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Dieses bezaubernde junge Mädchen kennen Sie schon, es findet sich in dem Post, der Worpswede heißt. Der Maler Otto Ubbelohde, der es gemalt hat, war mit einer Bremerin verheiratet. Deshalb zog es ihn wohl nach Worpswede, allerdings zog es ihn auch häufig in die bayrische Künstlerkolonie Dachau. Otto Ubbelohde, der heute vor 151 Jahren geboren wurde, kam aus Marburg. Dass es ihn nach Bremen verschlug, hat  einen einfachen Grund, es sind verwandtschaftiche Beziehungen.

Denn die Johanna Ernestine (Hanna) aus der Künstlerfamilie Unger, die er heiraten wird, ist seine Cousine. Das verschweigt uns der Wikipedia Artikel. Der Maler hat seine Frau immer wieder gemalt, hier ganz in weiß, ein Bild, dass uns an die Skagener Maler denken läßt. Diese Bilder der heure bleue, auf denen weißgekleidete Damen den Strand entlang schweben. Wahrscheinlich sind weiße Kleider weder am Strand noch im Moor sehr praktisch, aber sie sind nun einmal ein Kleidungsstück, mit dem die Bourgeoisie zeigt, dass sie Diener hat, die die Kleidung waschen können. Das gilt auch für die Sportarten Tennis und Cricket, die Ende des 19. Jahrhunderts auch für Damen chic wurden. Die Frau in Weiß ist auch auf dem Cover des Katalogbuches Otto Ubbelohde: Kunst und Lebensreform um 1900 (Darmstadt 2001).

Mit diesem englischen Plaid ist Hanna Ubbelohde natürlich viel praktischer gekleidet, sie geht damit beinahe in der Natur auf. So etwas sieht man heute selten, aber in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts und um 1900 findet man das Plaid häufig beim englischen Landadel und der künstlerischen Bohème. Erstaunlicherweise habe ich in den Ausstellungen Ein Hauch von Eleganz: 200 Jahre Mode in Bremen (Focke Museum Bremen 1984) und Kleid und Bild: Mode und Malerei. Klassizismus bis Art Deco (Hannover 1983) kein einziges Plaid gesehen. Die Kataloge zu beiden Ausstellungen kann man heute noch finden, es sind sehr interessante und schöne Kataloge. Wenn Sie den Post Damenmode anklicken, werden Sie sehen, dass es in diesem Blog nicht nur Herrenmode gibt, wie häufig behauptet wird.

Aber ich komme mal eben zur Herrenmode. Dieses Bild kommt jetzt ein wenig wie ein Schock. Wenn Sie jetzt Aääh, mach das weg!!! stöhnen, haben Sie vollkommen recht. Aber es hat auch etwas mit Mode zu tun. Und damit meine ich nicht die kleinen Jungen in Lederhosen mit Hosenträger (so etwas habe ich auch noch getragen, als ich klein war), sondern das, was der Herr rechts im Bild trägt. Es handelt sich natürlich um Martin Heidegger, der in diesem Blog selten vorkommt. Er hat einen Post, der Heidegger heißt, mehr gibt es zu dem Mann nicht. Wenn er hier auftaucht, dann hat das einen simplen Grund: Otto Ubbelohde hat ihm einen Lodenananzug mit Kniebundhosen entworfen. Die Marburger Studenten nannten den seinen existentiellen Anzug. Dies hier auf dem Photo ist er nicht, ein klein wenig exzentrisch ist er aber auf jeden Fall.

Ubbelohde (hier mit seiner Gattin) hat es nicht mehr erlebt, dass Heidegger den von ihm entworfenen Anzug mit den engen Breeches und dem langen Rock trug, er starb schon 1922 mit 55 Jahren. Dass er einen Anzug entwarf, war kein Zufall, er hatte sich lange mit Gedanken zu einer Reform der deutschen Herrenkleidung beschäftigt. Sein Ideal war, dass sich die Herrenmode wieder der Volkstracht annäherte. Er ist nicht der einzige, der sich solche Gedanken macht. Seit der englischen ästhetischen Bewegung, die Shaw dazu bringt Anzüge von Jaeger zu tragen, hat es immer wieder solche Tendenzen gegeben. Aud dem Monte Verità trägt man keine Straßenanzüge.

Wir vergessen Heidegger schnell wieder und widmen uns einmal diesem wunderbar gemalten Damenhut, den Hanna hier trägt. Erstaunlicherweise ist die Malerei nicht das, womit der Künstler sein Brot verdient – er verdient sein Geld als Illustrator. Er hat Grimms Kinder- und Hausmärchen und tausenderlei Bücher illustriert, Ex Libris und Vorsatzblätter und den Hessenkunst Kalender entworfen. Seine letzte große Illustrationsarbeit betraf in seinem Todesjahr das Werk Eichendorffs, Eichendorffs Gedichte mit den Zeichnungen von Ubbelohde gibt es heute noch als Insel Taschenbuch.

Die Worpsweder der Gründergeneration mochten Otto Ubbelohde nicht so sehr, 1889 war er nicht groß aufgefallen, da hatte er sein Studium an der Münchener Akademie noch nicht beendet, aber bei den beiden Sommeraufenthalten 1894 und 1895 kommt es zum Bruch mit den Worpswedern. Obgleich er eigentlich ein Mann der Moderne ist, Mitbegründer der Münchener Sezession ist und sich  an vielen Künstlervereinigungen (wie den Vereinigten Werkstätten für Kunst und Kunsthandwerk) beteiligt, ist er in der Willingshäuser Malerkolonie, wo er seit  1902 ist, besser aufgehoben als in Worpswede.

Ubbelohde ist ein letzter Romantiker, er träumt von der unverfälschten Natur, er trägt Bauerntracht wie Hänsel und Gretel, wenn er sie für Grimms Märchen zeichnet. Es gibt heute noch einen Otto Ubbelohde Preis, dessen Kriterien Denkmalpflege, Heimatkunst, Heimatgeschichte, Pflege des ‚heimischen Brauchtums‘ und Beschäftigung mit dem Werk Otto Ubbelohdes sind. Im Ersten Weltkrieg wird er sich mit patriotischer Propaganda hervortun und eine Vielzahl von Büchlein des Schaffstein Verlags illustrieren. Also solche Büchlein, die Ein Heldentod und Denn wir fahren gegen Engeland! Luft- und Seekriegsgeschichten heißen. Hätte ich das mit dem England Buch vorher gewusst, dann hätte ich das natürlich in den Post gen Engeland hineingeschrieben.

Ubbelohde war ein hervorragender Portraitist (dafür hatte er an der Münchener Akademie eine Auszeichnung erhalten) und ein hervorragender Landschaftsmaler. Was hätte aus ihm werden können, wenn er sich nicht auf die Illustration von Sagen und Märchen und das verquaste deutsche Brauchtum kapriziert hätte? Auf das Sterntaler Bild, das seit den Kindertagen in meinem Kopf ist, könnte ich gerne verzichten.

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Was wäre der Film Der eiskalte Engel ohne diesen Hut? Es ist natürlich ein Borsalino. Alain Delon hatte solch einen Hut schon in dem Film Borsalino & Co getragen, der eine schöne Werbung für die italienische Hutfabrik bedeutete. Vielleicht sollte man ein Remake von diesem Film drehen, um ein wenig Werbung für Borsalino zu machen, denn die Firma steht vor dem Aus. Dabei läuft die Nachfrage nach den ➱Luxusfilzhüten angeblich gut.

Schuld an der Pleite ist ein gewisser Dr Marco Marenco, zu dessen Firmengefüge Borsalino gehörte. Marco Marenco ist ein kleiner Mann, aber auch kleine Männer können großes Unheil bewirken. Marenco, der schon seine Finger in dem Parmalat Skandal hatte, ist nicht mehr auf der Flucht, vor zwei Jahren hat ihn die Schweiz an Italien ausgeliefert. Eigentlich hat Herr Marenco mit Gas und Strom zu tun, die Aktienmehrheit bei Borsalino hatte er sich nur aus Spaß gekauft. Jetzt hat er 3,5 Milliarden Euro Schulden, und die Insolvenzverwalter werden sagen, wie es mit Borsalino weitergeht.

Giuseppe Borsalino (Bild) hatte das Unternehmen 1857 gegründet. Zuerst war es nur eine kleine Werkstatt, aber die Firma wuchs und wuchs. Seinen Sohn Teresio schickt Giuseppe in die Schweiz, nach Belgien, Deutschland und England, damit er Sprachen lernte. Teresio macht eine Lehre in der Fabrik seines Vaters und arbeitet danach als einfacher Hutmacher in einer deutschen Hutfabrik. Als er die väterliche Firma übernimmt, modernisiert er sie. Und er steckt die Gewinne wieder in die Firma; Teresio, der nebenbei Politiker ist, ist nicht von Banken abhängig. Das ist anders als bei Boss, wo die italienischen Eigner der Firma immer nur Kapital entziehen.

Teresio Borsalinos Geschichte ist eine success story, die nichts mit der kläglichen Geschichte der Firma heute zu tun hat. Die Firma beschäftigt um 1900 (als Giuseppe stirbt) zwischen 1.800 und 2.000 Hutmacher und stellt 1909 1.650.000 Hüte her, 1913 sind es schon zwei Millionen. Mehr als die Hälfte davon geht in den Export. Viel geht nach Amerika. Auch Al Capone trug Borsalino.

Und alle Gangster in Gangsterfilmen auch. Ein Borsalino gehört zum Gangster wie ein Citroen Traction Avant. Wir reden hier nicht von der Wirklichkeit, wir reden von filmischen Symbolen. Der Senator Borsalino wird einige Jahre die Präsidentschaft der faschistischen Industriellenvereinigung innehaben, aber die Faschisten betrachten ihn mit Argwohn. Er sie auch. Er ist jemand, der ein klein wenig angloman ist, und der seinen Arbeitern von der Krankenversicherung bis zur Pension alles zukommen lässt. Dazu kommen Krankenhäuser in Allessandria und zahlreiche Stiftungen. In all dem ähnelt Teresio Borsalino dem Engländer Sir Titus Salt und dem Grafen ➱Ermenegildo Zegna. Niemand von der Familie der Borsalinos ähnelt dem Dottore Marco Marenco. Vielleicht war es ein Fehler, dass die Familie die Firma nach 150 Jahren verkauft hat.

Giuseppe Borsalino hatte in jungen Jahren die berühmte Hutfabrik Battersby in England besucht. Hatte in unbeobachteten Augenblicken Taschentücher in alle herumstehenden Gefäße getaucht, damit seine Chemiker zu Hause herausfinden konnten, was das Geheimnis der Battersby Hüte ausmachte. Das Wort Industriespionage ist noch nicht erfunden. Man ahnt ja heute gar nicht mehr, was da alles an Quecksilber, Teer und Schellack auf das Kaninchenfell kommt. 1888 wird Giuseppe Borsalino Maschinen aus England für die Hutproduktion importieren, er ist der erste in Italien, der das macht. 1894 hat Borsalino seinen Freund, den Bergsteiger Matthias Zurbriggen, nach Neuseeland begleitet. Während der neuseeländische Berge bestieg, sicherte sich Borsalino langfristige Verträge mit neuseeländischen Kaninchenzüchtern.

Borsalino hat die Weltwirtschaftskrise überlebt, aber die Zahlen von 1913 nicht mehr erreicht. In den letzten Jahren war es still geworden um die Firma, angeblich liebäugelten ➱Louis Vuitton und Dolce & Gabbana mit einem Kauf der Firma. Die Konkurenten, die Borsalino einmal hatte, wie Vanzina und Panizza, scheinen verschwunden oder konzentrieren sich auf Damenhüte. Denn Damen tragen noch Hut, Männer nicht mehr. Herren schon, aber die sind selten geworden. Es ist, wie manche Journalisten schreiben, der Untergang der Hutkultur.

Mein Vater trug in den 50er Jahren zu feierlichen Anlässen und zu Beerdigungen einen schwarzen Zylinder. Das war damals durchaus üblich, wie man auf diesem Photo von einer Hochzeit in Süddeutschland in den 50er Jahren sehen kann. Der Mann mit dem grauen Hut da hinten hat natürlich überhaupt keinen Stil. Aber immerhin einen Hut auf dem Kopf.

Als die ➱Zylinder langsam ausstarben, setzte mein Vater einen schwarzen Homburg auf, so einen, wie ihn Adenauer hier trägt. Wenn mein Vater zum Markt ging (das nahm er meiner Mutter gerne ab, weil er dann mit den Bauern Platt schnacken konnte), trug er eine Kapitänsmütze mit einem Vegesacker Wappen vorne drauf. Die trug jeder im Ort, beinahe alle kauften die bei Schiphorst bei uns um die Ecke. Mein Vater auch. Er trug seine Kapitänsmütze aber nur in Vegesack, in Bremen oder anderswo hätte er die nicht aufgesetzt.

Da war er ganz anders als Helmut Schmidt, der seinen Elbsegler bei jeder passenden und vor allem unpassenden Gelegenheit trug. Schmidt kaufte seine Mützen beim Mützenmacher Eisenberg. ➱Lars Küntzel, dem der Laden heute gehört, hat immer die Modelle Prinz-Heinrich, Altona, Kiel, Elbsegler und Lotsenmütze im Programm. Er ist der letzte Mützenmacher in Hamburg, dieser Berufsstand scheint auszusterben. Ernst Fricke, bei dem mein Vater seine Hüte kaufte, den gibt es auch nicht mehr. Fricke hatte sein Geschäft in der Sögestrasse Nummer 27, vier Häuser rechts von ➱Stiesing. Herr Fricke hielt nichts von den Italienern, er kaufte seine Hüte in London und Paris ein.

