Du könntest morgen statt der dicken Kapitänsjacke die dünne Kapitänsjacke anziehen, sagte mein Freund Ekke zu mir. Er hatte mich und Gudrun zum Kaffee eingeladen, und da ist ein Blazer (was er mit der dünnen Kapitänsjacke meinte) sicherlich die angemessene Kleidung. Auf jeden Fall im Bremen der frühen sechziger Jahre. Das Kleidungsstück mit dem Namen Blazer hat hier natürlich schon einen ausführlichen Post. Ich besitze einen von einer italienischen Luxusfirma. Zweireihig, Goldknöpfe, reine Handarbeit. Und das Ganze für zehn Euro bei ebay (ungetragen), da konnte ich nicht widerstehen. Ich habe den erst ein einziges Mal getragen, mit grauer Flanellhose und Schlips vom MCC (wo ich kein Mitglied bin), man fällt furchtbar damit auf. Ich gebe dem Blazer im nächsten Sommer zur Kieler Woche noch mal eine Chance, mit Jeans, weißem Hemd und Wildlederschuhen.

Ich finde, man sieht mit einem blauen Blazer mit Goldknöpfen immer etwas affig aus, aber vielleicht liegt das daran, dass ich die Marine nicht so mag. An kleinen aristokratischen Gören im 18. Jahrhundert sieht so etwas ja ganz nett aus (auf jeden Fall, wenn John Singleton Copley das malt), aber es nichts für jedermann. Das  Schlimme dabei war, dass jedermann in Deutschland vor Jahrzehnten einen Blazer tragen musste. Und da gab es noch einen Steigerung: Blazer in dunkelbraun. Weitverbreitet.

Das war sehr deutsch. Und ganz furchtbar. Die braunen Blazer waren so ein 70er Jahre Ding. Das war das Jahrzehnt, in dem es keinen guten Geschmack gab. War aber manchmal witzig. Auf jeden Fall witziger als die heutige modische Eintönigkeit: dunkelgraue slimline Anzüge und weiße U-Hemden. Kehle zeigen ist das Gebot der Stunde. Ich habe diese braune Scheußlichkeit hier aus einem bestimmten Grund abgebildet. Weil sie auch etwas mit der Royal Navy zu tun hat, aus der als die maritimen Kurzjacken kommen.

Wenn Sie mehr zu den Uniformen wissen wollen, die man gerade letzte Woche im Fernsehen in dem Film Master and Commander sehen konnte, dann kann ich Amy Millers Buch Dressed to Kill (Katalog einer Ausstellung des National Maritime Museum in Greenwich) empfehlen. Die Kuratorin des National Maritime Museum gibt eine souveräne Kostümgeschichte der Royal Navy von den Anfängen der Uniformierung der Seeoffiziere bis zum Jahre 1856. Sprich: über hundert Jahre englische Marineuniformen, denn die gibt es in Blau erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie waren unter Admiral Anson eingeführt worden, wurden aber nicht von allen Marineoffizieren begrüßt. Viele hätten lieber die roten Uniformen der Army gehabt.

Der Captain Richard Chadwick kannte die Uniform noch nicht. Man würde diesen eleganten Gentleman nicht unbedingt für einen Marineoffizier halten, wenn er nicht mit der linken Hand auf sein Schiff hinweisen würde. Es ist die Cornwall, ein Linienschiff mit 80 Kanonen. Chadwick wird 1748 auf seinem Schiff in den West Indies sterben. Die elegante Kleidung, die er auf diesem Portrait von 1744 trägt, hatte er sich extra für das Portrait schneidern lassen. Er wird an Bord andere Kleidung getragen haben, wir wissen nicht was. Aber blau war sie wohl nicht.

Eine solche Uniform ist ja schön und gut, aber Kniehosen sind nicht sehr praktisch, wenn man die Wanten entern will. Wir finden diese Uniformen auf vielen Bildern des 18. Jahrhunderts, an Bord sieht das anders aus. Da tragen die Kapitäne normale Drillichhosen statt der Seidenstrümpfe und Kniehosen. Und sie tragen kurze Arbeitsjacken, wie sie die Mannschaft auch trägt. Diese Kleidung gelangt nie auf die Gemälde, aber es gibt genügend schriftliche Zeugnisse dafür. Die Admiralität wird statt der dress uniform auch eine undress uniform zulassen. Dafür gibt es heute die Number 4 Dress Uniform. Es wird einige Zeit dauern, bis sich die neuen Uniformen durchsetzen, Schiffsärzte erhalten erst 1805 eine Uniform.

Der junge Gentleman, der hier mit einem Eisbären auf einer Eisscholle kämpft, trägt keine Kniebundhosen und Seidenstrümpfe. Lediglich der Degen an seiner Seite weist ihn als Offizier aus. Er wird den Bären nicht erlegen, aber er wird noch Karriere in der Navy machen und alle Orden Englands bekommen. Bei seinem Tod auf der Victory – das versichern uns die Maler – wird er dann weiße Kniebundhosen tragen, England expects that every man will do his duty. 

