Es war mal wieder schlimm mit dem Tinnitus, er kommt und geht. Ich habe das schon in Mozarts Klaviersonaten erwähnt, aber den ganzen Tag Mozart hören, das geht auch nicht. Also legte ich eine von den CDs ein, die Achim Körnig mir gebrannt hat, wunderbarer Jazz. Fing gleich gut an, aber wer spielte das Saxophon? Glücklicherweise ist das alles handschriftlich beschriftet, und da stand: Thomas/Metheny Lush Life. Gibt es das noch auf CD? Ich dachte mir, dass Amazon Gary Thomas vielleicht nicht kennen würde, dass sie aber bestimmt schon mal von Pat Metheny gehört haben. Also gab ich Metheny Lush Life ein. Das Ergebnis war einigermaßen verblüffend: Für „Pat Metheny Lush Life“ wurden 0 Ergebnisse gefunden, und dann noch: Amazon verkauft keine Pflegeprodukte von Lush. Inzwischen weiß ich, dass die englische Firma Lush etwas mit Seife zu tun. Nicht die Seife, die ich benutze. Ich habe noch massenhaft Pears Soap gehortet (die schon in Spätrömische Dekadenz erwähnt wird), benutze jetzt aber Yardley. Deren schönes Rasierwasser es ja leider nicht mehr gibt. Aber lassen Sie mich zu Lush Life zurückkommen (Sie können das Saxophon von Gary Thomas hier hören).

Und hier fängt meine Geschichte von Lush Life an, auf dem Hamburger Jungfernstieg. Ein Kino namens Streit’s, mit Apostroph-s. Links davor können Sie noch in das Schaufenster von Prange hineinschauen, wo man damals noch Schuhe von Julius Harai kaufen konnte. Das ist lange her, das Premierenkino Streit’s gibt es nicht mehr, da ist jetzt ein schwedischer Luxusbaumarkt namens Clas Ohlson drin. Es hat Rettungsversuche gegeben, aber was kann gegen schwedische Luxusbaumärkte unternehmen? Es kommen ja schlimme Dinge aus Schweden: Ikea, H&M und Henning Mankell.

Ich könnte jetzt über die Geschichte von Streit’s Hotel schreiben, über Christian Streit, den man den König der Gastwirthe nannte. Vor dessen Hotel zum ersten Mal das Lied der Deutschen gesungen wurde und wo die Ständeversammlung im 19. Jahrhundert dem dänischen König huldigte. Ein anderer dänischer König stieg nicht im Streit’s ab, sondern im Hotel Hamburger Hof. Das war der, der im Puff einen Herzinfarkt hatte; steht schon im Post Jungfernstieg, deshalb kann ich mich in dem Punkt kurz fassen. Und Sie mal eben mitnehmen vor das Streit’s Kino an einem nieseligen Nachmittag in der Zeit, als man noch Schwarzweiß photographierte. Und dachte.

Das nieselige Hamburger Wetter störte mich nicht, ich hatte meinen blauen Burberry von Charlie Hespen an, ein Mantel, der mich wie der Trenchcoat von Hans Kalich jahrezehntelang begleitet hat. Ich sehe aus wie einer dieser jungen Franzosen, die sich in dem Post Blazer finden, nur dass mein Burberry nicht weiß ist. Ein blauer Burberry war für einen Bremer in Hamburg die richtige Verkleidung, es gibt da ja eine uralte Feindschaft zwischen den beiden Städten. Die sich im vornehmen Fall so äußert wie am Ende des Posts Ästhetik. Im nicht so vornehmen Fall sagt der Hamburger zum Bremer: Mok Platz inn Rinnstein, do will ek legen.

Ich wollte ins Kino, aber zwanzig Meter davor enteckte ich eine kleine Menschenmenge, die sich um einen Tapeziertisch drängte. Der Tapeziertisch, provisorisch mit einer Plastikfolie gegen den Hamburger Nieselregen abgedeckt, war voller Langspielplatten. Drei Mark das Stück. Drei Mark waren 1960 auch Geld, aber eine Langspielplatte kostete normalerweise mehr. Ich hatte keine Ahnung, wer Eugenie Baird war, aber ich kaufte diese Platte hier. Weil da Duke Ellington draufstand und ich viele Titel auf dem Cover kannte. Denn schließlich war ich in einer amerikanischen Enklave aufgewachsen, mit dem amerikanischen Soldatensender  AFN und dem Great American Songbook. Lush Life war auch auf der LP, die ich immer noch besitze. Sie klingt immer noch wie neu.