Ich habe vor Jahren hier schon einmal über ➱Hüte geschrieben. Und den Post jugendlich forsch mit diesem Absatz beendet: Ich habe beschlossen – einer der vielen guten Vorsätze für das neue Jahr – irgendwann an dieser Stelle noch mehr über Hüte zu schreiben, über Trilbys, Porkpies, Homburgs und Bowler. Vielleicht gibt es dann wieder eine Hutkultur. Und wenn wir eine Hutkultur haben, kriegen wir vielleicht auch wieder einmal eine richtige Kultur. Ach, wäre das schön. Aus den vielen Posts zu Hüten ist leider bisher nichts geworden, aber vielleicht kommt das noch. Ich stelle heute noch einmal den Post über die Hüte, leicht überarbeitet, hier ein.

Ich wusste noch nichts vom Untergang des Hauses Borsalino, aber ich hatte die ganze Woche einen Borsalino auf dem Kopf. Ich habe bestimmt ein halbes Dutzend, habe auch einen Homburg, aber die schlappen Hüte sind mir lieber. Die Firma war ja immer für ihre weichen Hüte berühmt. Und dafür, dass der Schriftzug mit 24-karätigem Gold ins Etikett gestanzt wird. Wo ist sie hin, die Hutkultur?

Vor einem halben Jahrhundert betrat der Mann von Welt niemals die Straße, wenn er nicht einen Hut auf dem Kopf hatte. Und Handschuhe trug. Das gehörte einfach dazu. Arbeiter trugen Mützen, Herren trugen Hüte. Heute tragen selbst Rentner, die sich eigentlich gut kleiden könnten, Basecaps. Wollen Sie irgendwelche New Yorker Rapper imitieren? Wirkt ja nur peinlich. Der Hutindustrie, wenn man von einer Industrie überhaupt noch reden kann, geht es schlecht. Was ist aus Vanzina geworden? Panizza scheint nur noch als Hutmuseum zu existieren, scheint aber nach dieser Seite wieder zu leben.

Christys stand vor wenigen Jahren vor dem Ruin, wurde aber gerettet. Lock & Co gibt es glücklicherweise noch immer, seit dreihundert Jahren im Familienbesitz. Na ja, nicht ganz, seit 1996 gehören sie zu ➱Swaine Adeney Brigg. Ich weiß noch, als der Laden von Ernst Fricke in der Sögestraße in Bremen schloss, weil der Inhaber verstorben war. Und er war ein so feiner Herr, schluchzte die Verkäuferin, und er ist zweimal im Jahr nach London gefahren, um Hüte zu bestellen. Dafür trugen die Hüte, die er bei Lock & Co geordert hatte, auch seinen Namen neben dem Firmenwapperl im Futter. Dass die Hüte aus England kamen, darauf legte man im anglophilen Bremen viel Wert. Aber die feinen Herren, die Hüte aus London tragen, sind eine bedrohte Spezies geworden.

Kennedy ist schuld, sagen manche ➱Modehistoriker. Weil er Hüte gehasst hat. Das stimmt nicht so ganz, zu seiner Amtseinführung hat er einen Zylinder getragen, wie die Präsidenten vor ihm. Es war schweinekalt an dem 20. Januar 1961 als der Dichter Robert Frost sein Gedicht ➱The Gift Outright vorlas. Und von der Sonne geblendet und Tränen in den Augen vom kalten Wind, mittendrin stockte. Kriegt er es zu Ende? fragten sich die Zuschauer. Er kriegte.

Seit dem Tag gehören amerikanische Dichter schon beinahe zur Amtseinführung eines Präsidenten (Maya Angelou, Miller Williams, Elizabeth Alexander), Hüte nicht mehr. Das war der neue Kennedy Stil, der die Dichtung mit der Politik vermengte. Kennedy hat allerdings manchmal Hüte getragen, es gibt Photos davon. Aber die Kennedy Jahre markieren modehistorisch doch schon einen Einschnitt (nicht nur wegen des Zweiknopf Einreihers, den Kennedy bevorzugte), der Hut verschwindet langsam aus der Öffentlichkeit. Dabei ist die Öffentlichkeit der Ort, wohin der Hut gehört. Man trägt ihn nicht drinnen.

Außer man heißt Indiana Jones oder Crocodile Dundee. Indiana Jones trägt hier übrigens keinen Borsalino, wie man es letztens in jedem Artikel über Borsalino vom Telegraph bis zur Süddeutschen lesen konnte. Dies ist ein Fedora von Herbert Johnson, der ➱The Poet heißt. Manchmal geht der Hut drinnen doch, da es Religionsgemeinschaften gibt, bei denen der Hut in der Kirche oder der Synagoge getragen wird. Der amerikanische Soziologe ➱Richard Sennett hat in seinem Buch The Fall of Public Man den Verfall der Umgangsformen nachgezeichnet. Über Jahrhunderte hat es – ich vereinfache Sennett mal ein wenig – Umgangsformen für das Draußen und das Drinnen gegeben. Die Umgangsformen für die Öffentlichkeit waren von anderer Art als die Umgangsformen im privaten Bereich.

Sollte eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, ist es aber nicht mehr. Verließ man das Haus und betrat die Straße, war man in einer anderen Welt, die ihre eigenen Gesetze hatte. Der Begriff des Straßenanzugs kommt noch aus dieser Zeit. Dem Rentner, der mit einer ➱Jogginghose und Adiletten auf die Straße schlurft, um sich seine Bild Zeitung zu kaufen, ist das heute egal. Man wird für diesen Aufzug nicht mehr gesellschaftlich ostraziert. Die clothes police nimmt heute niemanden mehr in Gewahrsam. Dabei wäre das ein Desideratum von größerer gesellschaftlicher Bedeutung als das Rauchverbot, dass es diesen public man, von dem Richard Sennett spricht, wieder gibt. Die clothes police könnte dann auch gleichzeitig das Handyverbot in der Öffentlichkeit kontrollieren.

Ich muss es gestehen, ich liebe Hüte. Natürlich habe ich auch diese englischen und irischen Mützen in allen Farben. Obgleich ich davon mehrere habe, trage ich in den letzten Jahren nur diese braune Tweedmütze von Lock & Co., die bestimmt schon dreißig Jahre alt ist. Diese Dinge werden ja im Alter, wenn sie nicht von liebenden Frauen entsorgt werden, immer besser. Ich hatte mal einen blauen Bowler von Barbisio, den habe ich aber leichtfertig einer Theater AG geliehen. Als ich ihn zurückbekam, war er nicht mehr der gleiche. Da habe ich ihnen den für ihren Fundus geschenkt. Mein Hutvorrat (von Lock& Co., Christys, Herbert Johnson) hat vor fünfzehn Jahren eine schöne Erweiterung erfahren, als ich bei einem Second Hand Laden ein halbes Dutzend der feinsten Hüte der Welt (ungetragen) für einen Fuffi kaufte. Und der Händler gab noch einen dazu.

Und neben den ganzen Borsalinos, Vanzinas und Panizzas war dieses Gratisgeschenk mein Lieblingshut. Es ist ein graugrüner weicher Sporthut, leider ist sein Etikett irgendwann mal herausgefallen (man liest nur noch Firenze – Paris – London), das mir versicherte, dass er aus lapin sei.

Ich weiß, was lapin bedeutet. Ich war vor Jahrzehnten der einzige aus meinem Bataillon, der kein lapin au vin rouge gegessen hat, als wir ein Vierteljahr in Frankreich im Manöver waren (lesen Sie ➱hier mehr dazu). Weil ich Offizier vom Dienst war und zu spät zum Essen kam, da war das Kaninchen alle. Der Koch hat mir ein paar Spiegeleier gebraten. Wenige Stunden später war ich der einzige im Bataillon ohne Lebensmittelvergiftung. Seitdem weiß ich, dass lapins nicht zum Essen da sind, sondern nur für Hüte gut sind. Damals trug ich noch so ein Schiffchen, wie das hier drei dieser ➱Offiziere tragen, diese praktische und elegante Kopfbedeckung gibt es heute auch nicht mehr.

Wenn die meisten Männer heute keine Hüte mehr tragen, gibt es doch Bereiche, in denen die Kopfbedeckungen noch florieren. Zum Beispiel der demnächst bevorstehende Karneval, wo Männer, die niemals einen schönen Borsalino aufsetzen würden, sich die seltsamsten Papphüte auf den Kopp setzen. Und natürlich die Welt des Films. Viele Filme wären nichts ohne Hüte, die Firma Baron Hats in Hollywood sorgt dafür, dass die Stars die richtigen Hüte bekommen. Sean Connery trägt in den frühen James Bond Filmen selbstverständlich einen Hut, den er dann elegant in Miss Moneypennys Büro durch die Luft segeln lässt.

Solche Trilbys gibt es heute noch zu kaufen, schauen Sie doch einmal hier hinein. Den Hut von Oddjob hat man da aber nicht im Angebot. Wahrscheinlich ist dass die wahre Bestimmung des Hutes in der Zukunft, dass wir sie in Filmen sehen können. Monsieur Hulot mit einem porkpie, diese Herren hier mit ihren Stetsons … Man könnte da lange Listen zu diesem vestimentären Symbol erstellen. Für den Bowler gibt es mit Fred Miller Robinsons Buch The Man in the Bowler Hat: His History and Iconography ja schon eine kleine Kulturgeschichte. Da wünscht man sich doch etwas Ähnliches für Hüte im Film.

Wie die Zeit vergeht! Ich kann das nicht glauben, dass es schon mehr als ein Jahr her ist, dass ich über den Maler Philipp Wirth (der am 18. Dezember 1878 starb) geschrieben habe. Er ist ja jemand, mit dem sich die Kunstgeschichte nicht so sehr beschäftigt, obgleich man Gustav Paulis Begeisterung für dieses Selbstportrait verstehen kann. Wirth muss das Selbstportrait nach seinem Pariser Aufenthalt gemalt haben, so viel großstädtische Eleganz findet man in Wirths Heimatstadt Miltenberg in der Mitte des 19. Jahrhunderts wohl nicht. Hat er sich seinen Zylinder aus Paris mitgebracht? Oder ist das ein Werk seines Vaters, der Hutmacher war?

Als Philipp Wirth sich mit dem Zylinder malt, ist der Zylinder als Kopfbedeckung hauptsächlich bei den Nachfolgern von Beau Brummel zu finden. Also eher bei Künstlern und in der Bohème als im bürgerlichen Leben. Das ändert sich, als Victorias Gatte Albert von Coburg Gotha den Zylinder aufsetzt. Von nun an ist die Angströhre auch für die bürgerliche Gesellschaft de rigeur. Zum Cutaway ist sie heute noch Vorschrift. Selbst John F. Kennedy, dem man nachsagte, dass er die Hutmode beendet hätte, trug zu seiner Inauguration einen Zylinder.

Wir können dem Selbstportrait von Philipp Wirth noch etwas entnehmen: die Kleidung wird schwarz, nicht nur in der Bohème. Gab es vorher grüne und blaue Fräcke, so ist jetzt alles schwarz. Wenn Albert stirbt, wird die Königin Victoria ein beispielloses Trauerzeremoniell ausleben. Selbst Kleinkinder werden schwarze Fäden in die Windeln gestickt bekommen, wenn jemand in der Familie stirbt. Samuel Courtauld wird mit seiner schwarzen Kunstseide ein Millionenvermögen machen. Die beste Kulturgeschichte zur schwarzen Kleidung ist John Harveys Men in Black, das habe ich schon in den Post Men in Black und Schwarz geschrieben.

Hier ist Philipp Wirth noch ein junger Künstler, hier hat er sich im Stil der Romantik gemalt, in der man die sogenannte altdeutsche Tracht trug. Die noch die Kleidung der Studenten und der Maler war, bevor sie die Kleidung der  ➱Revolutionäre wurde. Carl Philipp Fohr, der hier einen viel gelesenen Post hat, hat so etwas getragen, wahrscheinlich ist er auch in seiner altdeutschen Tracht im Tiber ertrunken. Der Zylinder ist heute aus dem Bild der Mode verschwunden. Mein Opa hatte einen chapeau claque, mit dem wir als Kinder gespielt haben. Als ich acht war, trat ich damit als Zauberkünstler auf. Ich trug meinen verschlissenen weinroten Brokatbademantel und den Zylinder, ich konnte allerdings nur drei Zauberkunststücke. Da reißt auch ein chapeau claque nicht viel heraus.

Die Zylinder sind noch in der Malerei zu finden (zum Beispiel bei dem Bild Streik), auch in der Literatur. Zahlreich bei Proust. Sie haben noch ihre große Zeit im Film der dreißiger Jahre. People think I was born in top hat and tails, hat Fred Astaire, der Star von Top Hat, gesagt. Wir finden den Zylinder auch in der Karikatur, kaum ein Kapitalist oder Plutokrat, der nicht einen Zylinder trägt und eine Zigarre raucht. Im Deutschen heißt der Zylinder manchmal auch Angströhre, was wahrscheinlich von dem englischen anxiety hat kommt.

