Das erste Bild, das mir zum Thema Dichter und Mode einfällt, ist Nadars Portrait von ↝Baudelaire. Da steht er nun, im perfekten Gleichgewicht zwischen Bourgeoisie und Bohème. Er hat keine Angst vor Nadars Kamera, im Gegensatz zu seinem Kollegen Balzac. Der fest daran glaubt, dass ihm die Photographie einen Teil seiner selbst wegnehmen würde. Er redet da von Spektralschichten an seinem Körper, die verloren gehen würden. Was der Photograph etwas gehässig mit dem Satz Aber die Rundungen seines Bauches hätten Balzac durchaus gestattet, sich einiger Spektralschichten zu entledigen kommentierte.

Ich las letztens bei Joseph von Westphalen: Auf sämtlichen Fotos meiner karierten Kaschmirjacke kann ich mich mit der dargestellten Person identifizieren. Ein Mensch blickt mich an, der mit seiner Jacke im Einklang ist, der voll hinter der Mischung aus billig und edel steht. Billig und edel. Meine Jacke hat mich gelehrt, daß dies das ideale Motto meines Lebens ist. Billig und edel, so sollen auch meine Texte sein. Bloß nicht kostbar! Teuer und edel – das kann sich jeder Depp zusammenkaufen, wenn er Geld hat. Da ist ja teuer und geschmacklos noch besser. Über diese Mischung kann man sich wenigstens noch amüsieren. Frauen in teuren rosafarbenen Noppenstoff-Kostümen zum Beispiel. Eingefasste Revers. Entsetzlich. Traurig. Billig und geschmacklos hingegen, das hat was. Für diese Exzentrik besitze ich allerdings noch nicht die nötige Größe. Schriftsteller und ihre Kleidung, was sollen sie tragen, um unserem Bild von einem Schriftsteller zu entsprechen?

Soll er so aussehen, mit kurzen Hosen? In der Zeit konnte man lesen: Thomas Mann soll während des Verfassens seiner Bücher stets Anzug und Fliege getragen haben. Wären seine Werke in Jogginghose nur halb so gut geworden? Tommy Mann und ↝Jogginghosen sind natürlich eine ganz seltsame Idee. Er hätte selbst an heißen Tagen in Kalifornien bestimmt keine kurzen Hosen wie Hemingway getragen.

Ach, lassen Sie mich mit meinen Gewändern in Ruh, Lisaweta Iwanowna! Wünschten Sie, daß ich in einer zerrissenen Sammetjacke oder einer rotseidenen Weste umherliefe? Man ist als Künstler innerlich immer Abenteurer genug. Äußerlich soll man sich gut anziehen, zum Teufel, und sich benehmen wie ein anständiger Mensch, heißt es in Tonio Kröger. Thomas Mann weiß, wovon er schreibt, er zieht sich äußerlich gut an. Seine Sekretärin ↝Hilde Goldschmidt sagte über ihn: Seine schlanke Gestalt, sorgfältig, aber bei weitem nicht teuer oder vom Maß-Schneider gekleidet. Kann sie sich irren? Als er noch in der Schweiz war, ließ er sich seine Anzüge im London House in Zürich in der Bahnhofstraße schneidern. Soll es jetzt in Amerika anders sein? Oder ist das jetzt Joseph von Westphalens Mischung aus billig und edel?

Natürlich sind Photographien, die einen Schriftsteller beim Schreiben zeigen, eine Selbstinszierung. Und Thomas Mann ist ein Meister der Selbstinszenierung, here is the best picture ever made of me schreibt er 1944 auf ein Photo, das Trude Geiringer von ihm gemacht hat. Er verwandte das Bild dann auch als Autogrammkarte, wie hier, als er nach Dardesheim schreibt: Wenn ihr mir also euere Sympathie bewahrt habt, und auch heute noch an dem Wunsche festhaltet, euere Schule nach mir zu nennen, so stimme ich dem mit großem Vergnügen zu …

Dieser junge Mann sitzt gerade nicht am Schreibtisch, aber das Bild, das Henri Cartier-Bresson 1947 in New Orleans von dem jungen Truman Capote macht, wird zu dessen Ruhm beitragen. Er ist noch nicht berühmt wie Thomas Mann, er hat gerade die Geschichte ↝Miriam veröffentlicht, er muss das tun, was der berühmte Photograph will. Und so sitzt er mit einem weißen T Shirt auf einem weißen gusseisernen Gartenstuhl, umgeben von tropischen Pflanzen. Er ist nicht glücklich mit dem Photo: Yes, Cartier has done some portraits (they are very strange, I must say, but the photography is, of course, beautiful). Wie hätte Thomas Mann ausgesehen, wenn ihn Cartier-Bresson portraitiert hätte? In a portrait, I’m looking for the silence in somebody, hat der Photograph gesagt.