Auf diesem Bild von Thomas Gainsborough ist der Admiral Edward Vernon (nach dem George Washingtons Bruder seinen Landsitz Mount Vernon nannte) auch nicht in dunkelblau, sondern in braunem Samt gekleidet. Weil die blaue Uniform für die Marine, wie gesagt, noch nicht erfunden ist. Er trug nicht immer diese Jacke, die eher ein Mantel ist. Er bevorzugte eine kurze Jacke, aus einem Stoff, den man Grogram (vom französischen Grosgrain) nennt. Was ihm den Namen Old Grog eintrug. Sie ahnen schon, dass das Getränk nach ihm benannt wurde, lesen Sie mehr dazu in dem Post Rum.

Admiral Rudolf Brommy (der hier einen Post hat), der Kommandeur der ersten deutschen Flotte von 1848, trägt hier eine blaue Uniform nach englischem Vorbild. Beinahe hätte er eine grüne Uniform tragen müssen. Denn König Friedrich Wilhelm IV favorisierte die Farbe Grün, die die Farbe der russischen Marine bis zum ersten Weltkrieg war (es war auch die Farbe der österreichischen Marine). Das gefiel nun dem Prinzen Adalbert von Preußen (der 1854 Oberbefehlshaber der preußischen Flotte werden wird) überhaupt nicht. So heißt es in dem wunderbar lobhudelnden Artikel in der ADBAuch die praktische und kleidsame dunkelblaue Farbe unserer Matrosenuniform ist des Prinzen englischen Eindrücken zu danken: das Grün der russischen Seeleute kam für die entstehende preußische Marine nie ernsthaft in Frage. Als es erst preußische Seecadetten gab, sorgte der Prinz dafür, daß sie das große Treiben der englischen Flotte kennen lernen konnten, und zwar nicht nur im Frieden, sondern auch im Kriege.

Die dicke Kapitänsjacke, von der mein Freund Ekke sprach, war streng genommen kein Blazer, sondern ein Colani. Auf jedenfall war es die italienische Version eines Colanis der Marine; die dunkelblaue Jacke stammte nicht aus dem Geschäft von Ekkes Vater (der mir immer die neuesten ➱Herrenjournale lieh), sie stammte aus dem Laden von ➱Hans Kalich in der Böttcherstraße. Von wo auch mein ➱Trenchcoat, der gelbe ➱Lamamantel von Tiger und die handgeschneiderten Anzüge stammten die schon mehrfach in diesem Blog erwähnt wurden.

Dass die Deckjacke der Marine Colani oder Collani heißt, hat einen ganz einfachen Grund, sie wurde der Reichsmarine von der Berliner Firma L.H. Berger & Collani geliefert, die sich mit der Bezeichnung Hoflieferant Sr. Majestät des Kaisers und Königs schmückte. Für die Marine unterhielt die Firma Niederlassungen in Kiel und Wilhelmshaven. Bei der Volksmarine der DDR hieß die Jacke nicht Colani sondern Kulani, ich weiß nicht weshalb.

Der Satz bei Wikipedia: In Deutschland wurde die Jacke Ende des 19. Jahrhunderts von der Kieler Schneiderei Berger & Colani für die Kaiserliche Marine gefertigt und daher auch Colani, Collani oder Kulani genannt, ist mal wieder ein klein wenig falsch. Es ist eine Berliner Firma, und sie heißt Collani, nicht Colani. Die Collanis hatten ursprünglich eine Gold- und Silbermanufaktur, die sie um die Herstellung sämmtlicher Militair-Effecten und den Verkauf von Blankwaffen erweiterten (man kann das hier auf der Militär Siegelmarke ablesen). Mit allem, was mit Uniformen zu tun hat, kann man nach dem Krieg mit Frankreich jetzt viel Geld verdienen. Um 1879 kauften sich die Collanis bei der Firma L.H. Berger ein. Der Schneiderbetrieb war Hoflieferant und belieferte das Königshaus und den preußischen Adel. Eigentlich müsste die Jacke Berger und nicht Colani heißten, die Collanis waren Kaufleute, die hatten mit der Schneiderkunst nichts am Hut.

Was wir in Deutschland Colani nennen, heißt in Frankreich Caban, im Englischen Pea Jacket, Peacoat oder Reefer. Das Bild hier zeigt einen Peacoat der US Navy. Woher das Wort Pea Jacket kommt, weiß man nicht so genau. Häufig wird das holländische Wort Pijjekker (von Pij: Kutte und Jekker: Jacke) genannt, aber seriöse Lexika versichern uns, dass das nur volksetymologisch ist. Was bedeutet, dass es überzeugend klingt, aber wohl nicht wahr ist. Wie zum Beispiel die Fisematenten, die vom französischen visitez ma tente kommen sollen. Klingt einleuchtend, ist aber leider auch nicht richtig.