Denn bei seinem ersten Auftreten verbreitet der Zylinder Angst und Schrecken. Ein gewisser John Hetherington soll am 15. Januar 1797 zum ersten Mal so etwas getragen haben, appearing on the public highway wearing upon his head a tall structure having a shining lustre and calculated to frighten timid people, steht im Polizeibericht. Ich weiß nicht, ob die Geschichte wirklich wahr ist, aber se non è vero, è ben trovato. Das mit der Erfindung des Zylinders im Jahre 1797 ist zu bezweifeln, denn schon vorher finden sich französische Incroyables mit Zylindern in den Modezeitschriften. Und zwei Jahre vor dem kurzen dramatischen Auftritt von Mr Hetherington mit seiner Angströhre (several women fainted at the unusual sight, while children screamed, dogs yelped and a younger son of Cordwainer Thomas was thrown down by the crowd which collected and had his right arm broken), malt Jacques Louis David den Monsieur Pierre Seriziat. Und der trägt bestimmt einen Zylinder.

Wenige Jahre, bevor sich Phlipp Wirth mit seinem Zylinder malt, malt sich der Berliner Maler Franz Krüger zusammen mit dem Prinzen Wilhelm von Preußen. Den Prinzen kennen wir auch unter dem Namen Kartätschenprinz, den Maler als Pferde-Krüger, beide haben hier schon einen Post. Es ist ein schönes Bild, aber mit dem Gedanken an die blutige Niederschlagung des Aufstandes, bekommt es eine andere Dimension. Da ahnt man, weshalb Karl Gutzkow über Krüger, den er als den Hofmaler Professor Lüders in seinen Roman Die Ritter vom Geiste hineingeschrieben hat, von einem Künstler spricht, den die niedrigste Servilität zum Parade- und Uniformmaler gestempelt hatte.

Das Bild ziert auch das Buch Das Bildnis des eleganten Mannes: Ein Zylinderbrevier von Werther bis Kennedy. Ich bin nicht sicher, ob ich das Buch, das zuerst in Häppchen im Herrenjournal erschien, zur Lektüre empfehlen kann. Es ist sicherlich auf einem höheren Niveau als das Büchlein Die Uniformen der Braunhemden des Verfassers. Das schrieb er, als er Obertruppführer im Stab der berüchtigen SA-Brigade 31 Berlin-Brandenburg war. Er heißt Hermann-Marten von Eelking, für die einen ist er eine Art Gott der Herrenmode, für die anderen ein ganz gewöhnlicher Nazi. Ich habe in dem Post Modebücher schon einiges zu Herrn Eelking gesagt, was mir einige Haßmails eingetragen hat (der Herr hat offensichtlich immer noch einen Fanclub), aber ich habe dem Post kaum etwas hinzuzufügen.

Ich kann nicht mit diesem Eelking aufhören, ich muss noch einen Zylinderträger aus dem Hut zaubern. Wir kennen ihn als den Mad Hatter, obgleich er im Text von Alice in Wonderland nur Hatter und nicht Mad Hatter heißt. Aber ein klein wenig mad ist er schon. Wie die Engländer, die jetzt wieder aus dem Brexit herauswollen. Bevor es den (mad) hatter gab, gab es im Englischen schon die Redewendung mad as a hatter. Und die hatte einen traurigen Grund, die Hutmacher verwandten bei ihrer Arbeit an den Filzhüten ➱Quecksilber, eine der Folgen der Quecksilbervergiftung war, dass sie im Irrenhaus landeten. Zylinder sind eine gefährliche Sache.

Du könntest morgen statt der dicken Kapitänsjacke die dünne Kapitänsjacke anziehen, sagte mein Freund Ekke zu mir. Er hatte mich und Gudrun zum Kaffee eingeladen, und da ist ein Blazer (was er mit der dünnen Kapitänsjacke meinte) sicherlich die angemessene Kleidung. Auf jeden Fall im Bremen der frühen sechziger Jahre. Das Kleidungsstück mit dem Namen Blazer hat hier natürlich schon einen ausführlichen Post. Ich besitze einen von einer italienischen Luxusfirma. Zweireihig, Goldknöpfe, reine Handarbeit. Und das Ganze für zehn Euro bei ebay (ungetragen), da konnte ich nicht widerstehen. Ich habe den erst ein einziges Mal getragen, mit grauer Flanellhose und Schlips vom MCC (wo ich kein Mitglied bin), man fällt furchtbar damit auf. Ich gebe dem Blazer im nächsten Sommer zur Kieler Woche noch mal eine Chance, mit Jeans, weißem Hemd und Wildlederschuhen.

Ich finde, man sieht mit einem blauen Blazer mit Goldknöpfen immer etwas affig aus, aber vielleicht liegt das daran, dass ich die Marine nicht so mag. An kleinen aristokratischen Gören im 18. Jahrhundert sieht so etwas ja ganz nett aus (auf jeden Fall, wenn John Singleton Copley das malt), aber es nichts für jedermann. Das  Schlimme dabei war, dass jedermann in Deutschland vor Jahrzehnten einen Blazer tragen musste. Und da gab es noch einen Steigerung: Blazer in dunkelbraun. Weitverbreitet.

Das war sehr deutsch. Und ganz furchtbar. Die braunen Blazer waren so ein 70er Jahre Ding. Das war das Jahrzehnt, in dem es keinen guten Geschmack gab. War aber manchmal witzig. Auf jeden Fall witziger als die heutige modische Eintönigkeit: dunkelgraue slimline Anzüge und weiße U-Hemden. Kehle zeigen ist das Gebot der Stunde. Ich habe diese braune Scheußlichkeit hier aus einem bestimmten Grund abgebildet. Weil sie auch etwas mit der Royal Navy zu tun hat, aus der als die maritimen Kurzjacken kommen.

Wenn Sie mehr zu den Uniformen wissen wollen, die man gerade letzte Woche im Fernsehen in dem Film Master and Commander sehen konnte, dann kann ich Amy Millers Buch Dressed to Kill (Katalog einer Ausstellung des National Maritime Museum in Greenwich) empfehlen. Die Kuratorin des National Maritime Museum gibt eine souveräne Kostümgeschichte der Royal Navy von den Anfängen der Uniformierung der Seeoffiziere bis zum Jahre 1856. Sprich: über hundert Jahre englische Marineuniformen, denn die gibt es in Blau erst seit der Mitte des 18. Jahrhunderts. Sie waren unter Admiral Anson eingeführt worden, wurden aber nicht von allen Marineoffizieren begrüßt. Viele hätten lieber die roten Uniformen der Army gehabt.

Der Captain Richard Chadwick kannte die Uniform noch nicht. Man würde diesen eleganten Gentleman nicht unbedingt für einen Marineoffizier halten, wenn er nicht mit der linken Hand auf sein Schiff hinweisen würde. Es ist die Cornwall, ein Linienschiff mit 80 Kanonen. Chadwick wird 1748 auf seinem Schiff in den West Indies sterben. Die elegante Kleidung, die er auf diesem Portrait von 1744 trägt, hatte er sich extra für das Portrait schneidern lassen. Er wird an Bord andere Kleidung getragen haben, wir wissen nicht was. Aber blau war sie wohl nicht.

Eine solche Uniform ist ja schön und gut, aber Kniehosen sind nicht sehr praktisch, wenn man die Wanten entern will. Wir finden diese Uniformen auf vielen Bildern des 18. Jahrhunderts, an Bord sieht das anders aus. Da tragen die Kapitäne normale Drillichhosen statt der Seidenstrümpfe und Kniehosen. Und sie tragen kurze Arbeitsjacken, wie sie die Mannschaft auch trägt. Diese Kleidung gelangt nie auf die Gemälde, aber es gibt genügend schriftliche Zeugnisse dafür. Die Admiralität wird statt der dress uniform auch eine undress uniform zulassen. Dafür gibt es heute die Number 4 Dress Uniform. Es wird einige Zeit dauern, bis sich die neuen Uniformen durchsetzen, Schiffsärzte erhalten erst 1805 eine Uniform.

Der junge Gentleman, der hier mit einem Eisbären auf einer Eisscholle kämpft, trägt keine Kniebundhosen und Seidenstrümpfe. Lediglich der Degen an seiner Seite weist ihn als Offizier aus. Er wird den Bären nicht erlegen, aber er wird noch Karriere in der Navy machen und alle Orden Englands bekommen. Bei seinem Tod auf der Victory – das versichern uns die Maler – wird er dann weiße Kniebundhosen tragen, England expects that every man will do his duty. 

Auf diesem Bild von Thomas Gainsborough ist der Admiral Edward Vernon (nach dem George Washingtons Bruder seinen Landsitz Mount Vernon nannte) auch nicht in dunkelblau, sondern in braunem Samt gekleidet. Weil die blaue Uniform für die Marine, wie gesagt, noch nicht erfunden ist. Er trug nicht immer diese Jacke, die eher ein Mantel ist. Er bevorzugte eine kurze Jacke, aus einem Stoff, den man Grogram (vom französischen Grosgrain) nennt. Was ihm den Namen Old Grog eintrug. Sie ahnen schon, dass das Getränk nach ihm benannt wurde, lesen Sie mehr dazu in dem Post Rum.

Admiral Rudolf Brommy (der hier einen Post hat), der Kommandeur der ersten deutschen Flotte von 1848, trägt hier eine blaue Uniform nach englischem Vorbild. Beinahe hätte er eine grüne Uniform tragen müssen. Denn König Friedrich Wilhelm IV favorisierte die Farbe Grün, die die Farbe der russischen Marine bis zum ersten Weltkrieg war (es war auch die Farbe der österreichischen Marine). Das gefiel nun dem Prinzen Adalbert von Preußen (der 1854 Oberbefehlshaber der preußischen Flotte werden wird) überhaupt nicht. So heißt es in dem wunderbar lobhudelnden Artikel in der ADBAuch die praktische und kleidsame dunkelblaue Farbe unserer Matrosenuniform ist des Prinzen englischen Eindrücken zu danken: das Grün der russischen Seeleute kam für die entstehende preußische Marine nie ernsthaft in Frage. Als es erst preußische Seecadetten gab, sorgte der Prinz dafür, daß sie das große Treiben der englischen Flotte kennen lernen konnten, und zwar nicht nur im Frieden, sondern auch im Kriege.

Die dicke Kapitänsjacke, von der mein Freund Ekke sprach, war streng genommen kein Blazer, sondern ein Colani. Auf jedenfall war es die italienische Version eines Colanis der Marine; die dunkelblaue Jacke stammte nicht aus dem Geschäft von Ekkes Vater (der mir immer die neuesten ➱Herrenjournale lieh), sie stammte aus dem Laden von ➱Hans Kalich in der Böttcherstraße. Von wo auch mein ➱Trenchcoat, der gelbe ➱Lamamantel von Tiger und die handgeschneiderten Anzüge stammten die schon mehrfach in diesem Blog erwähnt wurden.

Dass die Deckjacke der Marine Colani oder Collani heißt, hat einen ganz einfachen Grund, sie wurde der Reichsmarine von der Berliner Firma L.H. Berger & Collani geliefert, die sich mit der Bezeichnung Hoflieferant Sr. Majestät des Kaisers und Königs schmückte. Für die Marine unterhielt die Firma Niederlassungen in Kiel und Wilhelmshaven. Bei der Volksmarine der DDR hieß die Jacke nicht Colani sondern Kulani, ich weiß nicht weshalb.

Der Satz bei Wikipedia: In Deutschland wurde die Jacke Ende des 19. Jahrhunderts von der Kieler Schneiderei Berger & Colani für die Kaiserliche Marine gefertigt und daher auch Colani, Collani oder Kulani genannt, ist mal wieder ein klein wenig falsch. Es ist eine Berliner Firma, und sie heißt Collani, nicht Colani. Die Collanis hatten ursprünglich eine Gold- und Silbermanufaktur, die sie um die Herstellung sämmtlicher Militair-Effecten und den Verkauf von Blankwaffen erweiterten (man kann das hier auf der Militär Siegelmarke ablesen). Mit allem, was mit Uniformen zu tun hat, kann man nach dem Krieg mit Frankreich jetzt viel Geld verdienen. Um 1879 kauften sich die Collanis bei der Firma L.H. Berger ein. Der Schneiderbetrieb war Hoflieferant und belieferte das Königshaus und den preußischen Adel. Eigentlich müsste die Jacke Berger und nicht Colani heißten, die Collanis waren Kaufleute, die hatten mit der Schneiderkunst nichts am Hut.

Was wir in Deutschland Colani nennen, heißt in Frankreich Caban, im Englischen Pea Jacket, Peacoat oder Reefer. Das Bild hier zeigt einen Peacoat der US Navy. Woher das Wort Pea Jacket kommt, weiß man nicht so genau. Häufig wird das holländische Wort Pijjekker (von Pij: Kutte und Jekker: Jacke) genannt, aber seriöse Lexika versichern uns, dass das nur volksetymologisch ist. Was bedeutet, dass es überzeugend klingt, aber wohl nicht wahr ist. Wie zum Beispiel die Fisematenten, die vom französischen visitez ma tente kommen sollen. Klingt einleuchtend, ist aber leider auch nicht richtig.

Kaum ist die zweireihige kurze Jacke in der Navy eingeführt, da wandert sie schon in die zivile Herrenmode. Das Ehepaar Cecil Willett und Phillis Emily Cunnington schreibt in seinem unübertroffenen Handbook of English Costume in the Nineteenth Century: The Double-breasted: ‚Reefer‘, ‚Pea-jacket‘, ‚ Yachting Jacket‘ (synonymous). A very short D-B jacket with low collar and small lapels. Cut without a back seam; short vents at the bottom of side-seams. Pockets flapped, patched, or slit; often an outside pocket on the left breast and usually an inside pocket in the right. Borders bound; four pairs of buttons. This style came into fashion in 1865 even for town wear especially in winter when it was sometimes worn as an overcoat. Wir können an dem jüngeren Herrn, der uns den Rücken zuwendet, die kleinen Stummelschlitze in der Seitennaht sehen.