Dieser Herr hat es mit der Mode, sein Schneider Vincent Nicolosi hat dafür gesorgt, dass er immer elegant ist. Wahrscheinlich hat seit Oscar Wilde niemand so viel Wert auf Mode gelegt wie ↝Tom Wolfe. Irgendjemand hat ihn mal the Karl Lagerfeld of fiction writers genannt. Witzig. Der Mann, der wie ↝Mark Twain immer weiße Anzüge trägt, schreibt auch gerne über Mode. Wenn Sie ein wenig davon lesen wollen, dann klicken Sie den Post ↝Ärmelfutter an. Im Gegensatz zu Thomas Mann schreibt Tom Wolfe nicht mit einem Füllfederhalter, er tippt auf einer Schreibmaschine. Den Computer hat er mal ausprobiert, um dann reumütig zur Schreibmaschine zurückzukehren. Seinen Roman Back to Blood hat er mit der Hand geschrieben, weil er sich die Finger gequetscht hatte. Computer werden ja überschätzt, wir müssen bedenken, dass alle große Literatur mit der Feder geschrieben wurde.

Was ↝Hermann Hesse hier trägt, ist eigentlich die ideale Kleidung für den Schriftsteller: ein Cordanzug. Ein klein wenig Bourgeoisie, weil es ein Anzug ist, und ein klein wenig Bohème, weil es Cord ist. ↝Günter Grass hat auch gerne Cordanzüge getragen. Für uns, die wir keine Schriftsteller sind, sind Cordanzüge nicht das richtige. Ein gutes ↝Cordjackett jederzeit.

Wenn ein Schriftsteller sich so photographieren lässt, nimmt er eine Rolle an. Die nichts damit zu tun hat, dass er bei seinem Schneider eine schwarze Frackhose zu 45 Francs; eine weiße Pikeeweste zu 15 Francs […] einen blauen Gehrock aus feinem Löwener Tuch zu 120 Francs; eine Hose aus marengofarbenem Zwillich zu 28 Francs; eine gemsfarbene Pikeeweste zu 20 Francs bestellt hat. Er wird seinen Schneider nicht bezahlen, aber er schreibt ihn in sein Werk hinein: Un habit dû à Buisson suffit à un homme pour devenir le roi d’un salon. Tausende von Schneidern, die Schriftstellern einen Rock angemessen haben, sind heute vergessen, Monsieur Boisson (in dessen Haus Balzac drei Jahre lang wohnt) nicht.

Manche Schriftsteller machen Mode. Er hier zum Beispiel. Seine Verlobte Constance Lloyd schreibt 1882 über ihn: Mir gefällt er schrecklich gut. Aber ich fürchte, wie er sich kleidet, ist sehr schlechter Geschmack. Seidene Strümpfe sind für Herren ein wenig aus der Mode gekommen, sie hielten sich in der englischen Oberklasse noch zum ↝Frack. Als Churchill die englische Königin empfing, trug er Kniebundhosen und ↝Seidenstrümpfe. Und den Hosenbandorden natürlich an der richtigen Stelle unter dem Knie. Oscar Wilde trägt nicht nur violette Samtwesten und weiße Lilien im Knopfloch, er befürwortet auch die Reformkleidung. Dazu könnten Sie jetzt mal eben den Post ↝William Frith lesen. Ein Prophet der Reformkleidung von ↝Dr Jaeger ist auch George Bernard Shaw, der ebenso wie Wilde aus ↝Dublin kommt. Und da sollte ich noch einen dritten Dubliner erwähnen. Nämlich James Joyce. Der trägt zwar keine Reformkleidung, aber er soll sich mal als Importeur von irischem Tweed versucht haben.

Tweed oder Reformkleidung kommen für ↝Adolf Loos nun überhaupt nicht in Frage, der Wiener Dandy ist immer comme il faut. Billig und edel wäre nichts für ihn. Aber der dedicated follower of fashion (um mal eben die ↝Kinks zu zitieren) erstarrt in seiner Stilisierung. Er käme nie auf die Idee, die obersten Westenknöpfe offen zu lassen, wie Baudelaire. Er kann nicht aus diesem Korsett eines ↝Morning Coat heraus. Kann nicht wie der amerikanische Dichter ↝Frederick Seidel, der sich seine Anzüge in der ↝Savile Row machen lässt, handgenähte Schuhe und junge Frauen liebt, aus seiner Rolle. Seidel kann sehr ironisch über diese Dinge schreiben.

Ich glaube, dies hier ist der einzige Schriftsteller, der ein Modeunternehmen besitzt. Er sieht so gut aus, dass er häufig das Model für seine Kleidung abgab. John Weitz wurde in Berlin geboren, ging in England zur Schule und lernte bei ↝Edward Molyneux. Er wanderte mit seinen Eltern in die USA aus, war Captain im Zweiten Weltkrieg und landete dann im Geheimdienst. Und schrieb eines Tages Romane. Gut, keine Weltliteratur, aber immerhin. Literatur und Mode sind doch vereinbar.

Ich möchte meinen kleinen Ausflug in die Kleidung von Schriftstellern mit einem Autor beenden, der aus meiner Heimatstadt Bremen kommt. Man hat Rudolf Lorenzen (der ↝hier einen Post hat) in den fünfziger Jahren den Dandy des Westens genannt. Er bleibt uns aber nicht als Dandy in Erinnerung, sondern weil er mit ↝Alles andere als ein Held einen der besten deutschen Romane der Nachkriegszeit geschrieben hat.

Advertisements