Kaum ist die zweireihige kurze Jacke in der Navy eingeführt, da wandert sie schon in die zivile Herrenmode. Das Ehepaar Cecil Willett und Phillis Emily Cunnington schreibt in seinem unübertroffenen Handbook of English Costume in the Nineteenth Century: The Double-breasted: ‚Reefer‘, ‚Pea-jacket‘, ‚ Yachting Jacket‘ (synonymous). A very short D-B jacket with low collar and small lapels. Cut without a back seam; short vents at the bottom of side-seams. Pockets flapped, patched, or slit; often an outside pocket on the left breast and usually an inside pocket in the right. Borders bound; four pairs of buttons. This style came into fashion in 1865 even for town wear especially in winter when it was sometimes worn as an overcoat. Wir können an dem jüngeren Herrn, der uns den Rücken zuwendet, die kleinen Stummelschlitze in der Seitennaht sehen.

Viele berühmte Leute haben den Marinekurzmantel getragen. Winston Churchill zum Beispiel, wenn er nicht gerade seinen selbst entworfenen boiler suit trug, den ihm New and Lingwood geschneidert hatte. Dass hier Montgomery einen Schirm trägt, das geht für einen General nun gar nicht. Das war schon Wellington ein Ärgernis (lesen Sie mehr in dem Post Regenschirme).

Ich weiß nicht, ob Wilhelm II einen Colani besessen hat. Ich war mal in einer Ausstellung, in der man all seine ➱Uniformen sehen konnte, aber an einen Colani erinnere ich mich nicht. Er hatte ja nicht viel Intelligenz, aber viele Uniformen. Der Graf zu Eulenburg hat für die Kostümierungssucht des Kaisers den schönen Satz alle Tage Maskenball gefunden. Wenn auch Wilhelm keinen Colani hatte, dieser Herr, der gerade von Bord geht, trägt einen. ➱Dropping the Pilot hieß dieser Cartoon, den Sir John Tenniel (der ➱Alice in Wonderland illustrierte) 1890 zeichnete. Wahrscheinlich ist es der berühmteste politische Cartoon aller Zeiten.

Es gibt die Jacke auch für Damen. Spätestens seit 1962, seit Yves Saint Laurent das hier kreierte. War wahrscheinlich die passende Tracht für Paris, in meinem Heimatort sah man so etwas nicht. Ich glaube, die Gattinnen von Werftbesitzern und Reedern wären sich ungeheuer blöd damit vorgekommen. Aber je weiter man von Fluss und Meer weg ist, desto besser kann man maritime Kleidung verkaufen. Die Jacke ist bei Saint Laurent immer noch im Programm, verkauft sich aber anscheinend schlecht.

Damen, die Stil haben, kaufen natürlich nicht die Saint Laurent Jacke, sondern diese elegante Jacke von der Firma Armor Lux. Die französische Firma hat Manufactum seit Jahren im Angebot. Liefert auch gleich eine Geschichte dazu, das ist ja das Erfolgsgeheimnis von Manufactum: Aber es war doch der gelernte Buchhändler und ehemalige Grünen-Geschäftsführer in Nordrhein-Westfalen, Thomas Hoof, der die zentrale Idee erkannte, in eine gültige Form brachte und inzwischen zu einer kompletten Gegenideologie gegen die Moderne (also Globalisierung, Massenproduktion, Designwahn) ausgebaut hat. Äußerlich geht es dabei um die Vermarktung vergessener Handwerkstraditionen, hochwertiger Materialien und nostalgischer Ästhetik, aber das ist nicht der Kern der Sache. Entscheidend ist ein letzter Produktionsschritt, der erst durch den Händler selbst erfolgen kann: die Veredelung der Produkte durch Geschichten.

Man muss heute Märchen erzählen, wenn man Klamotten verkaufen will. Und so konnte man vor einem Jahr im Zeit Magazin lesen: Die ungebrochene Männlichkeit der Seefahrt drückt sich auch in der Mode aus. Denn seit Langem sind die Uniformen der Seefahrer Teil des Spiels mit männlichen Rollenbildern. Zur starken Frau gehört, modische Anleihen bei den Männern der rauen See zu machen. Zurzeit geht es auf den Laufstegen besonders maritim zu. Der neue Liebling der Designer ist der Navy-Coat, der Matrosenmantel. Es gibt ihn bei Prada als paspelierten Wollmantel, bei Tommy Hilfiger als Mantel mit Goldknöpfen sowie knöchellang und tailliert bei Red Valentino. Aber auch in ähnlicher Form bei Givenchy, Miu Miu, Burberry und John Galliano. Mir wird bei solchen Texten immer schlecht. Ich schreibe zwar häufig über Mode, aber solchen Unsinn kriege ich nicht hin.

Meinen dunkelblauen italienischen Colani, der keine Stummelschlitze, sondern einen langen Rückenschlitz hatte, habe ich zehn Jahre lang getragen. Dann habe ich ihn mit meinem ersten Regent Jackett, einem Kreidestreifen Zweireiher und einem blauen Bowler einer studentischen Theatertruppe gespendet. Ich konnte ihn immer wieder auf der Bühne bewundern, er verwandelte jeden studentischen Amateurschauspieler in einen dandyhaften Kapitän.

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