Ach, das waren noch Zeiten, als man solch ein Schnuckelchen dazu bekam, wenn man ein Jackett kaufte. Man kriegte damals bei der französischen Firma Mavest allerdings nicht die schnuckelige Françoise Guillier, die Jacques Taverniers You’ll Kiss Me For It sang, man bekam nur die Single. Die Firma Mavest (Manufacture de Vêtements de l’Est), die im Elsaß begann und dann nach ➱Ambazac zog, gibt es heute nicht mehr. Das schöne Mavest Jackett, das ich einmal besaß, habe ich auch nicht mehr. Bei ebay tauchen manchmal noch Mavest Teile auf, sehr nostalgisch. Und das bringt mich zu einer anderen Firma, die auch das vest in ihrem Namen hat, und die manchmal auch ebay zu finden ist.

In dem Post ➱Rosstäuscher habe ich vor fünf Jahren geschrieben, dass ich bei ebay ein Jackett der Firma Belvest für neun Euro ersteigert hatte. Ich kann das jetzt noch toppen, denn ich habe gerade vor Wochen ein Belvest Jackett für 1,50€ gekauft. Das wird schwer zu übertreffen sein. Man kann aus dem Ganzen wahrscheinlich ablesen, dass die Marke Belvest nicht so bekannt ist wie ➱Kiton, ➱Brioni oder ➱Attolini. Die haben hier, wie viele andere italienische Firmen, schon Posts. Und da ich weiß, dass viele Leser meine kleinen Firmengeschichten sehr gerne lesen, habe ich mir gedacht, ich schreibe mal eben über Belvest. Die Sartoria Firma aus Padua, die die wenigsten Schlagzeilen macht. Und noch immer im Privatbesitz ist.

Und selten über die Alpen kommt. Zwar gibt es einige ➱Herrenausstatter in Deutschland, die Belvest führen, aber furchtbar viele sind das nicht. W.J. Stamm in Nürnberg ließ sich seine Private Label Sakkos von Belvest machen, aber den gibt es ja leider nicht mehr. ➱Terner in Hannover führte zu seinen besten Zeiten nur Belvest und Isaia, aber mit diesem Händler ist es ja auch aus. Michael Rieckhof in ➱Kiel hatte eine Zeitlang Belvest im Angebot, war aber auch kein Renner. Sakkos, die mehr als tausend Euro kosten, verkaufen sich nun mal nicht wie geschnitten Brot. Vielleicht in Düsseldorf oder München, hier oben nicht. Ich kann da nur die beiden Artikel von ➱Jens Jessen und ➱Bernhard Roetzel zur Lektüre empfehlen, dann wissen Sie, weshalb der deutsche Mann ungern wirkliche Qualität kauft.

Italien hat neben den großen Namen wie Kiton, Brioni, Attolini und Raffaele Caruso auch noch eine Vielzahl von nicht so bekannten Marken zu bieten. Wie Isaia, Ravazzolo (die zum Beispiel ➱R. Böll und Werner Scherer beliefern), d’Avenza, Saint Andrews (=Sartoria Santandrea), Castangia, Orazio Luciano oder Cantarelli. Für viele scheint der deutsche Markt uninteressant. Weil sie Amerika im Visier haben (wie man an dieser Anzeige der Firma Louis in Boston sehen kann), oder weil sie Kunden haben, die nicht genannt werden möchten.

Manche haben auch Zweitmarken für den Export wie Isaia, die es auch als Michelangelo gibt, und die man im amerikanischen Amazon kaufen kann. Dieses Modell kostet 2.760 Dollar, kommt aber mit Bügel und Kleidersack. Sehr modern, slim line, passt an keiner Stelle. Ich glaube, so etwas käme bei Belvest nicht aus dem Haus (obgleich sie neuerdings auch einen Online Verkauf haben). Ich will aber ansonsten nichts Böses über Michelangelo sagen, ich habe ein wuschelweiches ungefüttertes Tweedjacket von denen, das sich wie eine Strickjacke trägt.

Und da ich bei ungefütterten Sakkos bin, muss ich natürlich das Jacket in the box der Firma Belvest erwähnen. Ein ungefüttertes Jacket, das in eine Pappschachtel passt. Auch wenn sie das jetzt als Neuheit vermarkten, sie hatten das Teil schon lange im Programm. Vielleicht schon bevor Boglioli, Lubiam und Canali mit ungefütterten, vorgewaschenen Sakkos auf den Markt kamen. Und sogar die deutsche Firma ➱Regent stellte so etwas schon 1995 her, auf jeden Fall hängt solch ein Teil bei mir im Schrank.