Viele berühmte Leute haben den Marinekurzmantel getragen. Winston Churchill zum Beispiel, wenn er nicht gerade seinen selbst entworfenen boiler suit trug, den ihm New and Lingwood geschneidert hatte. Dass hier Montgomery einen Schirm trägt, das geht für einen General nun gar nicht. Das war schon Wellington ein Ärgernis (lesen Sie mehr in dem Post Regenschirme).

Ich weiß nicht, ob Wilhelm II einen Colani besessen hat. Ich war mal in einer Ausstellung, in der man all seine ➱Uniformen sehen konnte, aber an einen Colani erinnere ich mich nicht. Er hatte ja nicht viel Intelligenz, aber viele Uniformen. Der Graf zu Eulenburg hat für die Kostümierungssucht des Kaisers den schönen Satz alle Tage Maskenball gefunden. Wenn auch Wilhelm keinen Colani hatte, dieser Herr, der gerade von Bord geht, trägt einen. ➱Dropping the Pilot hieß dieser Cartoon, den Sir John Tenniel (der ➱Alice in Wonderland illustrierte) 1890 zeichnete. Wahrscheinlich ist es der berühmteste politische Cartoon aller Zeiten.

Es gibt die Jacke auch für Damen. Spätestens seit 1962, seit Yves Saint Laurent das hier kreierte. War wahrscheinlich die passende Tracht für Paris, in meinem Heimatort sah man so etwas nicht. Ich glaube, die Gattinnen von Werftbesitzern und Reedern wären sich ungeheuer blöd damit vorgekommen. Aber je weiter man von Fluss und Meer weg ist, desto besser kann man maritime Kleidung verkaufen. Die Jacke ist bei Saint Laurent immer noch im Programm, verkauft sich aber anscheinend schlecht.

Damen, die Stil haben, kaufen natürlich nicht die Saint Laurent Jacke, sondern diese elegante Jacke von der Firma Armor Lux. Die französische Firma hat Manufactum seit Jahren im Angebot. Liefert auch gleich eine Geschichte dazu, das ist ja das Erfolgsgeheimnis von Manufactum: Aber es war doch der gelernte Buchhändler und ehemalige Grünen-Geschäftsführer in Nordrhein-Westfalen, Thomas Hoof, der die zentrale Idee erkannte, in eine gültige Form brachte und inzwischen zu einer kompletten Gegenideologie gegen die Moderne (also Globalisierung, Massenproduktion, Designwahn) ausgebaut hat. Äußerlich geht es dabei um die Vermarktung vergessener Handwerkstraditionen, hochwertiger Materialien und nostalgischer Ästhetik, aber das ist nicht der Kern der Sache. Entscheidend ist ein letzter Produktionsschritt, der erst durch den Händler selbst erfolgen kann: die Veredelung der Produkte durch Geschichten.

Man muss heute Märchen erzählen, wenn man Klamotten verkaufen will. Und so konnte man vor einem Jahr im Zeit Magazin lesen: Die ungebrochene Männlichkeit der Seefahrt drückt sich auch in der Mode aus. Denn seit Langem sind die Uniformen der Seefahrer Teil des Spiels mit männlichen Rollenbildern. Zur starken Frau gehört, modische Anleihen bei den Männern der rauen See zu machen. Zurzeit geht es auf den Laufstegen besonders maritim zu. Der neue Liebling der Designer ist der Navy-Coat, der Matrosenmantel. Es gibt ihn bei Prada als paspelierten Wollmantel, bei Tommy Hilfiger als Mantel mit Goldknöpfen sowie knöchellang und tailliert bei Red Valentino. Aber auch in ähnlicher Form bei Givenchy, Miu Miu, Burberry und John Galliano. Mir wird bei solchen Texten immer schlecht. Ich schreibe zwar häufig über Mode, aber solchen Unsinn kriege ich nicht hin.

Meinen dunkelblauen italienischen Colani, der keine Stummelschlitze, sondern einen langen Rückenschlitz hatte, habe ich zehn Jahre lang getragen. Dann habe ich ihn mit meinem ersten Regent Jackett, einem Kreidestreifen Zweireiher und einem blauen Bowler einer studentischen Theatertruppe gespendet. Ich konnte ihn immer wieder auf der Bühne bewundern, er verwandelte jeden studentischen Amateurschauspieler in einen dandyhaften Kapitän.

Früher kamen die Hemden aus Bielefeld. Nicht aus Polen oder Fernost. Früher waren die Hemden ➱weiß und wurden von der Hausfrau mißhandelt, weil sie gekocht und gestärkt wurden. Aber die Hemden, die meistens keinen Namen, sondern nur einen Hinweis auf Bielefelder Qualitätswäsche hatten, hielten das alles aus. Die Firma E.F. Banck aus ➱Oerlinghausen warb im Jahre 1887 mit der größten Haltbarkeit ihrer Hemden. Die Firma gibt es nicht mehr, sie wurde nach dem Ersten Weltkrieg Banck und Co. wurde 1918 vom Firmenverbund des Bielefelder Unternehmers Carl Theodor Dornbusch übernommen, der auch Baumhöfener & Heise erwarb.

Dornbusch wurde 1963 von Walter Seidensticker gekauft, der einmal bei Dornbusch gelernt hat. Eigentlich hatte er Schiffskoch werden wollen, jetzt bastelt sich Seidensticker nach kleinen Anfängen im elterlichen Wohnhaus ein kleines Imperium. Und frisst peu à peu alle anderen auf, Dornbusch, Daniel Schagen und wie sie alle heißen. Nicht alles, was Seidensticker auf den Markt brachte, war gut und schön. 1968 kam die Schwarze Rose auf den Männerbauch, eine gewaltige Geschmacksverirrung. Damals forcierte Seidensticker die Plastikhemden, die unter Namen wie  Splendesto und Diolen Star liefen. Wer jemals ein Nyltest Hemd getragen hat, weiß, dass man so etwas nicht anziehen soll. Die Schwarze Rose ist übrigens heute wieder im Programm.

Seidensticker ist heute immer noch im Familienbesitz, das ist in dieser Branche selten. Und sie sitzen immer noch in Bielefeld. Sie sind nicht die einzigen, es gibt da noch eine Vielzahl kleinerer Firmen. Schaeffer &amp Vogel, die seit 1867 im Geschäft sind, wären ein Beispiel. Oder Bracksiek-Hemmelskamp, die eine Nische gefunden haben, weil sie Hemden für katholische Priester und Dirigenten im Programm haben. Also Hemden mit dem dog collar und solche, die beim Dirigieren nicht aus dem Frack rutschen. In Bielefeld steht ein Leineweberdenkmal, und vor Jahrzehnten konnte man auf dem Bahnhof noch lesen, dass man in der Leinenstadt angekommen war. Schon seit dem 17. Jahrhundert wurde in Bielefeld mit Leinen gehandelt, später wurde auch Leinen verarbeitet. Aber als die irische und englische Konkurrenz im 19. Jahrhundert auf industrielle Produktion umstellte, konnte man in Bielefeld nicht mehr konkurrieren.

Doch dann kam Hermann Delius mit der Ravensberger Spinnerei, die einmal kurzzeitig zur größten Maschinenspinnerei in Europa aufstieg. Wenig später wird die Mechanische Weberei Ravensberg gegründet, jetzt produziert man nicht nur Garne, jetzt werden die auch weiterverarbeitet. Bielefeld wird zur Wäschestadt, Bielefelder Wäsche wird zu einem Qualitätsbegriff wie Meißener Porzellan, Lübecker Marzipan oder Nürnberger Lebkuchen. Es sei am Rande angemerkt, dass die letzte Kaiserin Auguste Viktoria ihre gesamte Aussteuerwäsche aus Bielefeld kommen ließ.

Ich muss mal eben einen Bremer in die Bielefelder Hemdengeschichte bringen. Er heißt Alexander Friedrich Kleinwort und arbeitet in Havana in dem deutschen Handelshaus von Adolf Höber. Die Firma importiert vor allem Bielefelder Leinen, das nach genauen Qualitätsvorgaben in Bielefeld bestellt wurde. Das Kontorhaus erlaubt Kleinwort, nebenbei auf eigene Rechnung zu arbeiten. So handelt er mit Bielefelder Leinen. Und Zigarren. Der Handel mit Zigarren war ihm aus seiner Heimatstadt Bremen nicht unbekannt.

Kleinwort hatte in Havanna ➱Hermann Dietrich Upmann aus Bielefeld kennengelernt, zusammen mischen die beiden Freunde den kubanischen Tabaksmarkt auf. Und werden beide berühmt: Kleinwort mit seiner Bank (die später Kleinwort Benson heißt), H. Upmann mit seinen Zigarren. Das Photo zeigt John F. Kennedy beim Unterzeichnen des Handelembargos gegen Kuba. Bevor er seinen Namen unter das Dokument setzte, hatte er übrigens all seine kubanischen Lieblingszigarren in Washington aufkaufen lassen, sein Pressesprecher konnte ihm noch 1.200 Upmann Petit Coronas besorgen.

Zuerst kam in Bielefeld die Maschinenspinnerei, dann die Weberei, und dann kommt Nikolaus Dürkopp mit seiner Bielefelder Einsatzmaschine, einer Nähmaschine, die speziell für Hemden entwickelt wurde. Noch nicht wird überall mit den Eisernen Nähmamsells genäht, wir sind in einer Phase der Industrialisierung, wo innerhalb des Verlagssystems die Heimarbeit in die Fabrikarbeit übergeht. Heute kündet davon in Bielefeld noch ein Museum, das früher einmal eine Wäschefabrik war. Und die Reste der Bielefelder Qualitätshemden kann man bei ebay finden. Wo alle alten Klamotten landen, in Wirklichkeit ist ebay ein Textilmuseum.

Im Jahre 1874 saßen in Bielefeld 3.000 Frauen an zweitausend Nähmaschinen, da laufen 11% aller Spindeln und Webstühle Deutschlands in Bielefeld. Nach der Jahrhundertwende werden es hier 5.000 Näherinnen sein. Da gibt es schon 150 Betriebe, von denen die meisten dreißig bis vierzig Angestellte beschäftigen. Wenn wir heute die schlimmsten Sünden der Globalisierung beklagen, dann müssen wir bedenken, dass um 1900 die Globalisierung Bielefeld heißt. Frauen kann man ausbeuten, auch wenn es inzwischen Kranken- und Sozialversicherung gibt. In der Wäschereifirma Winkel (die heute ein Museum ist) hing noch nach dem Zweiten Weltkrieg ein Schild mit den Reimen: Nur geschäftlich bist Du hier, Zeit ist Geld, das merke Dir. Willst Du unterhalten sein, stell Dich des abends ein.

Als die Bielefelder Wäscheindustrie ins Rollen kommt, als noch mit der Hand und nicht mit der Eisernen Nähmamsell genäht wird, schreibt der Engländer Thomas Hood das Gedicht Song of the Shirt:

With fingers weary and worn,

With eyelids heavy and red,

A woman sat, in unwomanly rags,

Plying her needle and thread —

Stitch! stitch! stitch!

In poverty, hunger, and dirt,

And still with a voice of dolorous pitch

She sang the „Song of the Shirt.“

Seidensticker sitzt noch in Bielefeld, produziert aber überall auf den Welt. Emanuel Berg sitzt in Köln, produziert aber in Polen. Die Firma van Laack sitzt in Mönchengladbach, produziert aber in Hanoi. Zu halbwegs akzeptablen Bedingungen: Knapp 200 Euro Lohn, 14 Tage Urlaub im Jahr, keine Nachtschichten und ein kostenloses Mittagessen in der Kantine. Das aber nichts mit dem Gourmettempel von van Laack La Cottoneria in Mönchengladbach zu tun hat. Wir tun das nicht aus reiner Nächstenliebe, sagt Firmenchef von Daniels, sondern weil es sich für uns rentiert. Christian von Daniels hat van Laack vor 15 Jahren Stefan Quandt abgekauft, der die Firma (inklusive Regent) gegen die Wand gefahren hatte.

Wir tun das nicht aus reiner Nächstenliebesondern weil es sich für uns rentiert. Dem Satz möchte ich etwas entgegenhalten, was ein englischer Fabrikbesitzer im Jahre 1853 vor seinen Arbeitern sagt: Ladies and gentlemen, it is with no ordinary feelings, I assure you, that I rise on this occasion to thank you for the very flattering manner in which you have received the last toast, and for the good wishes expressed therein. I cannot look around me, and see this vast assemblage of my friends and workpeople, without being moved. I feel gratified at this day’s proceedings; I also feel greatly honoured by the presence of the nobleman at my side. I am more than all delighted at the presence of this vast assemblage of my workpeople. Perhaps it may be permitted me to remark that ten or twelve years ago I was looking forward to this day (on which I complete my his fiftieth year) as the period when I hoped to retire from business and enjoy myself in agricultural pursuits, which would be quite congenial to my mind and inclination. As the time drew near, looking at my large family (five of them being sons) I reversed that decision, and resolved to proceed a little longer and remain at the head of the firm. 


Having thus determined, I at once made up my mind to leave Bradford. I did not like to be a party to increasing that already overcrowded borough, but I looked around for a site suitable for a large manufacturing establishment, and I fixed upon this, as offering every capability for a first rate manufacturing and commercial establishment. It is also, from the beauty of its situation, and the salubrity of the air, a most desirable place for the erection of dwellings. Far be it from me to do anything to pollute the air or the water of the district. I shall do my utmost to avoid these evils, and I have no doubt of being successful. I hope to draw around me a population that will enjoy the beauties of this neighbourhood—a population of well paid, contented, happy operatives. I have given instructions to my architects (who are competent to carry them out) that nothing shall be spared to render the dwellings of the operatives a pattern to the country, and if my life is spared by Divine Providence, I hope to see satisfaction, contentment, and happiness around me. 

