, die der amerikanische Gangsterfilm und der französische Gangsterfilm in bezug auf die Symbolik der Kleidung entwickelt haben, wenig Gebrauch. Ein Bösewicht braucht doch nur auszusehen wie Werner Peters, wenn er böse guckt. Das muss nicht noch durch vestimentäre Symbole betont werden.

Mode und Filmmusik sind ein Spiegelbild ihrer Zeit: Miniröcke, nackte Busen, reißerische Soundtracks, Marylin-Monroe-Chick, Turmfrisuren, Schlaghosen, Koteletten und breite, scheußlich gemusterte Krawatten. Kurz gesagt: Edgar-Wallace-Filme sind einfach klasse, steht in den Stuttgarter Nachrichten. Es ist eine Frage, wie man dieses klasse definiert. De gustibus non est disputandum. Gab es da wirklich nackte Busen? Ich dachte immer, dass die Filme FSK ab 16 waren und dass ein Filmbild wie dieses den Höhepunkt der Wallaceschen Erotik darstellte. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle einen Satz von Wallace zitieren: An intellectual is someone who has found something more interesting than sex.

Alles soll in England spielen, aber selten wurde da ein Wallace Film gedreht. Man drehte in Hamburg und Berlin. Auch englische Filmgesellschaften drehen einen Film in Liverpool, der in London spielen soll, es kommt offenbar nicht so drauf an. Es werden viel schwarze ➱Melonen getragen, vorzugsweise von Eddi Arent. Und natürlich alle Sorten von ➱Trenchcoats, es war die große Zeit dieses Kleidungsstücks. Es war auch noch die große Zeit des Kinos, wo ➱Der Frosch mit der Maske Millionen ins Kino lockte. ➱German Grusel bewies den Satz, dass es unmöglich ist, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein. Wenn er in kleinen Dosen daherkommt wie bei 3sat, dann gilt das wahrscheinlich noch heute.

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