Früher kamen die Hemden aus Bielefeld. Nicht aus Polen oder Fernost. Früher waren die Hemden ➱weiß und wurden von der Hausfrau mißhandelt, weil sie gekocht und gestärkt wurden. Aber die Hemden, die meistens keinen Namen, sondern nur einen Hinweis auf Bielefelder Qualitätswäsche hatten, hielten das alles aus. Die Firma E.F. Banck aus ➱Oerlinghausen warb im Jahre 1887 mit der größten Haltbarkeit ihrer Hemden. Die Firma gibt es nicht mehr, sie wurde nach dem Ersten Weltkrieg Banck und Co. wurde 1918 vom Firmenverbund des Bielefelder Unternehmers Carl Theodor Dornbusch übernommen, der auch Baumhöfener & Heise erwarb.

Dornbusch wurde 1963 von Walter Seidensticker gekauft, der einmal bei Dornbusch gelernt hat. Eigentlich hatte er Schiffskoch werden wollen, jetzt bastelt sich Seidensticker nach kleinen Anfängen im elterlichen Wohnhaus ein kleines Imperium. Und frisst peu à peu alle anderen auf, Dornbusch, Daniel Schagen und wie sie alle heißen. Nicht alles, was Seidensticker auf den Markt brachte, war gut und schön. 1968 kam die Schwarze Rose auf den Männerbauch, eine gewaltige Geschmacksverirrung. Damals forcierte Seidensticker die Plastikhemden, die unter Namen wie  Splendesto und Diolen Star liefen. Wer jemals ein Nyltest Hemd getragen hat, weiß, dass man so etwas nicht anziehen soll. Die Schwarze Rose ist übrigens heute wieder im Programm.

Seidensticker ist heute immer noch im Familienbesitz, das ist in dieser Branche selten. Und sie sitzen immer noch in Bielefeld. Sie sind nicht die einzigen, es gibt da noch eine Vielzahl kleinerer Firmen. Schaeffer &amp Vogel, die seit 1867 im Geschäft sind, wären ein Beispiel. Oder Bracksiek-Hemmelskamp, die eine Nische gefunden haben, weil sie Hemden für katholische Priester und Dirigenten im Programm haben. Also Hemden mit dem dog collar und solche, die beim Dirigieren nicht aus dem Frack rutschen. In Bielefeld steht ein Leineweberdenkmal, und vor Jahrzehnten konnte man auf dem Bahnhof noch lesen, dass man in der Leinenstadt angekommen war. Schon seit dem 17. Jahrhundert wurde in Bielefeld mit Leinen gehandelt, später wurde auch Leinen verarbeitet. Aber als die irische und englische Konkurrenz im 19. Jahrhundert auf industrielle Produktion umstellte, konnte man in Bielefeld nicht mehr konkurrieren.

Doch dann kam Hermann Delius mit der Ravensberger Spinnerei, die einmal kurzzeitig zur größten Maschinenspinnerei in Europa aufstieg. Wenig später wird die Mechanische Weberei Ravensberg gegründet, jetzt produziert man nicht nur Garne, jetzt werden die auch weiterverarbeitet. Bielefeld wird zur Wäschestadt, Bielefelder Wäsche wird zu einem Qualitätsbegriff wie Meißener Porzellan, Lübecker Marzipan oder Nürnberger Lebkuchen. Es sei am Rande angemerkt, dass die letzte Kaiserin Auguste Viktoria ihre gesamte Aussteuerwäsche aus Bielefeld kommen ließ.

Ich muss mal eben einen Bremer in die Bielefelder Hemdengeschichte bringen. Er heißt Alexander Friedrich Kleinwort und arbeitet in Havana in dem deutschen Handelshaus von Adolf Höber. Die Firma importiert vor allem Bielefelder Leinen, das nach genauen Qualitätsvorgaben in Bielefeld bestellt wurde. Das Kontorhaus erlaubt Kleinwort, nebenbei auf eigene Rechnung zu arbeiten. So handelt er mit Bielefelder Leinen. Und Zigarren. Der Handel mit Zigarren war ihm aus seiner Heimatstadt Bremen nicht unbekannt.

Kleinwort hatte in Havanna ➱Hermann Dietrich Upmann aus Bielefeld kennengelernt, zusammen mischen die beiden Freunde den kubanischen Tabaksmarkt auf. Und werden beide berühmt: Kleinwort mit seiner Bank (die später Kleinwort Benson heißt), H. Upmann mit seinen Zigarren. Das Photo zeigt John F. Kennedy beim Unterzeichnen des Handelembargos gegen Kuba. Bevor er seinen Namen unter das Dokument setzte, hatte er übrigens all seine kubanischen Lieblingszigarren in Washington aufkaufen lassen, sein Pressesprecher konnte ihm noch 1.200 Upmann Petit Coronas besorgen.

Zuerst kam in Bielefeld die Maschinenspinnerei, dann die Weberei, und dann kommt Nikolaus Dürkopp mit seiner Bielefelder Einsatzmaschine, einer Nähmaschine, die speziell für Hemden entwickelt wurde. Noch nicht wird überall mit den Eisernen Nähmamsells genäht, wir sind in einer Phase der Industrialisierung, wo innerhalb des Verlagssystems die Heimarbeit in die Fabrikarbeit übergeht. Heute kündet davon in Bielefeld noch ein Museum, das früher einmal eine Wäschefabrik war. Und die Reste der Bielefelder Qualitätshemden kann man bei ebay finden. Wo alle alten Klamotten landen, in Wirklichkeit ist ebay ein Textilmuseum.