Der Sprecher heißt Sir Titus Salt, er ist Unternehmer und Philantrop. Die englische Briefmarke hier zeigt einen Ausschnitt von David Hockneys Gemälde von Titus Salts Fabrik in seiner Mustersiedlung Saltaire. In einer Zeit, in der Engels die Lage der arbeitenden Klasse in England beschreibt und Charles Dickens von der Auswüchsen der Ausbeutung im kapitalitischen England berichtet, da geht einer hin und macht etwas ganz anderes. Sir Titus ist hier schon in dem Post Ermenegildo Zegna erwähnt worden. Das hat einen ganz einfachen Grund: was Sir Titus Salt im 19. Jahrhundert macht, das macht der Graf Zegna im 20. Jahrhundert. Aber in Bielefeld hat das niemand gemacht. Zwar gibt es in Deutschland Arbeitersiedlungen, aber paternalistische Philantropen, davon haben wir nicht so viele.

Ach, was soll’s. Wir haben so vieles nicht. Die Bielefelder Hemden können mit den italienischen Hemden nicht mithalten, nicht mit Fray, Pegaso, Borrelli, Finamore und wie sie alle heißen. Wir haben keine wirklich guten Hemden. Und gute Politiker schon gar nicht. Der fett gewordene Kubicki klagte vor der Kamera, dass ihm seine Frau wegen der langen Verhandlungen frische Hemden aus Kiel bringen müsste. Er ist offensichtlich unfähig, sich ein neues Hemd zu kaufen oder seine Hemden zur Reinigung zu bringen. Und so was will regieren.

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Ach, das waren noch Zeiten, als man solch ein Schnuckelchen dazu bekam, wenn man ein Jackett kaufte. Man kriegte damals bei der französischen Firma Mavest allerdings nicht die schnuckelige Françoise Guillier, die Jacques Taverniers You’ll Kiss Me For It sang, man bekam nur die Single. Die Firma Mavest (Manufacture de Vêtements de l’Est), die im Elsaß begann und dann nach ➱Ambazac zog, gibt es heute nicht mehr. Das schöne Mavest Jackett, das ich einmal besaß, habe ich auch nicht mehr. Bei ebay tauchen manchmal noch Mavest Teile auf, sehr nostalgisch. Und das bringt mich zu einer anderen Firma, die auch das vest in ihrem Namen hat, und die manchmal auch ebay zu finden ist.

In dem Post ➱Rosstäuscher habe ich vor fünf Jahren geschrieben, dass ich bei ebay ein Jackett der Firma Belvest für neun Euro ersteigert hatte. Ich kann das jetzt noch toppen, denn ich habe gerade vor Wochen ein Belvest Jackett für 1,50€ gekauft. Das wird schwer zu übertreffen sein. Man kann aus dem Ganzen wahrscheinlich ablesen, dass die Marke Belvest nicht so bekannt ist wie ➱Kiton, ➱Brioni oder ➱Attolini. Die haben hier, wie viele andere italienische Firmen, schon Posts. Und da ich weiß, dass viele Leser meine kleinen Firmengeschichten sehr gerne lesen, habe ich mir gedacht, ich schreibe mal eben über Belvest. Die Sartoria Firma aus Padua, die die wenigsten Schlagzeilen macht. Und noch immer im Privatbesitz ist.

Und selten über die Alpen kommt. Zwar gibt es einige ➱Herrenausstatter in Deutschland, die Belvest führen, aber furchtbar viele sind das nicht. W.J. Stamm in Nürnberg ließ sich seine Private Label Sakkos von Belvest machen, aber den gibt es ja leider nicht mehr. ➱Terner in Hannover führte zu seinen besten Zeiten nur Belvest und Isaia, aber mit diesem Händler ist es ja auch aus. Michael Rieckhof in ➱Kiel hatte eine Zeitlang Belvest im Angebot, war aber auch kein Renner. Sakkos, die mehr als tausend Euro kosten, verkaufen sich nun mal nicht wie geschnitten Brot. Vielleicht in Düsseldorf oder München, hier oben nicht. Ich kann da nur die beiden Artikel von ➱Jens Jessen und ➱Bernhard Roetzel zur Lektüre empfehlen, dann wissen Sie, weshalb der deutsche Mann ungern wirkliche Qualität kauft.

Italien hat neben den großen Namen wie Kiton, Brioni, Attolini und Raffaele Caruso auch noch eine Vielzahl von nicht so bekannten Marken zu bieten. Wie Isaia, Ravazzolo (die zum Beispiel ➱R. Böll und Werner Scherer beliefern), d’Avenza, Saint Andrews (=Sartoria Santandrea), Castangia, Orazio Luciano oder Cantarelli. Für viele scheint der deutsche Markt uninteressant. Weil sie Amerika im Visier haben (wie man an dieser Anzeige der Firma Louis in Boston sehen kann), oder weil sie Kunden haben, die nicht genannt werden möchten.

Manche haben auch Zweitmarken für den Export wie Isaia, die es auch als Michelangelo gibt, und die man im amerikanischen Amazon kaufen kann. Dieses Modell kostet 2.760 Dollar, kommt aber mit Bügel und Kleidersack. Sehr modern, slim line, passt an keiner Stelle. Ich glaube, so etwas käme bei Belvest nicht aus dem Haus (obgleich sie neuerdings auch einen Online Verkauf haben). Ich will aber ansonsten nichts Böses über Michelangelo sagen, ich habe ein wuschelweiches ungefüttertes Tweedjacket von denen, das sich wie eine Strickjacke trägt.

Und da ich bei ungefütterten Sakkos bin, muss ich natürlich das Jacket in the box der Firma Belvest erwähnen. Ein ungefüttertes Jacket, das in eine Pappschachtel passt. Auch wenn sie das jetzt als Neuheit vermarkten, sie hatten das Teil schon lange im Programm. Vielleicht schon bevor Boglioli, Lubiam und Canali mit ungefütterten, vorgewaschenen Sakkos auf den Markt kamen. Und sogar die deutsche Firma ➱Regent stellte so etwas schon 1995 her, auf jeden Fall hängt solch ein Teil bei mir im Schrank.

Ich liebe diese ungefütterten Sakkos, die man nicht nur im Sommer tragen kann. Der Schnitt von Boglioli, die auch die Sakkos für Etro herstellen, ist perfekt. Meine Lieblinge unter diesen Made in Italy Flitzekitteln sind zwei Jacketts von Cantarelli, die den Zusatz washed tragen. Da ist mir ein Belvest Jacket in the box piepegal. Von einer gewissen Kategorie an, liefern die Italiener sowieso eigentlich alle die gleiche Qualität.

Viele große Namen der Modewelt haben nur ihren großen Namen und das schöne Etikett, aber sie stellen selbst nichts her. Deshalb brauchen sie eine kleine italienische Firma, die Sartoria Qualität liefert. Manchen Firmen ist alles egal, so wie Gerhard Schröder alles egal ist. Sie machen Kasse, vergeben die Lizenzen an Billighersteller, die aber null Qualität liefern. ➱Pierre Cardin hat damit angefangen. Armani und ➱Lagerfeld tun nichts anderes. Und auch Baldessarini hat nichts mehr mit der traumhaften Qualität von ➱Baldessarini Boss zu tun. Wenn Sie einmal einen Blick auf die Originallabels der Made in Italy Firmen werfen wollen, dann klicken Sie ➱hier.

Und diese Labels können Sie natürlich auch in den Innentaschen der Sakkos der Luxusfirmen finden. Da produziert D’Avenza für Battistoni, Isaia für die Toplinie von Valentino und St. Andrews für die Ralph Lauren Purple Label. Was eine gefährliche Sache ist, denn die bisherigen Partner von Ralph Lauren (Chester Barrie und ➱Nervesa) waren alle hinterher pleite, als Ralph Lauren abzog. Dies blaue Cordjackett hatte ich auch mal, aber als ich darin ungefähr so aussah wie dieser Herr hier, habe ich es weitergeben. Der Volker hat es dann am Wochenende zu einer Party getragen. Und da ist eine wildfremde Frau auf ihn zugekommen und hat ihn gefragt, ob sie den Stoff mal anfassen dürfte. Mir ist das mit dem Jackett nie passiert.

Das Label von Belvest kann man in Kleidungsstücken von Lanvin, Prada, Louis Vuitton und ➱Old England Paris (die Firma, bei der einst ➱Proust einkaufte, gibt es leider nicht mehr) finden. Und natürlich findet man es bei ihrem Hauptkunden: dies ist ein Label, in einem Hermès Jackett. Hermès Sakkos kosten ungefähr das Doppelte von Belvest Jacketts. Hier bewährt sich wieder einmal der Werbespruch der Zigarettenmarke Atika: Es war schon immer etwas teurer, einen besonderen Geschmack zu haben.

In diesen Preisregionen bewege ich mich nicht, meine Belvest Sakkos stammen aus Second Hand Shops und von ebay. Und während ich an diesem Post schrieb, entdeckte ich bei ebay ein braunes Cordjackett, Startpreis 10,45€. Was soll ich dazu sagen? Es hat niemand außer mir geboten. Bernhard Roetzel (der manchmal auch in meinen Blog hineinschaut) schrieb in seinem ➱Blog über Belvest: Meine persönlichen Erfahrungen mit den Anzügen sind sehr gut, die Qualität ist hoch und die Fehlerquote lag bei Maßbestellungen bisher bei null Prozent.

Ich selbst brauche keine Maßbestellungen, ich weiß bei Belvest, was mir passt. Das Cordjackett ist eine Nummer zu groß, das war mir klar, aber das kriegt Herr Yesilyurt hin. Der ist der beste Schneider von Kiel, das wissen Sie schon aus den Posts ➱Attolini und ➱Jacob Cohen Jeans. Die Änderung wird wohl etwas mehr kosten, als ich bei ebay für das Sakko bezahlt habe. Aber was soll’s: ich habe für mein halbes Dutzend Belvest Jacketts wahrscheinlich nur etwas mehr als einen Hunni bezahlt. Was natürlich daran liegt, dass die Firma – wie gesagt – nicht viel Werbung macht und eigentlich niemand sie kennt. Also außer Bernhard Roetzel, dem Parisian Gentleman und mir. Ich habe einen ganz einfachen Geschmack: Ich bin immer mit dem Besten zufrieden, hat Oscar Wilde gesagt. Man kann ihm nur zustimmen.

Noch mehr Mode: Raffaele Caruso, AttoliniBaldessariniWaltz into Darkness, Cinecittà und die Mode, Brioni, Ermenegildo Zegna, Herrenausstatter, Ärmelfutter, Made in Germany, Kiton, Attolini, Nervesa

 

Ich guckte das Photo dieses Jacketts bei ebay scharf an und fragte mich, wer wohl der Hersteller sei. Es stand da, dass das Jackett von Patrick Hellmann sei, aber Hellmann macht natürlich keine Jacketts. Am Anfang hatte er in seiner Patrick Hellmann Collection viel von ▹Kiton und Attolini, danach gab es vieles, was in Polen genäht wurde. Das muss nichts Schlechtes sein, auch ▹Regent ließ da mal jahrelang fertigen. Heute kommt beinahe alles, was den Namen Patrick Hellmann trägt, aus Portugal von der Firma ▹Diniz + Cruz. Das habe ich schon in dem Post ▹Berliner Mode gesagt, mehrere Leser haben mir das nach einem Blick auf das Etikett in der Innentasche bestätigt.

Das Jackett hatte bei ebay nur zwei Photos, von vorn und von hinten. Ich kopierte mir die auf den Schreibtisch und vergrößerte sie. Brachte bei der Qualität des Originals wenig. Doch es war mir ziemlich klar, dass das Jackett von Attolini stammte, die barchetta Brusttasche, das opulente Revers und die Schultern wiesen alle auf Attolini hin. Aber man guckt da doch noch mal genau hin, bevor man bei einem Preis von 49 € (portofrei) für ein Kaschmirjackett dieses magische sofort kaufen anklickt. Ich hatte natürlich mit meiner Annahme recht, auch mein Jackett hat dieses Etikett. Aber wo hier der Name des Hamburger ▹Herrenausstatters Braun steht, steht auf meinem Etikett Sartoria Attolini cuce a mano per Patrick Hellmann.

Es gibt in Neapel noch einen anderen Attolini, der auch Anzüge näht. Lange nicht so teuer wie Caesare Attolini, aber gar nicht schlecht. Der Firmengründer heißt Luciano Attolini, und die Firma ist älter als die von Caesare Attolini. Die beiden Familien sollen sogar entfernt miteinander verwandt sein, haben geschäftlich nichts miteinander zu tun. Ich habe seit vielen Jahren einen Anzug von Luciano Attolini, erstklassiger Schnitt, erstklassiger Stoff (Loro Piana), und das Ganze für einen Hunni. Noch D-Mark. Ich kann nichts Böses über Luciano Attolini sagen.