Ich liebe diese ungefütterten Sakkos, die man nicht nur im Sommer tragen kann. Der Schnitt von Boglioli, die auch die Sakkos für Etro herstellen, ist perfekt. Meine Lieblinge unter diesen Made in Italy Flitzekitteln sind zwei Jacketts von Cantarelli, die den Zusatz washed tragen. Da ist mir ein Belvest Jacket in the box piepegal. Von einer gewissen Kategorie an, liefern die Italiener sowieso eigentlich alle die gleiche Qualität.

Viele große Namen der Modewelt haben nur ihren großen Namen und das schöne Etikett, aber sie stellen selbst nichts her. Deshalb brauchen sie eine kleine italienische Firma, die Sartoria Qualität liefert. Manchen Firmen ist alles egal, so wie Gerhard Schröder alles egal ist. Sie machen Kasse, vergeben die Lizenzen an Billighersteller, die aber null Qualität liefern. ➱Pierre Cardin hat damit angefangen. Armani und ➱Lagerfeld tun nichts anderes. Und auch Baldessarini hat nichts mehr mit der traumhaften Qualität von ➱Baldessarini Boss zu tun. Wenn Sie einmal einen Blick auf die Originallabels der Made in Italy Firmen werfen wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Und diese Labels können Sie natürlich auch in den Innentaschen der Sakkos der Luxusfirmen finden. Da produziert D’Avenza für Battistoni, Isaia für die Toplinie von Valentino und St. Andrews für die Ralph Lauren Purple Label. Was eine gefährliche Sache ist, denn die bisherigen Partner von Ralph Lauren (Chester Barrie und ➱Nervesa) waren alle hinterher pleite, als Ralph Lauren abzog. Dies blaue Cordjackett hatte ich auch mal, aber als ich darin ungefähr so aussah wie dieser Herr hier, habe ich es weitergeben. Der Volker hat es dann am Wochenende zu einer Party getragen. Und da ist eine wildfremde Frau auf ihn zugekommen und hat ihn gefragt, ob sie den Stoff mal anfassen dürfte. Mir ist das mit dem Jackett nie passiert.

Das Label von Belvest kann man in Kleidungsstücken von Lanvin, Prada, Louis Vuitton und ➱Old England Paris (die Firma, bei der einst ➱Proust einkaufte, gibt es leider nicht mehr) finden. Und natürlich findet man es bei ihrem Hauptkunden: dies ist ein Label, in einem Hermès Jackett. Hermès Sakkos kosten ungefähr das Doppelte von Belvest Jacketts. Hier bewährt sich wieder einmal der Werbespruch der Zigarettenmarke Atika: Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben.

In diesen Preisregionen bewege ich mich nicht, meine Belvest Sakkos stammen aus Second Hand Shops und von ebay. Und während ich an diesem Post schrieb, entdeckte ich bei ebay ein braunes Cordjackett, Startpreis 10,45€. Was soll ich dazu sagen? Es hat niemand außer mir geboten. Bernhard Roetzel (der manchmal auch in meinen Blog hineinschaut) schrieb in seinem ➱Blog über Belvest: Meine persönlichen Erfahrungen mit den Anzügen sind sehr gut, die Qualität ist hoch und die Fehlerquote lag bei Maßbestellungen bisher bei null Prozent.

Ich selbst brauche keine Maßbestellungen, ich weiß bei Belvest, was mir passt. Das Cordjackett ist eine Nummer zu groß, das war mir klar, aber das kriegt Herr Yesilyurt hin. Der ist der beste Schneider von Kiel, das wissen Sie schon aus den Posts ➱Attolini und ➱Jacob Cohen Jeans. Die Änderung wird wohl etwas mehr kosten, als ich bei ebay für das Sakko bezahlt habe. Aber was soll’s: ich habe für mein halbes Dutzend Belvest Jacketts wahrscheinlich nur etwas mehr als einen Hunni bezahlt. Was natürlich daran liegt, dass die Firma – wie gesagt – nicht viel Werbung macht und eigentlich niemand sie kennt. Also außer Bernhard Roetzel, dem Parisian Gentleman und mir. Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden, hat Oscar Wilde gesagt. Man kann ihm nur zustimmen.

Noch mehr Mode: Raffaele Caruso, AttoliniBaldessariniWaltz into Darkness, Cinecittà und die Mode, Brioni, Ermenegildo Zegna, Herrenausstatter, Ärmelfutter, Made in Germany, Kiton, Attolini, Nervesa

 

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