Und den Text von Billy Strayhorn kann ich immer noch mitsingen:

I used to visit all the very gay places

Those come what may places

Where one relaxes on the axis of the wheel of life

To get the feel of life

From jazz and cocktails

The girls I knew had sad and sullen gray faces

With distingué traces

That used to be there you could see where

They’d been washed away

By too many through the day

Twelve o’clocktails


Then you came along with your siren’s song

To tempt me to madness

I thought for a while that your pointed smile

Was tinged with the sadness

Of a great love for me

Ah yes I was wrong

Again I was wrong


Life is lonely again

And only last year

Everything seemed so assured

Now life is awful again

And the thoughtful of heart

Could only be a bore


A week in paris will ease the bite of it

All I care is to smile in spite of it

I’ll forget you I will

And yet you are still

Burning inside my brain


Romance is mush

Stifling those who strive

I’ll live a lush

Life in some small dive

And there I’ll be

While I rot with the rest

Of those whose lives are lonely too

Die LP von Eugenie Baird aus dem Jahre 1959 (auf der auch Ben Webster zu hören ist, den man damals auch auf Belafonte sings the Blues fand) ist wohl ihre berühmteste LP gewesen. Eugenie Baird war keine große Sängerin, sie war nicht in der Liga, in der Billie Holiday sang. Aber sie war bei Big Bands beliebt, war auch in Filmen zu hören. Die Hamburger LP war meine erste Platte mit einer Jazzsängerin, inzwischen ist der Stapel mit CDs von singenden Frauen größer als ich. Das habe ich wahrscheinlich schon in dem Post Ingeburg Thomsen gesagt. Jazz bedeutete für uns damals noch nicht Charlie Parker, dahin tasteten wir uns vor. Es war die große Zeit des Zickenjazz (einer Form, auf der auch der englische Dichter Philip Larkin stehengeblieben war), die große Zeit von Chris Barber und dem Trad JazzSkiffle nicht zu vergessen.

Den besten Jazz gab es im Kino, die französischen Filme hatten zum Teil tolle Soundtracks. Dieser hier, Ascenseur pour l’Echafaud, hat die berühmteste Filmmusik. Klicken Sie einmal diese Szene an, wo Jeanne Moreau zur Musik von Miles Davis durch Paris geht, unglaublich. Jeanne Moreau ist ja leider gerade gestorben, wahrscheinlich bekommt sie noch einen Post. Da kommt diese Szene bestimmt wieder vor. Damals hockte ja die halbe amerikanische Jazzwelt in Paris, aus der Heimat vertrieben durch Rassismus und McCarthy. Es gibt da wunderbare Sammlungen wie zum Beispiel die der Gitanes Jazz Productions, die habe ich schon in den Posts Sempé und Don Byas erwähnt.

Billy Strayhorn hatte 1933 mit dem Song Lush Life begonnen, 1938 war er fertig. Duke Ellington mochte den Song nicht, stellte aber das Wunderkind Billy Strayhorn ein. Der natürlich seinen Song selbst gesungen hat. Beinahe jeder hat diesen Jazzstandard gesungen, auch Country Sängerinnen wie Linda Ronstadt. Eine der berühmtestenAufnahmen ist die von John Coltrane und Johnny Hartman (mit John Coltrane war der junge Harry Belafonte ja auch einmal aufgetreten). Die Aufnahme von Gary Thomas und Pat Metheny findet sich übrigens auf der CD Till we have faces.

Wenn Sie heute nach Lush Life suchen, dann erzählt Ihnen Amazon wie gesagt: Amazon verkauft keine Pflegeprodukte von Lush. Amazon zensiert, und lobte Dinge nach oben, wie Google das auch tut. Wenn Sie heute bei Google Lush Life eingeben, dann ist das erste Ergebnis natürlich nicht der Jazz Klassiker von Billy Strayhorn. Ergebnis Nummer Eins ist eine Schwedin namens Zara Larsson mit ihrer CD Lush Life Songtext von Zara Larsson. Wir fügen das mal eben zu den schwedischen Haßobjekten Ikea, H&M und Henning Mankell hinzu. Schwedische Sängerinnen wie Monica Zetterlund und Viktoria Tolstoy fallen natürlich nicht unter diesen Bannfluch.

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