Über Caesare Attolini (hier ein Bild des Firmengründers Vincenzo) natürlich auch nicht. Er ist dafür berühmt geworden, dass er das neapolitanische Jackett erfunden hat. Fließende Linien, kaum Schulterpolster und kaum Einlagen. Das macht man in Neapel noch heute. Attolini arbeitete damals für ▹Gennaro Rubinacci, und diesen Schneider gibt es heute immer noch. Wenn wir ganz genau sind, dann hat wohl Caesare Attolini nicht das neapolitanische Jackett erfunden, sondern ▹Domenico Caraceni. Bei dem der Herzog von Windsor sich auch mal Anzüge machen ließ.

Der ansonsten auf den Holländer ▹Frederick Scholte vertraute, der etwas kreierte, was man den ▹drape look nannte. Natürliche Schultern, viel Platz in der Brust und eine schmale Taille. Das ähnelte dem Schnitt der Uniform der Gardeoffiziere. Auch Anthony Sinclair, der aus Sean Connery James Bond machte, orientierte sich an diesem Stil (lesen Sie mehr dazu in ▹Agentenmode und ▹Scotland Forever), schließlich war der Regisseur Terence Young Offizier in einem Garderegiment gewesen. Da lag es nahe, dass er Connery zu seinem Schneider schleppte.

Der Herzog von Windsor sagte über seinen ▹SchneiderFrom 1919 until 1959 –- a space of forty years -– my principal tailor in London was Scholte. It is a firm which, alas, no longer exists… [Scholte] once told me that as a young man he had had to serve ten years of arduous apprenticeship before he was allowed to cut a suit for a client. He had the strictest ideas as to how a gentleman should and should not be dressed…he disapproved strongly of any form of exaggeration in the style of the coat …As befitted an artist and craftsman, Scholte had rigid standards concerning the perfect balance of proportions between shoulders and waist in the cut of a coat to clothe the masculine torso. Fruity [Metcalfe] who, for all his discretion of costume was always ready for some experiment, had sinned by demanding wider shoulders and a narrower waist. Thus, for some time, he was excluded from Scholte’s sacred precints. These peculiar proportions were Scholte’s secret formula.

Der Unterschied zu Attolini und Caraceni war allerdings, dass die Savile Row in den dreißiger Jahren bei ihrem ▹natural look Stoffe verwendete, die zwischen 13 und 20 Unzen wogen. Die kann man auch zur Moorhuhnjagd anziehen, garantiert thornproof. Die einmal geschneiderte Form blieb immer erhalten, der Anzug veränderte sich nicht; formtreu, wie es bei C&A in den fünfziger Jahren hieß. Noel Coward pflegte seine Anzüge gegen die Wand zu werfen, damit sie weicher wurden. Ich glaube, das war vergebene Liebesmühe. Fred Astaire bat das Personal bei Anderson & Sheppard, wenn er seinen neuesten Anzug anprobierte, die Teppiche wegzuräumen. Und tanzte dann durch den Laden. Er brauchte Bewegungsfreiheit in seinen Anzügen.

Frederick Scholte hielt nicht viel von den Größen des Showgeschäfts, sie mochten Millionäre sein und durch den Laden tanzen, aber sie waren keine Gentlemen. Scholte hatte den jungen Schweden Per Anderson ausgebildet, der später Sidney Sheppard als Kompagnon in seine Firma aufnahm. ▹Anderson & Sheppard ist heute immer noch der berühmteste Name der Savile Row. Genau genommen sitzen sie in der Old Burlington Street, aber das zählt zur Savile Row sozusagen dazu. Das ▹neapolitanische Jackett von Caesare Attolini wird nicht auf der Stelle ein Renner sein, die italienische Oberschicht bevorzugt noch lange den englischen Stil und englische Kleidung. Deshalb werden Firmen wie Chester Barrie und ▹Simon Ackerman in Italien auch noch lange Erfolg haben. Richard Froomberg, der die Boutique Grey Flannel in London besitzt, hat dazu gesagt: The English wear Italian because they think it’s chic. And the Italians wear English because they think it’s chic.

Wenn man die fließenden Linien des natural style der Engländer mit Stoffen erreichen will, die weniger als 13 Unzen wiegen, dann ist das nicht so einfach. Mein Versuch, meine Oma Ende der fünfziger Jahre zu überreden, die Schulterpolster und den ▹Brustplack aus meinem Tweedjackett zu nehmen, scheiterte. Das geht nicht, Dschunge, sagte sie und erklärte mir, warum das an meinem Jackett nicht ging. Aber ein Oberhemd mit blau-weißen Streifen hat sie mir genäht, ich war der einzige im Ort, der so etwas besaß. Die Modezeichnungen wie diese hier verhießen dem Konsumenten etwas, was an den neapolitanischen Stil und den drape look heranreichte, die Wirklichkeit des Alltags der fifties sah anders aus. Ganz anders.

Der englische Schneider ▹Steven Hitchcock hat zu dem Thema der natürlichen Linie gesagt: You’ve got to have the techniques and the cutting skills and the tailors. The craftsmen have got to be even better than they were thirty or forty years ago. When you look at [one of our suits], hopefully it will look the same as Cary Grant, Fred Astaire and the Duke of Windsor, but the tailoring is actually much better. With more lightweight cloths, the tailoring is much more luxurious now, but it’s very difficult to achieve – we can only make 150 suits a year. You have to be a much better craftsman today. Das Bild hier zeigt ein Sakko von Attolini mit der neapolitanischen Schulter, die das Gegenteil einer Cifonelli Schulter ist, bei der Giacca a Mappina ist sie locker eingesetzt wie ein Hemdärmel.

Als Vincenzo Attolini den berühmten Gennaro Rubinacci verlässt, macht er sich kurz vor dem Zweiten Weltkrieg in der Via Vetriera in Neapel mit einem Atelier selbstständig. Das hat noch nichts von der Fabrik seines Sohnes Caesare in Casalnuovo di Napoli (die liegt zwischen IKEA Napoli und dem Fiat Werk) an sich. Hier arbeiten heute 130 Schneider und Schneiderinnen, ich nehme mal an, dass die Mädels hier die Knopflöcher nähen. Attolini macht gute Knopflöcher, aber die von Kiton sind viel eindrucksvoller.

Und ich möchte an dieser Stelle einmal anfügen, dass ich letztens ein zwei Jahre altes, aber nie getragenes Regent Jackett gekauft habe (5 € bei ebay), das so erstklassige Knopflöcher hat, wie ich sie in den letzten Jahrzehnten noch nie an einem Regent Jackett gesehen habe. Knopflochfetischischten lesen an dieser Stelle bitte einmal die Posts ▹Ärmelknöpfe und ▹Ärmelfutter. In letzterem findet sich das schöne Zitat von Tom Wolfe über die Cypriot seamstresses who made buttonholes and can’t speak any English findet. Wer wunderbare Knopflöcher kann, verdient nie so viel wie ein Schneider, das wird bei Attolini nicht anders sein.

Das Atelier von Vincenzo ist etwas mehr als fünfzig Quadratmeter groß. Eine Art Wohnzimmer für die Bourgeoisie von Neapel. Die Wände sind voller Gemälde, viele Kunden von Attolini bezahlen ihren Anzug mit Kunstwerken, weil sie wissen, dass der Meister das mag. Attolini liebte auch die Oper, über die er mit Kunden und Freunden gerne diskutierte. Zu seinen Freunden zählte auch der Schauspieler Totò (der Mann mit den längsten Adelstiteln Italiens). Attolini hatte im Gegensatz zu Frederick Scholte nichts gegen Schauspieler. Diese beiden Herren tragen Attolini, ob der Bikini von der jungen Dame auch von Attolini ist, das weiß ich nicht.

Der Film ▹It Started in Naples, in dem Clark Gable und Vittoria de Sica in Anzügen von Attolini zu sehen sind, war eine gute Reklame für Attolini. Heute ist es ein Film wie La Grande Bellezza (Filmbild), aber heute braucht die Firma Werbung wahrscheinlich nicht mehr. Der Schnitt der Jacketts ist dergleiche geblieben, aber das Bild der Frau hat sich in einem halben Jahrhundert doch verändert. War es 1960 noch ein halbwegs züchtiger blauer Bikini, räkeln sich jetzt nackte Schlampen auf dem Fauteuil.

Film und Mode gehen in Italien nach dem Zweiten Weltkrieg Hand in Hand, Sie könnten jetzt mal eben den Post ▹Cinecittà und die Mode lesen, dann wissen Sie mehr. Und ich brauche das nicht zu wiederholen, dieser Post hier wird eh zu lang. Vittoria de Sica war Kunde bei Rubinacci gewesen, aber als Attolini Rubinacci verließ, folgte de Sica dem Meisterschneider in die Via Vetriera. Er wusste, dass er bei ihm richtig war, um das oberste Ziel des italienischen Mannes zu erreichen: fare una bella figura

Das wusste auch Marcello Mastroianni, der auch Kunde bei Attolini war, obgleich es ihm nicht klar war, dass er plötzlich ein Star war, den jeder imitieren wollte: Jemand sagte zu mir viele Jahre später: ‚Als wir dich in ‚Das süße Leben‘ in so bestimmten gestreiften Hemden, in diesem weißen Anzug und mit dieser Sonnenbrille gesehen haben, wollten wir wissen, wo wir diese Sache kaufen könnten‘. 

Oder das Auto, das ich fuhr, diesen Triumph Spider, der wieder Mode wurde. Denn es stimmt,dass jener Marcello aus ‚Das süße Leben‘, der den Antihelden darstellte, fast schon die Rolle des Helden übernommen hatte. Damals habe ich das nicht begriffen, weil noch nie ein Fan-girl auf mich am Hoteleingang oder vor einem Filmsaal gewartet hatte. Meine Oma hat nie einen Film mit Mastroianni gesehen, deshalb wusste sie auch nicht, weshalb ihr Enkel ein Hemd mit Streifen brauchte, kaum dass er ▹Das süße Leben gesehen hatte.

Neapel ist ein Paradies, jedermann lebt in einer Art von trunkner Selbstvergessenheit. Mit geht es ebenso, ich erkenne mich kaum, ich scheine mir ein ganz anderer Mensch. Gestern dacht‘ ich: ‚Entweder du warst sonst toll, oder du bist es jetzt‘, schreibt Goethe in seiner Italienischen Reise. Man glaubt in Neapel, nicht erst seit den Tagen von Goethe oder des Schneiders Vincenzo Attolini, dass dies die eleganteste Stadt Italiens ist. Dass hier die besten Schneider sitzen und hier die bestangezogenen Herren auf den Straßen flanieren. Nicht in Rom oder Mailand. Nein, in Neapel, wo der Müll und die Mafia zu Hause sind. Es wird die Neapolitaner geschmerzt haben, dass ihre Stadt in Alan Flussers Style and the Man überhaupt nicht erwähnt wird. Rom und Mailand schon.

In den neunziger Jahren kam Kiton nach Deutschland, niemand redete damals on Attolini. ▹Hans Carl Capelle nahm in seinem Laden ▹Kelly’s einige Stücke ins Angebot und sicherte sich selbst einen grauen Zweireiher. Den er immer trug, wenn er zur Industrie- und Handelkammer musste. Aber er konnte sich nicht wirklich entschließen und vertraute lieber auf ▹Zegna, die damals noch Qualität lieferten, und ▹Caruso.

Es waren eher die Händler in Süddeutschland, die die Marke Kiton propagierten. W.J. Stamm in Nürnberg (der sich 2002 zum vierzigjährigen Jubiläum sogar eine Festschrift gönnte), Rudolf Böll (der ▹hier schon einen Post hat) oder Max Dietl. Für Fritz Unützer gab es neben Kiton nur noch ▹Caruso, er sagte in einem Interview, Caruso sei das einzige Produkt in dieser Preislage, das in der Anmutung in die Nähe eines Kiton-Sakkos kommt. Warum redet niemand von Attolini? Die Antwort ist ganz simpel: die sind noch gar nicht im Geschäft.

In der Selbstdarstellung der Firma Attolini wird uns vorgegaukelt, dass es eine direkte Linie von Vincenzos neapolitanischem Jackett zur heutigen Firma gibt. Hier ist eins, das Attolini in den dreißiger Jahre in seiner Zeit bei Rubinacci gemacht hat, man kann sehr schön die barchetta Form der Brusttasche sehen. Aber es gibt diese ungebrochene Tradition nicht. Vincenzo Attolinis Sohn Cesare arbeitet in den fünfziger und sechziger Jahren für alle möglichen Firmen. In den neunziger Jahren gründet er eine eigene Firma, die er Sartorio nennt, er verkauft sie 2002 an ▹Kiton. Kiton bringt dann die Marke Sartorio 2009 auf den amerikanischen Markt, preislich etwas günstiger als ihr Kiton Label.

Zu Kiton hat Cesare Attolini, der immer noch in der Firma ist, ein besonderes Verhältnis. Denn als Ciro Paone und Antonio Carola die Firma gründen, sind zwei Spezialisten für die Kollektion verantwortlich. Der eine heißt Enrico Isaia, er ist für das Design von Kiton zuständig. Ganz nebenbei hat er mit seinen Brüdern schon seit 1957 eine eigene ▹Firma. Die noch ein etwas preiswerteren Zweitlabel namens Michelangelo hat (für den amerikanischen Markt hat Isaia noch eine Zweitmarke namens Eidos). Der zweite Spezialist, dem die ganze Schneiderei untersteht, ist niemand anderer als Cesare Attolini. Wenn man so will, könnte man sagen, dass aus Kiton nichts geworden wäre, wenn sie nicht Cesare Attolini gehabt hätten. Das wird allerdings auf den Seiten von Attolini niemals erwähnt.