Im Jahre 1874 saßen in Bielefeld 3.000 Frauen an zweitausend Nähmaschinen, da laufen 11% aller Spindeln und Webstühle Deutschlands in Bielefeld. Nach der Jahrhundertwende werden es hier 5.000 Näherinnen sein. Da gibt es schon 150 Betriebe, von denen die meisten dreißig bis vierzig Angestellte beschäftigen. Wenn wir heute die schlimmsten Sünden der Globalisierung beklagen, dann müssen wir bedenken, dass um 1900 die Globalisierung Bielefeld heißt. Frauen kann man ausbeuten, auch wenn es inzwischen Kranken- und Sozialversicherung gibt. In der Wäschereifirma Winkel (die heute ein Museum ist) hing noch nach dem Zweiten Weltkrieg ein Schild mit den Reimen: Nur geschäftlich bist Du hier, Zeit ist Geld, das merke Dir. Willst Du unterhalten sein, stell Dich des abends ein.

Als die Bielefelder Wäscheindustrie ins Rollen kommt, als noch mit der Hand und nicht mit der Eisernen Nähmamsell genäht wird, schreibt der Engländer Thomas Hood das Gedicht Song of the Shirt:

With fingers weary and worn,

With eyelids heavy and red,

A woman sat, in unwomanly rags,

Plying her needle and thread —

Stitch! stitch! stitch!

In poverty, hunger, and dirt,

And still with a voice of dolorous pitch

She sang the „Song of the Shirt.“

Seidensticker sitzt noch in Bielefeld, produziert aber überall auf den Welt. Emanuel Berg sitzt in Köln, produziert aber in Polen. Die Firma van Laack sitzt in Mönchengladbach, produziert aber in Hanoi. Zu halbwegs akzeptablen Bedingungen: Knapp 200 Euro Lohn, 14 Tage Urlaub im Jahr, keine Nachtschichten und ein kostenloses Mittagessen in der Kantine. Das aber nichts mit dem Gourmettempel von van Laack La Cottoneria in Mönchengladbach zu tun hat. Wir tun das nicht aus reiner Nächstenliebe, sagt Firmenchef von Daniels, sondern weil es sich für uns rentiert. Christian von Daniels hat van Laack vor 15 Jahren Stefan Quandt abgekauft, der die Firma (inklusive Regent) gegen die Wand gefahren hatte.

Wir tun das nicht aus reiner Nächstenliebesondern weil es sich für uns rentiert. Dem Satz möchte ich etwas entgegenhalten, was ein englischer Fabrikbesitzer im Jahre 1853 vor seinen Arbeitern sagt: Ladies and gentlemen, it is with no ordinary feelings, I assure you, that I rise on this occasion to thank you for the very flattering manner in which you have received the last toast, and for the good wishes expressed therein. I cannot look around me, and see this vast assemblage of my friends and workpeople, without being moved. I feel gratified at this day’s proceedings; I also feel greatly honoured by the presence of the nobleman at my side. I am more than all delighted at the presence of this vast assemblage of my workpeople. Perhaps it may be permitted me to remark that ten or twelve years ago I was looking forward to this day (on which I complete my his fiftieth year) as the period when I hoped to retire from business and enjoy myself in agricultural pursuits, which would be quite congenial to my mind and inclination. As the time drew near, looking at my large family (five of them being sons) I reversed that decision, and resolved to proceed a little longer and remain at the head of the firm. 


Having thus determined, I at once made up my mind to leave Bradford. I did not like to be a party to increasing that already overcrowded borough, but I looked around for a site suitable for a large manufacturing establishment, and I fixed upon this, as offering every capability for a first rate manufacturing and commercial establishment. It is also, from the beauty of its situation, and the salubrity of the air, a most desirable place for the erection of dwellings. Far be it from me to do anything to pollute the air or the water of the district. I shall do my utmost to avoid these evils, and I have no doubt of being successful. I hope to draw around me a population that will enjoy the beauties of this neighbourhood—a population of well paid, contented, happy operatives. I have given instructions to my architects (who are competent to carry them out) that nothing shall be spared to render the dwellings of the operatives a pattern to the country, and if my life is spared by Divine Providence, I hope to see satisfaction, contentment, and happiness around me. 

Der Sprecher heißt Sir Titus Salt, er ist Unternehmer und Philantrop. Die englische Briefmarke hier zeigt einen Ausschnitt von David Hockneys Gemälde von Titus Salts Fabrik in seiner Mustersiedlung Saltaire. In einer Zeit, in der Engels die Lage der arbeitenden Klasse in England beschreibt und Charles Dickens von der Auswüchsen der Ausbeutung im kapitalitischen England berichtet, da geht einer hin und macht etwas ganz anderes. Sir Titus ist hier schon in dem Post Ermenegildo Zegna erwähnt worden. Das hat einen ganz einfachen Grund: was Sir Titus Salt im 19. Jahrhundert macht, das macht der Graf Zegna im 20. Jahrhundert. Aber in Bielefeld hat das niemand gemacht. Zwar gibt es in Deutschland Arbeitersiedlungen, aber paternalistische Philantropen, davon haben wir nicht so viele.

Ach, was soll’s. Wir haben so vieles nicht. Die Bielefelder Hemden können mit den italienischen Hemden nicht mithalten, nicht mit Fray, Pegaso, Borrelli, Finamore und wie sie alle heißen. Wir haben keine wirklich guten Hemden. Und gute Politiker schon gar nicht. Der fett gewordene Kubicki klagte vor der Kamera, dass ihm seine Frau wegen der langen Verhandlungen frische Hemden aus Kiel bringen müsste. Er ist offensichtlich unfähig, sich ein neues Hemd zu kaufen oder seine Hemden zur Reinigung zu bringen. Und so was will regieren.

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