Heute sitzen keine Schneider mehr im Schneidersitz auf dem Tisch, die Fabrik von Attolini sieht aus wie jede andere Fabrik, die ▹Maßkonfektion herstellt. Es gibt 130 Schneider, und man produziert ungefähr 35 Anzüge am Tag. Für einen Anzug braucht man 25 bis 30 Stunden. Was Attolini am Tag herstellt, wird in einer der vielen Fabriken von Boss wahrscheinlich in der Stunde fertiggestellt werden. Trotz einer großen Nachfrage werden die Produktionszahlen nicht erhöht. Der jüngste Sohn von Cesare Attolini hat auch noch eine eigene kleine Fabrik, in der dreißig Schneider arbeiten.

Seine Marke heißt ▹Stile Latino und die Klamotten sehen ziemlich wild aus. Das ist nicht jedermanns Geschmack. In einem Blog namens Seestrasse7 kann man diesen wunderbaren Schmäh lesen: das Preis-Leistungsverhältnis einen Anzuges aus dem Hause Partenopea sucht in der sartorialen Welt ihresgleichen. Kiton ist, abgesehen von absurder Preisgestaltung, heute nur noch in Gebrauchtwagenhändler-Kreisen ein Muß. Attolini hat auch ordentlich Glanz verloren, die neue Linie „Stile Latino“ überzeugt uns nicht und Brioni ist der textile Seniorenteller. 

Seniorenteller? Das hier ist ein neues ▹Brioni Modell. Bestimmt nicht vom Seniorenteller, aber ein Ausdruck der reinen Verzweiflung. Als die Marke von dem französischen Pinault Konzern übernommen wurde, feuerte man den Chef ▹Umberto Angeloni, den man einmal Mr Brioni nannte. Und das war saudumm. Angeloni kaufte sich bei Caruso ein, und Brioni ist ▹finanziell im freien Fall nach unten. Und versucht sich mit solchen Scheußlichkeiten an ein jugendliches Publikum ranzuschmeißen. Italiens Problem ist, dass sie zuviele Sartoria Firmen besitzen, die sich gegenseitig Konkurrenz machen. Das Problem haben wir in Deutschland nicht. Da haben wir niemanden, der in der Liga von Kiton, Attolini, Partenopea, Brioni, d’Avenza, Isaia, Belvest, Caruso, Luciano Barbera, Cantarelli, Santandrea, Antonio Fusco, Canali und Pal Zileri (um nur mal einige Namen zu nennen) mitspielen kann. Auch Regent nicht. Ein Schneider wie Heinz-Josef Radermacher in Düsseldorf schon, aber der produziert keine Massenware.

Mein erstes Attolini Jackett hat mich 19 Euro gekostet, es hatte dieses Label. Denn Attolini hat mal eine Zeit lang für ▹Luciano Barbera die collezione sartoriale hand made in Italy gemacht. Luciano Barbera hatte für seine Luxuslinie auch andere Lieferanten als Attolini, aber mein Jackett ist einwandfrei von Cesare Attolini. Vielleicht hätte ▹Luciano Barbera lieber die Finger von der ▹Konfektion lassen und sich auf die von seinem Vater Carlo geerbte Weberei konzentrieren sollen. Denn die ist vor Jahren in finanzielle Schwierigkeiten geraten, 2010 hat sich Kiton die Aktienmehrheit gesichert. Was natürlich irgendwie passend ist, denn bei der Geburtsstunde der Firma Kiton war Luciano Barbera im Hintergrund auch dabei. Die neue Luxusfirma brauchte ja gute Stoffe, und die kommen immer noch von ▹Carlo Barbera. Heute kann man Luciano Barbera (aber nicht die Luxuslinie) bei ▹Amazon kaufen, da möchte Attolini nie hin.

Attolini-Menschen lieben Qualität, aber sie haben nicht nötig, das zu zeigen. Unser Stil ist es, natürlich zu sein, einfach natürlich, hat Massimiliano Attolini (im Bild rechts neben seinem Bruder Giuseppe) gesagt. Wunderbare Sprüche können sie, die Italiener. Wunderbare Jacketts auch. Konfektionsgrößen können sie überhaupt nicht, das ist bei Kiton, Brioni und Isaia nicht anders. Da hilft nur anprobieren, anprobieren.

Und wenn Sie ein Attolini Jackett bei ebay ersteigern wollen, lassen Sie sich vom Händler die genauen Maße für Schulter, Brust, Bauch und Ärmel geben. Alle Größen, die die Italiener auf die in den Taschen verborgenen Etiketten schreiben, sind erlogen. Mein Attolini Jackett war mir eine Spur zu lang, ich brachte es zum Schneidermeister ▹Yesilyurt, damit er es zwei Finger kürzer machte. Was er wirklich perfekt gemacht hat, man kann nicht sehen, wo Attolini aufhört und wo Yesilyurt anfängt. Er könnte bestimmt bei Attolini einen Job kriegen, aber ich bin froh, dass er hier bei mir um die Ecke ist.

Die Antwort auf die Frage der Titelzeile ist natürlich: Why, Chanel No. 5, of course. ▹Marilyn Monroe soll das gesagt haben. Sie hat es wirklich so ähnlich gesagt. In einem ▹Interview mit Georges Belmont, dem Chef von Marie Claire, hat sie 1960 gesagt: You know, they ask you questions. Just an example: What do you wear to bed? Do you wear a pyjama top? The bottoms of the pyjamas? Or a nightgown? So I said Chanel No. 5. Because it’s the truth.

Es ist jetzt etwas pikant, nach der Frage What do you wear to bed? einen Buchtitel wie Sleeping with the Enemy zu präsentieren, ist aber nicht ohne Witz. Die Firma Chanel vermarktet Marilyn Monroe mit ihrer Frage What do I wear in bed? heute neu, das ist sehr peinlich. Aber was kann man von einer Firma erwarten, die von einer Nazi Kolloborateurin namens Gabrielle Bonheur Chasnel gegründet wurde? Und für die Karl Lagerfeld arbeitet? Coco Chanel hat heute Geburtstag, sie bekommt keinen neuen Post. Sie hatte hier schon einen. Der war nicht sehr nett, ging aber nicht anders.

Aber morgen, da gibt es hier was Nettes: einen langen Post über die italienische Firma Attolini und die italienische Luxusmode. Ganz ohne Kollaborateure. Und ohne Karl Lagerfeld.

Es war mal wieder schlimm mit dem Tinnitus, er kommt und geht. Ich habe das schon in Mozarts Klaviersonaten erwähnt, aber den ganzen Tag Mozart hören, das geht auch nicht. Also legte ich eine von den CDs ein, die Achim Körnig mir gebrannt hat, wunderbarer Jazz. Fing gleich gut an, aber wer spielte das Saxophon? Glücklicherweise ist das alles handschriftlich beschriftet, und da stand: Thomas/Metheny Lush Life. Gibt es das noch auf CD? Ich dachte mir, dass Amazon Gary Thomas vielleicht nicht kennen würde, dass sie aber bestimmt schon mal von Pat Metheny gehört haben. Also gab ich Metheny Lush Life ein. Das Ergebnis war einigermaßen verblüffend: Für „Pat Metheny Lush Life“ wurden 0 Ergebnisse gefunden, und dann noch: Amazon verkauft keine Pflegeprodukte von Lush. Inzwischen weiß ich, dass die englische Firma Lush etwas mit Seife zu tun. Nicht die Seife, die ich benutze. Ich habe noch massenhaft Pears Soap gehortet (die schon in Spätrömische Dekadenz erwähnt wird), benutze jetzt aber Yardley. Deren schönes Rasierwasser es ja leider nicht mehr gibt. Aber lassen Sie mich zu Lush Life zurückkommen (Sie können das Saxophon von Gary Thomas hier hören).

Und hier fängt meine Geschichte von Lush Life an, auf dem Hamburger Jungfernstieg. Ein Kino namens Streit’s, mit Apostroph-s. Links davor können Sie noch in das Schaufenster von Prange hineinschauen, wo man damals noch Schuhe von Julius Harai kaufen konnte. Das ist lange her, das Premierenkino Streit’s gibt es nicht mehr, da ist jetzt ein schwedischer Luxusbaumarkt namens Clas Ohlson drin. Es hat Rettungsversuche gegeben, aber was kann gegen schwedische Luxusbaumärkte unternehmen? Es kommen ja schlimme Dinge aus Schweden: Ikea, H&M und Henning Mankell.

Ich könnte jetzt über die Geschichte von Streit’s Hotel schreiben, über Christian Streit, den man den König der Gastwirthe nannte. Vor dessen Hotel zum ersten Mal das Lied der Deutschen gesungen wurde und wo die Ständeversammlung im 19. Jahrhundert dem dänischen König huldigte. Ein anderer dänischer König stieg nicht im Streit’s ab, sondern im Hotel Hamburger Hof. Das war der, der im Puff einen Herzinfarkt hatte; steht schon im Post Jungfernstieg, deshalb kann ich mich in dem Punkt kurz fassen. Und Sie mal eben mitnehmen vor das Streit’s Kino an einem nieseligen Nachmittag in der Zeit, als man noch Schwarzweiß photographierte. Und dachte.

Das nieselige Hamburger Wetter störte mich nicht, ich hatte meinen blauen Burberry von Charlie Hespen an, ein Mantel, der mich wie der Trenchcoat von Hans Kalich jahrezehntelang begleitet hat. Ich sehe aus wie einer dieser jungen Franzosen, die sich in dem Post Blazer finden, nur dass mein Burberry nicht weiß ist. Ein blauer Burberry war für einen Bremer in Hamburg die richtige Verkleidung, es gibt da ja eine uralte Feindschaft zwischen den beiden Städten. Die sich im vornehmen Fall so äußert wie am Ende des Posts Ästhetik. Im nicht so vornehmen Fall sagt der Hamburger zum Bremer: Mok Platz inn Rinnstein, do will ek legen.

Ich wollte ins Kino, aber zwanzig Meter davor enteckte ich eine kleine Menschenmenge, die sich um einen Tapeziertisch drängte. Der Tapeziertisch, provisorisch mit einer Plastikfolie gegen den Hamburger Nieselregen abgedeckt, war voller Langspielplatten. Drei Mark das Stück. Drei Mark waren 1960 auch Geld, aber eine Langspielplatte kostete normalerweise mehr. Ich hatte keine Ahnung, wer Eugenie Baird war, aber ich kaufte diese Platte hier. Weil da Duke Ellington draufstand und ich viele Titel auf dem Cover kannte. Denn schließlich war ich in einer amerikanischen Enklave aufgewachsen, mit dem amerikanischen Soldatensender  AFN und dem Great American Songbook. Lush Life war auch auf der LP, die ich immer noch besitze. Sie klingt immer noch wie neu.

Und den Text von Billy Strayhorn kann ich immer noch mitsingen:

I used to visit all the very gay places

Those come what may places

Where one relaxes on the axis of the wheel of life

To get the feel of life

From jazz and cocktails

The girls I knew had sad and sullen gray faces

With distingué traces

That used to be there you could see where

They’d been washed away

By too many through the day

Twelve o’clocktails


Then you came along with your siren’s song

To tempt me to madness

I thought for a while that your pointed smile

Was tinged with the sadness

Of a great love for me

Ah yes I was wrong

Again I was wrong


Life is lonely again

And only last year

Everything seemed so assured

Now life is awful again

And the thoughtful of heart

Could only be a bore


A week in paris will ease the bite of it

All I care is to smile in spite of it

I’ll forget you I will

And yet you are still

Burning inside my brain


Romance is mush

Stifling those who strive

I’ll live a lush

Life in some small dive

And there I’ll be

While I rot with the rest

Of those whose lives are lonely too

Die LP von Eugenie Baird aus dem Jahre 1959 (auf der auch Ben Webster zu hören ist, den man damals auch auf Belafonte sings the Blues fand) ist wohl ihre berühmteste LP gewesen. Eugenie Baird war keine große Sängerin, sie war nicht in der Liga, in der Billie Holiday sang. Aber sie war bei Big Bands beliebt, war auch in Filmen zu hören. Die Hamburger LP war meine erste Platte mit einer Jazzsängerin, inzwischen ist der Stapel mit CDs von singenden Frauen größer als ich. Das habe ich wahrscheinlich schon in dem Post Ingeburg Thomsen gesagt. Jazz bedeutete für uns damals noch nicht Charlie Parker, dahin tasteten wir uns vor. Es war die große Zeit des Zickenjazz (einer Form, auf der auch der englische Dichter Philip Larkin stehengeblieben war), die große Zeit von Chris Barber und dem Trad JazzSkiffle nicht zu vergessen.

Den besten Jazz gab es im Kino, die französischen Filme hatten zum Teil tolle Soundtracks. Dieser hier, Ascenseur pour l’Echafaud, hat die berühmteste Filmmusik. Klicken Sie einmal diese Szene an, wo Jeanne Moreau zur Musik von Miles Davis durch Paris geht, unglaublich. Jeanne Moreau ist ja leider gerade gestorben, wahrscheinlich bekommt sie noch einen Post. Da kommt diese Szene bestimmt wieder vor. Damals hockte ja die halbe amerikanische Jazzwelt in Paris, aus der Heimat vertrieben durch Rassismus und McCarthy. Es gibt da wunderbare Sammlungen wie zum Beispiel die der Gitanes Jazz Productions, die habe ich schon in den Posts Sempé und Don Byas erwähnt.

Billy Strayhorn hatte 1933 mit dem Song Lush Life begonnen, 1938 war er fertig. Duke Ellington mochte den Song nicht, stellte aber das Wunderkind Billy Strayhorn ein. Der natürlich seinen Song selbst gesungen hat. Beinahe jeder hat diesen Jazzstandard gesungen, auch Country Sängerinnen wie Linda Ronstadt. Eine der berühmtestenAufnahmen ist die von John Coltrane und Johnny Hartman (mit John Coltrane war der junge Harry Belafonte ja auch einmal aufgetreten). Die Aufnahme von Gary Thomas und Pat Metheny findet sich übrigens auf der CD Till we have faces.

Wenn Sie heute nach Lush Life suchen, dann erzählt Ihnen Amazon wie gesagt: Amazon verkauft keine Pflegeprodukte von Lush. Amazon zensiert, und lobte Dinge nach oben, wie Google das auch tut. Wenn Sie heute bei Google Lush Life eingeben, dann ist das erste Ergebnis natürlich nicht der Jazz Klassiker von Billy Strayhorn. Ergebnis Nummer Eins ist eine Schwedin namens Zara Larsson mit ihrer CD Lush Life Songtext von Zara Larsson. Wir fügen das mal eben zu den schwedischen Haßobjekten Ikea, H&M und Henning Mankell hinzu. Schwedische Sängerinnen wie Monica Zetterlund und Viktoria Tolstoy fallen natürlich nicht unter diesen Bannfluch.

Im Rahmen des Krimisommers in 3sat zeigen wir vier Edgar-Wallace-Verfilmungen von Regisseur Alfred Vohrer. Zu sehen sind ‚Das Gasthaus an der Themse‘, ‚Der Zinker‘, ‚Der Hexer“’sowie ‚Neues vom Hexer‘. Das steht auf der Internetseite von 3sat. Und ich hatte mich schon gewundert, wo Anfang Juli plötzlich die vielen ➱Edgar Wallace Filme herkamen. Aber es ist das Sommerloch, da kann man alles senden.

In dem Post zu ➱Siegfried Schürenberg habe ich vor zwei Jahren geschrieben: Dabei konnte der Schauspieler Siegfried Schürenberg natürlich viel mehr, als stereotyp einen vertrottelten Londoner Polizeichef zu spielen. Ich habe seit Jahrzehnten die Idee, einmal über die deutschen Edgar Wallace Verfilmungen zu schreiben, über ihre Schauspieler, ihre Struktur, über das, was sie uns über das deutsche Publikum sagen. Aber ich bin nie dazu gekommen. Es gibt dazu erste Ansätze in diesem Blog wie die Posts ➱Edgar Wallace, ➱Dieter Borsche, ➱Trenchcoats, ➱Heinz Drache und ➱Film und Mode zeigen.

Es wäre eine schöne Idee, einmal die Ideologie und die Ikonographie der Wallace Filme zu untersuchen. Bei Wikipedia, die eine recht gute ➱Seite zu den Filmen haben, finden sich die Sätze: Trotz ihres großen Erfolgs stießen die Edgar-Wallace-Filme mit Ausnahme der Boulevard- und Tageszeitungen bei fast allen Filmkritikern auf breite Ablehnung. 

Die zum Teil bis heute zitierten Rezensionen, von denen manche den Wallace-Filmen jeglichen ästhetischen oder künstlerischen Anspruch aberkennen oder einige sogar mit Propagandafilmen des Dritten Reiches vergleichen, müssen heute im Zusammenhang mit den gesellschaftlichen und politischen Veränderungen in den 1960er Jahren betrachtet werden. Eine unvoreingenommene, wissenschaftliche Auseinandersetzung mit den Edgar-Wallace-Filmen fand bis heute nur ansatzweise statt.

Schon George Orwell hatte über Wallace gesagt: It would be interesting and I believe valuable to work out the underlying beliefs and general imaginative background of a writer like Edgar Wallace. Orwell schrieb das in einem Brief an Geoffrey Gorer und fügte dem Satz noch hinzu: But of course that’s the kind of thing nobody will ever print. Doch das Kriminalgenre, das soviel Ideologie transportieren kann, hat ihn nicht losgelassen, wenig später schrieb er seinen berühmten Essay ➱Raffles and Miss Blandish. In dem Edgar Wallace natürlich nicht fehlen durfte. Orwell redete über die Romane von Wallace, die deutschen Wallace Verfilmungen haben wenig mit den Romanen zu tun.

Wallace ist mit seinen Romanen Millionär geworden, Wilhelm Goldmann, der 1928 die Buchrechte von Wallace kaufte, sicher auch. Die Übersetzer der Romane auf keinen Fall. Ich habe Freunde, die während ihres Studiums für Goldmann übersetzt haben, die bekamen für ihre Arbeit so gut wie nichts. Ich will gegen den alten Goldmann nichts sagen, er schickte mir eine Flasche Sekt, als ich Goldmann Autor wurde.

Nein, nicht für Krimis, Goldmann hatte ja mal eine sehr angesehene wissenschaftliche Reihe, die Das Wissenschaftliche Taschenbuch hieß. Die Frau, die mein Manuskript lektorierte, hieß Dr Gertrud Wimmer, sie hat alle meine Zitate in der Münchener Staatsbibliothek überprüft. So viel Genauigkeit gab es selbst bei Suhrkamp nicht. Als Wilhelm Goldmann starb und Bertelsmann den Verlag kaufte, war das Wissenschaftliche Taschenbuch die erste Sache, die eingestampft wurde. Wallace geht immer, Wissenschaft nicht.

3sat hat sich Filme von Alfred Vohrer herausgepickt, Das Gasthaus an der Themse ist dabei, der größte Erfolg an den Kinokassen. Ein besonders hervorragender Regisseur ist Alfred Vohrer nicht gewesen, aber seit Quentin Tarantino in Berlin Alfred Vohrer is a genius! gerufen hat, denken manchen Kritiker darüber nach, ob sie ihre Meinung über Alfred Vohrer ändern sollten.

George Orwell hat 1944 über die Helden von Edgar Wallace gesagt: His own ideal was the detective-inspector who catches criminals not because he is intellectually brilliant but because he is part of an all-powerful organization. Hence the curious fact that in Wallace’s most characteristic stories the ‚clue‘ and the ‚deduction‘ play no part. The criminal is always defeated by an incredible coincidence, or because in some unexplained manner the police know all about the crime beforehand. The tone of the stories makes it quite clear that Wallace’s admiration for the police is pure bully-worship.

A Scotland Yard detective is the most powerful kind of being that he can imagine, while the criminal figures in his mind as an outlaw against whom anything is permissible, like the condemned slaves in the Roman arena. His policemen behave much more brutally than British policemen do in real life–they hit people with out provocation, fire revolvers past their ears to terrify them and so on -and some of the stories exhibit a fearful intellectual sadism. (For instance, Wallace likes to arrange things so that the villain is hanged on the same day as the heroine is married.) But it is sadism after the English fashion: that is to say, it is unconscious, there is not overtly any sex in it, and it keeps within the bounds of the law.

Das ist natürlich etwas ganz anderes als in den deutschen Filmen, wo Scotland Yard etwas desorganisiert ist und der Chef leicht vertrottelt agiert. Und die Kommissare Joachim Fuchsberger (13 Filme) oder Heinz Drache (9 Filme) nichts von dem Ideal von Wallace mitbringen. Und Wallaces Inspector Elk ein ganz anderer ist als Siegfried Lowitz. Und dennoch haben wir diesen Trash der sechziger Jahre liebgewonnen.

Weil wir zum Beispiel Agnes Windeck lieben. Die Schauspiellehrerin, die auch ➱Miss Marple synchronisierte, hatte bestimmt Spaß bei dem ganzen Unsinn (Siegfried Schürenberg in sechzehn Filmen auch). Wir können an diesem Photo (mit Barbara Rütting links) sehen, dass in diese Filme von Zeit zu Zeit der deutsche ➱Expressionismus der zwanziger und dreißiger Jahre hineinschwappt. Eine solche Ausleuchtung, die an den ➱Film Noir erinnert, haben wir immer, wenn es besonders unheimlich sein soll. Und sicherlich ist in den Filmen (wie auch in den Romanen von Wallace) immer noch ein Rest der ➱Gothic Novel zu finden.

Für manche Schauspieler war eine Rolle in einem Wallace Film schnellverdientes Geld. Für manche war es das Ende der Karriere, da war ihnen alles egal. Rekordhalter in Auftritten war Eddi Arent, der in 23 Edgar Wallace Kriminalfilmen zu sehen war. Er sorgte für das komische Element, obgleich die Filme an sich schon komisch genug waren. Manche schafften es, aus der Welt von Edgar Wallace zu entkommen. Wie ➱Karin Dor (5 Filme, hier in Der grüne Bogenschütze etwas leichter bekleidet), die noch bei Hitchcock und James Bond zu sehen war. Und Klaus Kinski (16 Filme) war natürlich zu Höherem berufen, als Noch einen Wunsch, Mylady? zu sagen.

Weil 3sat Neues vom Hexer sendete, konnte man auch noch Margot Trooger sehen, die mochte ich immer. Sie hatte ihren ersten Auftritt auf der Bühne 1947 in Bremen, und in Bremen hat sie auch noch mit Peter Zadek Ich bin ein Elefant, Madame gedreht. Mit dem hatte sie schon in Die Dame in der schwarzen Robe zusammengearbeitet, Zadeks erstem Krimi für das deutsche Fernsehen.

Kann ich einen von Deinen Gangsteranzügen bekommen, fragte mein Bruder beim Mittagessen. Mein Vater war etwas pikiert, dass seine Zweireiher als Gangsteranzüge bezeichnet wurden. Aber der amerikanische Gangsterfilm der zwanziger Jahre hatte den Zweireiher zu eben diesem Kleidungsstück gemacht, das man mit dem Gangster assoziiert (lesen Sie mehr in ➱Kleider machen Leute ➱Bonnie und Clyde).

Mein Bruder bekam einen Anzug (beinahe schwarz mit feinen roten und weißen Streifen) und ließ ihn sich bei dem Schneider Anton Schiwal umarbeiten. Das erste Mal, das ich ihn in dem Anzug sah, war in einer Vollversammlung an der Uni. Er war vor das Mikrophon getreten und forderte den Rücktritt des ➱Kultusministers. Herr von Heydebreck trat auch eine Woche später zurück, daran kann man sehen, dass Gangsteranzüge eine gefährliche Sache sind. Man muss aber dazu sagen, dass an dem Abend noch zahlreiche andere Studenten den Rücktritt des Ministers forderten, die keinen Gangsteranzug trugen.

Colin McArthur hat in seinem Buch Underworld USA aufgezeigt, welche Bedeutung Kleidung innerhalb der Ikonographie besitzt. Robert Warshow hat in ➱The Gangster as Tragic Hero gesagt: Like other tycoons, the gangster is crude in conceiving his ends but by no means inarticulate; on the contrary, he is usually expansive and noisy (the introspective gangster is a fairly recent development), and can state definitely what he wants: to take over the North Side, to own a hundred suits, to be Number One. In vielen Gangsterfilmen (wie zum Beispiel in The Public Enemy) gibt es Szenen, in denen sich der Bandenchef bei seinem Schneider einen neuen Anzug machen lässt.

Diese Gangster tragen keine ➱Lederjacken und keine Schiebermützen mehr, aber sie beweisen uns, dass der französische Gangsterfilm von den Amerikanern gelernt hat. Ob das der ➱Borsalino von ➱Alain Delon, der Trenchcoat von ➱Yves Montand (in Vier im roten Kreis) oder der elegante Zweireiher von Jean Gabin sind, Kleidungsstücke bekommen jetzt eine symbolische Bedeutung. Sie brauchen keine hundred suits, sie haben die besten Schneider von Paris.

Die deutschen Edgar Wallace Filme machten von den ikonographischen Möglichkeiten, die der amerikanische Gangsterfilm und der französische Gangsterfilm in bezug auf die Symbolik der Kleidung entwickelt haben, wenig Gebrauch. Ein Bösewicht braucht doch nur auszusehen wie Werner Peters, wenn er böse guckt. Das muss nicht noch durch vestimentäre Symbole betont werden.

Mode und Filmmusik sind ein Spiegelbild ihrer Zeit: Miniröcke, nackte Busen, reißerische Soundtracks, Marylin-Monroe-Chick, Turmfrisuren, Schlaghosen, Koteletten und breite, scheußlich gemusterte Krawatten. Kurz gesagt: Edgar-Wallace-Filme sind einfach klasse, steht in den Stuttgarter Nachrichten. Es ist eine Frage, wie man dieses klasse definiert. De gustibus non est disputandum. Gab es da wirklich nackte Busen? Ich dachte immer, dass die Filme FSK ab 16 waren und dass ein Filmbild wie dieses den Höhepunkt der Wallaceschen Erotik darstellte. Vielleicht sollte ich an dieser Stelle einen Satz von Wallace zitieren: An intellectual is someone who has found something more interesting than sex.

Alles soll in England spielen, aber selten wurde da ein Wallace Film gedreht. Man drehte in Hamburg und Berlin. Auch englische Filmgesellschaften drehen einen Film in Liverpool, der in London spielen soll, es kommt offenbar nicht so drauf an. Es werden viel schwarze ➱Melonen getragen, vorzugsweise von Eddi Arent. Und natürlich alle Sorten von ➱Trenchcoats, es war die große Zeit dieses Kleidungsstücks. Es war auch noch die große Zeit des Kinos, wo ➱Der Frosch mit der Maske Millionen ins Kino lockte. ➱German Grusel bewies den Satz, dass es unmöglich ist, von Edgar Wallace nicht gefesselt zu sein. Wenn er in kleinen Dosen daherkommt wie bei 3sat, dann gilt das wahrscheinlich noch heute.